Demonstranten mit Plakaten ©Matthias Sorg/Pro Natura

Klima-Demonstration: «In zehn Jahren ist es zu spät»

18.09.2019

Am 28. September geht die Schweiz auf die Strasse: Eine nationale Klimademo steht an. Auch Pro Natura engagiert sich innerhalb der Klima-Allianz für den dringend nötigen Umbruch in der nationalen Umwelt- und Klimapolitik. Denn wir haben nicht mehr viel Zeit, erklärt Michael Casanova, Projektleiter Gewässerschutz- und Energiepolitik.

Von Genf über Olten bis Luzern rufen Schweizer Städte den Klimanotstand aus. Immer mehr Städte zeigen mit diesem (vielfach nur symbolischen) Akt, wie gross die Sorge über die fortschreitende Klimakrise ist. Und auch die Bevölkerung mobilisiert sich: Vor den eidgenössischen Wahlen im Oktober ruft die Klima-Allianz zu einer grossen Demonstration auf – damit will sie dafür sorgen, dass die Probleme der Klimakrise präsent bleiben.

Gleichzeitig soll die Sensibilisierung für dieses wichtige Thema zum dringend notwendigen Umschwung im nationalen Parlament beitragen. Das Ziel heisst: mehr umweltbewusste Politikerinnen und Politiker, weniger umweltschädliche Interessenpolitik in National- und Ständerat.

Auch Pro Natura engagiert sich in der Klima-Allianz. Michael Casanova, bei Pro Natura zuständig für die Gewässerschutz-, Energie- und Klimapolitik, erklärt, was passiert, wenn wir uns in der der Klimapolitik nicht endlich bewegen. Und weshalb sich die Naturschutzorganisation bei den nationalen Wahlen für mehr umweltbewusste Politikerinnen und Politiker einsetzt.

Michael Casanova, wie kann die Schweizer Politik unser Klima noch retten?

Die Frage ist, wie wir mit gemeinsamen, globalen Anstrengungen den Klimawandel auf ein noch kontrollierbares Mass begrenzen können. Ziel muss es sein, die Erwärmung auf maximal 1,5 Grad Celsius zu beschränken. Scheitern wir, werden die Auswirkungen für Mensch und Natur verheerend sein. Das Ganze auf einzelne Geschäfte oder Forderungen herunter zu brechen, greift aber zu kurz. Es geht nicht nur um eine Lenkungsabgabe auf CO2-Emissionen – es geht um das grosse Ganze: Wir müssen das Pariser Abkommen erfüllen und bis spätestens 2050 den Netto-Treibhausgas-Ausstoss auf Null herunterfahren. Das geht nur mit einer Ablösung von fossilen Energieträgern. Wir müssen unseren Energieverbrauch drastisch senken, die Energie nachhaltig bereitstellen und effizienter nutzen. Wir müssen endlich aufhören, unsere Umwelt in diesem Masse zu belasten und auszubeuten. Nur so können wir unser Klima und unsere Natur – und damit uns – retten.

Aber können wir in der kleinen Schweiz das globale Klima überhaupt verändern?

Der Schweiz kommt beim Klima eine besondere Rolle zu. Die Leugner des Klimawandels versuchen uns immer einzureden, dass die Schweiz im globalen Zirkus klein und unwichtig sei. Dabei wird ignoriert, dass unser Finanzplatz mit unseren Banken, Pensionskassen und Versicherungen ein wichtiger Hebel ist: Mit Investitionen in nicht nachhaltige Projekte und fossile Energien verursacht der schweizerische Finanzplatz etwa das zwanzigfache an Treibhausgasemissionen der Schweiz nochmals oben drauf.

Michael Casanova ©Pro Natura Pro Natura

«Wir müssen lernen, dass Konsum nicht die universelle Formel für Zufriedenheit ist.»

Michael Casanova, Projektleiter Gewässerschutz-, Energie- und Klimapolitik

Weshalb engagiert sich Pro Natura in der Klima-Allianz?

Der Klimawandel hat nicht nur Auswirkungen auf die Temperaturen, sondern beeinflusst auch die Biodiversität massiv. Ökologische Rahmenbedingungen verschlechtern sich dramatisch schnell. Den Ökosystemen fehlt die Zeit, sich anzupassen, und die fehlenden Rückzugsräume verunmöglichen den Arten, sich neue Gebiete zu erschliessen. Pro Natura setzt sich für die Artenvielfalt ein. Und die können wir nur erhalten, wenn wir der Klimakrise aktiv begegnen.

Mit einem griffigen Klimaschutz können wir also die Biodiversitätskrise stoppen?

Ein griffiger Klimaschutz ist ein wichtiger Faktor – aber es braucht noch mehr: Der Klimaschutz muss Hand in Hand gehen mit dem Schutz von Lebensräumen und Arten. Zudem müssen die Vergiftung der Böden und der Gewässer und die direkte Zerstörung von Lebensräumen gestoppt werden. Nur so kann auch die Biodiversitätskrise wenigstens gestoppt werden. Für eine wirkliche Umkehr des Prozesses, also der Erholung der Biodiversität, braucht es weitere massive globale Anstrengungen und eine deutliche Reduktion des Ressourcenverbrauchs.

Weshalb geht die Schweizer Politik diese Probleme nicht aktiver an? Fehlt es an konkreten Lösungsansätzen?

Die Vorschläge liegen auf dem Tisch, und das nicht erst seit gestern. Die Verweigerungshaltung der Parlamentsmehrheit ist bislang das Problem: Die Massnahmen seien zu teuer, würden die Menschen zu stark einschränken oder einige Berufsgruppen benachteiligen. Dabei fehlt es schlicht am politischen Willen – dem Willen, den Klimaschutz über die rein finanziellen Interessen der Schweiz zu stellen. Dabei ist diese Priorisierung völlig fehlgeleitet: Was soll denn auf einem kaputten Planeten in Zukunft überhaupt noch erwirtschaftet werden?

Was muss geschehen, damit die Schweiz endlich aktiv wird und die Probleme angeht?

Wir müssen den öffentlichen Druck aufrechterhalten und wichtige Entscheide in der Politik einfordern oder aufgleisen. Wir haben es in der Hand, die Mehrheitsverhältnisse im Parlament zu ändern und die Politik auf einen nachhaltigeren Kurs zu bringen. Nur so können wir in Zukunft umweltfreundliche Entscheidungen durchbringen. Viel Zeit haben wir nicht mehr: Es ist die zweitletzte Legislatur, um das Steuer herumzureissen. In zehn Jahren ist der Zug abgefahren, und wir können die globale Klimakatastrophe nur noch verwalten, aber nicht mehr aufhalten.

Die neu entstandene Klimabewegung mit Demonstrationszügen wird von vielen Seiten kritisch beäugt. Was halten Sie von den jungen Menschen, die für das Klima auf die Strasse gehen?

Ich finde die meist sachfremde, oft subjektive Kritik daran völlig verfehlt. Es ist wichtig, die Bewegung zu unterstützen. Wir werden davon geradezu überrannt, und zwar im positiven Sinne. Der politische Druck kommt von einer neuen Seite – was ich toll und ermutigend finde. Es ist erfreulich zu sehen, dass gerade die jungen Leute das Ausmass der Bedrohung verstehen und handeln. Gleichzeitig findet eine weitere Radikalisierung auf der anderen Seite statt: Der öffentliche Druck bringt gewisse umweltfeindliche Gruppierungen dazu, sich noch extremer zu positionieren und mit haltloser Propaganda auf Stimmenfang zu gehen.

Viele Leute solidarisieren sich mit der Klimabewegung, ohne gleichzeitig ihr Verhalten massgeblich zu verändern. Können wir so den Wandel überhaupt schaffen?

Die Klimabewegung fordert im Kern zu Recht einen Systemwechsel. Im bisherigen, von Wachstumszwang getriebenen Umfeld wird sich kaum etwas ändern. Systemwechsel bedeutet auch einen Wechsel im Denken und Handeln. Wollen wir ernsthaft an einer lebenswerten Zukunft für den Menschen arbeiten, können wir nicht so weiterfahren wie bisher. Weder das Klima noch die Biodiversität halten das aus. Letzten Endes ist die Reduktion von sinnbefreitem Konsum ja keine Einschränkung. Wir müssen lernen, dass Konsum nicht die universelle Formel für Zufriedenheit ist. Damit wäre schon ein grosser Schritt getan. Je länger wir aber einfach abwarten, ohne die Probleme anzupacken, desto unangenehmer wird es für uns alle werden.

Wie umweltfreundlich waren die National- und Ständeräte in den vergangenen vier Jahren? Wer hat seine Umweltversprechen gehalten und wer hat nur warme Luft produziert? Und was versprechen die Kandidierenden für die kommenden vier Jahre? Das Umweltrating hat die Antworten.