Wolf im Calandagebiet © Charly Gurt

«Ich habe diesen Beutetrieb in mir»

05.01.2019

Ausgerechnet ein Jäger und Schäfer setzt sich wie kaum ein anderer für die Präsenz von Wölfen in der Schweiz ein. David Gerke schildert auf einem Streifzug durch Wolfsgebiet, warum für ihn seine unterschiedlichen Hüte kein Widerspruch sind.

Drei Jahre später kann er sich sogar noch an den Baum erinnern. David Gerke steht in der Walliser Augstbordregion vor einer kleinen Lärche, an der er erstmals Urin­spuren von Wölfen gefunden hatte. Pfoten­abdrücke im Schnee lenkten ihn zu diesem Baum. Dank der Genanalyse der Urinproben konnte nachgewiesen werden, dass sich im Wallis erstmals ein Wolfs­paar gebildet hatte, das sich dann auch fort­pflanzte. 

Ausgerechnet im Wallis also, jenem Kanton mit den militantesten Wolfs­gegnern. Als Präsident der Gruppe Wolf Schweiz hat David Gerke hier schon viele verbale Prügel einstecken müssen, auch Gewalt­­­an­drohungen. «Sicherlich wäre ich an gewissen Tagen lieber unsichtbar gewesen», räumt der 33-Jährige heute ein. Etwa wenn er nach einem Wolfsangriff auf eine Schafherde vor Ort die Situation analysierte. An anderen Tagen aber sei er umso kämpferischer aufgetreten, wollte selbstsicher Präsenz markieren und vor allem aufzeigen, dass es Lösungen gibt. 

Lösungen wie Schutzzäune, Herdenschutzhunde und das korrekte Einpferchen der Schafherde über Nacht. Lösungen, die David Gerke auch aus eigener Erfahrung kennt. Denn seit nunmehr zehn Jahren verbringt er jeden Sommer mehrere Monate als Schafhirte in den Alpen, immer mit seiner Hündin Mila, ein hervorragend trainierter Border Collie, der uns auch heute wachsam begleitet. 

Jäger mit Beutetrieb

Diese Tätigkeit als Schäfer verleiht ihm in der ganzen Wolfsdebatte eine gros­se Portion Kompetenz und Glaubwürdigkeit. Der Solothurner kann nicht als welt­fremder Naturschützer abgetan werden, der keine Ahnung von den Sorgen der Lokal­bevölkerung hat. Und apropos Kompetenz und Glaubwürdigkeit: David Gerke ist auch Jäger. Nicht aus Kalkül, wie er betont. Denn auch in Jägerkreisen werde er mitunter angefeindet, weil gewisse Kollegen in ihm einen Verräter sähen. «Doch ich habe diesen Beutetrieb in mir», sagt David Gerke unumwunden. Und er wolle sich grundsätzlich mit dem Fleisch ernähren, das er sich selbst besorgen kann. Aber, so sagt er mit einem verschmitzten Lächeln: «Beute kann auch einfach eine Beobachtung, ein Foto oder selbst nur eine Fährte sein.»

Auf unserer Wanderung am Fuss des Augstbordhorns finden wir im ersten Schnee dieses Winters zahlreiche Fährten: Hirsche und Rehe haben Spuren im Weiss hinterlassen. Auch Hasen und Füchse, deren Abdrücke auf den ersten Blick durchaus als Wolfs­spuren missinterpretiert werden können. 

Näher, als wir meinen

Plötzlich aber nimmt Gerke nicht mehr ganz frische Laufspuren genauer unter die Lupe: «Hier handelt es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um einen Wolf.» Pfoten­grösse, Abdruck, Schrittgrösse – ­alles stimmt. Aus­serdem: Der Wolf hat sich auf dem Forstweg fortbewegt und diesen nicht, wie die meisten anderen Tiere, einfach überquert. «Typisch für einen Wolf», analysiert Gerke. Wölfe würden oft grosse Distanzen zurücklegen und dazu gerne menschliche Infrastrukturen nutzen.

Dennoch kriegen wir Menschen Isegrim nur höchst selten zu Gesicht. Gerke muss schmunzeln, wenn die Wogen nach einer Wolfssichtung wieder hoch gehen. Denn mittlerweile kennt er die Bewegungsmuster der Wölfe und weiss, dass sie der Zivilisation oft viel näher sind, als wir das meinen. Weit über 100 Mal ist ihm ein Wolf schon in eine Fotofalle getappt,  mitunter nur eine Stunde, nachdem er die Kamera installiert hatte. Die Wölfe sind da, aber sie weichen dem Menschen aus; lautlos und geschickt. 

«Wölfe können problemlos in dichter besiedelten Gegenden als hier leben», sagt Gerke mit Blick über die Täler, die sich in die Rhone-Ebene erstrecken. Dazu sei es essenziell, dass die natürliche Distanz zwischen Wolf und Mensch nicht aufgeweicht werde.

9/11 und der Bergeller Wolf

Das Verhältnis zwischen Wolf und Mensch beschäftigt Gerke nun seit 18 Jahren. Im Jahr 2001, als Gerke durch 9/11 und den nachfolgenden Irakkrieg politisiert wurde, tauchte plötzlich der Bergeller Wolf auf. David Gerke, dem seine Mutter ihre Naturliebe in die Wiege gelegt hatte, war elektrisiert, folgte den Spuren des Tiers und war nach dessen Abschuss überzeugt, dass es Wege geben müsse, um auch in der Schweiz die Existenz von Beutegreifern sicherzustellen.

Im Jahr 2019 ist er zuversichtlich, dieses Ziel zu erreichen, selbst wenn Wölfe künftig bejagt werden sollten. Im gesamten Alpenraum leben heute rund 100 Wolfsrudel, die Zuwanderung in die Schweiz werde anhalten, und es bestünden noch zahlreiche geeignete Habitate. 

Selbst im Wallis würden mehr und mehr Leute realisieren, dass man sich mit dem Wolf arrangieren müsse – egal ob man dessen Präsenz befürworte oder nicht. Der Zufall will es, dass am Tag unserer Wanderung die Abschussbewilligung gegen zwei Wölfe im Kanton Wallis erfolglos abläuft. Für Gerke der Beweis: «Mit Einschüchterungen und dem Gewehr lässt sich das vermeintliche Problem nicht mehr lösen.»

RAPHAEL WEBER,  Chefredaktor Pro Natura Magazin, Foto: Charly Gurt

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

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