Buchenmischwald des Mittellandes von oben Matthias Sorg
04.01.2024 Wald

«Das Problem ist, dass der Klimawandel so schnell vorangeht»

Harald Bugmann, Professor für Waldökologie an der ETH Zürich, sieht im Wald bereits erste Anzeichen der Klimaerwärmung. Der Wald kann sich daran anpassen, doch wir Menschen werden viele seiner Leistungen nicht mehr erhalten, wenn wir keine Massnahmen ergreifen.
Pro Natura Magazin: Wie geht es dem Schweizer Wald?

Harald Bugmann: Grundsätzlich recht gut. Weil wir eine nachhaltige, recht sanfte Bewirtschaftung betreiben. Aber wir spüren bereits die Auswirkungen des Klimawandels, man sieht erste Alarmzeichen.

Welche?

Die Phänologie ändert sich, beispielsweise wird die Vegetationsperiode länger. Das Austreiben beginnt früher und der herbstliche Blattfall erfolgt später. Ausserdem häufen sich seit 2018 Extremereignisse, vor allem Dürren. Das ist ziemlich sicher auch eine Folge des Klimawandels. Wenn das die neue Normalität ist, dann ist das nicht lustig.

Nicht lustig, was bedeutet das?

Das Problem ist, das der vom Menschen verursachte Klimawandel so schnell vorangeht und sehr massiv ist. Die Wälder können sich daran zwar anpassen, aber wir Menschen werden Mühe haben, jene Leistungen des Waldes zu bekommen, die wir benötigen. Leistungen wie Kohlenstoffspeicherung, Holzproduktion, Bioenergie, Schutzfunktion im Gebirge oder auch Erholung.

Und was müssen wir tun, um dem Wald zu helfen?

Wir können gefährdete Baumarten wie die Fichten im Mittelland früher als geplant ernten und dadurch Licht schaffen, damit der Wald sich verjüngen kann, was angesichts der hohen Wildbestände an vielen Orten allerdings schwierig und sehr teuer ist. Eine wichtige Frage ist, ob die Verjüngung, die natürlich kommt, auch jene ist, die wir in 50 Jahren als erwachsene Bäume haben möchten. Wenn nicht, stellt sich die Frage, welche Arten man wann pflanzen sollte.

Welche Baumarten sollten wir denn pflanzen?

Im Mittelland beispielsweise sind das Winterlinde, Spitzahorn und Eichen. Sie sind trockenheitstolerant. Aber auf den besseren Böden hat auch die Buche weiterhin eine gute Chance.

Und wie sieht es beim Nadelholz aus?

Die Fichte ist nicht trockenheitsresistent und sehr anfällig auf den Borkenkäfer. Darum sollte man nicht ernsthaft darüber nachdenken, Fichten in mittleren und tieferen Lagen noch anzubauen. In höheren Lagen, also in der subalpinen Stufe, wird sie noch länger eine Rolle spielen. Die Rolle der Tanne ist ungewiss. Für manche ist sie eine tolle Baumart für die Zukunft, andere verneinen das. Ich bin überzeugt, dass sie grosses Potenzial hat. Und dann ist da die Douglasie, eine nicht heimische Art. Ich persönlich finde, wenn sie mit 10 bis 20 Prozent der Bäume in einem Wald beigemischt ist, warum nicht? Aber man sollte sicher nicht unbedacht exotische Baumarten einbringen und sie grossflächig pflanzen. Das wäre unter Umständen katastrophal.

Buchenmischwald Naturschutzgebiet Horngraben BS
Wie wir dem Wald helfen können
  • Natürliche Dynamik fördern.
  • Biodiversität erhalten und fördern.
  • Natürliche Verjüngung mit möglichst vielfältigen, standortgerechten einheimischen Baumarten.
  • Naturnahen Waldbau betreiben.
  • Waldreservate sowie seltene Waldstandorte wie Feucht- und Trockenwälder, Auenwälder und lichte Laubwälder entwickeln, sichern und entschädigen.
  • Wälder in einem ökologischen Netzwerk miteinander verbinden.
  • Genügend Wildruhezonen schaffen.
  • Dort, wo durch Wild aus menschlicher Sicht Schäden entstehen, Regulierung – vorzugsweise im Rahmen natürlicher Prozesse – zulassen.
  • Erholung im Wald mit nötigem Respekt für Flora und Fauna.
Merkt man schon, dass sich wegen des Klimawandels die Vegetationsstufen ändern?

Das ist eine interessante Frage. Vor 25 Jahren, als ich anfing, im Wald zu arbeiten, haben viele noch keine Augen gehabt für den Klimawandel. Es verstand sich von selbst, dass es in der hochmontanen Stufe, der Tannen-Fichten-Stufe, keine Buchen gibt; man musste gar nicht hinschauen. Und jetzt sehen wir dort plötzlich Buchen. Die Frage ist: Sehen wir sie, weil wir jetzt erwarten, dass sie hochsteigt, dass heisst, ist sie wirklich neu – oder hat es sie früher schon gegeben und wir haben sie einfach nicht zur Kenntnis genommen? Ich denke aber schon, dass solche Phänomene bereits ein Indikator dafür sind, dass die Verbreitungsgrenzen der Arten steigen, und es gibt viele Forschungsarbeiten, die das stützen.

Wird die Gefahr von Waldbränden zu­ nehmen?

Ja, Waldbrände werden auch nördlich der Alpen zu einem Thema werden. Nach Bränden etwa im Kanton Glarus hat es dieses Jahr auch im Solothurner Jura gebrannt. Das sind wir uns nicht gewohnt.

Für den Wald ist das eigentlich kein Problem.

Nein, nur für uns Menschen. Waldbrände sind für die Biodiversität eine gute Sache. Das schafft Nischen für Organismen, die sonst keine Chancen hätten, weil es zu dunkel ist.

Können Sie ein Bild des Waldes der Zukunft zeichnen?

Nein, denn es kommt darauf an, was wir Menschen tun. Wenn wir es noch schaffen sollten, unsere Emissionen massiv zu reduzieren, dann wäre das verhältnismässig harmlos. Wenn die Treibhausgasemissionen aber weiterhin hoch bleiben, dann geht die Post ab – auch im Wald. Denn dann müssen wir mit Klimaveränderungen einer Grössenordnung umgehen, die wir noch nie gesehen haben in einer so kurzen Zeit.

Wir haben es also in der Hand?

Ja, es hängt davon ab, was wir tun. Ich bin bis Februar 2022 sehr optimistisch gewesen, dass wir die Kurve noch kriegen. Aber seit sich die geopolitische Situation wieder so stark geändert hat, muss ich sagen, allen Nationen ist derzeit ihr eigenes Hemd am nächsten, und Emissionsreduktion ist kein wichtiges Thema mehr auf der politischen Agenda.

BETTINA EPPER, Redaktionsleiterin Pro Natura Magazin

Wie Pro Natura dem Wald hilft
In Waldreservaten kann eine natürliche Waldentwicklung stattfinden. Dank eines hohen Anteils an Alt- und Totholz entsteht so Lebensraum für eine grosse Artenvielfalt. Pro Natura sichert seit über 100 Jahren Naturgebiete in der Schweiz, darunter auch zahlreiche Wälder wie beispielsweise die Combe Grède (BE), das Val Onsernone (TI), den Burstel (TG) oder den Aletschwald (VS).

Der Wald ist mehr als nur Bäume - viel mehr!

Der Wald als Trinkbrunnen

Das Grundwasser im Einzugsgebiet von Wäldern ist oft von so guter Qualität, dass vor seiner Verwendung keine Aufbereitung erforderlich ist. Für eine sichere Trinkwasserversorgung ist der Schutz des Grundwassers unabdingbar – und dabei spielen unsere Wälder eine zentrale Rolle. Vor diesem Hintergrund hat sich die Holzkammer der westlichen Waadt (Chambre des Bois de l’Ouest Vaudois, CBOVD) mit AGFORS, einer Forstgruppe im Einzugsgebiet der Serine, zusammengetan und mithilfe des Kantons und des Bundes einen Werkzeugkasten mit praktischen Instrumenten erarbeitet. Das Ziel: Waldbesitzer und Trinkwasserversorger gehen eine Partnerschaft ein, die eine hohe Wasserqualität gewährleistet und den rechtlichen Rahmen stärken.

Zum Werkzeugkasten (www.jefiltretubois.ch) gehören etwa Vorschläge für präventive Massnahmen, die in den Grundwasserschutzzonen im Wald ergriffen werden können, eine Vertragsvorlage, Vorschläge für Kommunikations- mittel und Texte, die in die forstwirtschaftliche Planung und die besonderen Massnahmen im Umgang mit den Schutzzonen von Grundwasserfassungen integriert werden können. Die auf freiwilliger Basis definierten Konventionen erlauben es der Forstwirtschaft, als vollwertiger Akteur im Wasserkreislauf wahrgenommen zu werden, der für das Ökosystem Wald einen wertvollen Beitrag leistet.
François Godi

Kühle Waldluft gegen heisse Städte

Wer im Sommer Abkühlung sucht, wird im Wald fündig. Dass es dort meist kühl ist, liegt einerseits am schattigen Blätterdach. Vor allem aber verdunsten Pflanzen ständig Wasser und kühlen so die Umgebung ab.

Die Stadt Baden im Kanton Aargau möchte diesen Kühleffekt mit dem schweizweit bislang einzigartigen Projekt «Kühlwald» nutzen. Die Idee: Nächtliche Kaltluftströme sollen durch Kühlluftkorridore gezielt aus dem Wald in die Stadt geleitet werden. Stadtförster Georg von Graefe: «Den Anstoss dazu gab einerseits ein Forstwart, der seit 40 Jahren für uns arbeitet. Er hat beobachtet, dass an besonderen Orten im Wald in heissen Sommernächten immer ein angenehmer kühler Wind weht.» Als von Graefe auf den Klimakarten des Kantons die Kaltluftströme studierte, fragte er sich, ob diese nicht gelenkt werden könnten. «Warum sollten wir uns diese Leistung, die der Wald sowieso erbringt, dieses physikalische Phänomen, dass kalte Luft zu Boden sinkt und abfliesst, nicht zunutze machen, indem wir die kühle Luft durch Korridore kanalisieren? Wir produzieren nichts, wir vermehren nichts, wir lenken nur.»

Für den Versuch wurden im Rahmen einer normalen Holznutzung vier 30 – 100 Meter lange und 20 – 30 Meter breite Korridore geschlagen, die auf die zwei Hauptwohntürme des Alterszentrums Kehl ausgerichtet sind. 22 Sensoren massen ein Jahr lang vor und erfassen ein Jahr lang nach dem Holzschlag die Temperatur. Umfragen bei den Bewohnerinnen und Bewohnern des Altersheims sowie der Bevölkerung zeigen, dass manche tatsächlich einen Kühleffekt gespürt haben wollen. Die Auswertung der Messdaten erwartet Georg von Graefe – sehr gespannt – für Anfang 2024.
Bettina Epper

Weiterführende Informationen

Info

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

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