Tier des Jahres 2016 – Die Wasserspitzmaus

Sie beherrscht den Kopfsprung, hat Füsse wie Schwimmflossen und lähmt ihre Beute mit giftigem Biss: Mit der Wasserspitzmaus (Neomys fodiens) kürt Pro Natura eine aussergewöhnliche Bachanwohnerin zum Tier des Jahres.

 

Die Wasserspitzmaus hat sich auf besondere Jagdgründe spezialisiert: Am Grund von Bächen und Teichen taucht der Winzling nach Kleinkrebsen, Insektenlarven und anderen Wasserlebewesen. Mit dieser verblüffenden Lebensweise wirbt das Tier des Jahres 2016 für unverbaute Gewässer mit guter Wasserqualität.

Eine Wasserspitzmaus jagt im Gewässer und erbeutet eine Köcherfliegenlarve.

Nimmermüder Vielfrass
Köcherfliegenlarven sind ein Leckerbissen für die Wasserspitzmaus. © Martin Fischer - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Trichopteralarve1.jpg#/media/File:Trichopteralarve1.jpg
Köcherfliegenlarven sind ein Lecker-bissen für die Wasserspitzmaus.
© Martin Fischer - Wikipedia

Die Wasserspitzmaus erbeutet einen Grossteil ihrer Nahrung im Wasser. Ein ums andere Mal stürzt sie sich kopfvoran ins Nass, sucht mit ihrer spitzen Schnauze den Gewässergrund ab, dreht Steine um, bis sie einen Leckerbissen gefunden hat. Auf ihrem Speisezettel stehen Wasserasseln, Kleinkrebse, Insektenlarven, Schnecken sowie gelegentlich auch grössere Tiere wie Frösche, Molche und kleine Fische. An Land erbeutete Regenwürmer, Schnecken und Insekten ergänzen die Kost. Ihre Beute lähmt sie mit einem für Menschen harmlosen Nervengift, das in ihrem Speichel enthalten ist.

 

Das kleine Tierchen ist überaus gefrässig: Es verspeist täglich sein Eigengewicht an Nahrung. Wie alle kleinen Säuger hat auch die Wasserspitzmaus im Verhältnis zu ihrem Körpervolumen eine grosse Körperoberfläche, über die sie viel Wärme an die Umgebung verliert. Um diesen stetigen Energieverlust auszugleichen, hat sie keine andere Wahl, als tagsüber wie nachts, sommers wie winters regelmässig tüchtig zu futtern.

Formidable Tauchausrüstung
Ein Mantel aus Luftbläschen schützt die Wasserspitzmaus vor Kälte und Nässe. © Prisma / Zwerver
Ein Mantel aus Luftbläschen schützt die Wasserspitzmaus vor Kälte und Nässe. © Prisma / Zwerver

Für die Raubzüge unter Wasser ist das Tier des Jahres bestens ausgerüstet: Borstensäume an den Füssen funktionieren wie Schwimmhäute, während ein Borstenkiel am Schwanz hilft, den Kurs zu halten. Die Deckhaare des dichten Fells haben einen H-förmigen Querschnitt und sind so angeordnet, dass beim Tauchen Luftbläschen im Fell hängen bleiben. So können Nässe und Kälte nicht bis auf die Haut vordringen. Der schützende Luftfilm hat einen Nachteil: Er erzeugt einen starken Auftrieb, gegen den die Spitzmaus mit allen Vieren heftig anpaddeln muss.

Eine Maus, die keine ist
Borstensäume an den Füssen funktionieren wie Schwimmhäute. © Shutterstock / Erni
Borstensäume an den Füssen funktionieren wie Schwimmhäute. © Shutterstock / Erni

Die Wasserspitzmaus ist die grösste von elf Spitzmausarten in der Schweiz. Sie misst ohne Schwanz 6 bis 10 Zentimeter und wiegt 10 bis 20 Gramm. Ihr Pelz ist zweifarbig mit hellem Bauch und schiefergrauem bis schwarzem Rücken. Zur Orientierung verlässt sie sich vor allem auf ihren guten Riecher und die Tasthaare an ihrem beweglichen Rüssel.

 

Die Wasserspitzmaus ist rein äusserlich nur schwierig von der vermutlich noch selteneren Sumpfspitzmaus zu unterscheiden. Diese lebt ebenfalls in Gewässernähe, ist aber etwas weniger stark an das Leben im Wasser angepasst.

 

Mit den «echten» Mäusen ist die Wasserspitzmaus trotz ihres Namens nicht näher verwandt – jedenfalls nicht mehr als etwa ein Hirsch mit einem Fuchs. Denn während die eigentlichen Mäuse zur zoologischen Ordnung der Nagetiere gehören und sich vorwiegend pflanzlich ernähren, zählen die Spitzmäuse zur Ordnung der Insektenfresser. Ihre nächsten Verwandten sind Maulwürfe und Igel.

Ein Gramm schwere Babys (Kurzfilm)
Sechs Tage alte Wasserspitzmausjunge im Nest. © Dieter Köhler
Sechs Tage alte Wasserspitzmaus-junge im Nest. © Dieter Köhler

Wasserspitzmäuse sind Einzelgänger, die sich nur zur Fortpflanzung näher kommen. Nach rund 20 Tagen Tragzeit bringt das Weibchen bis zu dreimal pro Jahr vier bis acht Junge zur Welt. Die nackten, blinden Spitzmausbabys wiegen gerade einmal ein Gramm. In einer mit Moos und Gras ausgepolsterten Nesthöhle säugt und umsorgt die Mutter die Kleinen fürsorglich, verlässt dazwischen aber immer wieder das Nest, um selbst zu jagen und zu fressen. Wagt sich ein vorwitziges Jungtier allzu früh auf Entdeckungstour, wird es von der Mutter am Rüssel gepackt und wieder ins Nest zurückgeschleift. Nach etwa fünf Wochen werden die Jungen jedoch flügge und der Familienverband löst sich allmählich auf. Das Leben von Wasserspitzmäusen ist kurz: In freier Natur werden Wasserspitzmäuse kaum älter als 18 Monate.

Wasserspitzmausbabys zwei Tage nach der Geburt sowie zwei Wochen später zusammen mit der Mutter.

Wohnen an sauberen Gewässern
Die Wasserspitzmaus lebt an Gewässern mit unverbauten Ufern und sauberem Wasser. © Benoit Renevey
Die Wasserspitzmaus lebt an Gewässern mit unverbauten Ufern und sauberem Wasser. © Benoit Renevey

Die Wasserspitzmaus lebt an kleinen bis mittleren Wasserläufen und stehenden Gewässern in der ganzen Schweiz. Sie ist auf sauberes, sauerstoffreiches Wasser angewiesen, in dem sie ein reich gedecktes Unterwasserbuffet vorfindet. Unverbaute Ufer mit dichtem Bewuchs, unterspülten Bereichen, Baumwurzeln oder Steinblöcken bieten dem heimlichen Tier Deckung. Ihren Bau gräbt sich die Wasserspitzmaus entweder selbst, oder sie richtet sich in verlassenen Bauten anderer Kleinsäuger ein. 

Feinde und Gefährdung
Schleiereulen ernähren sich unter anderem von Wasserspitzmäusen. © Imagepoint / Dieter Möbus
Schleiereulen ernähren sich unter anderem von Wasserspitzmäusen. © Imagepoint / Dieter Möbus

Zu den natürlichen Feinden der Wasserspitzmaus gehören Schleiereulen, Reiher, Ringelnattern, aber auch Hechte und Forellen. Säugetiere wie Wiesel, Füchse und Katzen erbeuten ebenfalls Wasserspitzmäuse, fressen sie aber selten, weil ihnen der moschusartige Geruch der Spitzmäuse offenbar nicht behagt.

 

Der grösste Widersacher der Wasserspitzmaus ist allerdings der Mensch. Durch Bachverbauungen, Begradigungen von Flüssen und mangelndes Restwasser unterhalb von Wasserfassungen zerstört er ihren Lebensraum. Uferbereiche werden oft bis an den Gewässerrand bewirtschaftet, Krautsäume komplett abgemäht. Schadstoffe wie Pestizide und Schwermetalle belasten die Gewässer, beeinträchtigen das Nahrungsangebot und reichern sich über die verzehrten Beutetiere in der Wasserspitzmaus an.

 

Die Wasserspitzmaus ist auf der Roten Liste der gefährdeten Arten der Schweiz als «gefährdet» eingestuft und gehört zu den geschützten Tierarten.

Was tut Pro Natura?
Pro Natura setzt sich ein für naturnahe, saubere Gewässer. © Matthias Sorg
Pro Natura setzt sich ein für naturnahe, saubere Gewässer. © Matthias Sorg

• Pro Natura setzt sich ein für saubere Gewässer ohne Pestizide und Rückstände von Düngemitteln. Sie fordert eine ökologisch verträgliche Landwirtschaft und einen konsequenten Schutz der Gewässerräume.

 

• Pro Natura kämpft für einen griffigen Aktionsplan zur Reduktion des Pestizideinsatzes in der Schweiz.

 

• Pro Natura engagiert sich für mehr naturnahe Bäche und Flüsse. Sie initiiert, begleitet und führt Revitalisierungsprojekte durch und setzt sich ein für eine naturverträgliche Nutzung der Wasserkraft.

 

• Pro Natura betreut über 600 Naturschutzgebiete in der ganzen Schweiz. In und entlang von kleinen, grösseren, fliessenden und stehenden Gewässern finden hier viele Tier- und Pflanzenarten wertvollen Lebensraum.

Ein Wasserspitzmausweibchen vertreibt eine Konkurrentin aus ihrem Revier (zuerst Originaltempo, dann in Zeitlupe).