Die Ringelnatter – Tier des Jahres 2015

Die Ringelnatter (Natrix natrix) verbringt die Kinderstube im Kompost, schwimmt ausgezeichnet und hat Frösche und Kröten zum Fressen gern. Wird’s brenzlig, taucht die ungiftige Schlange ab – oder blufft um ihr Leben.

 

Eine schlängelnde Bewegung im Röhricht, ein langgestreckter Körper, der ins Wasser gleitet – und weg ist sie. Begegnungen mit der Ringelnatter währen meist nicht lange. Denn die anmutigen Tiere sind äusserst scheu: Werden sie aufgeschreckt, flüchten sie blitzschnell in ein Versteck oder tauchen ins Wasser ab.

 

Die ungiftige Ringelnatter ist für Menschen völlig harmlos. Die exzellente Schwimmerin hält sich gern in der Nähe von Gewässern auf und stellt dort Fröschen und Kröten nach. Mit ihrer Leibspeise teilt sie ein gemeinsames Schicksal: Ihre Lebensräume werden immer weniger. Mit der Wahl der einheimischen Schlangenart ruft Pro Natura dazu auf, Feuchtgebiete zu erhalten, zu vernetzen und neu zu schaffen. 

Ringel im Nacken
Markenzeichen der Ringelnatter sind die beiden hellen, halbmondförmigen Flecken im Nacken. © Pro Natura/Gerhard Sturm
Markenzeichen der Ringelnatter sind die beiden hellen, halbmondförmigen Flecken im Nacken. © Pro Natura/Gerhard Sturm

Die Ringelnatter ist eine von acht einheimischen Schlangenarten. Sie besiedelt die ganze Schweiz mit Ausnahme der Hochalpen und Teilen des Juras. Zwei Unterarten kommen in der Schweiz vor: Die sogenannte Nominatform (Natrix natrix natrix) besiedelt nur den Nordosten des Landes, während die Barrenringelnatter (Natrix natrix helvetica) die übrigen Gebiete bewohnt.

 

Das Markenzeichen der Ringelnatter sind die beiden hellen, halbmondförmigen Flecken im Nacken. Sie sind jedoch vor allem bei älteren Tieren oft nur schwach ausgeprägt oder können auch ganz fehlen. Wer genau hinsieht, erkennt ein weiteres Merkmal: Die Schuppen zwischen Auge und Mundspalte sind an ihrem hinteren Rand deutlich schwarz gefärbt. Vor allem die Barrenringelnatter zeigt auf ihren Flanken schwarze, senkrecht stehende Balken – oder eben Barren. 

Brutkasten im Komposthaufen
Schlüpfende Jungschlange. © Stefan Dummermuth
Schlüpfende Jungschlange. © Stefan Dummermuth

Die Ringelnatter ist ein ausgesprochen friedfertiges Reptil. Das zeigt sich sogar bei der Paarung im März oder April: Selbst wenn ganze Knäuel liebestoller Galane um ein einzelnes Weibchen buhlen, bleiben Keilereien aus. Die trächtigen Weibchen legen oft Strecken von über einem Kilometer zurück, um einen passenden Ort für die Eiablage zu finden. Geeignet sind etwa vermodernde Baumstümpfe, Kompost-, Schnittgut-, Sägemehl- oder Misthaufen, in denen durch die Verrottung organischen Materials Wärme freigesetzt wird. In diesen natürlichen Brutkasten legt das Ringelnatterweibchen 10 bis 40 weichschalige Eier ab – und hält damit den Mengenrekord unter den einheimischen Reptilien. Nach sieben bis neun Wochen schlüpfen die bleistiftgrossen Schlangenbabys.

Wenn die Haut zu eng wird
Das Auge der Ringelnatter trübt vor der Häutung ein. © Sonja Haase
Das Auge der Ringelnatter trübt vor der Häutung ein. © Sonja Haase

Wie alle Schlangen wachsen Ringelnattern ihr Leben lang. Da ihre Oberhaut nicht mitwächst, müssen sich die Tiere regelmässig häuten. Ein solcher Garderobenwechsel kündigt sich mit einer Trübung der Augen an, die bei Schlangen durch eine durchsichtige Schuppe geschützt sind. Zwischen der alten und der neuen Hautschicht bildet sich ein Flüssigkeitsfilm, der die Ablösung einleitet. Schliesslich platzt die alte Haut an der Schnauzenspitze auf. Dann streift die Ringelnatter die alte Haut vom Kopf her wie einen engen Strumpf ab und lässt sie mit der Innenseite nach aussen als sogenanntes Natternhemd zurück.

Gut geblufft, ist halb entronnen
Eine Ringelnatter stellt sich tot. © Andreas Meyer
Eine Ringelnatter stellt sich tot. © Andreas Meyer

Ringelnattern leben gefährlich. Zu ihren Feinden gehören Greifvögel, Reiher, Katzen, Füchse, Marder und andere mehr. Die ungiftige Schlange ist wenig wehrhaft und räumt bei Gefahr wenn immer möglich das Feld. Bleibt ihr die Flucht verwehrt, greift sie in die Trickkiste: Sie flacht den Vorderkörper kobraartig ab, zischt und stösst den Kopf in Richtung des Gegners – ohne jedoch tatsächlich zu beissen. Wird sie gepackt, verspritzt sie ein stinkendes Kloakensekret. Als letztes Mittel stellt sich so manches Exemplar tot: Die Schlange verdreht den Körper, erschlafft und lässt die Zunge aus dem geöffneten Maul hängen. Manchmal treten gar ein paar Bluttropfen aus der Mundspalte aus. Kaum lässt die Aufmerksamkeit des Angreifers nach, erwacht die Schlange zu neuem Leben und macht sich davon.

Riechen mit gespaltener der Zunge
Züngeln dient der geruchlichen Wahrnehmung. © Stefan Dummermuth
Züngeln dient der geruchlichen Wahrnehmung. © Stefan Dummermuth

Die Ringelnatter ist wie alle Schlangen beinahe taub. Ihr Sehsinn ist jedoch gut ausgeprägt und hilft ihr sowohl bei der Jagd wie auch beim Erkennen von Gefahren. Das typische Züngeln dient der geruchlichen Wahrnehmung. Durch eine kleine Aussparung an der Schnauzenspitze kann die Ringelnatter ihre Zunge auch bei geschlossenem Mund hervorstrecken. In der Luft schwebende Duftpartikel bleiben an der Zunge kleben und werden beim Zurückziehen in eine mit Sinneszellen besetzte Grube im Gaumen geführt, das sogenannte Jacobson’sche Organ. Die tief gespaltene Form der Zunge hilft der Schlange, ein dreidimensionales «Duftbild» der Umgebung zu erhalten. 

Flinke Froschjägerin
Ringelnattern ernähren sich hauptsächlich von Amphibien. © Matthias Sorg
Ringelnattern ernähren sich hauptsächlich von Amphibien. © Matthias Sorg

Ringelnattern fressen vor allem Frösche und Kröten, aber auch Molche, Salamander, Amphibienlarven und gelegentlich Fische. Die flinke Jägerin geht nicht eben zimperlich vor und verschlingt ihre Beute bei lebendigem Leib. Dabei schiebt die Schlange ihre frei beweglichen Unterkieferhälften abwechselnd vor und transportiert so die Beute Stück für Stück immer weiter in den Schlund. So mancher Frosch ergibt sich jedoch nicht so einfach in sein Schicksal, sondern pumpt sich in Notwehr mit Luft voll. Die Ringelnatter kommt dem bei, indem sie Frösche und Kröten meist von hinten her verschlingt und die Luft so durch das Froschmaul wieder herausgepresst.

Was braucht die Ringelnatter?
Ringelnattern schätzen die Nähe von Gewässern und reichlich Versteckmöglichkeiten. © Matthias Sorg
Ringelnattern schätzen die Nähe von Gewässern und reichlich Versteckmöglichkeiten. © Matthias Sorg

Wegen ihres Speisezettels leben Ringelnattern vor allem in der Nähe von amphibienreichen Gewässern. Sie folgen Frosch und Co. aber auch in deren Landlebensräume und sind deshalb auch weit entfernt von jeglichem Ufer anzutreffen. Nebst genügend Beute braucht die Ringelnatter Sonn- und Versteckmöglichkeiten wie etwa Trockenmauern, Ast- oder Steinhaufen sowie geeignete Eiablagestellen. Den Winter verbringen Ringelnattern in frostfreien Schlupfwinkeln, zum Beispiel in Erd- oder Baumhöhlen, unter Steinen, in Mauerspalten, Kompost- oder Sägemehlhaufen.

 

Im Laufe der letzten 100 Jahren hat der Mensch einen grossen Teil der einst ausgedehnten Lebensräume der Ringelnatter in der Schweiz zerstört: Feuchtgebiete wurden entwässert, Fliessgewässer reguliert, Naturräume überbaut oder durch Strassen zerschnitten. Zudem fehlt es der Ringelnatter im intensiv genutzten, aufgeräumten Landwirtschaftsland an Strukturen wie Hecken, Gräben, Trockenmauern, Steinhaufen oder Altgrasstreifen. So haben die Bestände der Ringelnatter starke Einbussen erlitten. Heute steht die Ringelnatter wie alle Schlangenarten der Schweiz auf der Roten Liste der gefährdeten Arten und ist geschützt. 

Was tut Pro Natura?
Ringelnattern sind auf amphibienreiche Feuchtgebiete angewiesen. © Matthias Sorg
Ringelnattern sind auf amphibienreiche Feuchtgebiete angewiesen. © Matthias Sorg

Ringelnattern fühlen sich dann wohl, wenn es auch den Amphibien gut geht. Um dem Tier des Jahres zu helfen, müssen deshalb die noch vorhandenen Feuchtgebiete geschützt und neue feuchte Lebensräume geschaffen werden. Dies tut Pro Natura im Rahmen ihrer Kampagne «Mehr Weiher für Frosch & Co.»: Sie erstellt selbst neue Fortpflanzungsgewässer für Amphibien und fordert Gemeinden auf, es ihr gleichzutun.

 

Pro Natura betreut über 600 Naturschutzgebiete in der ganzen Schweiz. In diesen Gebieten pflegt sie feuchte Lebensräume gezielt und sorgt dafür, dass Gewässer nicht zuwachsen oder verlanden.

 

Pro Natura engagiert sich für naturnahe Fliessgewässer, in deren Auen sich Reptilien und Amphibien wohlfühlen.

 

Pro Natura macht sich stark für eine Landwirtschaft, die gesunde Nahrungsmittel naturverträglich produziert. So wirkt sie etwa darauf hin, dass die Direktzahlungen des Bundes gezielter für ökologische Leistungen der Landwirtinnen und Landwirte entrichtet werden.

 

Pro Natura ist Mitgründerin der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (karch) und arbeitet projektbezogen mit deren Fachleuten zusammen.