Progetti

Uno dei quattro pilastri di Pro Natura è la protezione attiva dei biotopi e delle specie.
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Eisvogel sitzt auf Ast
16.08.2024 Biodiversitätskrise

Die Schweizerinnen und Schweizer wollen einen besseren Schutz der Lebensgrundlagen

Optimistische Aussichten trotz offenem Ausgang: Der Trägerverein der Biodiversitätsinitiative begrüsst die ersten Umfrageergebnisse zur Biodiversitätsinitiative. Der Verein ist zuversichtlich, dass er auch die noch unentschlossenen Wählerinnen und Wähler von der Notwendigkeit des Erhalts unserer Lebensgrundlagen überzeugen kann.

Die Biodiversität in der Schweiz befindet sich in einem kritischen Zustand. Diesen wissenschaftlichen Fakt bestätigen auch der Bundesrat und das Bundesamt für Umwelt (BAFU) in ihren Publikationen. So schreibt der Bundesrat in seinem «Bericht Umwelt 2022»: «Die Biodiversität steht in der Schweiz unter Druck. Fördermassnahmen zeigen zwar lokal Wirkung, doch die Biodiversität ist weiterhin in einem schlechten Zustand und nimmt weiter ab. Ein Drittel aller Arten und die Hälfte der Lebensraumtypen der Schweiz sind gefährdet. Die punktuellen Erfolge können die Verluste (…) nicht kompensieren. (…) Um die Leistungen der Biodiversität zu sichern, ist entschlossenes Handeln dringend notwendig.»

Diese alarmierenden Fakten betreffen uns alle direkt. Ohne Bienen, Schmetterlinge & Co. gibt es keine Bestäubung, und ohne Bestäubung keine Nahrungsmittel wie Beeren, Früchte und Gemüse. Laut den Umfragen im Auftrag von Tamedia und SRF erkennt eine Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer die Bedeutung der Biodiversität an. Besonders erfreulich ist, dass sich eine klare Mehrheit der Frauen für den Schutz unserer Lebensgrundlagen ausspricht.

Der Trägerverein wird den schlechten Zustand der Biodiversität und die Notwendigkeit, Massnahmen zu treffen noch stärker in den Vordergrund rücken. In den kommenden Wochen wird die Abstimmungskampagne intensiviert. Die Biodiversitätsinitiative wird von über 70 nationalen und 300 kantonalen Organisationen unterstützt. Über 1000 Personen engagieren sich in nationalen und kantonalen Komitees für die Initiative.

Für den Trägerverein der Biodiversitätsinitiative steht eine faktenbasierte Kommunikation im Vordergrund – im Interesse unserer Kinder und Enkelkinder. Daher hat der Verein einen Appell für eine respektvolle und faktenbasierte Debatte zur Biodiversität lanciert. Die Umfrageergebnisse bestärken diesen Weg.

Der Trägerverein wird nun alle Kräfte mobilisieren, um die Unterstützerinnen und Unterstützer der Biodiversitätsinitiative zu aktivieren. Das Ziel ist es, noch mehr Menschen für das Thema Biodiversität zu sensibilisieren, insbesondere jene, die noch unentschlossen sind.

Kontakt:

  • Pro Natura: Urs Leugger-Eggimann, Geschäftsleiter und Präsident Trägerverein, +41 79 509 35 49, @email
  • BirdLife Schweiz: Raffael Ayé, Geschäftsführer, +41 76 308 66 84, @email
  • Schweizer Heimatschutz: Peter Egli, Leiter Kommunikation, +41 44 254 57 06, @email
  • Stiftung Landschaftsschutz Schweiz: Franziska Grossenbacher, Stv. Geschäftsleiterin, +41 76 304 43 58, @email
  • Biodiversitätsinitiative: Manuel Herrmann, Medienstelle, +41 78 765 61 16, @email

Ulteriori informazioni

Titelbild Biodiversitätskampagne
12.08.2024 Biodiversitätskrise

Tausende Spenderinnen und Spender unterstützen die Kampagne für ein JA zur Biodiversitätsinitiative

Der Zustand der Biodiversität und damit unserer Lebensgrundlagen wie sauberes Wasser, fruchtbare Böden oder lebendige Wälder ist alarmierend. Jede dritte Tier- und Pflanzenart sowie die Hälfte der Lebensräume sind gemäss Roter Liste bedroht. Die Trendwende kann mit einem Ja zur Biodiversitätsinitiative erreicht werden. Die Kampagne hierzu wird von tausenden Kleinspenderinnen und Kleinspendern unterstützt.

Seit Herbst 2023 gelten die neuen Transparenzregeln bei der Politikfinanzierung. In dem Zusammenhang hat die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) die budgetierten Einnahmen für die Volksabstimmungen vom 22. September 2024 publiziert. Der Trägerverein «Für die Zukunft unserer Natur und Landschaft» hat für die Abstimmungskampagne zur Biodiversitätsinitiative die budgetierten Einnahmen sowie die Zuwendungen von mehr als 15’000 Franken offengelegt.

Die budgetierten Einnahmen und Zuwendungen für die Abstimmungskampagne belaufen sich auf 3’308’000 Franken. Die Zahlen sind seit heute Montag im Melderegister der EFK öffentlich einsehbar. Diese Summe verdeutlicht den enormen Handlungsbedarf im Bereich Biodiversität und die Bedeutung des Schutzes unserer Lebensgrundlagen – für uns alle und für zukünftige Generationen.

Die Träger- und Partnerorganisationen tragen mit 2’208’000 Franken den Hauptteil der Beiträge, davon 550’000 Franken in Form von Arbeitsleistungen. Zusätzlich werden 1’100’000 Franken an privaten Spenden gesammelt.

Besonders erfreulich ist die hohe Zahl an bereits eingegangenen Einzelspenden: Tausende von Kleinspenderinnen und Kleinspendern unterstützen die Kampagne der Biodiversitätsinitiative mit einem durchschnittlichen Betrag von 65 Franken. Dies zeigt deutlich, dass viele Menschen in der Schweiz zutiefst besorgt über den schlechten Zustand unserer Natur und unserer Existenzgrundlagen sind. Wir dürfen nicht länger zögern – für kommende Generationen ist sofortiges und entschlossenes Handeln unerlässlich.

Kontakt:

  • Pro Natura: Urs Leugger, Präsident Trägerverein, Geschäftsleiter, +41 61 317 91 44, @email
  • Biodiversitätsinitiative: Manuel Herrmann, Medienstelle, +41 78 765 61 16, @email
Moos am Waldboden
30.01.2025 Biodiversitätskrise

Unter unseren Füssen wimmelt es von Leben!

Nur wenige Menschen denken an das Leben im Boden, wenn man sie fragt, was Biodiversität ist. Und das, obwohl fast zwei von drei Arten, die wir auf unserem Planeten kennen, im Boden leben.

In einer Handvoll humusreicher Erde wuseln etwa zehn Milliarden Organismen. Das Leben auf der Welt hängt von der verborgenen Vielfalt dieser Bodenorganismen ab: Was wir essen, trinken, einatmen, der grösste Teil der Rohstoffe unserer Kleidung, das alles wandert immer wieder durch den Boden und seine Lebewesen. 

Die Böden – komplexe Ökosysteme 

Auf der Oberfläche der Erdkugel bilden die Böden diese einzigartige dünne Schicht, in der Geosphäre, Hydrosphäre, Atmosphäre und Biosphäre in Wechselwirkung treten. Sie formen zeitlich und räumlich komplexe Ökosysteme in Abhängigkeit von Klima, Ausgangsgestein, Wasserhaushalt, Topografie und biologischer Aktivität. Die Entstehung eines Bodens dauert Tausende von Jahren und ist nie abgeschlossen. Man geht davon aus, dass die durchschnittliche Bodenbildungsrate 0,1 Millimeter pro Jahr beträgt. Gesunde Böden beherbergen unzählige Lebewesen – Tiere, Pflanzen, Pilze, Mikroorganismen – und sind der Ort, wo grundlegende Prozesse wie der Nährstoffkreislauf stattfinden. In einem Gramm Erde leben 2000 bis 18’000 verschiedene Arten, die sich hauptsächlich von den organischen Substanzen im Boden ernähren.  

Bakterien, Pilze, Einzeller und Co.

In den Böden herrschen sehr unterschiedliche Lebensbedingungen. Die meisten Organismen befinden sich in den obersten Zentimetern des Erdreichs, in der Humusschicht, die aus organischem Material von toten Lebewesen, Pflanzenstreu und Ausscheidungen von Wurzeln, Pilzen und Mikroorganismen besteht. Die grösste Artenvielfalt weisen die Bakterien und andere mikroskopisch kleine Einzeller auf. Es gibt aber noch unzählige weitere Organismen, die von blossem Auge oft nicht zu erkennen sind: Amöben, verschiedene Nematoden, Bärtierchen, Regenwürmer und, näher an der Oberfläche, kleine Weisswürmer, Tausendfüsser, Asseln, Springschwänze, Insektenlarven sowie Schnecken, die grosse Mengen an Pflanzenstreu fressen. Und nicht zu vergessen: Maulwürfe und Ameisen, die zur Strukturierung und Belüftung des Bodens beitragen, oder Wildschweine, die auf der Suche nach Nahrung den Boden durchwühlen. Während die weltweite Artenvielfalt der Pflanzen zu mehr als 80 Prozent bekannt ist, hat die Wissenschaft bis heute nur knapp 5 Prozent der Nematoden-, Pilz- und Bakterienarten beschrieben. 

Ein Kuhfladen … 

Stellen wir uns einen frischen Kuhfladen vor. Nach einigen Wochen oder Monaten ist er verschwunden. Was ist aus ihm geworden? Eine Heerschar spezialisierter Lebewesen, die sich je nach Zersetzungs- und Austrocknungsgrad des Kuhfladens ablösen, hat den grössten Teil davon in den Boden eingearbeitet. Auf die Schnecken und die Fliegenlarven, die den Abbauprozess beginnen, folgen weitere Zweiflügler, die ihre Eier ablegen. Dann kommen dungfressende Käfer und kleine Kompostwürmer. Wenn der Kuhfladen schon stark zersetzt ist, übernehmen die Regenwürmer die Aufgabe, ihn vollends in den Boden einzuarbeiten. Während des gesamten Ablaufs stellen sich zahlreiche Jäger ein, um Beute zu machen: Kurzflügelkäfer, Vögel, Raubmilben, Pseudoskorpione, Tausendfüsser. Auch Pilze und Bakterien sind von Beginn weg am Abbau des Kuhfladens beteiligt. Genau der gleiche Prozess läuft ab, wenn ein Blatt, ein Baumstamm, ein Kadaver oder andere abgestorbene organische Materialien zersetzt werden. 

Ohne die Fauna und die Mikroorganismen im Boden würden sich überall tote Tiere, Kot und Pflanzenreste anhäufen. Die Oberfläche der Erde wäre meterhoch mit Totholz, Kadavern und Exkrementen bedeckt. 

Kuhfladen auf Weide Matthias Sorg

Die Landwirtschaft braucht gesunde Böden

Ein ertragsfähiger, gesunder Boden zeichnet sich durch eine grosse Vielfalt an Lebewesen aus. Wenn diese Organismen in ausreichender Menge vorhanden sind, können sie Ackerböden auflockern, die durch das wiederholte Befahren mit schweren Maschinen grossen Belastungen ausgesetzt sind. Ist der Boden zu stark verdichtet, drohen die Pflanzenwurzeln zu ersticken. Die intensive mechanische Bodenbearbeitung, der Eintrag grosser Mengen an Mineraldünger und Pestiziden und der fortlaufende Verlust an organischer Substanz in den Ackerböden lösen dramatische Veränderungen aus. Sie bringen viele Lebewesen zum Verschwinden, mit irreparablen Folgen für die Bodenfruchtbarkeit. Studien belegen, dass die biologischen Anbaumethoden sowie die Konservierende Landwirtschaft mit reduzierter Bodenbearbeitung und die Regenerative Landwirtschaft mit Dauerbegrünung weniger zerstörerisch für das Bodenleben sind. 

Die Biodiversitätskrise betrifft auch den Boden

Die Vielfalt des Bodenlebens steht unter Druck. Jede Sekunde wird in der Schweiz mehr als ein Quadratmeter fruchtbarer Boden zerstört, und das schon seit Jahrzehnten. Böden sind keine erneuerbare Ressource. Sie können innerhalb weniger Sekunden geschädigt werden, die Regeneration hingegen dauert Dutzende oder gar Hunderte von Jahren. Trotzdem werden die Bodenbiodiversität und die damit verbundenen Ökosystemfunktionen meistens vernachlässigt, wenn es darum geht, den Biodiversitätszustand zu bewerten. 

Natürlich kann man nur schützen, was man kennt: In der Schweiz gibt es nicht einmal eine nationale Bodenkarte, geschweige denn eine Bewertung des Gefährdungszustands der Bodenlebewesen. 

Wenn Sie also das nächste Mal einen Regenwurm oder eine Schnecke auf einem befestigten Weg sehen, dann machen Sie es doch wie ich: Heben Sie das Tier vorsichtig auf und tragen Sie es an einen sicheren Ort. Wer die Biodiversität im Boden fördert, fördert die Gesundheit des Bodens und damit die Gesundheit und das Wohlergehen von uns Menschen. 

Der Biologe René Amstutz ist Bodenspezialist. Er leitet bei Pro Natura die Abteilung Biotope und Arten.  

Ulteriori informazioni

Info

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin Spezial publiziert.

Vogelschwarm (Sturnus Vulgaris) in Neuchatel
Biodiversitätskrise

Biodiversität in der Schweiz – Fragen und Antworten

Was ist Biodiversität? Was bedeutet der Verlust der Biodiversität für uns Menschen? Und wie hängen die Biodiversitätskrise und die Klimakrise zusammen? Welche Lösungen gibt es? Auf dieser Seite finden Sie Antworten.

Sauberes Trinkwasser, Luft zum Atmen, fruchtbare Böden, bestäubte Pflanzen – all das brauchen wir zum Leben, all das sichert uns die Biodiversität. Wir sind deshalb auf die Vielfalt von Lebensräumen und Arten angewiesen. Die Biodiversität ist unsere Lebensgrundlage. Die biologische Vielfalt um uns herum geht aber stark zurück und ist bedroht.  

Lebensräume werden zerstört und beeinträchtigt. Das ist einer der Hauptgründe für den Verlust der Biodiversität. Zusätzlich beschleunigt der Klimawandel das Artensterben weiter. Was für die Klimakrise gilt, gilt auch für die Biodiversität: jetzt handeln und so den Verlust der Biodiversität stoppen! Für uns und die kommenden Generationen. 

Trockener Boden yuelan | iStock
Fruchtbare Böden, sauberes Trinkwasser, Luft zum Atmen, bestäubte Pflanzen – all das brauchen wir zum Leben, all das sichert uns die Biodiversität. Doch die steckt in der Krise.

Was ist Biodiversität? 

Biodiversität steht für die Vielfalt des Lebens. Diese Vielfalt findet auf drei Ebenen statt.    

  1. Die Artenvielfalt beschreibt die Vielfalt der Lebewesen. In der Schweiz sind heute rund 30‘000 Tier- und 19‘000 Pflanzen- und Pilzarten bekannt. Die Fachwelt geht davon aus, dass es noch viele bisher unentdeckte Arten gibt. 
  2. Die Vielfalt der Lebensräume bildet eine weitere Ebene der Biodiversität. Diese Vielfalt ist wichtig, da Lebewesen unterschiedliche Ansprüche an einen Lebensraum haben. Je vielfältiger die Lebensräume, desto mehr Arten können dort leben. Die Schweiz ist aufgrund ihrer Lage und Topografie reich an unterschiedlichen Lebensräumen. Von den Uferlagen des Tieflandes bis zu den Gipfeln des Hochgebirges erstreckt sich eine enorme Vielfalt.  
    Mehr zu unseren Lebensräumen
  3. Vielfalt kann auch innerhalb einer Art bestehen. In diesem Fall spricht man von genetischer Vielfalt. Jedes Lebewesen hat eine eigene, einzigartige Erbsubstanz, die DNA. Dank den winzigen Unterschieden zwischen den Lebewesen können sich Arten an wandelnde Lebensbedingungen anpassen. Mit dem Tempo, mit dem die Klimakrise voranschreitet, können aber viele Arten nicht mithalten. Arten, die sich nicht schnell genug anpassen können, sind vom Aussterben bedroht. 

Was ist die Biodiversitätskrise? 

Die Biodiversitätskrise beschreibt den Verlust der Biodiversität. Mit dem Verlust der Biodiversität sind auch unsere Lebensgrundlagen wie sauberes Trinkwasser, frische Luft oder fruchtbare Böden in Gefahr.  

Wir können die Biodiversität bildlich auch als «Netz des Lebens» sehen, welches eng verwoben ist und alles zusammenhält. Gehen Arten stark zurück oder verschwinden ganz, wird dieses Netz instabil. Dies ist oftmals nicht direkt spür- oder sichtbar. Wem fällt es schon auf, wenn eine einzelne Käferart verschwindet? Und doch: Es beginnt ein Prozess, den wir eines Tages nicht mehr stoppen können. Ein gefährlicher Dominoeffekt entsteht: 

Der Dominoeffekt der Biodiversitätskrise

Tiere, Pflanzen und andere Organismen stehen in enger Beziehung zueinander. Insekten wie Wildbienen bestäuben Blumen. Sterben einzelne Insektenarten aus, werden gewisse Pflanzen nicht mehr bestäubt. Somit geraten auch diese Pflanzenarten in Bedrängnis. Dadurch sind wiederum jene Arten bedroht, die sich von diesen Pflanzen ernähren. Früher oder später erreicht dieser Domino-Effekt den Menschen. Auch er wird vom «Netz des Lebens» nicht mehr gehalten, wenn es einmal ganz zerrissen ist.  

Was sind die Gründe für die Biodiversitätskrise? 

Die Ursachen für den Biodiversitätsschwund sind vielfältig, zum Beispiel: 

  • Verlust und Zerschneidung von Lebensräumen durch Umnutzung, Überbauung, Versiegelung, Zersiedlung und Infrastrukturbau, naturferne Garten- und Grünraumpflege  

  • erhöhte Nährstoff- und Pestizideinträge, Bodenverdichtung durch den Einsatz grosser Maschinen  

  • Vergrösserung und Homogenisierung der Flächennutzung: Flächenzusammenlegung, Beseitigung von Gehölzen, Randstreifen und anderen Strukturen, Verlust der Vielfalt in der Landschaft 

  • Gewässerbegradigung, Kanalisierung und Verbauung für Hochwasserschutz und Wasserkraftgewinnung 

  • Nutzungsaufgabe artenreicher Wiesen, Weiden und Grenzertragsflächen 

Auch die Ausbreitung invasiver nichtheimischer Arten und der Klimawandel tragen zum Verlust der Biodiversität bei. 

Rotklee-Bläuling im Wallis cdbrphotography | iStock
60 % der Insekten sind gefährdet oder potentiell gefährdet.

Welche Lösungen gibt es? 

Die gute Nachricht zuerst: Es gibt eine Fülle bekannter und bewährter Instrumente, mit denen wir der Biodiversitätskrise begegnen können. Wir wissen, wie man begradigte Flüsse und Bäche renaturiert, Moore zu neuem Leben erweckt, Wälder naturfreundlich bewirtschaftet, Parks und Gärten mit hoher Biodiversität anlegt oder wie man einen Landwirtschaftsbetrieb zum Hort der Biodiversität macht. Landauf, landab gibt es faszinierende Erfolgsgeschichten beim Schutz der Biodiversität.  

Es gibt aber auch eine schlechte Nachricht: Die Vielfalt der Natur braucht Raum, die Förderung der Biodiversität braucht Geld. Weder Raum noch Geld werden in der Schweiz ausreichend in die Förderung der Biodiversität investiert. Genau darum stecken wir in einer Biodiversitätskrise!

Fragen und Antworten rund um die Biodiversität

Was sind Ökosystemleistungen?

Die Natur braucht uns Menschen nicht. Aber wir brauchen die Natur. Unser Wohlbefinden hängt direkt von ihr ab. Die Natur ist von unschätzbarem Wert. Unter Ökosystemleistungen verstehen wir die Leistungen, die die Natur täglich für uns erbringt: Natürliche Flüsse reichern das Grundwasser an, Bäume in Städten senken die Hitze im Sommer, Wälder schützen uns vor Naturgefahren. Bodenfruchtbarkeit, Bestäubung und sauberes Wasser sind zentral für die Produktion von Nahrungsmitteln. Schöne Landschaften und Naturerlebnisse stärken unsere seelische Gesundheit.

Wie schlimm ist die Biodiversitätskrise in der Schweiz? 

Der Zustand der biologischen Vielfalt in der Schweiz ist alarmierend: 

  • Ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten in der Schweiz gilt als gefährdet oder als bereits ausgestorben. 

  • 45% der Wildbienenarten in der Schweiz sind ausgestorben oder gefährdet. 

  • Die Moore haben seit 1900 einen Flächenrückgang von 82% erlitten. 

  • Die Trockenwiesen und -Weiden sind im selben Zeitraum um 90% geschrumpft.  

  • 7’594 km2 an artenreichen Lebensräumen (Trockenwiesen, Auen und Moore) gingen seit 1900 verloren. Das entspricht fast einem Fünftel unserer gesamten Landesfläche! 

Um die meisten der über 230 wissenschaftlich definierten Landschaftstypen der Schweiz steht es ebenfalls schlecht. Der Lebensraum für einheimische Tier- und Pflanzenarten geht dabei nicht nur flächenmässig verloren, auch die Qualität und Vernetzung der Lebensräume nimmt stetig ab.  

Die Schweiz hat 1994 die UNO-Biodiversitätskonvention mitunterzeichnet. Sie bekennt sich also seit Langem zur Bekämpfung des akuten Artensterbens und der fortschreitenden Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Leider schafft es die Politik nicht, griffige Massnahmen zu beschliessen, um den Biodiversitätsverlust zu stoppen.

Pro Natura kritisiert die Untätigkeit der Politik und zeigt in einer eigenen Analyse, wie gross der Handlungsbedarf tatsächlich ist. Zum Bericht

Wie hängt die Klimakrise mit der Biodiversitätskrise zusammen? 

Die Folgen des Klimawandels sind eine Gefahr für die Artenvielfalt in der Schweiz. Problematisch ist vor allem die Geschwindigkeit der Veränderung: Mensch und Natur fehlt die nötige Zeit, um sich anzupassen.  

Leider ist es noch immer so, dass die beiden Krisen weitgehend als unabhängige Phänomene wahrgenommen und behandelt werden. Massnahmen werden innerhalb einzelner Sektoren erarbeitet. Das führt zu scheinbaren Zielkonflikten, die politisch ausgeschlachtet werden. Konkret: Windrad oder Naturschutz? Die Antwort kann nur lauten: Beides, und beides am richtigen Ort!  

Wahr ist nämlich: Eine hohe Biodiversität ist unentbehrlich für die Bewältigung der Klimakrise. An einem einfachen Beispiel erklärt: Ein trockengelegtes Moor ist eine Katastrophe für die Biodiversität, weil einzigartige Lebensräume zerstört werden. Doch auch das Klima leidet: Weil sich der trockengelegte Moorboden zersetzt, werden Treibhausgase frei. Das schadet dem Klima. Wird das Moor wieder vernässt und renaturiert, hilft das sowohl dem Klima als auch der Biodiversität. Es ist also wichtig zu verstehen, dass die Klima- und die Biodiversitätskrise nur gemeinsam gelöst werden können und müssen – und zwar schnell. 

Waldstimmung
Jetzt erst recht! Aktiv werden für die Natur

Die Biodiversitätskrise wartet nicht. Gemeinsam schaffen wir wichtige Voraussetzungen zum Schutz der Natur als Lebensgrundlage für uns und kommende Generationen. Finden Sie die passende Mitmachmöglichkeit für Sie.

Die Pro Natura-App in der Anwendung
14.05.2024 Insekten

Insekten bestimmen leicht gemacht: die Pro Natura «Insektenführer»-App

Insekten bestimmen von A-Z: Von der Ackerwinden-Federmotte bis hin zur Zweigestreiften Quelljungfer hilft Ihnen die neue App von Pro Natura, über 1800 heimische Insekten zu bestimmen. Lernen Sie die wichtigsten Funktionen und Tipps zum Umgang mit der App kennen.

Der Mensch hat die Insektenvielfalt in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten stark reduziert. Die Zahl der Arten nimmt dramatisch ab. Bereits 40 Prozent der bisher untersuchten Insektenarten der Schweiz sind gefährdet. Das Insektensterben ist ein alarmierendes Zeichen für den allgemeinen Verlust an Biodiversität. Das bedroht unsere Lebensgrundlage. Denn Insekten sind nicht nur faszinierende Lebewesen, sondern auch unverzichtbar für das ökologische Gleichgewicht unseres Planeten. Sie spielen eine entscheidende Rolle in der Bestäubung von Pflanzen, der Zersetzung organischer Stoffe und als Nahrungsquelle für andere Tiere.  

Lernen Sie unsere eigenen Lebensgrundlagen noch besser kennen: Entdecken Sie jetzt die Vielfalt der heimischen Insekten mit der Pro Natura App «Insektenführer»!  

Wildbienen Matthias Sorg

Die wichtigsten Funktionen der Insekten-Bestimmungsapp im Überblick 

  • Bestimmungstafeln: Die kostenlose Basisversion bietet Ihnen Zugang zu 500 Artenporträts mit illustrierten Bestimmungstafeln. Jede Tafel enthält besondere Merkmale sowie Kennzeichen, um Verwechslungsmöglichkeiten mit anderen Arten bestmöglichst auszuschliessen. Die Fotos zeigen Färbungen, Zeichnungen und Körperformen. Zusätzlich zu den Artenporträts finden Sie in der App Informationen zu Aussehen, Verbreitung und Ökologie der Insekten. In der kostenpflichtigen Vollversion haben Sie Zugang zu Artenporträts aller 1800 Insektenarten der App. 
  • Bestimmungsschlüssel: Die Standard-Bestimmungsfunktion erfolgt über optische Kriterien. Beobachten Sie das Insekt, um zu entscheiden, ob es sich zum Beispiel um ein «heuschreckenartiges» oder ein «käferartiges» Insekt handelt. Anhand weiterer Kriterien wie Körperlänge, Spannweite oder Farbe grenzen Sie mögliche Arten ein. Für Insekten-Profis gibt es die erweiterte Bestimmungsfunktion, bei der über die Auswahl der Ordnung oder der zusammengefassten Taxa und dann über weitere Kriterien das Insekt bestimmt wird.
  • Suchfunktion und Arten vergleichen: Durch die Suchfunktion können Sie direkt nach spezifischen Insekten suchen und so Informationen abrufen. Zusätzlich gibt es auch die Möglichkeit, Arten zu vergleichen und sie übersichtlich über- oder nebeneinander anzuzeigen.
  • Bilderkennung mit künstlicher Intelligenz: Mit der Vollversion wird die automatische Bilderkennung freigeschaltet. Laden Sie ein Foto hoch oder fotografieren Sie das Insekt direkt mit der Kamera, um es automatisch von der App bestimmen zu lassen. Die Foto-Bestimmung funktioniert auch offline. Die Ergebnisse der Bilderkennung werden als Liste dargestellt und das Insekt mit der höchsten Trefferwahrscheinlichkeit erscheint zuoberst. 
  • Entdeckungen sichern: Speichern Sie Ihre Beobachtungen und den dazugehörigen Ort auf der Karte. Ort, Datum und Uhrzeit werden zusammen mit den GPS-Daten automatisch erfasst oder können manuell eingetragen werden. Erstellen Sie eigene Beobachtungslisten mit Fotos, zum Beispiel für verschiedene Ausflugsziele oder verschiedene Jahre. 

Screenshots der Insektenführer-App von Pro Natura sunbird images

 

Pro Natura «Insektenführer» herunterladen: Laden Sie die App herunter und entdecken Sie die Vielfalt der Schweizer Insektenwelt auf Wanderungen, Ausflügen oder direkt vor Ihrer Haustür. Die App steht im Apple Store und auf Google Play auf Deutsch zur Verfügung.

Zum App Store
Zu Google Play

Die «Insektenführer»-App im Test bei zwei Pro Natura Fachpersonen 

Sie haben die App getestet: Bettina Dubach (Projektleiterin Umweltbildung) und René Amstutz (Biologe) von Pro Natura haben den neuen Insektenführer auf Herz und Nieren geprüft. 

Resultat: Viele Schmetterlinge, Käfer, Bienen und Heuschrecken konnten die beiden Fachleute mit der App ohne Probleme bestimmen. Bei einigen besonderen Arten sind sie jedoch an die Grenzen der App gestossen. «Schön wären noch mehr Arten», wünschen sich die Fachleute. Begeistert waren sie von den ausführlichen Artporträts und den spannenden Informationen zu den einzelnen Insekten.  

Die beiden empfehlen die App allen interessierten Personen, die mehr über die Insektenvielfalt der Schweiz wissen wollen und Freude am Fotografieren und Bestimmen haben. Ausserdem ist die App eine praktische Unterstützung für Personen, die Gruppen in der Natur anleiten. Die App kann auch eine Ergänzung zu anderen Hilfsmitteln und Bestimmungsbüchern sein.  

Ihr Fazit: Die App ist eine gute Einstiegsmöglichkeit in die Insektenbestimmung mit schönen Illustrationen, Artenporträts und spannenden Informationen. Die Bedienung kann am Anfang ein wenig kompliziert wirken, aber die Anleitung in der App ist gut verständlich. Für Fachpersonen hat die App aufgrund der beschränkten Anzahl Arten ihre Grenzen. Die Insektenvielfalt in der Natur ist weitaus grösser als es die App (bisher) zeigen kann: in der Schweiz gibt es bis zu 30 000 unterschiedliche Insektenarten. Die App zeigt «nur» die 1800 häufigsten Insektenarten der Schweiz. Doch wer sie alle kennt, weiss schon sehr viel!  

Blumenwiese mit Insekt Benoît Renevey

Tipps zum Fotografieren von Insekten 

Es braucht ein bisschen Ruhe und Geduld, um gute Fotos für die Insekten-Bestimmung zu erhalten. Achten Sie auf gute Lichtverhältnisse und fotografieren Sie das Insekt von verschiedenen Seiten. Insekten finden sich in allen Lebensräumen: an Blütenpflanzen, Totholz, im Wasser, und an vielen anderen Orten.  

Challenge: Finden und bestimmen Sie als Gruppe innerhalb einer Stunde möglichst viele Insekten und teilen Sie Ihre Funde miteinander. In der Beobachtungsliste können Sie die gefundenen Insekten speichern. Wiederholen Sie die Challenge zu einem späteren Zeitpunkt nochmals und vergleichen Sie die Resultate.  

Bitte melden: Tier- und Pflanzen-Beobachtungen gesucht

Haben Sie ein Insekt oder eine Pflanze gesichtet, die Sie kennen? Ihre Beobachtungen sind wichtig und wertvoll! Über die Verbreitung oder das Auftreten vieler Tier- und Pflanzenarten weiss man auch in unserem Land viel zu wenig. Ihre Beobachtungen und Nachweise sind deshalb gefragt. Melden Sie Ihre Beobachtungen bei den entsprechenden Stellen oder benutzen Sie Apps wie «Webfauna»,  «FlorApp» oder «NaturaList» dazu. 

Mehr Infos zu Meldestellen & Apps

Titelbild Biodiversitätskampagne
15.05.2024 Biodiversitätskrise

Ein JA für unsere Lebensgrundlagen

Die schleichende Zerstörung unserer Natur ist alarmierend. Die Trägerorganisationen der Biodiversitätsinitiative sind – zusammen mit mehr als 50 unterstützenden Organisationen und Parteien – bereit für eine kraftvolle, schweizweite Abstimmungskampagne zugunsten unserer Lebensgrundlagen. Mit einem JA zur Biodiversitätsinitiative am 22. September 2024 verpflichtet die Bevölkerung Bund und Kantone, die erforderlichen Flächen und Finanzen zur Verfügung zu stellen, um den Biodiversitätsverlust zu stoppen.

Heute hat der Bundesrat den Abstimmungstermin vom 22. September zur Biodiversitätsinitiative bekanntgegeben. Dass beim Biodiversitätsschutz akuter Handlungsbedarf besteht, darüber sind sich Bund, Kantone, Städte, Gemeinden, zahlreiche Verbände und eine Mehrheit des Nationalrats einig. «Um die Leistungen der Biodiversität für Gesellschaft und Wirtschaft zu sichern, ist entschlossenes Handeln dringend notwendig», schrieb etwa der Bundesrat in seinem letzten Umweltbericht 2022. Doch ein Teil der Ständeratsmitglieder hat letztes Jahr verhindert, dass über einen indirekten Gegenvorschlag zur Biodiversitätsinitiative nur schon diskutiert wird.

Zubetonierung, Zersiedelung und die intensive Nutzung haben unserer Natur und Landschaft in den letzten Jahren stark zugesetzt. Landauf, landab werden einzigartige Orte verschandelt und wertvolle Landschaften zerstört. Mit dem Verlust der Biodiversität sind lebenswichtige Ökosystemleistungen in Gefahr, wie saubere Luft, sauberes Wasser, fruchtbare Böden, Bestäubung oder der Schutz der Wälder vor Lawinen, Steinschlag und Starkniederschlägen.  

Um unsere Heimat und Natur zu schützen, braucht es nun die Stimmbevölkerung. Die Biodiversitätsinitiative sorgt dafür, dass die erforderlichen Flächen und Finanzen für die Biodiversität zur Verfügung stehen. Natur und Landschaft sollen geschont werden, auch ausserhalb von Schutzgebieten. Schützen und Nutzen gehen Hand in Hand. Dabei stehen sie den Anliegen der Landwirtschaft, des Tourismus oder der Energieversorgung nicht entgegen.  

Gute Beispiele

Das Wasserkraftwerk Hagneck befindet sich in einer geschützten Auenlandschaft von nationaler Bedeutung. Bei der Sanierung der Flusskraftwerke und des Hagneckkanals wurde die Umweltverträglichkeit in den Vordergrund gestellt. Ohne Nachteil für die Umwelt ist heute die Stromproduktion um 40 Prozent erhöht.  

Die Tourismusinfrastrukturlandschaft Chäserrugg/Toggenburg SG zeigt, wie die Bergbahnen im BLN (Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler) - Gebiet Chäserrugg die gesamte touristische Infrastruktur behutsam erneuert und dabei auf hohe Naturwerte und Baukultur gesetzt haben.

Die Wakker-Preisträgerin Meyrin zeigt eindrücklich, wie mit Dialog die Vielfalt als Stärke genutzt werden kann. Damit gelingt es in der Genfer Agglomerationsgemeinde, die Anliegen von Menschen und Natur zusammenzuführen und eine hohe Baukultur mit mehr Biodiversität für alle hervorzubringen.

Im Klettgau entstand im Zusammenspiel zwischen Naturschutz und Landwirtschaft eine Agrarlandschaft im Zeichen der Biodiversität. In der Kornkammer des Kantons Schaffhausen wurde seit 40 Jahren ein dichtes Netz von Biodiversitätsförderflächen aufgebaut, was ein Nebeneinander von intensiver Produktion und Naturschutz ermöglicht. Die Befürwortenden der Biodiversitätsinitiative freuen sich auf engagierte, faktenbasierte und respektvolle Debatten. 

Kontakt:

Weitere Auskünfte zur Biodiversitätsinitiative, zu Aktivitäten am internationalen Tag der Biodiversität (am 22. Mai), sowie zu deren Zustand: 

  • Pro Natura: Urs Leugger-Eggimann, Geschäftsleiter,
    @email, 079 509 35 49  
  • BirdLife Schweiz: Raffael Ayé, Geschäftsführer,
    @email, 076 308 66 84 
  • Schweizer Heimatschutz: Stefan Kunz, Geschäftsleiter, @email, 079 631 34 67  
  • Stiftung Landschaftsschutz Schweiz: Franziska Grossenbacher, Stv. Geschäftsleiterin, @email, 076 304 43 58 
  • Biodiversitätsinitiative: Dagmar Wurzbacher, Medienstelle, @email, 076 517 25 96 
Naturgarten

BON­JOUR NATURE: Heis­sen Sie die Natur willkommen

Biodiversität auf der Alp Flix
20.11.2024 Biodiversitätskrise

Biodiversitätskrise: Bundesrat veröffentlicht Plan der Untätigkeit

Heute hat der Bundesrat den Aktionsplan Biodiversität verabschiedet, der diesen Namen nicht verdient. Denn anstatt wirksamer Aktionen zum Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen in der Schweiz ist weitgehende Untätigkeit im Angesicht des akuten Artensterbens geplant. Mit den vorgesehenen Berichten und der völlig unzureichenden Finanzierung wird der Untätigkeitsplan leider keinen relevanten Beitrag zum Erhalt der Biodiversität in der Schweiz leisten können.

Heute hat der Bundesrat den zweiten Aktionsplan Biodiversität,  verabschiedet. Der Aktionsplan ist in jeder Hinsicht eine herbe Enttäuschung. Inhaltlich wird er keinen relevanten Beitrag zum Erhalt der Biodiversität in der Schweiz leisten können. Es war wohl ein politischer Entscheid, den äusserst schwachen Aktionsplan erst nach der Abstimmung zur Biodiversitätsinitiative zu publizieren.

Papiertiger statt wirksame Massnahmen

Der Plan sieht vorwiegend Studien, Methodenentwicklungen und Abklärungen vor – für die Umsetzung der Resultate sind keine Ressourcen vorgesehen. Im Gegenteil: im Rahmen der Sparmassnahmen schlägt der Bundesrat sogar eine Kürzung der Mittel für die Biodiversität vor. In der Schweiz haben wir einen guten Wissensstand zur Biodiversität. Friedrich Wulf, Projektleiter Internationale Biodiversitätspolitik bei Pro Natura betont: «Der Handlungsbedarf und die heute absolut ungenügende Umsetzung der Gesetze sind bekannt. Diese nachgewiesenen und dringenden Defizite müssen angegangen werden. So wie der Aktionsplan jetzt daherkommt, dienen die Studien und Abklärungen vor allem dazu, von der Untätigkeit bei den grossen und bekannten Prioritäten abzulenken.»

Keine Ambition zur Erreichung der Ziele

Der Bundesrat hatte 2012 die Strategie Biodiversität Schweiz mit zehn Zielen beschlossen, die er bis 2020 erreichen wollte. Mit dem ersten Aktionsplan wurde keines der Ziele erreicht, wie die Wirkungsanalyse des Bundes zeigte. Diese Erkenntnis müsste dringend zu einem verbesserten Aktionsplan führen. Was nun aber das Umweltdepartement vom Bundesrat verabschieden liess, ist eine weitere Abschwächung, Mit diesem Aktionsplan wird auch bis 2030 keines der Ziele erreicht werden. Umweltdepartement und Bundesrat handeln verantwortungslos.

Ressourcen völlig unzureichend

Der Aktionsplan sieht gut 4 Millionen CHF pro Jahr vor. Vor 8 Jahren zeigte eine Berechnung des Bundes allein für den Erhalt der Biotope von nationaler Bedeutung einen Bedarf von mind. 286 Mio. CHF pro Jahr auf. Andere Aufgaben wie Biodiversität in Siedlungsraum und Wald sowie die Artenförderung für stark gefährdete Arten benötigen ebenfalls Finanzen. Insgesamt beträgt der tatsächliche Finanzbedarf zum Erhalt der Biodiversität mehr als das Hundertfache dessen, was jetzt vorgesehen wird. Vor dem Hintergrund der bisherigen, verfehlten Ziele, dem steigenden Druck auf die Natur sowie der Teuerung muss davon ausgegangen werden, dass die Kosten heute noch höher liegen. «Indem der Bund weiter zuwartet mit wirkungsvollen Massnahmen, wird es je länger, desto teurer, die Biodiversität und ihre Leistungen zu erhalten – eine enorme Last für die kommenden Generationen», gibt Thomas Wirth, Biodiversitätsexperte beim WWF, zu bedenken.

«Die Finanzmittel für den Aktionsplan sind derart gering, dass sie als völlig unangemessen bezeichnet werden müssen. Es wäre ehrlicher gewesen, keinen Aktionsplan zu verabschieden, als diesen Plan der Untätigkeit», kritisiert Raffael Ayé von BirdLife.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Bevölkerung nicht ehrlich über den Aktionsplan informiert wurde. In den letzten Monaten wurde der Eindruck erweckt, dass der Bundesrat ein wichtiges Instrument für den Erhalt der Biodiversität erarbeiten lasse. Dieses Versprechen an die Bevölkerung hat der Bundesrat heute gebrochen.

Weitere Auskünfte:

  • Pro Natura: Friedrich Wulf, Projektleiter Internationale Biodiversitätspolitik, Tel. 079 216 02 06, @email
  • BirdLife Schweiz: Raffael Ayé, Geschäftsführer, Tel. 076 308 66 84, @email
  • WWF Schweiz: Jonas Schmid, Communication Advisor Coorporate Communications, Tel. 079 241 60 57, @email

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Gemeinsame Medienmitteilung von BirdLife Schweiz, WWF Schweiz und Pro Natura

Hummeln
28.07.2023 Artenschutz

Risikoreiche Bestäuberinnen

In Schweizer Gewächshäusern erledigen heute Hummeln die ­Bestäubungsarbeit. Sie werden zumeist aus der EU importiert. Eine Bewilligung braucht es dazu nicht, die Haltung ist frei von Regeln — aber nicht ohne Risiken.

Der Film «More than Honey» des Schweizer Regisseurs Markus Imhoof aus dem Jahr 2012 hat uns die dunklen Seiten der industriellen Landwirtschaft vor Augen geführt. Zu sehen sind darin etwa die riesigen Mandelplantagen in Kalifornien, wüstenartige Landschaften, in denen kein Kraut mehr wächst und kein ­Summen zu hören ist. Ausser zur Blütezeit der Mandelbäume: Dann werden Millionen von Bienenstöcken quer durch die USA herangekarrt und in den Plantagen verteilt – industriell gezüchtete Bienen, die vielfach Parasiten und Krankheitserreger mit sich tragen und untereinander verteilen. Das immer häufiger auftretende massenhafte Bienensterben («Colony Collapse ­Disorder») wird massgeblich auf die industrielle Bienenhaltung zurückgeführt.  

Weniger bekannt ist, dass auch Hummeln im grossen Stil ­gezüchtet und über die halbe Welt transportiert werden. Zum Einsatz kommen sie hauptsächlich in Gewächshäusern und ­Folientunnels mit Tomaten- und Beerenkulturen. Hummeln ­haben eine spezielle Technik, um die gut befestigten Pollen­körner in den Blüten von Tomaten oder Beeren herauszulösen: Sie krallen sich an den Staubgefässen fest, vibrieren mit ihren Muskeln und setzen so die Pollen frei. Ein weiterer Vorteil: ­Kälteeinbrüche machen den Hummeln wenig aus; ihr dichter Pelz schützt sie gut, ausserdem können sie ihre Flugmuskulatur auf konstant 30 Grad aufheizen. Man kann sie also auch im ­Freiland frühzeitig einsetzen. Hummeln sind zudem äusserst ­arbeitsfreudig: Sie sammeln bis zu 18 Stunden am Tag. 

Hummel Picture Alliance, Shotshop, HelgaBr
Hummeln sind bienenfleissig: Sie sammeln bis zu 18 Stunden am Tag.

Hummeln aus der Kiste

Hummeln in der Kiste Keystone/mauritius images/Julia Thymia
Hummeln werden heute im grossen Stil ­gezüchtet und über die halbe Welt transportiert. Zum Einsatz kommen sie hauptsächlich in Gewächshäusern und ­Folientunnels mit Tomaten- und Beerenkulturen.

In Schweizer Gewächshäusern (Tomaten, Peperoni, Auberginen etc.) ist der Einsatz von Zuchthummeln heute «state of the art», im Freiland (Obstbäume) dagegen noch rar. Nahezu alle Völker werden aus dem Ausland importiert, ein Grossteil von der ­belgischen Zucht Biobest, dem weltweit grössten Anbieter von Hummeln. Gegründet wurde die Firma 1987 vom Tiermediziner und Hobby-Entomologen Roland De Jonghe. Die Befruchtung von Tomaten und Peperoni in den grossen Gewächshäusern ­seines Landes erledigten damals Arbeiter mit einem elektrischen Bestäubungsgerät. Hummeln könnten das billiger und besser leisten, dachte De Jonghe und begann, Völker der Dunklen ­Erdhummel (bombus terrestris) in Kisten zu züchten. Um ­ganzjährig verkaufen zu können, suchte und fand er Methoden, den Reproduktionszyklus der Hummeln von den Jahreszeiten zu entkoppeln.

Die Nachfrage war riesig, nicht nur in Belgien, sondern in ganz Europa und später auch in Übersee. Und quasi nebenbei löste De Jonghe mit seinen Hummeln eine zweite Revolution aus: In den Gewächshäusern werden heute kaum noch Insektizide eingesetzt. Stattdessen halten Schlupfwespen, Raubmilben und Gallmücken die Schädlinge in Schach, vermehrt auch im Freiland. Biobest erkannte das Potenzial früh und eröffnete ­einen zweiten Geschäftszweig: den Versand von Nützlingen. «Unsere Hummeln haben mehr zum Umweltschutz beigetragen als die Grünen», sagte De Jonghe einst vollmundig. Was er ­unterschlug: Wären die Agrarlandschaften mit artenreichen Wiesen und Kleinstrukturen durchsetzt und die Gewächshäuser mit Blühstreifen ausgestattet, müssten Hummeln, Raubmilben und Schlupfwespen gar nicht erst gezüchtet und importiert werden. Die heimischen, wild lebenden Insekten übernähmen die Arbeit.

Gewächshaus Matthias Sorg

Damit entfielen auch Risiken wie die Verbreitung von Krank­heiten und die Verdrängung heimischer Arten. In Südamerika etwa entpuppte sich die (dort nicht heimische) Braune Erdhummel als äusserst invasives Tierchen, das sich von Chile aus rasch auf dem ganzen Kontinent ausbreitete und – wohl über mitgeführte Parasiten – die heimische orange Riesenhummel Bombus dahlbomii in arge Nöte brachte. In vielen Regionen starb sie aus. 

Fehlende Regeln trotz Risiken

Die Aussetzung von Nützlingen (Raubmilben usw.) ist in der Schweiz streng geregelt: Bevor ein neuer Nützling zugelassen wird, klärt Agroscope die Umweltrisiken ab. Zudem gilt seit 1986 eine Registrierungspflicht für Betriebe, die Nützlinge für den Pflanzenschutz verwenden; Richtlinien legen fest, wie die Insekten einzusetzen sind. Auch die Haltung von Honigbienen ist streng reglementiert. Alle Bienenhaltungen müssen bei einer kantonalen Koordinationsstelle gemeldet werden, und es gibt ­einen nationalen Bienengesundheitsdienst, der die Imker berät und die Gesundheit der Honigbienen überwacht. Bei der ­Dunklen Erdhummel hingegen wurde nie eine umfassende ­Risikoabschätzung gemacht. Weil die Art in der Schweiz ­heimisch ist, bewerten die Behörden den Einsatz von Importhummeln als unproblematisch. Folglich verzichtete man auch auf Regelungen: Alle können Dunkle Erdhummeln importieren und halten, wie sie möchten. Ein kleines Volk (30 Arbeiterinnen, Aktivitätsdauer: 6 bis 8 Wochen) ist ab 69 Franken zu haben, geliefert wird es in einer praktischen Box. 

Allerdings gibt es durchaus Risiken: Weil die Schweizer ­Gemüseproduzenten, im Unterschied etwa zu ihren Kollegen und Kolleginnen in England oder Japan, keine Massnahmen ­ergreifen müssen, um das Ausbüxen der Hummeln zu ver­hindern, kann es relativ einfach zu Verpaarungen mit wild ­lebenden Dunklen Erdhummeln kommen – mit der Gefahr, dass sich die genetische Zusammensetzung von lokalen Populationen zu deren Nachteil verändert. Die Herkunftslinien der importierten Hummel-Völker sind den Käuferinnen und Käufern unbekannt; mutmasslich stammen die meisten Völker aus Südost­europa. Ob sich in der Schweiz bereits Hybrid-Völker gebildet haben, ist nicht erforscht.  

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Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.



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Gefahr durch Parasiten und Krankheitserreger

Ein weiteres Risiko ist die Verbreitung von Parasiten und Krankheiten unter den wild lebenden Hummeln. Die Hummel-produzenten müssen zwar für die Ausfuhr in die Schweiz eine (durch einen Amtstierarzt ausgestellte) Gesundheitsbescheinigung vorlegen, doch zeigen Studien, dass die durchgeführten Stichproben der Veterinäre kaum genügen. So wiesen britische Forscher in 37 von 48 gekauften – und als frei von Krankheiten und Parasiten deklarierten – Hummelvölkern aus europäischen Zuchtbetrieben ein halbes Dutzend Parasiten und zwei Viren nach, die auch auf wild lebende Hummeln übergreifen können: darunter das Flügeldeformationsvirus und die oft tödlichen -Honigbienen-Parasiten Nosema apis und Nosema ceranae (den beiden Parasiten ist es gelungen, von den Bienen auf die Hummeln überzuspringen).     

 

Hummel Gaspar Costa

Dass es über den Blütenbesuch oder den Kot tatsächlich zu Übertragungen kommt, zeigt eine Studie aus Kanada: In unmittelbarer Nähe zu den Hummel-Treibhäusern waren mehr als die Hälfte der untersuchten wilden Hummeln Träger des darm-schädigenden Einzellers crithidia bombi – je weiter weg von den Treibhäusern, desto weniger wilde Hummeln waren befallen. 

Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) schätzt das Risiko, dass über importierte Hummelvölker Krankheitserreger und Parasiten in die Schweiz gelangen, als «sehr gering» ein. Dennoch warnt etwa die Vereinigung der Schweizer Kantonstierärztinnen und Kantonstierärzte davor, ­«Paketbienen» (Hummeln, Mauer- und Honigbienen) aus dem Ausland zu bestellen. Das wird aber weiterhin rege getan: ­Gemäss einer Aufstellung des Bundesamts für Zoll und Grenz­sicherheit werden pro Jahr Bienen und Hummeln im Umfang von rund 20 000 Kilogramm Lebendgewicht in die Schweiz eingeführt. 

Wer in seinen Obst- und Gemüseanlagen Bestäuberhummeln einsetzen will, war bis vor Kurzem noch auf ausländische Zuchthummeln angewiesen. Seit 2022 gibt es mit der «Schweizer Hummel» eine Alternative. Das Projekt wurde von der Firma HTC High-Tech-Center in Tägerwilen (TG) angestossen und ­bietet Dunkle Erdhummeln aus «kontrollierter Schweizer Zucht» in Mehrwegboxen an. Ziel ist es, den Erhalt von einheimischem Genmaterial zu sichern und die Selbstversorgung der Schweiz zu stärken. Auch lassen sich mit der «Schweizer Hummel» die Transportwege deutlich kürzer halten. Was das Projekt aber nicht zu ändern vermag, ja womöglich gar verfestigt, ist der ­Irrglaube, dass unsere Landwirtschaft auf wild lebende Insekten verzichten kann.  

NICOLAS GATTLEN ist Reporter des Pro Natura Magazins.

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