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Uno dei quattro pilastri di Pro Natura è la protezione attiva dei biotopi e delle specie.
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Pressefoto gemulchte Alpenfläche
02.05.2023 Alpen

Mulchregelung bedroht Biodiversität im Alpenraum

In ihrer Vernehmlassungsantwort zum Landwirtschaftspaket 2023 kritisiert Pro Natura die vorgeschlagene Mulchregelung im Sömmerungsgebiet. Die Entbuschungs- und Weidepflegetechnik mit brachialen Maschinen hinterlässt massive Spuren in der Landschaft und bedroht die bereits gefährdete Insektenwelt. Um die Herausforderungen im Alpenraum zu bewältigen, braucht es regionale Alpkonzepte anstatt schweren Maschineneinsatz mit hohem administrativem Aufwand.

Mit einem Grossteil der Anpassungen im neuen Landwirtschaftspaket 2023 zeigt sich Pro Natura einverstanden. Aber: «Die vorgeschlagene Regelung für das Mulchen im Sömmerungsgebiet ist ein Rückschritt für die akut bedrohte Biodiversität und muss zurückgewiesen werden», betont Marcel Liner, Experte für Agrarpolitik bei Pro Natura.

Fehlende wissenschaftliche Grundlagen

Moderne Mulchgeräte sehen aus wie überdimensionierte Rasenmäher oder sind an Traktoren befestigt. In den sensiblen und bisher wenig beeinflussten Naturgebieten der Alpen hinterlassen sie entsprechende Verwüstung. Fotos von gemulchten Flächen im Alpenraum zeigen, welche drastischen Folgen ein grossflächiger und unsachgemässer Einsatz haben kann: aufgerissener Boden und verhäckselte Zwergsträucher auf den sonst naturnahen Alpflächen. «Das ist nicht nur unschön anzusehen und negativ für den Tourismus, sondern schädigt auch Biodiversität und Boden», kritisiert Liner. Wissenschaftliche Untersuchungen zu den Auswirkungen beispielsweise auf die stark bedrohte Insektenwelt im Alpenraum fehlten im Vorschlag des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW). 

Mehr administrativer Aufwand

«Mit dem unausgereiften Vorschlag zum Mulchen im Sömmerungsgebiet hat das BLW dem Druck einiger weniger Kantone nachgegeben», bedauert Liner. Dabei ist die Unterscheidung zwischen Weidepflege und Entbuschung, wie sie die Vorlage vorsieht, in der Praxis kaum umsetzbar und wird den administrativen Aufwand für die Kantone weiter erhöhen.
Auch Pro Natura ist der Ansicht, dass Weiden vor Verbuschung und Vergandung geschützt werden müssen. «Das sieht die bestehende Direktzahlungsverordnung schon jetzt so vor. Doch der Trend hin zu immer weniger und immer grösseren Landwirtschaftsbetrieben führt zu laufend weniger Arbeitskräften, weniger Biodiversität und zu einem Rückgang von Ziegen und alptauglichen Rindern», so der Experte. 

Es braucht regionale Alpkonzepte

Die übergeordneten Herausforderungen der Alpwirtschaft werden allein mit mehr Maschineneinsatz nicht gelöst. Dafür sind regionale Alpkonzepte notwendig, die aufzeigen welche Alpen in den kommenden Jahrzehnten überhaupt weiterhin bestossen werden können, wo genügend Tiere vorhanden sind und wo eine Bewirtschaftung besser aufgegeben werden muss. Darum weist Pro Natura die neue Mulchregelung des BLW zurück. Agrarexperte Liner bekräftigt: «Zuerst braucht es eine grundsätzliche Diskussion über eine Alpwirtschaft mit Zukunft.»

Weitere Informationen:

Kontakt:

  • Marcel Liner, Leiter Landwirtschaftspolitik, @email, 061 317 92 40
  • Nathalie Rutz, Medienverantwortliche, @email, 079 826 69 47
     

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Medienmitteilung zur Vernehmlassungsantwort zum Landwirtschaftspaket 2023

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Pressefoto gemulchte Alpenfläche
Im Einsatz für die Natur
13.03.2023 Alpen

«Wir haben zusammen viel bewirkt»

Die 26-jährige Tonia Estermann hat 13 Wochen für die Pro Natura Naturschutzgruppe «Pro Biotop» gearbeitet. Diese bietet frisch ausgebildeten Forst-, Landwirtschafts- und Gartenbauberufen die Möglichkeit, Erfahrungen im praktischen Naturschutz zu sammeln.

Pro Natura Magazin: Was hat Ihnen Ihr Einsatz bei «Pro Biotop» gebracht?

Tonia Estermann: Ich habe sehr viel profitiert, auch an Menschenkraft und an Motivation.

Menschenkraft?

Wir waren sechs Berufsleute sowie zwei Praktikantinnen, haben uns nicht gekannt und lebten und arbeiteten dann plötzlich 13 Wochen lang zusammen. Dabei haben wir erlebt, wie viel wir in kurzer Zeit bewirken können. Wir alle zusammen. Das gibt ein sehr gutes Gefühl, auch für später.

Manche Dinge kann man nur schaffen, wenn alle am selben Strang ziehen?

Ja. Auch oder gerade weil wir nicht alle denselben Hintergrund hatten. Neben mir hat noch jemand eine landwirtschaftliche Ausbildung, zwei sind Forstwarte und zwei Landschaftsgärtner. Alles ähnliche Berufe, aber alle mit jeweils eigenen Schwerpunkten.

Wie haben Sie das bei Ihren Einsätzen gemerkt?

Spannend war, dass alle dieselbe Aufgabe etwas anders angegangen sind. Den Forstwarten war beispielsweise ein abgestufter Waldrand wichtig. Ich finde das auch schön, habe mich aber gefragt, ob das für den Landwirt, der die Wiese später bearbeiten muss, nicht zu kompliziert ist. So haben alle ihren Blickwinkel eingebracht und zusammen haben wir die Arbeit dann umgesetzt.

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Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Es blickt hinter die Kulissen politischer Entscheide und schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft. Als Mitglied erhalten Sie das Magazin fünf mal im Jahr direkt in Ihren Briefkasten.

Alle haben alles gemacht?

Im Prinzip schon. Aber klar, wenn es ­darum ging, grosse Bäume zu fällen, ­haben das eher die Forstwarte über­nommen, bei den Trockenmauern hatten die Landschaftsgärtner mehr Erfahrung und beim Mähen wir Landwirtinnen.

Sie sprechen es an: Die Einsatzgruppen von «Pro Biotop» werten nationale Trockenstandorte und Flachmoore im Berggebiet auf. Sie entbuschen und mähen steile Hänge, verlegen Wanderwege oder sanieren Trockenmauern. Was haben Sie während Ihres Einsatzes alles getan?

Ganz vieles davon. Wir haben vor allem Trockenwiesen entbuscht und gemäht. Kürzere Einsätze hatten wir auch
in Flachmooren, und wir haben Trockenmauern gebaut.

Was war Ihr Highlight?

Oh. (Überlegt lange.) Das ist schwierig.
Es war insgesamt megatoll. Ich war an vielen Orten, wo ich wohl sonst nie ­hingekommen wäre. Wir waren fast jede Woche woanders. Dann hatten wir am Wochenende frei und am Sonntag reisten wir an einen neuen Ort. Wir wussten zwar im Voraus, wohin wir gehen werden, trotzdem war das sehr spannend. Herrlich war auch, jeden Tag Bergluft zu riechen. Ich würde einen solchen Einsatz allen empfehlen nach der Lehre. Es lüftet so richtig den Kopf und macht Platz für neue Ideen.

Auf welche Ideen sind Sie gekommen?

Ich werde den nächsten Sommer auf einer Alp verbringen. Das war schon lange ein Traum, den ich nun erleben darf.

Und danach?

Konkrete Pläne habe ich noch nicht, aber ich würde sehr gerne auf einem Hof arbeiten.

Tonia Estermann
Pro Biotop
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Schweizer Nationalpark
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In der Natur aufs WC gehen

Sie sind in der Natur unterwegs und benötigen dringend ein stilles Örtchen? Doch weit und breit ist kein WC auffindbar? Kein Problem – ein umweltfreundlicher Toilettengang ohne Papier in der Natur ist immer möglich. Lesen Sie unsere Tipps und Tricks.

Egal ob Sie eine Wanderung, eine Camper-Tour oder einen Familienausflug in ein Naturschutzgebiet planen: Expeditionen in die Natur tun der Seele gut und stärken unsere Verbundenheit mit der Umwelt. Die Sonne scheint, Sie atmen die frische Waldluft ein und spazieren von A nach B. Nach ein paar Kilometern müssen Sie aufs WC. Die beste Lösung ist in jedem Fall das Aufsuchen einer Toilette. Manchmal kann man es sich jedoch nicht verkneifen und muss sich in der Natur erlösen. Doch was bedeutet das für die Umwelt und wie können Sie Ihr Geschäft möglichst achtsam erledigen? 

Tatort: Urin, Kot und haufenweise Toilettenpapier

Obwohl das Erleichtern ein natürlicher Vorgang ist, verschmutzen menschliche Exkremente die Natur. Urin kann Spuren von Medikamenten, Hormonen und Zusatzstoffen aus Lebensmitteln beinhalten. Zudem hat Urin einen hohen Stickstoffanteil. Dadurch bringt Urin den Pflanzenhaushalt durcheinander. Auch Kot enthält schädliche Inhaltsstoffe. Vereinfacht gesagt, findet man in Kot alle Stoffe, die der menschliche Körper nicht verdauen kann. Kot kann also Viren, Bakterien und Parasiten enthalten.  

Problematisch wird es vor allem dann, wenn Krankheitserreger in Gebiete gelangen, die dort normalerweise nicht vorkommen. Kot hinterlässt nicht nur sichtbare Spuren, sondern verunreinigt auch Boden und Wasser. Gelangen die Erreger in ein Gewässer, können sie sich besonders schnell ausbreiten und weiter gedeihen. Das ist gefährlich und kann dazu führen, dass Tiere erkranken. 

Der Urin versickert. Zurück bleibt das Taschentuch oder Toilettenpapier, das zum Abwischen verwendet wurde. Die Ansammlung von Klopapierrosen ist kein schöner Anblick – leider verschwindet er auch nicht so schnell wieder! Ein Papiertaschentuch braucht ca. ein Jahr, bis es vollständig zersetzt ist. Die folgende Tabelle zeigt eine Übersicht der Zersetzungsdauer von verschiedenen Abfällen. 

Zersetzungsdauern im Vergleich: 

Papiertaschentuch
Zigarettenstummel
PET-Flasche

Bemerkungen
- Papiertaschentuch: Toilettenpapier zersetzt sich schneller.
- Bananen- und Orangenschalen: Oft inklusive Freisetzung von Pestiziden.
- Zigarettenstummel: Freisetzung von Chemikalien und Schwermaterialien.
- PET-Flasche / Plastik: Wird kaum abgebaut, zerfällt in immer kleinere Mikropartikel und verbleibt so in der Umwelt.  

Toilettenpapier eignet sich zwar besser als Papiertaschentücher, es bleibt jedoch auch einige Zeit sichtbar. Das ist vor allem problematisch, wenn ein Gebiet von vielen Ausflügler/-innen besucht wird und alle ihre Papiere liegen lassen. Dadurch entstehen zum Teil grössere Ansammlungen von Klopapier. 

Schützen Sie Tiere und Lebensräume. Bitte achten Sie beim Toilettengang in der Natur auf ein paar einfache Dinge.  

Umgang mit Toilettenpapier, Urin und Kot in der Natur 

Finden Sie das nächste WC:  

Vermeiden Sie den Toilettengang in der Natur. Nutzen Sie öffentliche WCs an Bahnhöfen und Busstationen, in Restaurants und Berghütten oder in Naturzentren. Mit Apps wie «Toiletten Scout» oder «WC-Karte» finden Sie Toiletten in Ihrer Nähe. Informieren Sie sich am besten im Voraus über mögliche WC-Standorte auf Ihrer geplanten Route.  

Urin und Kot in der Natur: 

1. Vorbereitung: 

Mit den richtigen Utensilien sind Sie für den Toilettengang in der Natur gut gerüstet. 

Zum Pinkeln:  

  • Verschliessbare Plastik-Beutel
  • Toilettenpapier oder Peerag
  • Desinfektionsmittel 

Für Kot:

  • alles wie oben
  • Kleine Schaufel
  • Reisebidet für längere Touren 
Packen für den Toilettengang Nathalie Leutenegger

Infobox: Peerag  
Alternativ zum Klopapier können Sie einen Peerag, zu deutsch «Pipi-Lappen», nutzen. Achtung, dieser eignet sich nur für das Abwischen nach dem Pinkeln. Nach der Nutzung lassen Sie den Lappen in der Sonne trocknen. Waschen Sie den Peerag zu Hause in der Waschmaschine. 

2. Standort wählen:  

Für den Schutz der Umwelt: Entfernen Sie sich mindestens 70 Meter von Bächen, Seeufern und Wanderwegen und vermeiden Sie Verschmutzungen. Beachten Sie dabei jedoch die Weggebote in Schutzgebieten. Vermeiden Sie bei Ihrem Toilettengang das Betreten von sensiblen Lebensräumen wie Mooren.  

Für Ihren persönlichen Schutz: Achten Sie auf Hummelnester, Ameisenhaufen und Brennesselblätter. 

Standort wählen Nathalie Leutenegger

3. Wildpinkeln:

Wenn Sie Toilettenpapier verwenden, nehmen Sie das gebrauchte Papier in einem verschliessbaren Beutel mit und entsorgen Sie es zuhause. Sie können Toilettenpapier aber auch ersetzen: 

  • Verwenden Sie einen Peerag.
  • Nutzen Sie grosse, weiche Blätter.  
Wildpinkeln Nathalie Leutenegger

4. Wenn Sie gross müssen: 

  1. Buddeln Sie ein kleines Loch: etwa 10 bis 15 cm tief. Verwenden Sie dazu eine kleine Schaufel oder einen Klappspaten. Falls Sie keines dieser Utensilien dabeihaben, können Sie auch einen Ast verwenden.
  2. Erledigen Sie Ihr Geschäft in das Loch.
  3. Falls Sie zum Abwischen Klopapier verwenden, nehmen Sie es in dem mitgebrachten Plastik-Beutel wieder mit. Alternativ verwenden Sie ein mobiles Bidet. Damit können Sie nach dem Geschäft auch gleich noch Ihre Hände waschen.
  4. Bedecken Sie das Loch mit Erde, Steinen oder Schnee. 
Zum Kacken Nathalie Leutenegger

Mit diesen einfachen Tipps dämmen Sie die Verschmutzung der Natur etwas ein. Wir bleiben dennoch bei unserer Empfehlung, dass Sie im besten Fall die nächste Toilette aufsuchen. Einen letzten Tipp haben wir aber noch. Falls Sie mehrere Tage unterwegs sind und Sie Ihre Ausrüstung aufstocken möchten, empfehlen wir Ihnen ein Reisebidet. Dieses können Sie nach dem grossen Geschäft zum Säubern verwenden. Mit der folgenden Anleitung können Sie sich Ihr Reisebidet selbst basteln: 

 

Reisebidet:

Sie benötigen: 

  • Eine gebrauchte PET-Flasche.
  • Ein scharfes Messer.
  • Eine kleine Feile.
  1. Entfernen Sie die abstehenden Haltestreifen und die innenliegende, weiche Scheibe des Deckels.
  2. Schnitzen Sie an der Deckeloberseite eine kleine Öffnung. Die Öffnung sollte nicht zu gross werden, da auch mit wenig Druck ein gezielter Strahl entstehen sollte. Am besten testen Sie die Öffnung fortlaufend während dem Schnitzen. 
  3. Schleifen Sie abstehende Kanten mit der kleinen Feile ab. 
  4. Am besten nehmen Sie immer noch einen zweiten, intakten Deckel mit. So können Sie die Flasche verschliessen und das übriggebliebene Wasser weiter mittransportieren.  
PET-Flasche als Reisebidet Nathalie Leutenegger
Moorlandschaft Habkern
Raus in die Natur – mit Respekt!
Die Natur bietet uns Platz für unsere liebsten Freizeitaktivitäten. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, dass wir bei ihr zu Gast sind.
Sömmerungsgebiet
27.06.2023 Alpen

Schafsömmerung: Pro Natura fordert Gesamtstrategie

Strukturwandel, Arbeitskräftemangel, der Wolf: Die Berglandwirtschaft steht vor grossen Herausforderungen. Um die Schafsömmerung für die Zukunft zu rüsten, ruft Pro Natura die involvierten Akteure dazu auf, gemeinsam regionale Gesamtkonzepte mit ganzheitlichen Lösungen zu erarbeiten.

Die Berglandwirtschaft wird durch die menschgemachte Klimakrise, Arbeitskräftemangel und Wolfspräsenz vor grosse Belastungsproben gestellt. Jährlich geht die Anzahl Sömmerungsbetriebe um zwei Prozent zurück, wachsen hunderte Hektaren Futterflächen ein. Vor allem Schafalpen mit weniger als 50 Tieren gehen ein, weil sie zu abgelegen sind, die Infrastruktur ungenügend ist, sich keine Betriebsnachfolge findet oder Hilfskräfte und Finanzen für den Herdenschutz fehlen. Gleichzeitig wird die Nutzung auf grösseren Betrieben intensiviert. So hat die Anzahl gesömmerter Schafe trotz Rückgangs der Betriebe in den letzten Jahren kaum abgenommen. 

Bessere Informationsgrundlagen nötig 

Auch Rinderalpen stehen vor Problemen: Sennereien werden beispielsweise wegen Wassermangels aufgegeben. «Solche Alpen würden sich teilweise für die Beweidung durch Schafe eignen, mit guten Voraussetzungen für Herdenschutz», sagt Sara Wehrli, Expertin für grosse Beutegreifer bei Pro Natura. Sowohl Alpaufgaben als auch Intensivierung verschärfen die Biodiversitätskrise: «Während aus Naturschutzsicht wertvolle Flächen auf Schafweiden trotz Sömmerungsbeiträgen verlorengehen, führt auf Rinderalpen der Einsatz von Hochleistungsrassen mit Zufütterung von Kraftfutter zu Überdüngung, der Ausbau von Zufahrtsstrassen schädigt Lebensräume und Artenvielfalt», erklärt Pro Natura Agrarexperte Marcel Liner.  

Aufgrund mangelhafter Datenlage bei Bund und Kantonen ist zudem nicht bekannt, wie gut Weideverbote in Gebieten mit empfindlichen Pflanzen umgesetzt werden. «Mit öffentlichen Geldern wird daher aktuell Beweidung auch dort unterstützt, wo sie der Artenvielfalt mehr schadet, als nützt», so Liner. Die Kantone müssten daher unbedingt bessere Informationsgrundlagen schaffen.   

Schafsömmerung neu denken 

Pro Natura würde es begrüssen, wenn sich Nutztierhaltende, Bund, Kantone und Umweltverbände zu einer ernsthaften Diskussion über die Sömmerungspraxis zusammensetzen würden. Ziel sollte es sein, prioritär zu erhaltende Alpen festzulegen und die Alpwirtschaft dort finanziell zu fördern, wo klare Vorgaben des Arten-, Biotop- oder Landschaftsschutzes festgelegt wurden. Beweidung mit Schafen hat beispielsweise nicht überall einen positiven Einfluss auf die Biodiversität. Oberhalb der Baumgrenze, wo Verbuschung von Natur aus nicht stattfindet, hat die Beweidung keine biodiversitätsförderlichen Effekte. Das betrifft rund 40 Prozent der gesamten Sömmerungsflächen der Schweiz; wo Wildtiere weiden und durch Nutztiere verdrängt oder mit Krankheiten angesteckt werden.   

In Zukunft sollte die Sömmerungspraxis ganzheitlicher angeschaut werden. Die Aufgabe einzelner Alpbetriebe darf kein Tabu sein. Dafür könnte der Bund die Tierhaltenden bei der Erstellung einzelbetrieblicher Schutzkonzepte finanziell unterstützen. «Schafsömmerung sollten wir vorrangig auf jenen Flächen und mit jenen Rassen gewährleisten, wo es aus ökologischer, landwirtschaftlicher und gesellschaftlicher Sicht am meisten Sinn macht», betont Wehrli. Wo und wie genau das gemacht wird, gilt es gemeinsam festzulegen.  

Kontakt: 

  • Sara Wehrli, Projektleiterin Jagdpolitik und Grosse Beutegreifer, @email, 061 317 92 08  
  • Marcel Liner, Projektleiter Landwirtschaftspolitik, @email, 061 317 92 40 
  • Nathalie Rutz, Medienverantwortliche, @email, 079 826 69 47

 

Schafherde im Lauterbrunnental
08.08.2024 Wolf, Luchs, Bär

Der Wolf und die Biodiversität auf den Schweizer Alpen – eine Einordnung

Welche Tiere gehören in die Alpen? Was sind die Bedrohungen der Alpwirtschaft? Und: Schadet der Wolf der Biodiversität in den Alpen? Die Situation im Alpenraum ist komplex. Pro Natura ordnet ein.

Die Rückkehr des Wolfes in die Schweiz führt insbesondere im Alpenraum zu kontro­versen Debatten. Es wird über Nutztierschäden und Herdenschutz diskutiert und wolfskritische Kreise befeuern eine weitere These: Die Rückkehr des Wolfes schade der Biodiversität in den Alpen, weil sie die Sömmerung von Nutztieren und damit eine der Artenvielfalt förderliche Bewirtschaftung der Alpweiden verunmögliche. Jedoch gibt es keine wissenschaftlichen Studien, die dies belegen. Pro Natura hält es zudem für kontraproduktiv, einen Aspekt der Biodiversität gegen einen anderen auszuspielen. Wir können nicht den Wolf und seine ökologische Bedeutung gegen extensive Weiden und ihre Flora und Fauna ausspielen. Pro Natura ordnet die komplexe Thematik ein.

1. Der ökologische Wert extensiv bewirtschafteter Wiesen und Weiden ist unbestritten.

Die Alpen waren immer schon ein dynamischer, sich wandelnder Natur- und Kulturraum. Es gibt folglich nicht «die» Kulturlandschaft der Alpen. Die heute noch im Alpenraum bestehenden artenreichen Wiesen- und Weideflächen beispielsweise sind ein winziger Bruchteil der Flächen, die es im 19. Jh. in unserem Land gab. Gleichzeitig sind viele Alpen heute überdüngt, übernutzt und eintönig an Tier- und Pflanzenarten. Es gilt daher, die verbliebenen artenreichen, extensiven Standorte zu erhalten und angepasst zu bewirtschaften. Denn sie sind wichtige Rückzugsgebiete für seltene Tier- und Pflanzenarten.

2. Der Wolf ist Teil der Biodiversität und gehört in die Alpen.

Die Schweiz braucht wieder mehr Flächen mit freier(er) Naturentwicklung, auch in den Alpen, um ihre Biodiversität längerfristig zu sichern. Der Wolf bringt eine wichtige Dynamik in die von (zu) hohen Wildbeständen geprägten Bergwälder zurück und könnte dadurch indirekt die Waldverjüngung fördern. Er ist selbst Teil der einheimischen Artenvielfalt. Die alpinen Wolfsbestände (insbesondere in der Schweiz, Bayern und Österreich) haben aber noch keinen günstigen Erhaltungszustand erreicht, dennoch wird bereits massiv durch Abschüsse in sie eingegriffen. Für die ökologische Rolle, die der Wolf z.B. bei der Waldverjüngung spielt, sind aber jene Wölfe wichtig, die hierzulande leben, und nicht die hohen Wolfsbestände in Rumänien oder Kanada, auf die Wolfsgegner gerne verweisen. Wichtig ist, dass die Schweiz ihren Teil dazu beiträgt, dass eine gesunde Population an Alpenwölfen ihre ökologische Funktion für die hiesigen Wildbestände und Wälder erfüllen kann.

3. Fehlendes Personal, Rentabilität und Infrastruktur sind die grösste Bedrohung für die Alpwirtschaft.

Extensive Sömmerungsweiden haben als Bewirtschaftungsform in den Alpen lange vor der Rückkehr des Wolfes stark abgenommen. Dafür gibt es verschiedene Gründe:

  • Demographischer Wandel (Abwanderung in die Städte, Mobilität und Vielfalt der Arbeitsperspektiven für junge Berufsleute)
  • Preiskonkurrenz globaler Märkte und sinkende Lebensmittelpreise
  • fehlende Fachkräfte und Infrastrukturen (z.B. Hirtenunterkünfte, Brunnen, Wege)
  • Kleinviehhaltung im blossen Nebenerwerb

All dies hat dazu geführt, dass die Beweidung von anspruchsvollen und arbeitsintensiven Flächen, wie sie auf den Alpen vorkommen, nicht mehr rentabel sind und in der Folge aufgegeben werden. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Kleinviehalpen aus vielen Gründen aufgegeben werden, die Wolfspräsenz dabei aber keine massgebliche Rolle spielt (1).

(1) Mink, S., Longinova, D., & Mann, S. (2023): Wolves` contribution to structural change in grazing systems among swiss alpine summer farms: The evidence from causal random forest. In:  Journal of Agricultural Economics, 00, 1-17.

 

4. Beweidung mit Nutztieren ist nicht generell gut für die Biodiversität.

Nicht jede Form der Beweidung ist gut für die Biodiversität. Damit die Beweidung einer Fläche für die Biodiversität Vorteile bringt, müssen verschiedene Faktoren stimmen:

  • Art und Rasse der Nutztiere in Bezug zu umwelträumlichen Faktoren (Hangneigung, Boden, Klima, Pflegeziele)
  • Anzahl Nutztiere pro Fläche
  • Beweidung über oder unter der Waldgrenze
  • Dauer der Beweidung sowie Herdenführung

Nur wenige Schafrassen eignen sich beispielsweise, um einwachsendes Gehölz einzudämmen. Um eine gleichmässige Nutzung der Fläche zu gewährleisten, müssen Schafe regelmässig die Koppel wechseln. Oberhalb der Waldgrenze, wo die Mehrzahl der Schafe gesömmert wird, gibt es keinen einwachsenden Wald, den es durch die Beweidung zurückzuhalten gälte. Wo Nutztierherden weiden, ist oft kaum noch Platz oder Nahrung für Gämsen, Steinböcke oder Hirsche. Zudem können Krankheiten von Nutz- auf Wildtiere überspringen. Damit sie nicht in den Wald oder auf Moränen steigen und Wildtiere verdrängen, müssen die Herden beaufsichtigt werden.

5. Wiederbewaldung ist nicht generell schlecht für die Biodiversität.

Gebirgswälder sind nicht per se «dicht und artenarm» oder ökologisch weniger wert als extensive Weiden. Je nach Entwicklungsstadium weisen Wälder unterschiedliche Artenzusammensetzungen auf und gehen durch Stadien mit mehr oder weniger Biodiversität. Es gilt zudem, den Blick für das ganze Spektrum der Artenvielfalt zu öffnen (inkl. Bodenlebewesen, Pilze) und nicht nur mit einigen wenigen, liebgewonnenen emblematischen Arten des Naturschutzes zu argumentieren. Regionale Gesamtkonzepte für die Sömmerung könnten beim Entscheid helfen, welche Alpen vorrangig erhalten werden sollen und in welchen Gebieten eine Nutzungsaufgabe und Wiederbewaldung toleriert werden kann. Nur leider hinkt diese Gesamtplanung in den Kantonen hinterher.

Wie Untersuchungen im Schweizerischen Nationalpark gezeigt haben, übernehmen insbesondere Rothirsche durch ihr Weideverhalten die Funktion von Nutztieren und halten artenreiche Flächen frei.

6. Für punktuelle Zielkonflikte gibt es Lösungsansätze.

Ein potenzieller Zielkonflikt zwischen extensiven Naturschutzweiden und der Rückkehr des Wolfes besteht auf einigen wenigen, lokal begrenzten Flächen. Nämlich auf kleinen, steilen Bergweiden unterhalb der Waldgrenze, die teilweise schwierig zu schützen sind. Es ist nicht zulässig, die Interessenkonflikte in diesen sehr spezifischen Situationen auf das gesamte Sömmerungsgebiet zu übertragen. Zum Schutz und Erhalt von Naturschutzweiden und Waldweiden unterhalb der Waldgrenze müssen Lösungen für eine Fortführung der Beweidung trotz Wolfspräsenz gefunden werden. Denkbar wäre z.B. eine Ausweitung von Zivildiensteinsätzen im Herdenschutz auch ausserhalb der Sömmerungsgebiete, mit einem eigenen Pflichtenheft für die Herdenschutz-Unterstützung und die Landschaftspflege auf Naturschutz- und Waldweiden, menschliche Nachtwachen (Freiwilligen-Projekte wie OPPAL), der Einsatz von leichten, behornten Robustrassen (Rinder) mit intaktem Feindabwehr-Verhalten oder sogenannter «Turbo-Fladry» (elektrifizierte Lappenzäune).     

7. Herdenschutz funktioniert. Nutztierhaltende sollen dabei bestmöglich un­terstützt werden.

Herdenschutz ist das A und O der Nachbarschaft mit dem Wolf – und funktioniert sehr gut, wie die kontinuierlich abnehmenden Risszahlen pro Wolf in der Schweiz und der Vergleich mit ungeschützten Herden zeigen. Einen hundertprozentigen Schutz gibt es auch hier nicht – die Reduktion der Risse ist jedoch wirtschaftlich wie psychologisch be­deutend.

Sämtliche Expert:innen und wissenschaftlichen Untersuchungen sind sich einig, dass Herdenschutz zufriedenstellend wirkt und unverzichtbar ist, selbst wenn Wölfe reguliert werden. Herdenschutz in den Alpen ist keine Frage der technischen Machbarkeit oder Finanzierung (mehr), sondern vor allem des zumutbaren Arbeitsaufwands. Bund und Kantone (Finanzierung, Beratung, Weiterentwicklung Herdenschutz) als auch Zivilgesellschaft (Freiwilligeneinsätze, Zivildienstleistende) sind aufgerufen, ihren Beitrag zur Unterstützung der Älpler:innen zu leisten, zum Beispiel  auch durch angepasstes Verhalten bei Freizeitaktivitäten in den Bergen bei Präsenz von Herdenschutzhunden.

8. Wolfsfreie Zonen im Alpenraum sind unrealistisch.

Das ökologisch fragwürdige Wolfsmanagement mittels «wolfsfreier Zonen» (schön­färberisch «Weideschutzgebiete» genannt) wie es in Schweden oder Norwegen zum Schutz der Rentierhaltung praktiziert wird, ist keine Lösung für den Umgang mit dem Wolf in den kleinräumigen Alpenländern. Es bestehen gar nicht die nötigen Flächen, um Viehwirtschaft und gesunde Wolfsbestände räumlich voneinander zu trennen. Zudem ist es angesichts der Tatsache, dass die Schweiz von Ländern mit wachsenden Wolfsbeständen umgeben ist, illusorisch zu denken, «wolfsfreie» Gebiete könnten mit verhältnismässigem Aufwand gesichert werden. Auch in den wolfsfreien Zonen würde es ohne Herdenschutz zu regelmässigen und in Einzelfällen zu massiven Rissen von Nutztieren durch Einzelwölfe kommen. Der Wolf als raumgreifende Art kann nicht in einigen kleinflächigen Schutzgebieten überleben – zum Erhalt der Art führt kein Weg an einem Nebeneinander in der Kulturlandschaft vorbei.

9. Das Jagdrecht lässt heute schon weitgehende Eingriffe in den Wolfsbestand zu.

Trotz Schutzstatus können Wölfe in der Schweiz und Frankreich bereits heute reguliert werden, und auch in Deutschland und Österreich wurden die Schwellen für Abschüsse schadenstiftender Tiere deutlich gesenkt. In der Schweiz und Frankreich sind legale Abschüsse die häufigste Todesursache für Wölfe. Rund 20 Prozent des Bestands werden in Frankreich jährlich «entnommen». Das ist viel für eine eigentlich geschützte Tierart. Bei Angriffen auf Rinder oder Pferde besteht in der Schweiz sogar Nulltoleranz – bereits ein verletztes Tier reicht für den Abschuss des Wolfes, ohne dass Herdenschutzmassnahmen vorausgesetzt werden. Seit 2023 ist in der Schweiz auch das proaktive Regulieren von Wölfen erlaubt, sofern dies in plausiblem Zusammenhang mit einem grossen Schadenspotenzial steht.

10. Nur bei flächig umgesetztem Herdenschutz kann Wolfsregulierung ein Beitrag zur Koexistenz sein

Fraglos ist eine Regulierung der Wolfsbestände in der alpinen Kul­turlandschaft notwendig, um einen Ausgleich zwischen den Interessen der Landwirtschaft und des Artenschutzes herzustellen, die Zunahme der Wolfsbestände zu bremsen und den vom Wolf direkt Betroffenen eine zusätzliche Handhabe zu geben, dort wo der Herdenschutz wiederholt versagt. Man darf sich von der Regulierung aber keine Wunder erhoffen, was den Rückgang von Nutztierrissen betrifft. Die Wolfsregulierung wird am ehesten dann zur Reduktion von Schäden beitragen können, wenn zugleich der Herdenschutz flächig umgesetzt ist. Denn auch ein einzelner Wolf kann in ungeschützten Herden grosse Schäden anrichten.

Der Wolf als Chance für die Biodiversität und die Alpen

Der Wolf ist in vom Menschen stark geformten Kulturlandschaften wie jenen der Alpen eine Herausforderung, das ist unbestritten. Ein Nebeneinander ist jedoch möglich. Dies zeigt die Realität in vielen europäischen Ländern, wo der Wolf nie verschwunden ist. In der Schweiz muss sich dieses Nebeneinander aber erst einspielen. Dabei kommen wir als Gesellschaft nur weiter, wenn wir die Koexistenz mit dem Wolf als Aufforderung zur Zusammenarbeit verstehen: Gemeinsam lernen, Lösungen suchen und umsetzen, heisst die Devise.

Weder die Berglandwirtschaft noch die Biodiversität der Alpen sind durch die Rückkehr des Wolfs dem Untergang geweiht. Es ist wichtig, in der Herausforderung auch die Chancen zu sehen:

  • das ökologische Potential des Wolfes im Wald-Wild Kontext
  • die gesellschaftlichen Chancen der Zusammenarbeit und Solidarität zwischen Stadt und Land
  • die Verbesserung der Tierhaltung im Sömmerungsgebiet

Unbestritten ist, dass die Berggebiete bei den zahlreichen Herausforderungen, vor denen sie aufgrund Klimaerwärmung, Strukturwandel oder Wolf stehen, auf nationale Solidarität und Unterstützung angewiesen sind und dass ihre Expertise einen hohen Stellenwert bei jeglicher Lösungsfindung haben muss.

Wolf im Wald Betyarlaca | iStock

Wolf und Alpwirtschaft: Pro Natura geht mit konkreten Projekte voran

Wolf hin oder her, es werden auch in Zukunft nicht sämtliche Weideflächen in den topographisch besonders schwierigen oder entlegenen Alpgebieten kontinuierlich beweidet werden können. Die Aufgabe von gewissen Flächen und die Rücknahme durch die «Wildnis» dürfen kein Tabu sein – ebenso wenig, wie die Regulierung des Wolfsbestands.

Pro Natura wird sich weiterhin mit konkreten Projekten politisch und kommunikativ für die Lösungsfindung im Umgang mit dem Wolf einsetzen, zum Beispiel:

  • Wir erarbeiten konkrete Strategien, mit denen die extensive Beweidung in der oberen Bergzone aufrecht erhalten bleibt. Diese ist ökologisch besonders wertvoll.
  • Wir bieten Herdenschutz-Exkursionen an, um das Wissen über sichere Begegnungen mit Schutzhunden zu verbreiten.
  • Wir werden auch künftig Freiwilligenprojekte wie Pasturs Voluntaris (Webseite) oder OPPAL (Webseite) unterstützen. Solche Projekte entlasten die Älpler:innen in ihrem herausfordernden Alltag mit dem Wolf als Nachbarn.

Herdenschutzhund Razvan | iStock
Drei Wölfe im verschneiten Wald
30.11.2023 Wolf, Luchs, Bär

Neue Jagdverordnung: Pro Natura schaut genau hin

Im Dezember 2023 hat der Bundesrat auf unübliche Weise nach einer Express-Vernehmlassung Anpassungen in Jagdgesetz und -verordnung in Kraft gesetzt, die den Schutzstatus des Wolfs in Frage stellen. Selbst die Konferenz der kantonalen Jagd- und Fischereiverwalter kritisierte die Vorlage als einseitig und unhaltbar. Pro Natura ordnet ein und beantwortet die wichtigsten Fragen.

Die Jagdverordnung in Kürze:

Ohne fachliche Grundlage sieht die Verordnung vor, dass der Wolfsbestand präventiv auf zwölf Rudel reduziert werden kann. Wölfe könnten demnach nur einen winzigen Teil des geeigneten Lebensraums in der Schweiz besiedeln. Der Bund gibt für die Regulierung sein Einverständnis und definiert in Grundzügen, welche Aufwendungen beim Herdenschutz als zumutbar gelten.  Die gesamten Neuerungen sollen 2024 – während sie bereits in Kraft sind – in eine nachträgliche Vernehmlassung gehen und am 1. Januar 2025 definitiv in Kraft treten.

Pro Natura kritisiert die eklatanten Widersprüche zwischen den geäusserten Absichten des Parlaments für das Jagdgesetz und deren Umsetzung in der Jagdverordnung. Es fehlen zugesicherte Voraussetzungen wie der Schutz des Wolfes vor lokaler Ausrottung oder die flächige Umsetzung des Herdenschutzes.

Wolfsfamilie Blickwinkel / S. Meyers

Was macht nun Pro Natura?

Pro Natura erwartet von den Kantonen, dass sie ihren Handlungsspielraum mit Augenmass wahrnehmen und sich auf die Dezimierung jener Rudel beschränken, die nachweislich grosses Schadenpotenzial haben. Pro Natura ist im Gespräch mit den Ämtern und Regierungen der grossen «Wolfskantone» und wird im äussersten Fall nicht zögern, gegen Entwicklungen, die den längerfristigen Erhalt des Wolfes gefährden, gerichtlich vorzugehen.

Wie reagieren die Kantone?

Kurz nach der Vorstellung der neuen Jagdverordnung durch Bundesrat Albert Rösti hat der Kanton Graubünden angekündigt, vier Wolfsrudel vollständig eliminieren zu wollen. Bei weiteren Rudeln werden Jungwölfe geschossen; insgesamt sollen 27 Wölfe erlegt werden.

Der Kanton Wallis sorgte für Aufsehen, weil er vor der offiziellen Präsentation der Verordnung bereits ein Formular an die Jägerschaft verschickt hatte. Darin konnte im Multiple-Choice-Verfahren angekreuzt werden, welche Rudel man gerne ins Visier nehmen möchte. Später kommunizierte er, dass sieben von 13 Wolfsrudeln eliminiert werden sollen. Und auch der Kanton St. Gallen will die einzige Wolfsfamilie im Kanton beseitigen.

Andere Kantone reagierten zurückhaltender. Der Kanton Waadt etwa betonte, keinen Paradigmenwechsel vorzunehmen und weiterhin an der Koexistenz von Mensch und Wolf festhalten zu wollen.

Welche Möglichkeiten hat Pro Natura, die Wölfe vor zu vielen Abschüssen zu schützen?

Pro Natura kann vom Verbandsbeschwerderecht Gebrauch machen. Mit einer Beschwerde kann Pro Natura ein Projekt nicht verhindern, sondern nur auf seine Rechtmässigkeit überprüfen lassen.

Damit können wir im besten Fall eine Gerichtspraxis etablieren, welche die Rechtsgrundlagen wieder strikter auslegt und dem Wolfsschutz - im Rahmen von Gesetz und Verordnung - wieder mehr Gewicht gibt. Das wird allerdings aufgrund der langwierigen Gerichtsprozesse Jahre dauern. Abschüsse verhindern können wir nur, falls unserer Beschwerde die aufschiebende Wirkung gewährt wird.

Wird Pro Natura in St. Gallen, im Wallis und in Graubünden Beschwerden einreichen?

Die Abschussverfügungen der Kantone sind seit Freitag, 1. Dezember, öffentlich einsehbar. Wir sind dabei, diese juristisch zu prüfen und zu entscheiden, ob und welche Verfügung wir mittels Beschwerde auf ihre Rechtmässigkeit prüfen lassen.

Wieso schliesst sich Pro Natura nicht der Beschwerde von CHWolf bei der Berner Konvention an?

Die Berner Konvention ist ein wichtiges internationales Abkommen, das im nationalen Recht berücksichtigt sein muss. Sie hat aber keine Durchsetzungskraft. Wir legen daher momentan den Fokus auf die Anwendung des nationalen Rechts. Die Berner Konvention schliesst im Übrigen präventive Eingriffe in den Wolfsbestand nicht aus.

Wie kommt es, dass der Volksentscheid von 2020 gegen präventive Abschüsse so rasch umgestossen wurde?

Der Volksentscheid 2020 hat zu einem Grossteil weiterhin Bestand. Luchs, Biber und weitere geschützte Tiere können nicht präventiv dezimiert werden und der Bund hat weiterhin das letzte Wort bei den Eingriffen in den Wolfsbestand.

Beim Wolf wird allerdings deutlich massiver eingegriffen, als es vor der Abstimmung versprochen wurde.  

Die Umweltverbände hatten Hand zu einer Konsenslösung geboten und eine auch von Jagd-, Forst- und Landwirtschaftsverbänden breit abgestützte Lösung erarbeitet. Bei dieser hätte zwar ebenfalls präventiv in den Bestand eingegriffen werden können, aber nur um “grosse Schäden” oder eine plausible Gefährdung von Menschen zu verhindern. Dieser Vorschlag wurde vom Parlament vom Tisch gewischt und dafür eine erneute, viel extremere Anpassung des Jagdgesetzes durchgesetzt, die eine eigentliche “Quotenjagd” auf Wölfe ermöglicht.

Wenn die Umweltverbände das Referendum ergriffen hätten, wäre es nicht zu dieser Situation gekommen. Was sagt Pro Natura dazu?

Die Revision von 2020 war sehr schlecht. Zusätzlich zum Wolf drohten auch gegen Luchs, Biber und diverse weitere Arten massive Abschüsse. Dies konnten wir mit dem Referendum verhindern. Zudem verlangt die neue Gesetzesrevision 2022, dass der Bund Wolfsregulierungen bewilligen muss und dass vorgängig der Herdenschutz umgesetzt sein muss.

Mit dem neuen Jagdgesetz (JSG) ist eine Koexistenz von Landwirtschaft und Wolf grundsätzlich möglich. Das Problem ist vielmehr die dazugehörige Jagdverordnung (JSV) resp. wie diese nun von den Behörden interpretiert wird. Pro Natura ist weiterhin überzeugt, dass in der Wolfsdebatte nichts an einem konstruktiven Miteinander vorbeiführt und wir sind weiterhin gewillt, dies mit allen konsensorientierten Interessenvertreter:innen aus Politik und Gesellschaft weiterzuverfolgen.

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