Tier des Jahres 2017 – Der Rothirsch

Der Rothirsch (Cervus elaphus) ist das grösste Wildtier der Schweiz. Zuweilen wird es ihm bei uns zu eng: Auf seinen Wanderungen stösst er immer wieder an Grenzen.

 

Der Rothirsch ist ein typischer Fernwanderer. Sein Lebensraum ist im Sommer zuweilen Dutzende von Kilometern vom Wintereinstand entfernt. Männliche Tiere – Stiere – unternehmen auch während der Brunft weite Wanderungen. Ebenso Junghirsche, die es in die Ferne zieht.

 

Wandernde Tiere haben es nicht leicht in unserer Landschaft. Allenthalben stossen sie auf Siedlungen und Verkehrsachsen, die nur schwer zu überwinden sind. Nicht selten endet die Reise am Zaun einer Autobahn.

 

Warum wählt Pro Natura den Rothirsch zum Tier des Jahres?
Mit der Wahl des Rothirschs setzt Pro Natura ein Zeichen für die Vernetzung unserer zersplitterten Landschaft. Pro Natura engagiert sich für die Überbrückung von Hindernissen durch Wildtierüberführungen.

 

Ein Hirsch stapft steil bergauf durch den Schnee.
Legende: Rothirsche wandern gerne und viel. Oft versperren aber Bauten den Weg. © Eric Dragesco
Rothirsche in der Schweiz – Von 0 auf 35’000

Vor 150 Jahren war der Rothirsch in der Schweiz ausgerottet. Die rigorose Bejagung und der Raubbau am Wald wurden ihm zum Verhängnis.

 

Ab 1870 wanderten aus Österreich wieder erste Hirsche in den Kanton Graubünden ein. Hier hatten sich die Zeiten für sie mittlerweile gebessert: Das 1875 verabschiedete eidgenössische Jagdgesetz beschränkte die Jagdzeiten und schützte die weiblichen Tiere. Der geplünderte Wald erholte sich langsam und breitete sich wieder aus.

 

Sukzessive nahm der Hirsch einen Grossteil der Schweizer Alpen und Voralpen in Beschlag. Seit den 1990er-Jahren besiedelt er von Frankreich aus auch Teile des Juras.

 

Derzeit leben rund 35’000 Rothirsche in der Schweiz. Doch das Comeback ist noch nicht abgeschlossen. Grössere Gebiete mit durchaus günstigen Bedingungen sind noch weitgehend hirschfrei, z.B. das Mittelland, der zentrale und östliche Jura sowie westliche Teile der Alpen. Die durch Autobahnen versperrte Wildtierkorridore hindern den Rothirsch häufig an der Ausbreitung.

 

Rothirsch-Kühe und männlicher Rothirsch mit grossem Geweih geniessen die Abendsonne am Berg.
Vor 150 Jahren verschwunden – heute sind Rothirsche wieder verbreitet. © Eric Dragesco
Eckdaten zum Rothirsch – Ein rotes Fell sieht man nur im Sommer

Ein ausgewachsener männlicher Hirsch – ein Stier – wiegt 170 bis 220 Kilogramm. Er ist damit etwa doppelt so schwer wie ein Steinbock und acht Mal schwerer als ein Reh. Ein weibliches Tier – eine Kuh – ist deutlich kleiner, bringt aber auch 90 bis 130 Kilogramm auf die Waage.

 

Dem deutschen Namen «Rothirsch» werden die Tiere nur im Sommer gerecht. Jetzt ist ihr Fell rotbraun. Im Herbst wechseln sie das Haarkleid und sind dann grau bis graubraun gefärbt. Das winterliche Fell ist dichter und struppiger als das sommerliche. Im Spätfrühling fallen die Winterhaare in grossen Flocken ab.

 

Die Nase ist von allen Sinnesorganen am besten entwickelt. Auf ihren Riecher können sich die Tiere verlassen. Wenn immer möglich, ziehen sie gegen den Wind. Ruheplätze wählen sie so, dass der Wind aus der Richtung möglicher Feindannäherungen weht.

 

Rothirsche können ihre Ohren unabhängig voneinander bewegen. Dies hilft ihnen, Geräuschquellen präzise zu orten.

Die Augen nehmen vor allem wahr, was sich bewegt. Die ovalen Pupillen können sich stark erweitern. Der Hirsch sieht deshalb auch in der Dämmerung recht gut.

 

Zwei Rothirsch-Kühe stecken angespannt die Ohren in Richtung des Fotographierenden.
Rothirsche hören sehr gut – und orten jedes Geräusch sofort. © Eric Dragesco
Slow Food und wenig wählerisch – Rothirsche sind genügsam

Der Rothirsch ist ein Pflanzenfresser mit wenig Anspruch. Er nimmt, was auf den Tisch kommt. Studien zeigen, dass die Tiere mehr als 90 Prozent der Pflanzen im Untersuchungsgebiet als Nahrung nutzten.

 

Hirsche bevorzugen Gräser und Kräuter. Doch auch Blätter und Triebe von Gehölzen, Rinden von Laubbäumen, Flechten, Moose, Baumfrüchte wie Eicheln, Kastanien und Bucheckern machen sie satt. Der Speisezettel passt sich dem saisonalen Angebot an.

 

Das Menu ist Slow Food. 7 bis 10 Stunden äsen die Tiere täglich. Zusätzlich sind sie während 5 bis 6 Stunden mit Wiederkäuen beschäftigt.

 

Mit Genuss vertilgen Rothirsche übrigens auch Fliegenpilze. Man nimmt an, dass sie dies wegen der berauschenden Wirkung tun. Für Menschen ist der Fliegenpilz stark giftig.

 

Kleines Rothirsch-Kalb zupft erste Gräser auf der Waldlichtung.
Früh übt sich, wer satt werden will. © Daniel Walther
Stiere und Kühe – Leben in getrennten Rudeln

Der Hirsch ist gesellig. Ausser zur Brunftzeit leben die Tiere in Rudeln, getrennt nach Geschlechtern.

Weibliche Rudel sind Zusammenschlüsse mehrerer Mutterfamilien. Eine Familie besteht aus einer Kuh, ihrem Kalb und dem letztjährigen Jungtier. Chefin des Rudels ist eine erfahrene Hirschkuh, mit wichtigen Funktionen:

 

> Sie kennt die sicheren Rückzugs-Gebiete und Wildwechsel

> Sie spürt, wann es Zeit wird, den Einstand zu wechseln

> Sie weiss, wie mit störenden Menschen umgegangen wird

 

Die Erfahrungen einer Chefin werden in der Mutterfamilie weitergegeben. So entstehen Traditionen, die sich über Generationen halten.

 

Männliche Jungtiere verlassen die Mutterfamilie im Alter von 2 bis 3 Jahren und schliessen sich zu einem Rudel von Hirsch-Stieren zusammen.

 

Ausserhalb der Brunftzeit sind die Hirsche äusserst scheu und auf Sicherheit bedacht. Man bekommt sie deshalb selten zu Gesicht.

Rothirsch-Kuh mit Kalb im Wald
Fast eine Mutterfamilie – nur das letztjährige Jungtier fehlt noch. © Damian Zenzuenen
Jedes Jahr aufs Neue – Die Last der Krone

Um die 8 Kilogramm wiegt das Geweih eines grossen Stiers. Es wird jedes Jahr innert weniger Monate neu gebildet, als physiologischer Kraftakt. Bis zu 150 Gramm Knochenmasse produziert ein Hirsch täglich.

 

Jedes Jahr verzweigt sich das Geweih weiter. Ein einjähriger Hirsch trägt nur zwei schmale Spiesse, im zweiten Jahr bilden sich schon vier oder sechs Enden. Die maximale Grösse wird zwischen dem siebten und zehnten Lebensjahr erreicht. Dann kann das Geweih 20 Enden tragen.

 

Rechtzeitig zu Beginn der Brunft ist die Stirnwaffe für das Drohen und Kämpfen einsatzbereit. Danach ist sie nur noch eine Bürde. Ende Winter wirft der König des Waldes seine Krone ab.

 

Rothirsch mit grossem Geweih im Herbstwald
Die Bildung des Geweihs ist ein Kraftakt – bis zu 150g Knochenmasse produziert ein Rothirsch pro Tag. © Eric Dragesco
Aufreibende Brunft – Doch die Anstrengung lohnt sich

Im Herbst trennen sich die Stiere von ihrem Rudel. Die zuvor still und heimlich lebenden Tiere setzen sich jetzt laut röhrend in Szene. Bis zu 500-mal pro Stunde brüllt sich ein erregter Stier seine Seele aus dem Leib.

 

Er schliesst sich nun einem Rudel Hirschkühen an, folgt ihnen auf Schritt und Tritt und hält sie am Brunftplatz beisammen. Erscheint ein Rivale, verteidigt er seine Position als Platzhirsch. Die Kontrahenten röhren um die Wette, schreiten steifbeinig mit gesenktem Geweih aneinander vorbei. Gibt keiner klein bei, prallen die Streiter frontal mit den Geweihen aufeinander und schieben sich über den Brunftplatz. Der Kampf endet, wenn einer der Gegner seine Unterlegenheit spürt und flieht.

 

Während der Brunft nimmt ein Stier praktisch keine Nahrung zu sich. Er verliert deshalb bis zu einem Fünftel seines Gewichts. Doch für den siegenden Platzhirsch lohnt sich die Strapaze. Er wird allein alle anwesenden Kühe decken.

 

Zwei Rothirsche mit Geweih stehen am Hang und röhren in der Dämmerung.
Bei der Brunft wird es laut – die scheuen Tiere röhren um die Wette. © Hans Lozza
Energie sparen – Mit temporärem Winterschlaf
Rothirsch mit schönem Geweih im Winterwald
Bitte nicht stören – der Rothirsch kennt einen temporären Winterschlaf © Fotolia, Wolfgang Kruck

Im Winter ist die Nahrung knapp. Zugleich brauchen die Tiere mehr Energie für die Körperheizung. Rigoroses Sparen ermöglicht es ihnen, den Bedarf auf ein Minimum zu reduzieren.

 

Rothirsche vermeiden im Winter jede unnötige Aktivität. Das Volumen des Pansens wird verringert. Die Herzschlagfrequenz sinkt gegenüber dem sommerlichen Maximum um 60 Prozent. Zeitweise schlägt das Herz nur noch 30-mal pro Minute.

 

Gehen die Fettreserven im Spätwinter zur Neige, reduzieren die Tiere den Energieverbrauch in kalten Nächten zusätzlich. Sie drosseln die Durchblutung der Beine und der äusseren Teile des Rumpfes. Dadurch sinkt die Körpertemperatur an diesen Stellen bis auf 15 Grad Celsius. Normalerweise liegt sie bei 37 Grad Celsius.

 

Rothirsche zeigen damit ähnliche Reaktionen wie echte Winterschläfer. Allerdings dauert die Kältestarre bei ihnen jeweils höchstens 9 Stunden. Die Winterruhe ist nur möglich, wenn sich die Tiere absolut sicher fühlen. Bei jeder Flucht muss der Stoffwechsel vom Sparmodus auf Vollbetrieb hochgefahren werden. Umso dringender brauchen Rothirsche absolut ungestörte Wintereinstände.

 

Was tut Pro Natura?

Pro Natura fordert, dass Bewegungsachsen und dazugehörige Wildtierkorridore wieder durchgängig werden. Bei der Planung sowie beim Bau von Infrastrukturen muss der Mensch die Mobilitätsbedürfnisse von Wildtieren berücksichtigen. Wildtiere wie der Rothirsch brauchen unterschiedliche Lebensräume. Sie bewegen sich zwischen Schlaf- und Futterplatz, zwischen Rückzugsort und Fortpflanzungsplatz etc. Unsere zerschnittenen Landschaften erschweren oder verunmöglichen diese wichtigen Bewegungen.

 

Pro Natura fordert von Politik und Behörden auf nationaler Ebene klare Verbesserungen von ökologischer Infrastruktur und vernetzten Naturräumen. Wildtierkorridore sind häufig überregional – rein kantonale Regelungen reichen nicht aus. 

Ökologische Infrastruktur beim Bundesamt für Umwelt

 

Als Anwältin der Natur beobachtet Pro Natura die laufenden Entwicklungen in der Politik. Pro Natura nimmt Einfluss auf den gesetzlichen Schutz der Wildtierkorridore und dessen Umsetzung.

Verbandsbeschwerderecht

 

Pro Natura sensibilisiert die Bevölkerung für das Thema. Warum brauchen Wildtiere vernetzte Lebensräume? Wie kann jede und jeder die Kleintierfallen beseitigen und Durchlässe für Kleintiere ermöglichen?

 

Pro Natura betreut über 650 Naturschutzgebiete in der ganzen Schweiz, mit wertvollen Lebensräumen für viele Tiere und Pflanzen. Dabei ist die Vernetzung zentral. So fördert Pro Natura beispielsweise sogenannte «Trittsteinbiotope», damit sich Wildtiere freier bewegen können. 

Mehr über die 650 Naturschutzgebiete erfahren