Tier des Jahres 2013 – Die Geburtshelferkröte

Ihr glockenartiger Ruf ist so aussergewöhnlich wie ihre Brutpflege. Mit der Geburtshelferkröte (Alytes obstetricans) kürt Pro Natura eine stark bedrohte Amphibienart zum Tier des Jahres.

 

Die Lebensweise der Geburtshelferkröte ist einzigartig unter den einheimischen Amphibien. Während Wochen trägt der Krötenvater die Eier huckepack. Sind die Kaulquappen schlupfbereit, liefert er sie prompt und zuverlässig am Gewässer ab.

 

Mit der Wahl des fürsorglichen «Glögglifroschs» zum Tier des Jahres 2013 macht Pro Natura auf den dramatischen Rückgang der einheimischen Amphibien aufmerksam und fordert mehr Feuchtgebiete für Frösche und Kröten, Molche und Salamander.

 

Nächtliche Futtersuche
Geburtshelferkröten sind keine besonderen Feinschmecker © Axel Birgin
Geburtshelferkröten sind keine
besonderen Feinschmecker
© Axel Birgin

Die Geburtshelferkröte ist ein zierlicher Froschlurch von gerade einmal 3.5 bis 5 Zentimetern Grösse. Ihre Oberseite ist gräulich, der Bauch weisslich. Eine Reihe vergrösserter, oft rötlich gefärbter Warzen zieht sich über ihre Flanken. Faszinierend sind die grossen, goldenen Augen mit senkrechter Pupille.

 

Tagsüber versteckt sich die Geburtshelfer-

kröte in Erdhöhlen und Mauslöchern, unter Steinen, in Mauerfugen, Sandhaufen oder Gartenbeeten. Ist es warm und feucht genug, verlässt sie abends ihren Schlupfwinkel und geht auf Nahrungssuche. Was das Menu betrifft, ist sie nicht heikel: Sie schnappt sich ziemlich alles, was ihr vors Maul kriecht und kleiner ist als sie selbst, wie Insekten, Spinnen, Asseln, Schnecken und Würmer.

Konzert der Kavaliere
Geburtshelferkröten bei der Paarung © Kurt Grossenbacher
Geburtshelferkröten bei der Paarung © Kurt Grossenbacher

«Glögglifrosch» nennt der Volksmund die Geburtshelferkröte. Der Name kommt nicht von ungefähr: Geburtshelferkröten zeigen sich dem Menschen selten. Meist bemerkt man sie überhaupt nur wegen ihres eigentümlichen Rufes. Von Ende März bis August buhlen die Männchen abends mit hellen, kurzen Lauten um die Gunst paarungsbereiter Weibchen. Was im Solo an einen Funkton erinnert, klingt im Chor wie ein mehrstimmiges Glockenspiel. Hat einer der singenden Kavaliere ein Weibchen für sich gewonnen, umklammert es dieses mit den Vorderbeinen. Ein langes und kompliziertes Paarungsritual beginnt.

Ruf der Geburtshelferkröte (© Kurt Grossenbacher)

Brutpflege ist Männersache
Männchen mit Eigelege © Jan Ryser
Männchen mit Eigelege
© Jan Ryser

Anders als alle anderen Froschlurche paaren sich Geburtshelferkröten an Land und legen ihre Eier nicht in ein Gewässer ab. Vielmehr formt das Krötenpaar mit allen vier Hinterbeinen sorgsam ein Körbchen. In dieses entlässt das Weibchen zwei Laichschnüre, die vom Männchen sofort besamt werden. Schliesslich reckt und streckt das Männchen seine Hinterbeine mehrmals durch das Gewirr der Laichschnüre, sodass sich diese um seine Fersengelenke wickeln.

 

Das Weibchen ist nun aus der Pflicht entlassen. Das Männchen übernimmt manchmal noch ein oder zwei weitere Gelege von anderen Weibchen. Die kostbare Fracht gut vertäut an den Beinen, sucht sich der Krötenvater ein feuchtwarmes, für die Eireifung günstiges Versteck. Nach 3 bis 6 Wochen Hütedienst bringt er die reifen Eier zum Gewässer. Innert Minuten beginnen die Larven zu schlüpfen. Die Kaulquappen verwandeln sich entweder noch im selben Herbst in landlebende Tiere oder überwintern als Larven im Gewässer. Dann werden sie stattliche 9 Zentimeter lang – grösser als alle anderen einheimischen Kaulquappen.

Ufernahe Wohnquartiere
Lebensraum der Geburtshelferkröte © Andreas Meyer
Lebensraum der Geburtshelferkröte
© Andreas Meyer

In der Schweiz kommt die Geburtshelferkröte vor allem im Hügelland und in den Voralpen vor. Südlich der Alpen fehlt sie. Für die Entwicklung der Larven braucht sie zwingend Wasser. Die Art des Gewässers scheint dabei zweitrangig zu sein: Die Tiere setzen ihre Kaulquappen sowohl in Tümpel, Weiher und Teiche als auch in langsam fliessende Abschnitte von Bächen oder Flüssen.

 

Einmal dem Wasser entstiegen, verbringen Geburtshelferkröten den Rest ihres Lebens an Land. Sie siedeln sich deshalb nur dort an, wo sie nahe am Gewässer auch den passenden Landlebensraum finden. Dabei bevorzugen sie gut besonnte Böschungen mit lockerem, grabbarem Boden. Diese Nähe von Wasser- und Landlebensraum findet die Geburtshelferkröte vor allem in Auengebieten, Rutschhängen, Kiesgruben und Steinbrüchen, aber auch an günstig gelegenen, meist fischfreien Weihern und Teichen.

Glögglifrosch in Not
Die Wechselkröte gilt in der Schweiz als ausgestorben.
Die Wechselkröte gilt in der
Schweiz als ausgestorben

Die Geburtshelferkröte gilt in der Schweiz als stark gefährdet. In den letzten 25 Jahren ist rund die Hälfte ihrer Vorkommen erloschen. Doch nicht nur der Glögglifrosch ist in Bedrängnis. Von den 20 einheimischen Amphibienarten stehen 14 auf der Roten Liste. Eine davon gilt in der Schweiz bereits als ausgestorben. Damit gehören die Amphibien zu den am stärksten bedrohten Tiergruppen unseres Landes.

Amphibien fehlt das Wasser
Ein Problem sind kanalisierte Bäche.
Ein Problem sind kanalisierte Bäche

Amphibien brauchen Gewässer als Lebensraum. Doch das viel gepriesene «Wasserschloss Schweiz» ist heute zu trocken. Flüsse wurden kanalisiert, Bäche eingedolt, Weiher und Tümpel trockengelegt, feuchte Wiesen drainiert. Insgesamt wurden neun von zehn Feuchtgebieten trockengelegt. Besonders rar sind jene Gewässer geworden, die ab und zu austrocknen. Dabei sind gerade diese für seltene Amphibienarten ein Paradies, weil in ihnen kaum Fressfeinde wie Fische oder Libellenlarven leben.

 

Weitere Faktoren machen den Amphibien zusätzlich zu schaffen: In unserer intensiv genutzten Landschaft fehlt es den Tieren an Schlupfwinkeln, viele Laichgebiete sind isoliert, in fischfreie Gewässer werden Fische eingesetzt, Amphibien werden überfahren, durch Pestizide oder Mineraldünger geschädigt oder von einer neuen Pilzkrankheit befallen.

 

Das Hauptproblem für die Not der Amphibien bleibt jedoch unsere entwässerte Landschaft. Pro Natura setzt sich deshalb dafür ein, dass bestehende Amphibiengewässer erhalten sowie neue Amphibienlebensräume geschaffen werden.

Was tut Pro Natura?
Amphibienförderung durch gezielte Artenschutzprojekte helfen auch der Geburtshelferkröte.
Amphibienförderung konkret

Pro Natura fördert die Geburtshelferkröte und andere gefährdete Amphibienarten gezielt mit Artenschutzprojekten.

 

Pro Natura sichert ein Netz von über 600 Naturschutzgebieten im ganzen Land mit rund 100 Amphibienlaichgebieten von nationaler Bedeutung.

Pro Natura macht sich stark für eine Landwirtschaft, die gesunde Nahrungsmittel naturverträglich produziert. So wirkt sie etwa darauf hin, dass auch für Kleinstrukturen wie Amphibiengewässer Direktzahlungen entrichtet werden.

Pro Natura engagiert sich für naturnahe Fliessgewässer, in deren Auen sich Geburtshelferkröten und andere Amphibien wohl fühlen. Sie unterstützt die Rückkehr des Bibers, der mit seinen Staudämmen attraktive Amphibienlebensräume schafft.

 

Pro Natura pocht auf den gesetzlich vorgeschriebenen Schutz unserer Moore und Moorlandschaften, die nebst vielen anderen Tier- und Pflanzenarten auch Amphibien Lebensraum bieten.

 

Pro Natura ist Mitgründerin der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (karch) und arbeitet projektbezogen mit deren Fachleuten zusammen.

 

Wie Freiwillige von Pro Natura sich für Amphibien einsetzen