Rothirsche in Bewegung

Hirsche sind «wilde Wanderer». Sie bewegen sich täglich zwischen Futterplätzen und Verstecken hin und her. Im Jahresrhythmus wechseln die Wildtiere zwischen Sommer- und Wintereinstandsgebieten. Manche wandern zu Fortpflanzungsplätzen, andere ziehen weiter, um neue Gebiete zu besiedeln.

 

Doch wie sieht das im Detail aus? Die Projektgruppe «Rothirsch im Mittelland» stattete Rothirsche mit Senderhalsbändern aus. Die Datenauswertungen zeigen faszinierende Einblicke ins Leben der Tiere.

 

Das Projekt wird vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) und den Kantonen Bern und Solothurn finanziert und unterstützt.

 

Rothirsch Ardy: Pfadfinder ohne GPS und Karte

In der vorherigen Folge haben wir die erstaunliche Wanderung des Hirschs vom Mittelland bis ins Emmental beschrieben. Die Hoffnung auf ein Schäferstündchen liess ihn eine strapaziöse Wanderung von rund 45 Kilometern auf sich nehmen.


Zwei Wochen hielt sich Ardy im Emmental auf. Ob er eine hübsche Hirschdame als Partnerin gewinnen konnte, ist uns leider nicht bekannt. Aber wir wissen: Am Ende der Brunftzeit zieht es ihn wieder zurück ins Mittelland, «nach Hause».

 

Es ist vier Uhr nachmittags, als Ardy losläuft. Nach ein paar Stunden Wandern gönnt er sich am späten Abend ein Nickerchen im Wald. Aber er scheint keine Ruhe zu finden. Nur zwei Stunden später zieht er im Schutz der Dunkelheit weiter. Er wandert und wandert, bis er wieder sein Lieblingsversteck in einem Mittelland-Wäldchen zwischen Solothurn und Langenthal erreicht.


In dieser Nacht legt Ardy eine Marathonstrecke von mehr als 40 Kilometern zurück, unterbrochen nur von einer kurzen Ruhepause. Das Erstaunlichste daran ist aber seine Wegwahl: Er nutzt exakt die gleiche Route wie beim Hinweg, quert Täler und Strassen an denselben Stellen und findet auf Anhieb wieder zu seinem bevorzugten Ruheort zurück – ganz ohne GPS, Karte oder Kompass.

Wer ist Bajo?

Bild von Bajo aus einer Livecam © Christian Willisch

Geschlecht: Männlich

Geburtsjahr: 2014
Merkmale: Beim Fang ganz kleines Geweih, 6 Ender, Spitzen der Gabeln stumpf. Im Folgejahr Geweih asymmetrisch, ungerader 8 Ender, linke Stange in der Mitte abgebrochen

 

 

Details: Bajo erhielt sein Senderhalsband im Lengwald. Seit März 2016 werden seine Daten gesammelt.

Geschichte 1: Eine Nacht im Leben eines Mittelland-Hirschs

 

Heute begleiten wir Bajo auf seinem abendlichen Ausflug mit unerwarteten Hindernissen. Um 17 Uhr, nach einer ausgiebigen Siesta im Tagesversteck, wird der junge Hirsch langsam munter. Der Schutz der Dunkelheit macht ihn mutiger, und Bajo macht sich auf den Weg durch Wald und Wiese.

 

Doch schon nach dem ersten Acker trifft er auf eine Hauptstrasse. Die Autos donnern mit 80 km/h vorbei. Mit Glück findet er trotz Feierabendverkehr eine Lücke, um das Hindernis ohne Unfall zu überwinden.

 

Weiter durch den Wald, über Wurzeln und Trampelpfade, bis die letzten Menschen in ihren Häusern die Lichter löschen. Dann traut sich Bajo hinaus auf die Felder und scheint sich ein ausgiebiges Nachtessen zu gönnen, wie die längere Pause auf dem ersten Acker verrät.

 

Gestärkt huscht er über die offene Landschaft, quert eine weitere Hauptstrasse, bis… ein unüberwindbares Hindernis seinen Weg versperrt! Hohe Zäune, vier Fahrspuren - diese Autobahn kann Bajo nicht überwinden.

Rund eineinhalb Stunden wandert Bajo an dieser Barriere entlang. Sucht er verzweifelt einen Übergang? Nichts zu finden… Um 1:30 Uhr in der Nacht wendet er sich ab und macht sich auf die Suche nach einem Versteck. Doch vorher dreht er noch eine letzte Snack-Runde über die Felder. Satt zieht er sich um fünf Uhr morgens wieder in den Wald zurück, sammelt Kräfte, um sein Glück vielleicht nach einer ausgiebigen Tagesruhe nochmals zu versuchen…

 

Das Beispiel der Autobahn zeigt, wie menschengemachte Hindernisse die Wege der Tiere durchkreuzen. Darum müssen Wildtierkorridore wieder durchgängig werden.

Wer ist Joba?

Bild von Yoba aus einer Livecam © Christian Willisch

Geschlecht: Weiblich

Geburtsjahr: 2013 oder früher


Details: Joba wurde im März 2016 im Lengwald gefangen und sendet seither Daten.

Wer ist Kaja?

Unscharfes Bild einer Livecam mit 4 Hirschen. Kaja liegt in der Mitte des Bildes © Christian Willisch

Geschlecht: Weiblich

Geburtsjahr: 2016


Details: Kaja wurde im Februar 2017 im oberen Emmental nähe Trubschachen gefangen und sendet seither Daten.

Wer ist Sipe?

Zwei junge Spiesser vor einem Schneefeld. Sipe ist der junge Rothirsch rechts. © Christian Willisch

Geschlecht: Männlich

Geburtsjahr: 2016

Körpermerkmale: Beim Fang ein Spiesser
Details: Sipe wurde im März 2017 nahe Oberburg besendert, als er sich dort mit 3-4 weiteren jungen männlichen Hirschen aufhielt. Er sendet laufend Daten. 

Wer ist Wika?

Rothirschkuh Wika im Blätterwald © Marcel Tschan (Jagdverwaltung SO)

Geschlecht: Weiblich

Geburtsjahr: 2010 oder früher
Merkmale: Wika wurde im Lengwald gefangen. überwacht ab März 2013, im Oktober 2015 fiel das Senderhalsband wie geplant ab. Zuletzt wurde sie (ohne Sender) im Winter 2016 im Lengwald beobachtet, in Begleitung eines Kalbes.

Geschichte 1: Flucht statt Ruhepause und ein Schwumm in der Aare

 

Die junge, dreijährige Hirschkuh ist scheu: Bis weit in die Nacht bleibt Wika gut verborgen in ihrem Versteck, einem kleinen Waldstück. Erst kurz nach Mitternacht traut sie sich hinaus und wandert zielstrebig über die Felder zum nächsten Wäldchen im Nordosten.

 

Wika behält ihre Richtung bei und überquert weitere Äcker. Es erinnert an einen Baseball-Lauf von Base zu Base: Geschickt nutzt sie die Deckung der kleinen Waldflächen, und überquert die Freiflächen, die Hauptstrassen und die Bahnstrecke jeweils schnurstracks und so schnell wie möglich. Die Wäldchen sind dabei wichtige Orte für Verschnaufpausen und «Trittsteine» auf ihrem Weg.

 

Ganze 12 km legt Wika im Schutz der Dunkelheit zurück. Und bevor der Morgen dämmert, sucht sie sich in einem grösseren Waldstück ein Tagesversteck.

 

Aber aus der ersehnten Ruhepause wird nichts! Mehrmals wird Wika aufgescheucht. Sie flieht – über den schmalen Ackerstreifen, in das benachbarte Wäldchen und später wieder zurück. Wer oder was die scheue Hirschkuh aufgeschreckt hat, wissen wir nicht. Klar ist aber, dass die Menschen den Hirschen im dicht besiedelten Mittelland das Leben schwerer machen, als in abgelegenen Bergtälern.

 

Die Schrecken scheinen der Hirschkuh noch in den Gliedern zu stecken. Wika bricht auch in der nächsten Nacht erst nach Mitternacht auf. Sie scheint einen Plan zu haben, und streift zielstrebig 6 km durch den Wald, zum  Ufer der Aare. Doch auch der Fluss hält sie nicht auf. Ohne lange zu zögern springt sie in die Fluten, durchschwimmt die Aare und verzieht sich um 6 Uhr morgens so schnell wie möglich in den Wald auf der anderen Seite, den sie als neues Aufenthaltsgebiet wählt.

 

Geschichte 2: Hirschkuh auf Futtersuche – Vorsicht Schnellzug!

 

Die vorbei sausenden InterCity-Neigezüge zwischen Herzogenbuchsee und Kirchberg scheinen die Hirschkuh Wika wenig zu stören. Gut geschützt vor den Blicken der Passagiere liegt sie in ihrem Tagesversteck, nur 30 m neben der Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnstrecke im dichten Wald.


Im Schutz der Dunkelheit verlässt sie gegen zehn Uhr abends ihr Versteck und sucht sich auf den Wiesen direkt neben der Bahnlinie etwas Feines zu fressen. Doch bald sind die würzigen Gräser verputzt und Wika plant, zu den offenen Wiesen gegenüber zu wandern. Aber: Die Bahngleise versperren ihr den Weg.


Um ein Uhr Nachts traut sich Wika: In grossen Sätzen überspringt sie die Bahnlinie! Mitten in der Nacht fahren zwar weniger Züge, diese rasen aber mit bis zu 200 km/h auf dieser Strecke – ein gefährliches Unterfangen!


Wir wissen nicht, warum Wika keinen Bogen gemacht und die wenige hundert Meter östlich gelegene Passage gemieden hat, wo die Bahnlinie im Tunnel verläuft. Offensichtlich hat sie ihre übliche Wanderroute gewählt, und diese verläuft auf direktem Weg zum nächsten Tagesversteck. Irgendwie erinnert es an die Schulkinder auf dem Nachhauseweg, die lieber direkt über die Strasse rennen, als den Umweg über den Fussgängerübergang zu machen…


Nach der gefährlichen Querung der Bahnlinie läuft Wika zielstrebig weiter. Mehr als einen Kilometer entfernt von den Schienen legt sie eine Zmorgepause ein. Als es zu dämmern beginnt, verschwindet sie im Wald, wo sie sie den nächsten Tag verbringt.


Wir sind sehr froh, dass es Wika nicht so erging wie den über hundert Rothirschen in der Schweiz, die solche riskanten Gleisüberquerungen letztes Jahr nicht überlebten und durch Unfälle mit Zügen ums Leben kamen! Freie Bahn für Wildtiere.

 

Geschichte 3: Schlafplatz im Maisfeld – Wika‘s Besuch beim Bauernhof

 

«Hirsche leben im Wald», denken wir oft. Das muss aber nicht so sein, wie uns die Hirschkuh Wika zeigt. Im Juli steht der Mais dicht und hoch auf den Feldern. Wika nützt dies und wählt ein Maisfeld als Versteck. Ihre Tagesruhe verbringt sie nur wenige Meter hinter einem Bauernhaus. Wie fest lässt sie sich von Menschen stören? Wir folgen ihr drei Nächte…

 

Am ersten Abend pirscht sie sich sogar noch vor Sonnenuntergang quer durchs Maisfeld und sucht ihr Futter auf der offenen Fläche, weit entfernt von umliegenden Häusern.


In der zweiten Nacht ist sie bereits mutiger. In der Morgendämmerung spaziert sie direkt vor dem Schlafzimmerfenster des Bauern vorbei. Am Tag liegt sie wieder in ihrem Versteck im hohen Maisfeld.


In der dritten Nacht ist sie bereits gut mit der Umgebung vertraut. Sie wagt sich auf die ungeschützten Felder vor dem Bauernhaus und umrundet dabei das Anwesen. Und auch für die Nacht wählt sie wagemutig einen Schlafplatz im Rapsfeld. Das Spezielle daran ist: Hirschkühe haben eine Schulterhöhe von bis zu einem Meter, Raps hat eine Höhe von rund 40 bis 120 Zentimeter. Wika muss bei herannahender Gefahr ganz ruhig liegen bleiben, damit sie nicht entdeckt wird.


Wika beweist, wie anpassungsfähig Rothirsche an ihre jeweilige Umgebung sind. Ein sicheres Versteck für ungestörte Ruhepausen, gutes Futter und genügend Bewegungsraum reichen, damit sich Hirsche für mehrtägige Aufenthalte an einem Ort entscheiden. Ob Bergwald oder Felder im Mittelland scheint zweitrangig zu sein – jeder Hirsch hat individuelle Vorlieben. Damit Hirsche weiterhin frei wählen können, setzen wir uns ein für mehr Wildtierkorridore.

Geschichte 4: Wika kennt sich aus: Umweg über die Wildtierbrücke

 

Eine Volksweisheit besagt, dass das Gras auf der anderen Seite des Zauns immer grüner ist. Das scheint auch die Hirschkuh Wika zu interessieren. Das Problem: Zwei hohe Zäune, die Autobahn A1 und erst noch eine Bahnlinie versperren den Weg! Auswertungen zeigen, dass Wika sich normalerweise im Osten der Autobahn aufhält. Doch in dieser Augustnacht macht sie sich auf den Weg westwärts.

 

Sobald es dämmert, wagt sie sich aus ihrem Versteck im Maisfeld und sucht sich ein feines Znacht in den offenen Feldern. Danach wandert sie zum Wald und verschwindet im Dickicht. Sie kennt sich gut aus: Auf direkter Linie steuert sie auf die Wildtierbrücke Neu-Ischlag zu. Die dichten Hecken auf beiden Seiten der breiten Brücke schützen sie vor den blendenden Lichtern der Autos, die mit Tempo 120 auf der A1 unter ihr hindurch sausen. Gut geschützt

überquert Wika die Brücke und biegt dann scharf nach rechts ab. Sie folgt dem Wald bis sie wieder auf gleicher Höhe mit ihrer Futterstelle auf der anderen Autobahnseite ist und zieht ohne Pause weiter durch die Felder, bis zu ihrem nächsten Tageslager in einem Maisfeld.

 

Wika weiss offenbar genau, wo sie die Autobahn überqueren kann. Ein ortsunkundiger Hirsch wäre wahrscheinlich im Wald geradeaus Richtung Autobahn gewandert, bis ihn der hohe Zaun jäh gestoppt und zur Suche nach einem Übergang gezwungen hätte. Spannend: Die schmale, ungeschützte Strassenbrücke südlich der Wildtierbrücke wird von Wika nicht benutzt, obwohl der Weg ans Ziel kürzer wäre. Ein schönes Beispiel für den Erfolg von Wildtierbrücken!

Wer ist Yano?

Rothirsch Yano mit Senderhalsband © Christian Willisch

Geschlecht: Männlich

Geburtsjahr: 2008-2009
Merkmale: Ein 10-Ender beim Fang, linker Augspross abgebrochen. Im Folgejahr ein 12-Ender

 

 

 

 

Details: Wurde in der Region Kestenholz besendert, Daten seit Februar 2013, starb im März 2014 durch einen Verkehrsunfall

Wer ist Ardy?

Bilder von Rothirschen (Livecam). Ardy ist der Hirsch rechts © Christian Willisch

Geschlecht: Männlich
Geburtsjahr: 2006-2007
Merkmale: Beim Fang ein 10-Ender, im Folgejahr ein ungerader 12-Ender mit teilweise abgebrochenen Kronenspitzen

 

 

 

 

Details: im Mittelland aus einer Gruppe von rund 10 Hirschen gefangen, seit Januar 2011 überwacht. Ardy wurde nach offiziellem Beschluss der kantonalen Jagdverwaltung im Oktober 2011 durch den zuständigen Wildhüter erlegt. Er ist während der Brunftzeit mehrfach in ein Zucht-Hirschgehege eingebrochen, hat massive Schäden am Gehege angerichtet und die Zuchthirsche (v.a. den Hirsch-Stier) verletzt.

Geschichte 1: Rothirsch Ardy – Schäferstündchen im Emmental

Kennen Sie das markerschütternde Röhren der Hirsche zur Brunftzeit? Sicher! Aber wussten Sie auch, dass männliche Hirsche im Herbst oft dutzende Kilometer laufen auf der Suche nach einer weiblichen Gefährtin?

 

Der Zwölf-Ender Ardy durchkämmt eine halbe Nacht jeden Winkel seines üblichen Daheims im Mittelland zwischen Burgdorf, Solothurn und Langenthal. Wäldchen um Wäldchen wandert er immer weiter, Richtung Nordosten, auf einer schnurgeraden Linie. Plötzlich ändert er die Richtung und wandert bis weit in den Vormittag hinein in die Voralpen. Erst am Nachmittag macht er Rast in einem Wald. Ardy scheint es eilig zu haben, schon am Abend zieht er weiter. Er quert zielstrebig mehrere Täler und Höhenzüge bis er am Morgen sein Ziel mitten im Emmental erreicht.

 

Was treibt Ardy an, die Strapazen einer 45-Kilometer-Wanderung auf sich zu nehmen? Es ist Brunftzeit und Ardy ist auf der Suche nach einer Gefährtin. Im Mittelland leben nur wenige Hirsche. Offenbar fand er nichts in der ersten Nacht seiner Odyssee. Ardy scheint zu wissen, dass seine Chancen im Emmental besser stehen. Dort gibt es mehr Hirsche und vor allem – Hirschkühe. Ob Ardy fündig geworden ist, wissen wir leider nicht…