Tier des Jahres 2011 - Der Regenwurm

Pro Natura kürt mit dem Regenwurm einen stillen, verkannten Schaffer zum Tier des Jahres 2011. Der Tauwurm Lumbricus terrestris, die bekannteste einheimische Regenwurmart, treibt seine Gänge metertief in den Boden und produziert erstklassigen Pflanzendünger.

 

Regenwürmer sind die Baumeister fruchtbarer Böden. Unermüdlich graben sie sich durch das Erdreich, arbeiten totes Pflanzenmaterial in den Boden ein, produzieren wertvollen Humus und sorgen für eine optimale Bodenstruktur. So pflegen die fleissigen Gesellen eine unserer kostbarsten Ressourcen: den Boden. Dieser ist Lebensgrundlage für Pflanzen, Tiere und Menschen und muss deshalb sorgfältig genutzt und geschützt werden.

 

In der Schweiz leben rund 40 verschiedene Regenwurmarten. Der wohl bekannteste unter ihnen ist der Tauwurm Lumbricus terrestris. Dieser 12 bis 30 Zentimeter grosse Regenwurm ist vorne rot-braun und hinten blass gefärbt. Er ist weit verbreitet und bewohnt Wiesen, Äcker, Gärten und Wälder. Dort gräbt er nahezu senkrechte Wohnröhren bis zu 3 Meter tief in den Unterboden hinab. Dadurch durchmischt er den Boden intensiv. Auf seinem Speisezettel stehen Laub und Ernterückstände, die er in seine Wohnröhre zieht und von Pilzen und Bakterien vorverdauen lässt. Nur dank dieser Kompostiertechnik kann der zahnlose Regenwurm das Pflanzenmaterial überhaupt aufnehmen. 

 

Regenwürmer sind wechselwarme Tiere, die ihre Körpertemperatur nicht selbstständig regulieren können. Am aktivsten sind sie im Frühling und im Herbst. Bei Trockenheit im Sommer und Frost im Winter ziehen sich die meisten Arten zunächst tiefer in den Boden zurück. Sind die Bedingungen zu extrem, ringeln sie sich in einer mit Kot austapezierten Höhlung ein und verfallen in einen Starrezustand. Sind die Verhältnisse wieder günstiger, werden die Tiere wieder aktiv.


Die drei Lebensformen einheimischer Regenwürmer
Lumbricus terrestris in einer Wohnröhre © H. & Hans-Jürgen Koch / Pro Natura
Wohnröhre © H. & H.-J. Koch

Die verschiedenen Regenwurmarten lassen sich anhand ihres Lebensraumes in drei ökologische Gruppen einteilen:

 

Die kleinen und agilen Streubewohner leben zuoberst in der Humusauflage und in der Streuschicht. Sie fressen totes Pflanzenmaterial auf der Bodenoberfläche. Zum Schutz vor UV-Strahlung sind sie am ganzen Körper rötlich-braun gefärbt. Ein typischer Vertreter ist der Kompostwurm Eisenia fetida.

 

Die Mineralbodenformen besiedeln den Wurzelbereich von Pflanzen. Sie ernähren sich zum Beispiel von abgestorbenen Wurzelteilen im Boden, ohne jedoch die lebenden Pflanzenteile zu schädigen. Diese durchscheinend bleichen Arten graben vorwiegend horizontale, instabilen Gänge und kommen fast nie an die Oberfläche. Ein Beispiel ist der Grauwurm Nicodrilus caliginosus.

 

Die grossen, tiefgrabenden Arten pendeln zwischen Unterboden und Bodenoberfläche. Sie legen nahezu senkrechte, bis mehrere Meter tiefe, stabile Wohnröhren an, deren Wände sie mit Kot tapezieren. Diese kräftigen Arten ziehen totes Pflanzenmaterial von der Bodenoberfläche in ihre Wohnröhren ein. Sie sind nur im vorderen Körperbereich dunkel gefärbt. Zu dieser Gruppe gehört der Tauwurm Lumbricus terrestris.

Blind, stumm, taub
Tauwurm mit Geschlechtsgürtel und pigmentiertem Vorderteil © Heidi & Hans-Jürgen Koch / Pro Natura
Tauwurm © H. & H.-J. Koch

Regenwürmer bestehen aus bis zu 200 Körpersegmenten, von denen jedes mit kurzen Borsten versehen ist. Unter der Haut befinden sich Ring- und Längsmuskeln des Regenwurms. Zieht er die Ringmuskeln zusammen, erschlaffen gleichzeitig die Längsmuskeln, und die betreffende Stelle wird lang und dünn. Durch abwechselndes Strecken und Zusammenziehen einzelner Körperabschnitte kriecht der Wurm vorwärts. Um sich durch die Erde zu graben, bohrt er das dünne Vorderteil in feine Spalten. Dann verkürzt sich die Längsmuskulatur, das Vorderteil wird dicker und schiebt die Erde auseinander. Regenwürmer können so bis zum 60-fachen ihres Körpergewichts stemmen. Damit gehören sie im Verhältnis zu ihrer Grösse zu den stärksten Tieren der Welt.

 

Wie der Mensch hat der Regenwurm rotes Blut. Angetrieben von 5 Paar «Herzen» zirkuliert es durch ein ausgeklügeltes Blutgefässsystem. Den nötigen Sauerstoff nehmen Regenwürmer nicht über Lungen oder Kiemen, sondern durch die Körperoberfläche auf. Ihr Blut strömt in feinen Gefässen unter der Haut hindurch und nimmt dabei Sauerstoff auf.

 

Regenwürmer besitzen weder Ohren, noch Nase, noch richtige Augen. Dank Licht-Sinneszellen am Vorder- und Hinterende können sie jedoch Helligkeitsunterschiede wahrnehmen. Ein Tast- und Gravitationssinn hilft ihnen, sich in ihren Röhrensystemen zurechtzufinden. Mit Hilfe eines Drucksinns können Regenwürmer zudem Erschütterungen wahrnehmen und so vor herannahenden Fressfeinden rechtzeitig flüchten.

Das Liebesleben der Zwitter
Zitronenförmiger Kokon in der Grösse eines Zündholzkopfes © Heidi & Hans-Jürgen Koch / Pro Natura
Kokon © H. & H.-J. Koch

Regenwürmer paaren sich vor allem im Frühling und im Herbst. Sie sind Zwitter, d.h. sie besitzen sowohl Hoden wie Eierstöcke. Geschlechtsreife Tiere erkennt man an einer Verdickung im vorderen Drittel des Körpers, dem so genannten Gürtel. Zur Fortpflanzung legen sich zwei Regenwürmer in entgegengesetzter Richtung eng aneinander und tauschen ihren Samen aus. Dann bilden sie einen Schleimring um ihre Gürtelregion, aus dem sie sich langsam herauswinden. Dabei geben sie Eier und Samen in den Schleimring ab. Die abgestreifte Schleimmanschette formt sich zu einem zündholzkopfgrossen Kokon. Nach wenigen Wochen bis mehreren Monaten – je nach Art – schlüpft aus diesem «Regenwurmei» das Jungtier. Der Tauwurm Lumbricus terrestris paart sich einmal pro Jahr und bildet dabei 5-10 Kokons mit je einem Ei. Der Kompostwurm Eisenia fetida paart sich hingegen häufiger und legt pro Jahr rund 140 Kokons ab, aus denen Mehrlinge schlüpfen.

Baumeister fruchtbarer Böden
Bis zu 100t Regenwurmlosung pro Hektare und Jahr wird im und über dem Boden abgelegt © Heidi & Hans-Jürgen Koch / Pro Natura
Wurmlosung © H. & H.-J. Koch

Regenwürmer sind Bodenbildner. In einem durchschnittlich besiedelten Boden produzieren rund 1 Million Regenwürmer bis zu 100 Tonnen Wurmkot pro Hektar und Jahr. Dieser hochwertige Humus enthält bis zu 5-mal mehr Stickstoff, 7-mal mehr Phosphor und 11-mal mehr Kalium als die umgebende Erde. Mit diesem vorzüglichen Dünger tragen Regenwürmer entscheidend zur Nährstoffversorgung der Pflanzen bei.


Zusammen mit dem toten Pflanzenmaterial verleibt sich der Regenwurm auch grössere Mengen Mineralerde mit ein. Im Regenwurmkot finden sich deshalb so genannte Ton-Humus-Komplexe, die für eine stabile, krümelige Bodenstruktur sorgen.


Als umtriebige Tunnelbauer belüften Regenwürmer den Boden, erhöhen seine Wasseraufnahmefähigkeit und erleichtern das Wurzelwachstum. Im Obstbau erweisen sich Regenwürmer zudem als willkommene biologische Schädlingsbekämpfer: Indem sie das Falllaub der Bäume in den Boden ziehen und verspeisen, vertilgen sie auch Schadorganismen wie die Sporen des Apfelschorfs oder blattminierende Insekten.

Boden – mehr als nur Dreck
Auf einer Wiese leben zwischen 200-400 Regenwürmer pro m2 © Heidi & Hans-Jürgen Koch / Pro Natura
Regenwurmreiche Wiese

Der Regenwurm pflegt eine unserer kostbarsten Ressourcen: Der Boden ist Lebensgrundlage für Pflanzen, Tiere und Menschen. Er bietet Lebensraum und Nahrung, sorgt für einen natürlichen Wasserkreislauf, liefert mineralische Rohstoffe und Erdwärme, ist das Substrat für vielfältige Landschaften.


Doch der Boden ist bedroht. Überdüngung, Pestizide, Schadstoffe, Verdichtung und Erosion machen ihm zu schaffen. Vor allem aber wird immer mehr lebendiger Boden überbaut. Die Siedlungsfläche in der Schweiz wächst jede Sekunde um fast einen Quadratmeter. Boden wird zunehmend versiegelt und Landschaft zerstört.


Mit der Wahl des Regenwurms zum Tier des Jahres macht Pro Natura auf den verschwenderischen Umgang mit Boden und Landschaft aufmerksam und ruft zu deren Schutz auf.

Gefahren für den Regenwurm
Wohnen im Grünen © Christian Flierl
Wohnen im Grünen © C. Flierl

Regenwürmer sind für viele Tierarten ein Leckerbissen. Zu seinen natürlichen Feinden gehören zahlreiche Vogelarten, Maulwürfe, Marder, Igel, Spitzmäuse, Erdkröten, Frösche, Feuersalamander, Hundertfüssler, Ameisen, Laufkäfer, Füchse und Dachse.


Weitere Gefahren drohen dem Regenwurm durch den Menschen: Die unsachgemässe Anwendung von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sowie intensives Pflügen oder Fräsen dezimieren den Wurmbestand drastisch. Schwere landwirtschaftliche Maschinen verdichten den Boden und machen den Dauerwühlern das Leben schwer.


Der krasseste Eingriff ist die zunehmende Überbauung von Kulturland. Unter völlig versiegelten Flächen, unter Gebäuden, Parkplätzen und Strassen, existieren praktisch keine Bodenlebewesen mehr.

Was braucht der Regenwurm?
Der Regenwurm Lumbricus terrestris © Heidi & Hans-Jürgen Koch
© H. & H.-J. Koch

Wer den Regenwurm fördert, verhilft dem Boden zu mehr Gesundheit, Leben und Fruchtbarkeit. Wichtig ist eine schonende Bearbeitung des Bodens sowohl im Feld wie auch im Garten: Pflug und Spaten sollten nur sparsam eingesetzt werden, die Bodenfräse einzig wenn unbedingt nötig. Weiter sind Regenwürmer auf genügend Nahrung in Form von organischem Material angewiesen. Abwechslungsreiche Fruchtfolgen, vielfältige Ernteresten, eine konsequente Bodenbedeckung (Mulchen) und massvoll eingesetzter organischer Dünger (Mist, Kompost, Gülle) sorgen für ein üppiges Nahrungsangebot. Hohe Mineraldüngergaben und regenwurmschädigende Pflanzenschutzmittel sind zu meiden. Biologischer Anbau schont die Regenwürmer.