Progetti

Uno dei quattro pilastri di Pro Natura è la protezione attiva dei biotopi e delle specie.
Vengono visualizzate le voci 10-18 di 36
Sascha Wittwer
Klimakrise

«Ich wollte gegen Lobbys kämpfen»

2019 folgten in der Schweiz gegen 15 000 Junge dem Beispiel von Greta Thunberg und gingen für den ersten Klimastreik auf die Strasse. Doch wie sieht es heute aus?

Sacha Wittwer beschäftigte sich schon früh mit der Natur. Mit 10 übernachtete er allein oder mit einem Freund im Wald. Von selbst gebauten Hütten aus beobachtete er Rehe, Füchse und Dachse. Mit etwa 13 Jahren sah er seinen ersten Waldkauz aus der Nähe. Seine Leidenschaft für die Vogelwelt erwachte. Mit einem Grosscousin, der schon mehr wusste, tauchte er in die Ornithologie ein und begann, an Bestandsaufnahmen teilzunehmen, meistens für die jurassische Sektion von Pro Natura. Durch seine Beobachtungen und Kontakte entwickelte sich sein Umweltbewusstsein weiter. «Es gab eine Phase, in der mich der Klimawandel sehr belastete. Ich wollte gegen Lobbys kämpfen, um einen Umschwung in Gang zu bringen. So schloss ich mich Extinction Rebellion an.» 

Sacha Wittwer Fabian Biasio
Sacha Wittwer, 24, Vorstand Pro Natura Jura

Doch die Aktionen, die er mit der Gruppe durchführte, brachten seine Ängste nicht zum Verschwinden. Ein Gefühl der Machtlosigkeit machte sich breit. Er brach mit dem Velo zu einer Selbstfindungsreise nach Spanien auf und lebte drei Monate in einer Gemeinschaft, die sich fast vollständig selbst versorgte. «Ein tolles Experiment, das ich eines Tages in der Schweiz wiederholen möchte. In Spanien habe ich beschlossen, mich aufs Positive zu konzentrieren, auf die Lösungsansätze, die vorhanden sind.»

Vor einem Jahr trat Sacha Wittwer dem Vorstand der Pro Natura Sektion Jura bei. «Ausschlaggebend war, dass in meiner Region ein Bikepark und eine Skaterhockey-Anlage geplant wurden – in unmittelbarer Nähe eines Naturschutzgebiets. Das hat mich betroffen gemacht, denn ich schätze diese Gegend sehr. Ein solches Projekt würde der lokalen Artenvielfalt schaden. Als Vorstandsmitglied fühle ich mich legitimierter, aktiv zu werden.» 

Hat er seine Umweltsorgen so in den Griff gekriegt? «Sagen wir mal so: Ich kann langsam besser damit leben. Aber ich mache mir viele Gedanken darüber, eines Tages Kinder zu haben: Welche Zukunft könnte ich ihnen bieten? Vielleicht wäre es im Rahmen einer Selbst-versorgungsgemeinschaft denkbar. Wir werden sehen!» Was das Berufsleben betrifft, so beendet er zurzeit seinen Zivildienst im Jurassica-Museum in Pruntrutt. Danach will er sein Pädagogikstudium abschliessen und sich auf Naturpädagogik spezialisieren. ta

Ulteriori informazioni

Info

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Es blickt hinter die Kulissen politischer Entscheide und schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft. Als Mitglied erhalten Sie das Magazin fünf mal im Jahr direkt in Ihren Briefkasten.

Helene Gurtner, Klimajugend
Klimakrise

«Mich faszinieren diese kleinen Schönheiten ungemein»

2019 folgten in der Schweiz gegen 15 000 Junge dem Beispiel von Greta Thunberg und gingen für den ersten Klimastreik auf die Strasse. Doch wie sieht es heute aus?

«Als ich etwa 14 Jahre alt war, habe ich bemerkt, dass die Fotogalerie auf meinem Handy von Insektenbildern erobert wurde. Das fand ich witzig. Insekten sind nicht gerade das typische Fotomotiv meiner Generation. Mich aber faszinieren diese kleinen Schönheiten ungemein, vor allem die Schmetterlinge. Wenn ich auf einer Reise oder einem Spaziergang ein interessantes Insekt sehe, mache ich immer ein paar Fotos. So kann ich das Tierchen später in aller Ruhe und mit allen Details bewundern. In der Realität sind viele Insekten oft ja zu schnell weg. 

Helene Gurtner Fabian Biasio
Helene Gurtner, 19, Chemiestudentin

Per Zufall bin ich dann in die professionellere Insektenkunde, die Entomologie, hineingerutscht. Während meiner ‹Gymerzeit› durfte ich ein dreiwöchiges Praktikum im Naturhistorischen Museum in Bern machen. Dort habe ich ‹Schweizer Tagfalter› nach Arten bestimmt und sortiert. Dabei lernte ich den Schmetterlingskenner und zeichner Hans-Peter Wymann kennen. Er führte mich in die Taxonomie der Schmetterlinge ein. Zudem gab er mir Tipps, wie man sie zeichnet. Diese nutzte ich dann auch für meine Maturaarbeit. Ich habe ein kleines ‹Tagfalter-Magazin› mit eigenen Fotografien, Zeichnungen und Begleittexten gestaltet. 

Im Jahr 2022, kurz nach Corona, bin ich endlich auch Mitglied des Entomologischen Vereins Bern geworden und lasse mich nun von der Vernarrtheit und dem Wissen erfahrener Insektenspezialisten anstecken. An Vorträgen und im Rahmen von Monitoringprojekten habe ich einiges über die Taxonomie von Insekten hinzugelernt, was meine Begeisterung für die Natur befeuert. Denn je mehr Arten ich kenne, desto besser nehme ich die Tiere wahr. Meine Umgebung wird bunter und vielfältiger mit jedem neuen Namen, den ich kennenlerne. Was ich früher in die Schublade ‹Schmetterling› geschoben habe, erkenne ich heute schon von Weitem als ‹Waldbrettspiel›. Dann verfolge ich den Falter, bis ich mir sicher bin, dass ich recht hatte. Und natürlich wurmt es mich als Hobby-Insekten-Fotografin, wenn ich mal wieder nicht weiss, wen ich porträtiere.»

Ulteriori informazioni

Info

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Es blickt hinter die Kulissen politischer Entscheide und schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft. Als Mitglied erhalten Sie das Magazin fünf mal im Jahr direkt in Ihren Briefkasten.

Stephanie Wyss
Klimakrise

«Wir möchten etwas bewegen»

2019 folgten in der Schweiz gegen 15 000 Junge dem Beispiel von Greta Thunberg und gingen für den ersten Klimastreik auf die Strasse. Doch wie sieht es heute aus?

«Seit ich klein bin, beschäftigt es mich sehr, wenn ich Leid sehe: eingesperrte Tiere, hungernde Menschen, Flüchtlinge, die auf Booten um ihr Überleben kämpfen. Ich bin in einer ‹heilen Welt› aufgewachsen und konnte nicht begreifen, warum es vielen anderen so schlecht geht. Das empfand ich als ungerecht, und es machte mich wütend. 

Stephanie Wyss Fabian Biasio
Stephanie Wyss, 26, Aktivistin

Mit 18 las ich ein Buch darüber, wie einer der letzten an der ursprünglichen Lebensform festhaltenden Aboriginestämme die westliche Zivilisation sieht und wie diese Stammes-gemeinschaft lebt. Es berührte mich tief, wie verbunden die Aborigines mit der Erde und den Mitmenschen sind. Nach der Lektüre verstand ich unsere Gesellschaft noch weniger. Dann wurde ich zur Flüchtlings- und Klimaaktivistin. Politisch aktiv zu sein half mir, mit meinem Weltschmerz und der empfundenen Ohnmacht umzugehen. 

Am zweiten nationalen Treffen des Klimastreiks gründete ich eine Gruppe, die den Schweizer Bankenplatz in die Pflicht nehmen wollte. Unsere Forderungen nach Transparenz und dem Stopp an Investitionen in ‹dreckige› Unternehmen wurden vom Klimastreik angenommen. Darauf schrieben wir Briefe an etwa 100 Schweizer Banken. Das löste einiges aus: Die Banken waren bereit, mit uns zu sprechen. Manche erarbeiteten dann auch tatsächlich Lösungen. Einige davon waren gut. Aber vieles fand ich ernüchternd und meine Motivation, mich in diesem Bereich einzusetzen, schwand.

Heute beschäftige ich mich weniger mit dem, was mir nicht gefällt, sondern mit der Frage, was möglich ist. Dabei faszinieren mich momentan vor allem die Heilung und das ‹Wieder-in-Verbindung-Kommen› mit unserem wahren Wesen, die Geschenkökonomie und das Alltagsleben. Ab Frühling ziehe ich in eine Gemeinschaft, wo wir in Frieden und Einklang mit uns selbst, mit unseren Mitmenschen und der Natur leben wollen. Mit unserem Handeln möchten wir andere Menschen inspirieren und etwas in der Welt bewegen.» nig

Ulteriori informazioni

Info

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Es blickt hinter die Kulissen politischer Entscheide und schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft. Als Mitglied erhalten Sie das Magazin fünf mal im Jahr direkt in Ihren Briefkasten.

Vince Jeannet
Klimakrise

«Ich fühle mich nützlich»

2019 folgten in der Schweiz gegen 15 000 Junge dem Beispiel von Greta Thunberg und gingen für den ersten Klimastreik auf die Strasse. Doch wie sieht es heute aus?

«Ich bin auf dem Land aufgewachsen, in Moiry, einem Waadtländer Dorf am Jurasüdfuss. Das war ein genialer Spielplatz, ich war ständig draussen. Damals machte ich mir noch keine Gedanken über meine Zukunft und ahnte nicht, dass ich eines Tages für den regionalen Naturpark Jura vaudois arbeiten würde. Ich glaube, jetzt hat sich der Kreis geschlossen. Ich bin sehr glücklich, dass ich meinen Ideen und Überzeugungen treu bleiben und konkret handeln kann.

Vince Jeannet Fabian Biasio
Vincent Jeannet, 27, Mitarbeiter Landschaft und Natur im regionalen Naturpark Jura vaudois

Ich weiss recht genau, wann mir die Auswirkungen des Klimawandels und die Notwendigkeit, sich für die Natur einzusetzen, bewusst wurden: Als Kind fuhr ich oft im Vallée de Joux Ski und erlebte, dass es immer weniger Schnee gab. Da hat es bei mir Klick gemacht. Und da ich gläubig bin, halte ich es auch für sehr wichtig, dass wir uns um die Erde kümmern, die uns als Geschenk gegeben wurde. Nach dem Gymnasium reihten sich meine Stationen ziemlich logisch aneinander: Zuerst eine Ausbildung zum Laboranten EFZ im Fachbereich Biologie und dann eine Weiterbildung an der Hochschule für Landschaft, Technik und Architektur Genf (HEPIA) in Naturmanagement.

Seit ein paar Monaten habe ich eine super Stelle im regionalen Naturpark Jura vaudois als Mitarbeiter Landschaft und Natur. Ich kann für die Region arbeiten, in der ich aufgewachsen bin. Das berührt mich sehr. Ich fühle mich nützlich und am richtigen Platz. Ich habe Kontakt mit Menschen, die sich für ihre Gegend engagieren, und die Projekte und Aktionen, die wir mit den Parkgemeinden entwickeln, wirken sich direkt auf die Natur und die Landschaft aus. -Etwas, das mich besonders freut, ist der -Ersatz von Kirschlorbeer durch einheimische Hecken. Solche konkreten Massnahmen und kleinen Schritte geben mir Hoffnung: Wir können hier und jetzt etwas tun.

Die Art, wie ich mich für die Natur engagiere, und die Freude an praktischer Arbeit kommen von meinen Eltern: Sie haben mich schon als Kind ermutigt, nach draussen zu gehen und die kleinen Dinge in der Natur zu entdecken. Hinterfragt jemand mein Engagement und meine Überzeugungen, gehe ich gerne auf die Diskussion ein, um mich auszutauschen. Ich bin aber nicht der Typ, der unbedingt alle überzeugen will. Jeder Mensch macht es so, wie er kann.» fk

Ulteriori informazioni

Info

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Es blickt hinter die Kulissen politischer Entscheide und schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft. Als Mitglied erhalten Sie das Magazin fünf mal im Jahr direkt in Ihren Briefkasten.

Nicolas Hatt
Klimakrise

«Vögel sind ein guter Indikator für den Zustand der Natur»

2019 folgten in der Schweiz gegen 15 000 Junge dem Beispiel von Greta Thunberg und gingen für den ersten Klimastreik auf die Strasse. Doch wie sieht es heute aus?

Eigentlich wollte Nicolas Hatt in seiner Maturarbeit Dialekte von Singvögeln untersuchen. Das erwies sich mit den vielen Reisen aber als zu aufwändig. Also entschied sich der Wetziker, die Lebensräume der Wasseramsel am heimischen Chämptnerbach zu ergründen. Wo brütet sie? Wo fehlt sie? Und warum? Der Maturand fand heraus, dass nicht so sehr die Insekten oder die Bachmorphologie, sondern die geeigneten Nistplätze der limitierende Faktor am Chämptnerbach sind. Mit seiner Untersuchung gewann er 2023 einen Sonderpreis bei «Schweizer Jugend forscht». Prädikat: «hervorragend».

Nicolas Hatt Fabian Biasio
Nicolas Hatt, 20, Student

Dass Nicolas Hatt für seine Maturarbeit ein Vogelthema wählen würde, stand früh fest. Vögel sind seine Passion; ihr Flug, ihr filigraner Körperbau, ihre Gesänge, die verschiedenen Jagd- und Nisttechniken begeistern ihn seit der Kindheit. Seine Eltern hätten dabei als Initialzünder gewirkt, so der 20-Jährige. «Meine Mutter und mein Vater sind beide grosse Naturfans und engagieren sich seit Langem im Naturschutz.» Der Sohn tat es ihnen gleich: Mit 12 trat er der Jugendgruppe «Natrix» bei, heute ist er Vorstandsmitglied und Exkursionsleiter. Die Gruppe betreut ein Naturschutzgebiet bei Winterthur (ZH) und führt Exkursionen in die «besten Vogelbeobachtungsgebiete der Schweiz» durch. «Das sind immer tolle Erlebnisse», sagt Nicolas Hatt. «Man ist mit Gleichgesinnten draussen in der Natur, macht spannende Beobachtungen und lernt ständig dazu.» 

Vögel böten einen idealen Einstieg, um ökologische Zusammenhänge zu begreifen, erklärt Hatt. «Sie sind ein sehr guter Indikator für den Zustand der Natur und unseren Umgang mit ihr.» Wie alle, die sich damit beschäftigen, besorge auch ihn der Zustand der Biodiversität, sagt der 20-Jährige. «Trotzdem sind es eigentlich eher Faszination und Neugier, die mich zu meinem Engagement und meinen Projekten inspirieren und die mich dabei jedes Mal wieder mit Freude erfüllen.» Seiner Leidenschaft geht Nicolas Hatt nicht nur in seiner Freizeit nach: Er hat sich an der Universität Zürich für das -Studienprogramm «Biodiversität» eingeschrieben und zählt zum ersten Jahrgang dieses neuen Studienangebots. nig

Ulteriori informazioni

Info

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Es blickt hinter die Kulissen politischer Entscheide und schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft. Als Mitglied erhalten Sie das Magazin fünf mal im Jahr direkt in Ihren Briefkasten.

Lea Hurni
Klimakrise

«Wir sollten mehr auf die Kinder hören»

2019 folgten in der Schweiz gegen 15 000 Junge dem Beispiel von Greta Thunberg und gingen für den ersten Klimastreik auf die Strasse. Doch wie sieht es heute aus?

Familienwanderungen im Kindesalter, Entdeckungstouren als Jugendliche, Lektüren und Kunstprojekte: Auf dieser Grundlage hat Lea Hurni eine tiefe Beziehung zur Natur entwickelt, zwischen kontemplativem Schauen und freudigem Staunen. Angesichts des kritischen Zustands der Biodiversität und der damit verbundenen Herausforderungen hat sie sich entschieden, mit Kindern zu arbeiten und sich als Leiterin einer Jugendnaturschutzgruppe von Pro Natura zu engagieren. «Die gemeinsamen Erlebnisse geben mir Kraft und Hoffnung. Die Kinder sind unglaublich neugierig, unverstellt und aufmerksam. Da braucht es keine grossen Worte!»

Lea Hurni Fabian Biasio
Lea Hurni, 19, Jugendgruppenleiterin bei Pro Natura Neuenburg

Das Staunen über die Natur bringt Lea Hurni auch in ihren Texten und Fotos zum Ausdruck. Mit den poetischen Worten, die sie auf ihren Ausflügen zu Papier bringt, und den stimmungsvollen Aufnahmen, die zum Beispiel beim Biwakieren entstehen, gibt sie ihre Liebe zur Natur weiter. «Ich schreibe und fotografiere nicht nur für mich selbst, sondern auch, um andere zu sensibilisieren. Das ist meine Art von Engagement.» Sollte sie einmal die Möglichkeit haben, ihre Werke auszustellen, dann vor allem, um sich mit den Besucherinnen und
Besuchern auszutauschen. «Das, worauf es ankommt, sind die Verbindungen zwischen den Menschen und der gemeinsame Wunsch, die Natur zu erhalten.» Den Begriff Öko-Angst mag sie nicht. Sich über den Zustand unseres Planeten Sorgen zu machen, «ist doch nicht pathologisch! Wenn man so denkt, kann man die Probleme nicht an der Wurzel angehen.»

Ihre Lieblingsmotive sind Säugetiere und Vögel. Aber es müssen nicht Tiere vom anderen Ende der Welt sein. «Wir haben hier alles: Schönheit und jede Menge schützenswerte Dinge!» Lea Hurni faszinieren Kleinigkeiten wie ein Lichtstrahl, der durch die Bäume fällt, ein Gewässer, das vor sich hin plätschert, oder die Farbwechsel, die sich durch vorbeiziehende Wolken ergeben. Diese einfache und fragile Schönheit möchte sie den Kindern nahebringen, denn in der Jugend wird die Beziehung zur Natur für das ganze restliche Leben aufgebaut. «Wir sollten wirklich mehr auf die Kinder hören und Rücksicht auf ihre Zukunft nehmen. Wir dürfen nicht über ihre Köpfe hinweg entscheiden!» fk

Ulteriori informazioni

Info

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Es blickt hinter die Kulissen politischer Entscheide und schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft. Als Mitglied erhalten Sie das Magazin fünf mal im Jahr direkt in Ihren Briefkasten.

Samantha Keller
Klimakrise

«Ich möchte dazu inspirieren, sich wieder mit der Natur zu verbinden»

2019 folgten in der Schweiz gegen 15 000 Junge dem Beispiel von Greta Thunberg und gingen für den ersten Klimastreik auf die Strasse. Doch wie sieht es heute aus?

Pro Natura Magazin: Wie kamen Sie auf die Idee, eine Zeitschrift zu gründen?

Samantha Keller: Ich wollte meinem Beruf mehr Sinn geben. Die konkrete Idee ist 2019 im Rahmen der «Jane Goodall Challenge» entstanden. Diese Initiative fördert Projekte, die von jungen Menschen auf die Beine gestellt werden, um unsere Lebenswelt zu verbessern. Gestartet habe ich mein Projekt dann in Zusammenarbeit mit Tobias Blaha, dem Direktor des Bioparc Genf, für den ich Fotoshootings mache.

Samantha Keller Fabian Biasio
Samantha Keller, 27 Fotografin, Gründerin der Zeitschrift «Wonder Fauna»

Warum haben Sie sich gerade für dieses Projekt entschieden?

Ich hatte damals einen verletzten Igel gefunden und begann damit, Artikel über Organisationen zu schreiben, die sich für die einheimische Tierwelt einsetzen. Ich wollte ihnen mehr Sichtbarkeit verleihen, denn mittlerweile hatte ich begriffen, wie gross die Biodiversitätskrise in der Schweiz ist.

Sind Sie in Ihrer Kindheit ökologisch sensibilisiert worden?

Nein, nicht besonders. Der Beginn meines Engagements hatte eher mit der Begeisterung für die Makrofotografie und die Bienen zu tun. Ich hoffte, dass meine Bilder die Leute inspirieren, sich wieder mit der Natur zu verbinden. Das hoffe ich auch heute noch.

Wie geht das?

Eine Fotografie löst Emotionen aus und sensibilisiert die Öffentlichkeit auf eine andere Art. Natürlich darf das nicht auf Kosten der Information gehen. In der Zeitschrift «Wonder Fauna» möchten wir die Probleme aufzeigen, vor denen wir heute stehen. Angesichts der vielen Ängste, die unser Leben beherrschen, ist es uns aber auch wichtig, gangbare Lösungen aufzuzeigen.

Leiden Sie unter Öko-Angst?

Nein. Ich fühle mich zwar manchmal entmutigt, aber im Kontakt mit den engagierten Menschen, die ich im Zusammenhang mit der Zeitschrift treffe, schöpfe ich neue Energie!

Wie sehen Sie die Zukunft von «Wonder Fauna»?

Wir möchten weitere Nummern herausgeben. Zudem haben wir einen Dokfilm über Pestizide in der Schweiz realisiert und das Programm «Sign Fauna» lanciert. Es soll Gehörlosen und Hörgeschädigten einen besseren Zugang zu Umweltthemen verschaffen. Zudem würden wir gerne konkrete Massnahmen umsetzen. ta

Ulteriori informazioni

Info

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Es blickt hinter die Kulissen politischer Entscheide und schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft. Als Mitglied erhalten Sie das Magazin fünf mal im Jahr direkt in Ihren Briefkasten.

Giulia Tognola
Klimakrise

«Die Langsamkeit der Prozesse frustriert mich»

2019 folgten in der Schweiz gegen 15 000 Junge dem Beispiel von Greta Thunberg und gingen für den ersten Klimastreik auf die Strasse. Doch wie sieht es heute aus?

Pro Natura Magazin: Wie ist Ihr Engagement entstanden?

Giulia Tognola: Es hat mit den Klima- und Frauenstreiks von 2019 begonnen. Und ich erinnere mich, dass ich 2020 nach der Abstimmung über die Konzernverantwortungsinitiative total wütend war. Ich musste diese Emotionen kanalisieren. Es hatte keinen Sinn, allein in einer Ecke zu sitzen und mich aufzuregen. Also meldete ich mich bei den Jungen Grünen an.

Giulia Tognola Fabian Biasio
Giulia Tognola, 21, Mitglied des Generalrats der Stadt Freiburg und Vizegeneralsekretärin der Jungen Grünen Schweiz

Warum haben Sie sich für die Politik und nicht für den Aktivismus entschieden?

Das war naheliegend. Ich komme aus einer sehr politischen Familie, die in der Linken verankert ist. Aber ich verstehe die Vorgehensweise kämpferischer Bewegungen absolut. Es braucht enorm viel Mut, solche Aktionen durchzuführen. 2021 wurde ich für die Grünen in den Generalrat von Freiburg gewählt (Gemeindeparlament, Anm. der Redaktion). Ich dachte, nun würde ich die Welt verändern… bis ich mit der Realität des politischen Betriebs konfrontiert wurde.

Was heisst das?

Die Langsamkeit der Prozesse frustriert mich, vor allem wenn man sieht, wie dringend etwas passieren müsste. Ich zweifle zunehmend an der Effektivität unseres Föderalismus, wenn es darum geht, schnell auf schwerwiegende Probleme wie die Erderwärmung zu reagieren.

Haben Sie die Hoffnung verloren?

Nein, ich bin zwar manchmal frustriert, aber ich engagiere mich immer noch mit viel Elan. Besonders gefordert war ich während der eidgenössischen Wahlen 2023: Da hatte ich als Vizegeneralsekretärin der Jungen Grünen Schweiz sehr viel zu tun. Und sollte ich die Politik eines Tages verlassen, dann werde ich wohl im gemeinnützigen Bereich aktiv. Ich finde sicher immer einen Weg, mich zu engagieren.

Sie studieren Politikwissenschaft: Welche berufliche Laufbahn streben Sie an?

Das weiss ich noch nicht genau. Vielleicht mache ich in Basel einen Master über gesellschaftliche Veränderungen in Zusammenhang mit Migration, Konflikten und Mittelverteilung. Die Migrationsfragen sind für mich von besonderem Interesse, auch weil sie teilweise mit der Klimakrise zu tun haben. Aus meiner Sicht müssen ökologische Lösungen immer sozial sein, also mit einer gerechteren Verteilung des Wohlstands einhergehen. ta

Ulteriori informazioni

Info

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Es blickt hinter die Kulissen politischer Entscheide und schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft. Als Mitglied erhalten Sie das Magazin fünf mal im Jahr direkt in Ihren Briefkasten.

Waldbrandfläche oberhalb von Verdasio/TI
17.10.2018 Klimakrise

Kontrolle abgeben, beobachten und staunen

Als Konsequenz des Klimawandels nehmen Naturereignisse zu. Bis zu einem gewissen Grad können diese für die Natur positive Folgen haben — an einem griffigen Klimaschutz muss aber festgehalten werden.

Kürzlich auf einer Wanderung im Aletschgebiet offenbart der Blick auf den Gletscher auch einen Hang, der ins Rutschen geraten ist. Wie ein Fächer öffnen sich die senkrechten Steinschichten, und die Arven strecken ihre Kronen in alle Himmelsrichtungen. Etwas später erfahre ich, dass der Wald in einem Naturwaldreservat im Misox brennt. Und auch so spät im Jahr lese ich immer wieder Nachrichten über das Ausmass des Windwurfs durch die Stürme Burglind und Frederike im vergangenen Winter.

Solche und weitere Naturereignisse sind bei uns immer wieder aufgetreten. Sie gehören zum natürlichen Kreislauf und gestalten die Natur. Doch der Klimawandel kann solche Naturereignisse verstärken und dazu führen, dass sie häufiger eintreten. Grössere Trockenheit, wie wir sie diesen Sommer erlebt haben, erhöht beispielsweise die Waldbrandgefahr. Starkniederschläge, wie sie in der Schweiz seit der Jahrtausendwende überdurchschnittlich oft und heftig registriert worden sind, können Überschwemmungen oder Erdrutsche auslösen. Der Gletscherschwund und der Rückgang des Permafrosts, beides offensichtliche Folgen der Erwärmung unseres Klimas, setzen ganze Gebirgsmassen in Bewegung.

Es ist der Mensch, der das Klima zerstört. Pro Natura bekämpft diesen Prozess entschieden und engagiert sich national und international für eine wirksame Klimapolitik, die den viel zu hohen CO2-Ausstoss markant senken muss. Doch der Wandel des Klimas ist längst im Gang, die zunehmenden Naturereignisse sind Zeugen dieser Entwicklung, und deshalb stellt sich für den Naturschutz die Frage, wie mit den Folgen dieser Ereignisse umzugehen ist.

«Störungen» schaffen Lebensräume

Natürliche Dynamik wird häufig ausschliesslich als Zerstörung wahrgenommen und als Schaden bezeichnet. Doch: Diese «Störungen» schaffen auch neue Lebensräume und Strukturen, wie sie in der Schweiz selten sind; beispielsweise Ruderalflächen und Pionierwälder. Gewisse Arten sind für ihr Überleben sogar auf diese Dynamik angewiesen.

Weil in unseren vom Menschen gestalteten und genutzten Landschaften die natürliche Dynamik nur noch sehr begrenzt vorhanden ist, wird im Naturschutz mitunter versucht, diese fehlende Dynamik künstlich nachzuahmen: So führt etwa das ­ Ringeln von Bäumen zu einem grösseren Totholzangebot, das Lebensraum für unzählige holzbewohnende Käfer bietet. Oder das punktuelle Abtragen von Humus schafft offene Rohböden, die von spezialisierten Arten wieder besiedelt werden.

Flächen mit natürlicher Entwicklung dienen auch als Genreservoir sowie als Rückzugsort und Ausbreitungsquelle spezialisierter Arten. Ebenso leisten sie einen Beitrag zur Wissenschaft, indem wir die natürliche Entwicklung beobachten und daraus Lehren ziehen, zum Beispiel für eine effiziente und nachhaltige Waldbewirtschaftung. Und sie ermöglichen es uns, die Beziehung des Menschen zur Natur zu stärken und eine direkte Naturerfahrung zu machen. So etwa auch im grössten Naturraum der Schweiz, in dem diese natürliche Dynamik zugelassen wird: dem Schweizerischen Nationalpark.

Lawinenniedergang im Schweizer Nationalpark bringt Dynamik in die Naturentwicklung Matthias Sorg
Lawinenniedergang im Schweizer Nationalpark bringt Dynamik in die Naturentwicklung.

Ulteriori informazioni

Info

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Es blickt hinter die Kulissen politischer Entscheide und schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft. Als Mitglied erhalten Sie das Magazin fünf mal im Jahr direkt in Ihren Briefkasten.

Unerwartete Regenerationskraft

Erfahrungen aus vergangenen grossen Naturereignissen haben gezeigt, dass diese einige Überraschungen bereithalten können. Nach den grossflächigen Windwürfen durch den Sturm Lothar
im Winter 1999 wurde beobachtet, dass auf fast allen offenen Flächen wieder junger Wald aufwächst. Beim Waldbrand in Leuk von 2003 verbrannten auf einem grossen Teil der Fläche sowohl die Bodenvegetation als auch die Baumkronen. Bereits nach wenigen Jahren war die Fläche durch Krautpflanzen und Baumkeimlinge wieder besiedelt. Mit der Zeit sind nach den rasch wachsenden Pionierpflanzen aber auch die vorher häufigen Eichen und Föhren wieder zurückgekommen. Die Natur zeigte in diesen Fällen eine unerwartete Regenerationskraft.

Das Zulassen von natürlicher Dynamik darf selbstverständlich aber nicht zu einer menschlichen Gefährdung führen. Entscheidend ist es auch, solche Flächen als einen weiteren Beitrag für mehr natürliche Vielfalt zu betrachten. Es ist kein Entweder- oder zum traditionellen Kulturlandschaftsschutz. Beide Ansätze – sowohl gezielte Naturschutzmassnahmen als auch das Zulassen von natürlicher Dynamik – sind in unseren, vom Menschen geprägten Landschaften wichtig für eine vielfältige Natur. Auch Pro Natura führt in der Mehrzahl ihrer knapp 700 Naturschutzgebiete notwendige Pflegemassnahmen durch. In mehreren, vorwiegend grossräumigen Schutzgebieten kann sich die Natur aber frei entwickeln.

Murgang unterhalb des Lukmanierpasses Matthias Sorg
Murgang unterhalb des Lukmanierpasses.

Unerwünschte Folgen sind möglich

Das Zulassen der natürlichen Entwicklung auf bestimmten Flächen – ob gross- oder kleinräumig, langfristig oder temporär, in abgelegenen oder gut erschlossenen Gebieten – kann auch unerwünschte Folgen haben. Neobiota können sich ansiedeln und von dort weiter ausbreiten, oder es entstehen ungewollte Schäden an Infrastruktur. In der kleinräumigen und sehr gut erschlossenen Schweiz kann es auch rasch zu Konkurrenz mit anderen Ansprüchen an diese Flächen kommen.

Und: Natürliche Extremereignisse dürfen auch nicht Überhand nehmen und zu häufig auftreten. Denn Extremereignisse haben nur bis zu einem gewissen Grad eine positive Wirkung auf die Natur.

Glücksstunde für die Biodiversität

Am 13. August 2003 brannten oberhalb von Leuk (VS) über 3 Quadratkilometer Wald nieder. Die Ursache war nicht natürlicher Art — es handelte sich um Brandstiftung —, doch natürlich war die Dynamik, die nach diesem Ereignis einsetzte. Denn aus Kostengründen wurde entschieden, auf eine Wiederaufforstung grösstenteils zu verzichten und somit der natürlichen Entwicklung freien Lauf zu lassen.

Diese liess nicht lange auf sich warten: Nach drei Jahren waren drei Viertel der verkohlten Oberfläche wieder grün. Forschende der WSL fanden auf der Fläche innert zehn Jahren 560 Pflazenarten und fast 2000 (!) Arten von Insekten, Spinnen und Asseln, darunter Käferarten, die sonst in der Schweiz noch kaum je gesichtet worden sind. Viele bedrohte oder seltene Vogelarten wie Wendehals, Gartenrotschwanz oder Steinrötel besiedelten das verbrannte Gebiet in hoher Zahl. Die offene Fläche und die durch das Feuer freigesetzten Nährstoffe boten ideale Voraussetzungen für eine üppige Naturentfaltung.

Der aussergewöhnliche Zustand ist jedoch nicht von Dauer, denn der Wald erobert sich das Terrain zurück: Bereits im zweiten Jahr keimten viele Laubbäume, deren Samen vom Wind herangetragen wurden. Die meisten der verkohlten Flaumeichen schafften es sogar, wieder auszuschlagen. In den tieferen Lagen der Brandfläche wächst anstelle des bisherigen Nadelwaldes ein Laubwald — eine klimabedingte Entwicklung, die andernorts im Wallis ebenfalls abläuft, wenngleich wesentlich langsamer. Die natürliche Dynamik nach dem Waldbrand bot also nicht nur eine seltene «Happy Hour» für die Biodiversität, sondern hinterlässt langfristig einen Wald, der dem künftigen Klima besser angepasst sein wird.

Katalysatoren für die Biodiversität

Der Schweizerische Nationalpark (SNP) wurde anfangs des 20. Jahrhunderts von der heutigen Pro Natura und der Akademie für Naturwissenschaften geschaffen, um ein Stück «ursprünglicher Alpennatur» sich selbst zu überlassen und die natürliche Entwicklung wissenschaftlich zu dokumentieren. Das Konzept des Totalschutzes war damals revolutionär, und der SNP ist auch heute noch alpenweit das grösste Totalreservat. Prozessschutz gehört neben dem Schutz von Pflanzen, Tieren und Lebensräumen zu den zentralen Zielen des SNP. Zu diesen Prozessen gehören auch Lawinen. Für viele Menschen ist es schwer nachvollziehbar, was das Erstrebenswerte an einem Lawinenniedergang sein soll und weshalb der SNP keine Massnahmen gegen «Lawinenschäden» ergreift.


Der SNP muss sich deshalb der Herausforderung stellen, den Sinn von Prozessschutz zu erklären. Dank der Forschung weiss man, dass Lawinen nicht nur Zerstörung bringen, sondern einen dynamischen Faktor im natürlichen Kreislauf darstellen. Sie schlagen Schneisen in die Bergwälder, schaffen dadurch neuen Lebensraum für lichtbedürftige Pflanzen- und Tierarten und wirken als Katalysatoren der Biodiversität. So kann, wie im Bild ersichtlich, eine artenreiche Kraut- und Strauchschicht entstehen, die auch vielen Insekten Nahrung und Lebensraum bietet. Deshalb erstaunt es nicht, dass gemäss einer Studie des Schnee- und Lawinenforschungsinstituts SLF in Lawinenschneisen dreimal mehr Arten leben als im angrenzenden Wald.

Tödliche Gefahr schafft neue Urlandschaften

Sucht man online nach «Derborence», sind die Mehrheit der Treffer Ausflugstipps. Die Beschreibungen sind überschüttet mit Superlativen, vor allem zur Schönheit der wilden Landschaft. Hätte man im 18. Jahrhundert die Bewohner der benachbarten Dörfer gefragt, wäre die Reaktion eine andere gewesen. Denn die Menschen hatten Angst vor den Naturgewalten im Walliser Hochtal. In den Jahren 1714 und 1749 ereigneten sich dort zwei verheerende Bergstürze. Diese überschütteten einen grossen Teil der früheren Alpenweiden und Alpgebäude mit bis zu 100 Meter hohem Geröll und stauten einen See auf: den Lac Derborence. Das Berg­ massiv, aus dem sich die Felsmassen lösten, wurde von den Einheimischen deshalb in «Les Diablerets», die Teufelshörner, umbenannt. Einzelne Felsbrocken donnerten auch nach den grossen Bergstürzen regelmässig ins Tal, deshalb mieden Einheimische fortan diese gefährliche Gegend. Somit entwickelte sich an den Hangflanken während 300 Jahren einer von nur drei Urwäldern in der Schweiz. Das häufige Totholz der abgestorbenen und teils umgestürzten Baumriesen bietet einen Lebensraum, der in der Schweiz sehr selten geworden ist. Mittlerweile erschliesst eine abenteuerliche Zufahrtsstrasse das Tal, und im Sommer finden zahlreiche Besucher auf einem kleinen Pfad im Wald und am See Erholung. Im Winter aber ist die Strasse geschlossen und das Tal immer noch so wild, wie es während mehreren Hundert Jahren war.

Der Bach holt sich sein Bett zurück

68 Kubikmeter Wasser pro Sekunde schossen am Abend des 12. Mai 1999 durch die Bünz, im Jahresdurchschnitt sind es 1,1 Kubikmeter. Diese enormen Wassermengen veränderten innerhalb weniger Stunden einen Talabschnitt dieses Bachs, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf weiten Strecken in ein enges Korsett gedrängt wurde. Bei Möriken, einem Bereich mit etwas mehr Gefälle, begannen die Ufer zu erodieren, zeitgleich wurden durch einen Rückstau die umliegenden Ackerböden geflutet, dadurch wurde dort das Land abgeschwemmt. Es entstanden neue Seitenarme, bald mass das ursprünglich acht Meter breite Bachbett 40 bis 50 Meter Breite. Rund vier Hektaren Kulturland und 12 000 Kubikmeter Material wurden in einer Nacht umgelagert oder weggeschwemmt. Zu viel, dass die früheren Verhältnisse hätten wiederhergestellt werden können. Deshalb entschieden verschiedene kantonale Fachstellen, eine Auenlandschaft entstehen zu lassen. Durch Tausch oder Kauf konnten 20 Hektaren in den Besitz des Kantons und 27 Hektaren in den Besitz der Standortgemeinden überführt werden. Weitere Hochwasser 2007 und 2015 haben die Aue wieder neu modelliert.

Nach dem Sturm wächst der Urwald heran

Die starken Windböen von Burglind Anfang Jahr haben in Erinnerung gerufen, welche Kraft Stürme an den Tag legen können. Danach liegen und stehen Bäume verdreht, abgebrochen oder entwurzelt auf den Windwurfflächen im Wald. Vor zwanzig Jahren durchquerte der Orkan Lothar die Schweiz und schlug zahlreiche Schneisen in die Wälder der Schweiz, so auch im Rorwald im Kanton Obwalden. Die Korporation «Teilsame Lungern-Obsee» machte aus der Not eine Tugend: Sie sparte sich die aufwendigen und teuren Aufräumarbeiten und schied im Jahr 2000 gemeinsam mit dem Kanton und Pro Natura ein Waldreservat zugunsten der Natur aus. Im Kern des Reservats entwickelt sich der Wald seither ohne jeglichen menschlichen Eingriff.

Für das scheue Auerhuhn, das hier für die Schweiz ungewöhnlich hohe Dichten aufweist, ist dieser Nutzungsverzicht ein Segen. Ausserdem profitieren vom Totholz, das durch den Sturm entstanden ist, zahlreiche Insekten und Pilze. Wissenschaftliche Untersuchungen der eidgenössischen Forschungsanstalt WSL zeigen schon jetzt, dass sich die nächste Baumgeneration auch ohne forstliche Nachhilfe gut entwickelt und artenreich ist. Ein natürlicher Prozess nach Sturmereignissen in Fichtenwäldern ist auch das Auftreten des Buchdruckers, der bekanntesten Borkenkäferart. Während im Waldreservat das Absterben von Bäumen ein Teil der natürlichen Dynamik ist, war ein flächiger Befall der Schutzwälder entlang der benachbarten Giswiler Laui aus Sicherheitsgründen hingegen nicht erwünscht. Deshalb wurde zwischen Schutzwald und Waldreservat ein Pufferstreifen eingerichtet, befallene Bäume wurden dort entfernt. Dies zeigte Wirkung: Die Borkenkäfer drangen kaum in den Schutzwald vor, und im Waldreservat gingen die Bestände von alleine wieder zurück.

Dank des Waldreservats wird sich der Rorwald zu einem «Urwald» entwickeln können: Die durch Lothar entstandenen Lichtungen werden sich langsam schliessen, durch das Umfallen von alten grossen Bäumen entstehen wieder neue kleinere Lichtungen. Und der Prozess beginnt von vorne.

Positiv nur bis zu einem gewissen Grad

Treten diese zu häufig auf, kann sich die Natur nicht mehr regenerieren. An vielen Orten der Welt lassen sich die tragischen Konsequenzen dieser Entwicklung bereits feststellen. Dürren, Stürme oder Überschwemmungen haben schon ganze Landstriche unbewohnbar gemacht und zu grossen Flüchtlingsströmen geführt. An einer griffigen Klimapolitik ist deshalb unbedingt festzuhalten. Auf nationaler Ebene sind die Naturschutzverbände jetzt gefordert, sich mit den Folgen von Naturereignissen auseinanderzusetzen. Natürliche Dynamik ist als Konzept im Naturschutz schwieriger zu akzeptieren und auch zu erklären, weil es ergebnisoffen ist und die Entwicklung nicht direkt gesteuert werden kann. Es fällt uns scheinbar schwer, das Steuer loszulassen. Ob das so ist, weil es uns nutzlos fühlen lässt und uns die fehlende Kontrolle vielleicht sogar Angst macht? Mit Geduld und Offenheit können wir uns darauf einlassen, eine unbekannte Entwicklung abzuwarten. Uns überraschen lassen. Und vielleicht lässt uns das, was wir dann beobachten können, still werden und staunen.

LESLY HELBLING ist bei Pro Natura Projektleiterin für Schutzgebiete und Waldreservate.

Lebensraum Wiese
laufende Projekte

Aktuell fördern wir mit über 250 Projekten die Natur und die Artenvielfalt in allen Regionen der Schweiz. Dies ist nur dank Spenden und Mitgliederbeiträgen möglich. Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung.

Jetzt spenden