Wolf Illustration © Vera Howard

Wilde Wölfe müssen wild bleiben

16.10.2018

Gegenüber dem Wolf besteht in Teilen der Bevölkerung eine irrationale Angst. Doch Tiere wie Bienen, Kühe oder Hunde sind für Menschen weitaus gefährlicher. Um die Gefahr, die grundsätzlich auch von Wölfen ausgehen kann, zu minimieren, dürfen diese nicht in die Zivilisation gelockt werden.

Kein anderes Wildtier polarisiert wie der Wolf. Auf der einen Seite wird von Wolfsgegnern Panik geschürt, dass Kinder auf dem Schulweg nicht mehr sicher seien. Auf der anderen Seite kontern Wolfsfreunde mit der reflexhaften Aussage, es sei noch nie ein Mensch durch Wölfe zu Schaden gekommen. Der Akzeptanz des Wolfes ist aber weder mit Verteufelung noch Idealisierung geholfen – nur mit Sachlichkeit.

Dazu hat eine Studie des Norwegischen Instituts für Naturforschung (NINA) einen Beitrag geleistet. Die Studie basiert auf einer sorgfältigen Analyse von schriftlichen Berichten und Kirchenregistern aus dem 16. bis zum 20. Jahrhundert sowie auf Dutzenden Experteninterviews in verschiedenen Ländern mit Wolfspopulationen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit – und mit dem wichtigen Vorbehalt, dass die Faktenlage aus der Zeit vor Beginn des 20. Jahrhunderts sehr dürftig ist – handelt es sich doch um die umfassendste Studie zu Wolfsangriffen. Dies erlaubt einige generelle Schlussfolgerungen.

10 tödliche Wolfs-Attacken in 100 Jahren

Ja, wildlebende Wölfe haben schon Menschen getötet, und nicht immer war die Tollwut schuld: 2010 etwa starb in Südalaska eine Joggerin bei einem Wolfsangriff. Dies ist eine von zehn tödlichen Attacken, die nicht in Zusammenhang mit Tollwut stehen, die in den vergangenen hundert Jahren in Europa und Nordamerika dokumentiert worden sind.

Eine tödliche Wolfsattacke ereignet sich also – bezogen auf ganz Europa und Nordamerika – etwa alle zehn Jahre einmal. Im gleichen Zeitraum stirbt auf diesen Kontinenten ein Vielfaches an Menschen durch Bienenstiche, Kühe oder Giftschlangen – von Haushunden ganz zu schweigen. All diese Tiere lösen aber nicht die gleiche irrationale Angst aus wie der Wolf. Ob es damit zu tun hat, dass der Wolf das wilde, vermeintlich unberechenbare Gegenstück unseres besten Freundes, des Hundes, ist?

Der Mythos des Werwolfs

Die grosse Mehrheit der dokumentierten tödlichen Vorfälle stammt aus früheren Jahrhunderten. Die Lebens- und Umweltbedingungen von Mensch wie Wolf sind mit heute aber nicht annähernd vergleichbar. In früheren Jahrhunderten waren die Wälder abgeholzt und die Beutetiere der Wölfe ausgerottet. Die Schaf- und Ziegenherden wurden oft von Kindern fernab der Dörfer gehütet. Und menschliche Leichen waren den verbliebenen Wölfen aufgrund von Kriegen, Epidemien und Richtstätten häufiger zugänglich, so dass sie sich möglicherweise an menschliche Beute gewöhnen konnten.

Zudem stehen aus dieser Epoche die meisten bekannten Wolfsangriffe auf den Menschen eindeutig im Zusammenhang mit der Tollwut. Wölfe werden zwar selten von Tollwut befallen und dienen dem Virus nicht als Reservoir. Aber wenn ein Wolf an Tollwut erkrankt, dann äussert sich die Infektion oft in ihrer rasenden Verlaufsform: Erkrankte Wölfe irren bei Tag umher und können dann Menschen (oder Tiere) anfallen.

Vor der Entwicklung eines Impfstoffes im Jahr 1885 verlief eine Tollwutinfektion immer tödlich. Gebissene erkrankten Tage bis Monate später an der Wut – ein unheimliches Phänomen, das zur Bildung des Werwolf-Mythos beigetragen hat. Doch heute ist die Tollwut in weiten Teilen Europas ausgerottet. Die Schweiz gilt seit 1999 offiziell als frei von terrestrischer Tollwut, sie kann in seltenen Fällen nur noch bei Fledermäusen auftreten.

Wölfe werden gefährlich gemacht

Der wichtigste Risikofaktor nach der Tollwut ist Gewöhnung an den Menschen durch Futter. So verlieren Wölfe die Scheu und lernen, Menschen mit Nahrung zu assoziieren. Nähern sich angefütterte Wölfe einem Menschen, ist das Unfallrisiko hoch. Zu Beissvorfällen mit «habituierten» Wölfen kam es 2017 in Israel und 2018 in Polen.

Auch Lebensraumzerstörung und das Verschwinden natürlicher Beute erhöhen das Risiko, das von grossen Beutegreifern für Menschen ausgeht. Deshalb steht Indien bei Wolfsattacken an der unrühmlichen Spitze: Im ländlichen Indien, wo die natürlichen Beutetiere des Wolfs ausgerottet sind, werden die Tiere durch Abfälle und Ziegenherden in Siedlungsnähe gelockt und treffen dort permanent auf unbeaufsichtigte (Klein-)Kinder. Aber selbst in Indien fällt jedes Jahr ein Vielfaches an Menschen Tigern, Bären, Elefanten, streunenden Hunden und Giftschlangen zum Opfer.

Im Verhältnis auffällig ungefährlich

Wolfsattacken sind also extrem selten. Wölfe können gar, in Relation zu ihrer körperlichen Wehrhaftigkeit und ähnlich grossen Beutegreifern wie Pumas oder Schwarzbären, als auffällig ungefährlich bezeichnet werden. Europäische Wölfe unterlagen während Jahrhunderten starker Verfolgung und damit quasi natürlicher Selektion, die wahrscheinlich nur die scheuesten Exemplare überlebt haben. Fehlende Scheu wird hierzulande höchstens bei «naiven» Jungwölfen oder kranken Tieren beobachtet, während gesunde erwachsene Wölfe den Menschen in aller Regel meiden. 

Bedingungen in Schweiz erfüllt

Wölfe benötigen riesige Streifgebiete und können in Mitteleuropa nicht bloss in Schutzgebieten überleben. Wir müssen daher lernen, mit dem Wolf in unserer Kulturlandschaft zusammenzuleben. Die konkrete Herausforderung stellt sich dabei vorab in der Nutztierhaltung. Dazu muss den Menschen auch die Angst vor dem Wolf genommen werden. Und damit Wölfe ungefährlich bleiben, empfehlen die NINA-Studienautoren: «Keep wolves wild» – die Wölfe müssen wild bleiben.

Dazu dürfen Wölfe keinesfalls gefüttert werden, ihr Habitat und dessen Wildbestand müssen erhalten, die Tollwut unter Kontrolle bleiben. Abschüsse problematischer Einzeltiere müssen möglich sein. Die Autoren diskutieren ferner die Option einer streng reglementierten Bejagung, die der lokalen Bevölkerung ein Gefühl der Ermächtigung geben könnte.

In der Schweiz sind diese Voraussetzungen weitgehend erfüllt: Die Wildbestände sind hoch, die Tollwut ausgemerzt, ein wissenschaftliches Wildtiermanagement etabliert. Sogenannte Problemwölfe können erlegt werden, um Gefahr für Mensch und Tier abzuwenden; ja selbst die Regulierung des Wolfsbestands ist bereits heute möglich. Wir Menschen sollten aber auch lernen, Wolfsverhalten einzuordnen: So ist nicht jeder neugierige Jungwolf, der auf Distanz hinter einem Hundespaziergänger her trottet, bereits ein Problemwolf, ebenso wenig wie der Wolf, der nachts am Rand eines Walliser Bergdorfes eine Hirschkuh reisst.

SARA WEHRLI ist bei Pro Natura zuständig für das Dossier Beutegreifer.

Studie: The fear of wolves: A review of wolf attacks on humans. NINA Norsk institutt for naturforskning, Trondheim.
 

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

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