Die Gebänderte Prachtlibelle - das Tier des Jahres 2008

Sie entwickelt sich von einer Wasserlarve zu einer wahren Luftakrobatin: Die Gebänderte Prachtlibelle. Man findet sie an langsam fliessenden Bächen und Flüssen, wo Uferpflanzen wie Röhricht oder Erlenbüsche wachsen.

Natürliche Flusslandschaften bieten der gebänderten Prachtlibelle genau das, was sie zum Überleben braucht. Weil solche Flusslandschaften in der Schweiz zur Mangelware werden, hat Pro Natura das prächtige Fluginsekt zum Tier des Jahres 2008 auserkoren.

Steckbrief

Gestalt und Grösse
Knapp 5 cm lang, zwei gleiche Flügelpaare mit Spannweite 6 bis 7 cm, sehr schlanker Leib, sechs lange dunkle Beine

Körperfarbe
Männchen schillernd blau-grün, Weibchen schillernd grün bis broncefarben

Flügelfarbe
Männchen grünlich getönt mit breitem dunkelblauem Band, Weibchen grünlich getönt mit weissem Flügelmal

Flugzeit
Ende Mai bis September

Vorkommen
An besonnten, langsam fliessenden Stellen von Bächen und Flüssen

Larve
Bis über 3 cm lang, schlank, mittleres Kiemenblättchen am Hinterleibsende kürzer als die zwei äusseren, erstes Fühlerglied auffallend kräftig, lebt in Wasserpflanzen und flutenden Wurzeln im Fliesswasser

 

Beatrix Mühlethaler

Gebänderte Prachtlibelle. © Imagepoint
Gebänderte Prachtlibelle. © Imagepoint
Aus dem Wasser in die Luft

Die Gebänderte Prachtlibelle (Calopteryx splendens) lebt an langsam fliessenden, besonnten Bächen und Flüssen. Sie ist in Europa weit verbreitet, wobei unterschieden wird zwischen einer nördlichen und südlichen Unterart. In der Schweiz besiedelt die nördliche Unterart das Flachland und die Täler bis 1100 m. ü. M auf der Alpennordseite und im Wallis, die südliche die Magadinoebene im Tessin.

 

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Männchen der Gebänderten Prachtlibelle. © Biosphoto/ David Tatin

 

An etlichen Fluss- oder Bachstrecken ist gleichzeitig eine weitere Prachtlibellen-Art anzutreffen: die Blauflügel-Prachtlibelle (Calopteryx virgo). Diese bevorzugt tendenziell schneller fliessende, kühlere und nährstoffärmere Gewässer, die auch stärker von Gehölz beschattet sein dürfen.

Im verletzlichen Stadium
Wenn im Mai die Nächte wärmer werden, kriechen die ersten Larven der Gebänderten Prachtlibelle aus dem Wasser. In der Deckung von Uferpflanzen beginnt, meist frühmorgens, die dramatische Geburt ihrer geflügelten Schönheit. Wenn sich die Libelle aus der Hülle befreit hat, muss sie zuerst ihre verschrumpelten Flügelpäckchen entfalten. Dazu pumpt sie Körperflüssigkeit in die Flügeladern. Auf dieselbe Weise streckt sie danach auch den Hinterleib. Wenn Flügel und Körper ausgehärtet sind, schwingt sich das frisch geschlüpfte Wesen in die Luft. Der Wechsel vom Wasser- zum Luftleben ist geglückt.

Doch längst nicht allen Libellen gelingt dieser Start. Denn in der bis dreistündigen Wandlungsphase sind sie sehr verletzlich. Solange die Flügel nicht ausgehärtet sind, kann schon ein Windstoss die zarten Geschöpfe fluguntüchtig machen, falls ihnen zum Beispiel ein Zweig zu nahe kommt. Oder eine Welle kann ein Individuum mitreissen, das zu nah am Wasserspiegel geschlüpft ist. Auch Vögel picken sich die nahrhaften Insekten, solange diese wehrlos am Schlüpfplatz hängen.

 

Beatrix Mühlethaler

Luftakrobatin auf Beutezug

Kaum geschlüpft müssen die Libellen Nahrung suchen. Denn Männchen und Weibchen benötigen viel Energie, um ihre Geschlechstanlagen voll entwickeln zu können. Bei der Gebänderten Prachtlibelle dauert dieser Lebensabschnitt etwa eine Woche.

Die Libellen suchen auch abseits vom Wasser nach insektenreichen Lebensräumen. Neben Feuchtgebieten gehören vor allem vielfältige Wiesen und Wegränder, Heckensäume und Waldränder zu den vielversprechenden Jagdgründen, denn hier entwickeln und sammeln sich zahlreiche Insekten. Damit sich das Herumstreifen lohnt, braucht es also naturnahe Gebiete auch ausserhalb eines Bach- oder Flusslaufs. Die Gebänderte Prachtlibelle entfernt sich allerdings nicht so weit und lange vom Gewässer wie viele andere Arten.

Für die Jagd gerüstet
Für den räuberischen Nahrungserwerb ist die Libelle bestens ausgerüstet: Mit ihren beiden grossen, aus Tausenden von Facetten bestehenden Augen verfügt sie über eine fast lückenlose Rundsicht. Schnelle Bewegungen kann sie weit besser wahrnehmen als wir Menschen und vermag damit auch schnell fliegenden Insekten zu folgen. Drei kleine Punktaugen auf dem Kopf erlauben zusätzlich das Erkennen des Horizonts.

 

Der Kopf ist zudem sehr beweglich, was das Blickfeld noch erweitert. Die Flügel kann die Libelle unabhängig voneinander bewegen – das verleiht ihr eine grosse Wendigkeit. Die scharfen Mundwerkzeuge an Unter- und Oberkiefer ergänzen sich beim Halten und Zerkleinern der Beute.

 

Gute Sicht und Beweglichkeit benötigt die Libelle nicht nur zum Jagen. Diese Fähigkeiten helfen ihr auch, nicht selbst zur leichten Beute zu werden. Wie sehr Libellen die kleinste Bewegung wahrnehmen, merken Menschen, die sich ihnen zum Beobachten oder Fotografieren nähern. Manchmal werden sie dennoch erwischt. Beispielsweise versuchen Vögel, Fische und Wasserfrösche, sie zu haschen. Kleinlibellen müssen sich auch vor grösseren Schwestern sowie vor Spinnen und ihren Netzen in Acht nehmen.

Von der Sonne abhängig

Sinkt abends die Lufttemperatur, kühlt der Libellenkörper ab und verliert seine Beweglichkeit. Dann ist die Luftakrobatin gezwungen, an einem Ruheplatz auszuharren, bis die Sonne ihre Lebensgeister wieder weckt. Prachtlibellen suchen dazu dichte Vegetation auf. Dieser Rückzugsort kann im grösseren Umkreis eines Gewässers im Jagdrevier liegen oder direkt am Wasser. Teilweise finden sich Prachtlibellen in grosser Zahl an Schlafplätzen ein, die ihnen gute Deckung bieten. Zum Beispiel behagen ihnen ungemähte Uferböschungen, Röhricht und Brombeergestrüpp.

Bleibt das Wetter über längere Zeit kühl und regnerisch, wird es für die wechselwarmen Tiere kritisch. Dann heizt sich der Körper ungenügend auf, und aus dem Beutefang wird nichts. Ohne neue Energie zu tanken, überleben Libellen höchstens eine Woche. In solchen Zeiten sind sie auch eine leichte Beute für hungrige Vögel. Zwar kann man Gebänderte Prachtlibellen von Mai bis September beobachten, aber die meisten Individuen leben als Flugtiere nur einige Tage, im besten Fall wenige Wochen.

 

Beatrix Mühlethaler

Kämpfen für ein Revier

Männchen und Weibchen der Gebänderten Prachtlibelle suchen, wenn sie geschlechtsreif sind, ein geeignetes Gebiet für die Fortpflanzung. Das kann der Ort sein, wo sie geschlüpft sind, oder ein Gewässer in der Nähe.
Sie lassen sich sowohl an Bächen als auch an Flüssen nieder, vorausgesetzt die Strömung ist sanft und das Wasser nicht zu kalt. Damit sich ihre Brut gut entwickelt, ist eine Temperatur von 18 bis 24 Grad erforderlich. Zudem sollten genügend Wasserpflanzen sowie Röhricht und Gebüsch am Ufer vorhanden sein. Anderseits darf die Vegetation nicht zu dicht sein, damit das Fortpflanzungsgebiet gut besonnt ist.

Naturnaher Fluss erwünscht
Ideale Gewässer für die Gebänderte Prachtlibelle stellen die natürlichen Mittel- und Unterläufe von Flüssen dar. Unsere kanalisierten Mittelland-Gewässer sind für sie nur dort besiedelbar, wo sich naturnahe Stellen entwickelt haben. Eine vielfältige Vegetation im Umkreis muss gewährleisten, dass Nahrung in Form von Insekten vorhanden ist.

Offenbar erfüllt die Aare oberhalb von Solothurn diese Ansprüche: Im geschwungenen Flusslauf ist die Strömung schwach, das Wasser kurz nach dem Bielersee-Ausfluss warm. Das fördert Wasserpflanzen, die zeitweise grosse Teppiche bilden. Sie ziehen jene Libellen an, die ihre Eier in Pflanzen legen und nicht ausschliesslich auf stehendes Wasser angewiesen sind. Neben einigen anderen Libellenarten zeigt sich hier eine grosse Population der Gebänderten Prachtlibelle.

Sag es mit den Flügeln

Prachtlibellen-Männchen beanspruchen im Fortpflanzungsgebiet ein eigenes Revier. Die kleine, mit Pflanzen ausgestattete Wasserfläche verteidigt ein Männchen vehement, sobald Rivalen einzudringen versuchen. Die Gegner fechten vorwiegend mit Flugmanövern, bei denen sie ihre gebänderten Flügel als Drohsignal einsetzen. Dabei fliegen sie frontal auf ihren Gegner zu oder pendeln seitlich hin und her, immer bestrebt, möglichst viel Farbe zu zeigen. Zu diesem Zweck müssen zeitweise zwei Flügel zum Fliegen genügen, während die beiden anderen als Flagge präsentiert werden. Wenn mit der Drohgebärde keiner siegt, kann es zum körperlichen Angriff kommen.

Das Ziel der Rammelei besteht darin, mit einem prominenten Platz am Wasser ein Weibchen zu ergattern. Um dieses günstig zu stimmen, setzt das Männchen wiederum Flügelsignale ein. Der Balztanz beruht aber auf einer völlig anderen Flugtechnik: Jetzt bewegt das Männchen seine Flügel nicht im langsamen Gleichschlag, sondern im beschleunigten Wechseltakt. Mit diesem Schwirrflug kann es vor dem Weibchen in der Luft schweben und sich annähern.
Zusätzlich wirbt das Männchen, indem es seinen Hinterleib hochhebt und ein gelblich-weisses Farbsignal am unteren Ende zeigt. Flügelschlag und Farbe der «Laterne» sind artspezifisch und helfen, Partner der eigenen Art zu erkennen. Die Blauflügel-Prachtlibelle beispielsweise winkt mit Rosa.

Bereit zur Eiablage
Nach der Landung auf den Flügeln des Weibchens krümmt sich das Männchen und ergreift die Partnerin mit den Hinterleibszangen am Nacken. Danach biegt es den schlanken Körper weiter und verfrachtet ein Paket voll Spermien vom Hinterleibsende in eine Öffnung, die nahe hinter seiner Brust liegt. Das Weibchen führt jetzt sein Hinterleibsende an diese Öffnung, um das Spermienpaket zu übernehmen.

Bei der folgenden Eiablage leistet das Weibchen Erstaunliches: Es taucht seinen Leib ins Wasser und bohrt für jedes Ei, während Sekunden, ein Loch ins Gewebe der flutenden Pflanze.

 

Beatrix Mühlethaler

Im Wasser Gestalt annehmen

Wenige Wochen nach der Eiablage schlüpfen die Larven und suchen sich im Pflanzendschungel einen günstigen Ort, den sie gegenüber anderen Larven verteidigen. In den Polstern von Unterwasserpflanzen wie Laichkraut und Flutendem Hahnenfuss oder in Feinwurzeln von Erlen und Weiden lauern sie jetzt auf Beute. Die Larven fressen alles, was sie fangen und überwältigen können: Kleinkrebse, Mückenlarven und vieles mehr.

 

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Larve der Gebänderten Prachtlibelle. © NHPA/ Robert Thompson

 

Weil bewegtes Wasser mehr Sauerstoff bringt, ist die Larve der Gebänderten Prachtlibelle auf ein gewisses Mass an Strömung angewiesen. Sie nimmt den Sauerstoff über die Haut und drei Kiemenblättchen am Körperende auf. Ist die Strömung zu gering oder das Wasser zu warm, spreizt das Wassertier die Kiemenblättchen und bewegt sich hin und her, um den Gasaustausch zu verstärken. Allenfalls klettert es sogar kurz an die Wasseroberfläche, um aus der Luft Sauerstoff aufzunehmen.
Zwar verträgt die Larve der Gebänderten Prachtlibelle – im Unterschied zu manchen anderen Libellen – mässig belastetes Wasser. Wird es aber allzu schmutzig und sauerstoffarm, stirbt sie. Denn aktiv einen Bereich mit besserer Wasserqualität aufsuchen, das kann sie nicht.

Häuten zum Wachsen
Im darauf folgenden oder übernächsten Sommer ist die Larve ausgewachsen. Wie schnell die Entwicklung verläuft, hängt von der Wassertemperatur und dem Nahrungsangebot ab. Da die starre Haut ein kontinuierliches Wachstum verhindert, muss sich die Larve sechs Mal häuten. Dabei wird sie nicht nur jedes Mal ein Stück grösser, sondern nähert sich auch immer stärker an die Gestalt des letzten Larvenstadiums an.
Schon nach den ersten Häutungen erscheinen Flügelansätze, die bei jedem Hautwechsel grösser werden. Damit geht sie wie alle Libellen einen anderen Entwicklungsweg als Schmetterlinge: Während diese sich im Puppenstadium zum Fluginsekt wandeln, geschieht dies bei der Libelle schrittweise im Verlauf des Larvenlebens.

Kurz bevor die Larve das Wasser verlässt, kündigt sich der bevorstehende Höhepunkt der Wandlung an: Das Wassertier hört auf zu fressen, die Flügelscheiden schwellen an, die Konturen der Libellenaugen beginnen sich abzuzeichnen. Ab und zu schiebt sich die Larve etwas an die Luft und zeigt damit an, dass die Umstellung von der Wasser- zur Luftatmung im Gang ist. Die lange Entwicklungszeit im Wasser neigt sich dem Ende zu. Der Zyklus beginnt von neuem: Eine Gebänderte Prachtlibelle startet in ihr kurzes, aber intensives Luftleben.

 

Beatrix Mühlethaler