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Ein Paradies für Schmetterlinge
Aktion Hase & Co.
«Kollateralerfolge» für die Natur
Hohe Naturwerte finden sich mitunter dort, wo man sie eigentlich am wenigsten erwartet: in Industrie- und Gewerbearealen oder auch auf Flug- und Waffenplätzen. Ausgerechnet in diesen vom Mensch geprägten Lebensräumen finden seltene Arten Zuflucht.
Die Kreuzkröte beispielsweise wäre nach den grossen Fluss- und Seekorrektionen in der Schweiz ausgestorben, wenn sie nicht hätte ausweichen können in Kiesgruben, auf Baustellen, Truppenübungsplätze oder Industriebrachen. In diesen spärlichen Ersatzlebensräumen findet sie, was ihr einst die dynamischen Auen geboten haben: Kies- und Ruderalflächen, sandige Böden, temporäre Pfützen und Tümpel.
Auch ungedüngte Wiesen sind selten geworden
Auch Ton-, Gips- und Lehmgruben, Steinbrüche oder wenig genutzte Eisenbahnareale dienen als Ersatzlebensräume für seltene Tiere und Pflanzen. Insbesondere die wärmeliebenden Arten sowie Pioniergewächse profitieren von den ruderalen Flächen, von denen es nicht mehr viele gibt in unserem Land. Selten geworden sind auch ungedüngte, magere Wiesen: Einige der letzten grossen Vorkommen im Mittelland finden sich auf Flug- und Waffenplätzen. Der Militärflugplatz Dübendorf etwa verfügt über die grössten Trockenwiesen im Kanton Zürich.
Diese wertvollen Lebensräume wurden nicht mit Absicht geschaffen: Sie sind entweder Relikte einer ehemals artenreicheren Landschaft (Waffen- und Flugplätze) oder eine ungewollte Begleiterscheinung der menschlichen Nutzung (Kiesabbau, Steinbruch etc.), also quasi ein «Kollateralerfolg».
Genau diese unbeabsichtigten Naturwerte machen die Biotope aber auch fragil, denn die Nutzung kann sich ändern. Der Flugplatz Dübendorf etwa soll künftig für die zivile Fliegerei genutzt und dafür mit zusätzlichen Pisten und Gebäuden ausgestattet werden. Auch Kiesgruben sind Veränderungen ausgesetzt.
Die hohen Naturwerte müssen berücksichtigt werden
In den letzten Jahren hat sich der Kiesabbau intensiviert, der Abbau und die Wiederauffüllung erfolgen immer schneller: Gleich hinter der Abbaulinie wird heute sofort aufgefüllt und rekultiviert – einerseits auf Druck der Landbesitzer, aber auch, weil das Auffüllen inzwischen mindestens so lukrativ ist wie das Abbauen von Kies und Sand: Denn es gibt schlicht zu wenige Gruben, um das Erdmaterial der vielen Baustellen unterzubringen.
Pro Natura fordert, dass die hohen Naturwerte bei der Nutzung und Weiterentwicklung der Areale berücksichtigt und gefördert werden – gerade im intensiv genutzten Unterland sind Kiesgruben, Steinbrüche, Waffen- und Flugplätze die letzten Refugien für viele bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Manche Betreiber fürchten, dass aus ihrem Engagement und dem daraus resultierenden Erfolg (hohe Naturwerte) zusätzliche rechtliche Verpflichtungen und Kosten erwachsen. Dass etwa neu geschaffene Gewässer oder Trockenstandorte sofort unter Schutz gestellt werden und der Betrieb dadurch eingeschränkt wird.
Dies ist nicht im Sinne von Pro Natura. Vielmehr geht es darum, Lösungen zu finden für ein harmonisches Nebeneinander von Natur und Gewerbe. Anhand von sieben Beispielen zeigen wir auf den folgenden Seiten, wie dieses Zusammenspiel gelingen kann und welche Risiken mit einer Nutzungsänderung verbunden sind.
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Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.
Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Prächtige Bilder und exklusive Angebote runden das Lesevergnügen ab. Alle Pro Natura Mitglieder erhalten das Magazin exklusiv fünf Mal im Jahr. Es blickt auf 48 Seiten hinter die Kulissen politischer Entscheide, präsentiert Forschungsergebnisse, erklärt die Natur. Und es schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft.
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Heinrich Haller: «Ich bin von Langfristigkeit umgeben»
«Es ist halt schon unglaublich schön hier.» Heinrich Haller sagt diesen Satz halb schüchtern, halb enthusiastisch. Wir stehen an einem frühsommerlichen Abend auf der Südseite des Munt la Schera, Hallers Lieblingsecke des Nationalparks. Erste Gämsen äsen auf den noch schütteren Bergwiesen, im Talboden breitet sich ein riesiger Bergnadelwald aus, während im Hintergrund die langgezogenen italienischen Täler östlich und westlich der Cima Paradiso dem Gebiet eine grandiose Weite verleihen.
Pragmatischer Naturromantiker
Hunderte Male hat Heinrich Haller dieses Panorama in seiner 23-jährigen Tätigkeit als Direktor des Schweizerischen Nationalparks schon erblickt, satt ist er nie geworden. Im Gegenteil: «Schau dir an, wie diese Erika nun überall rot leuchten, im Sommer dann stehen die Bergwiesen in voller Farbe, bevor das Rot im Herbst in anderer Form zurückkehrt und schliesslich die weisse Stille einkehrt.» Haller sagt diesen Satz mit einer solchen Leidenschaft, dass er gleich erklärend nachschiebt, er sei nun mal ein Naturromantiker.
Zum Träumer ist der scheidende Nationalparkdirektor deshalb aber nie geworden. Er sei durch und durch ein Pragmatiker, betont er mehrfach auf unserer Wanderung durch den Nationalpark. Er versuche, das Machbare umzusetzen, anstatt unrealistische Maximalforderungen für die Natur aufzustellen.
Das will aber nicht heissen, dass sich der Wildtierbiologe nur der Mehrheitsmeinung anpasst und keine deutlichen Positionen vertritt. Besonders gut lässt sich das bei der letzten Spezies nachvollziehen, die nach der zwischenzeitlichen Ausrottung ins Gebiet des heutigen Nationalparks zurückgekehrt ist; dem Wolf. Seit gut zwei Jahren streift das Weibchen F18 durchs Gebiet zwischen Ofenpass und Zernez. Heinrich Hallers Freude über diesen Neuankömmling ist spürbar, er hat ihn schon wiederholt beobachtet und fotografiert.
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«Der Mensch muss nicht alles in Beschlag nehmen.»
Heinrich Haller, scheidender Nationalparkdirektor
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Raphael Weber/Pro Natura
Haller lehnt es entschieden ab, dass Wölfe mit dem revidierten Jagd- und Schutzgesetz künftig viel leichter dezimiert werden können. «Es ist doch absurd: Nun sprechen alle über den dramatischen Rückgang der Biodiversität, und gleichzeitig sollen seltene und geschützte Arten zum Abschuss freigegeben werden.»
Gerade der Wolf habe eine besonders förderliche Wirkung auf die Biodiversität: Wölfe setzen wild lebende Huftiere unter Druck, was sich auf deren Zahl und Verteilung und somit auch auf die Waldverjüngung auswirken kann. Seitdem im Calanda-Gebiet ein Wolfsrudel besteht, wird dort die Sonderjagd auf Hirsche denn auch weniger intensiv ausgeführt als in früheren Jahren.
Sollten Wolfspopulationen dereinst über den ganzen Alpenbogen etabliert und vernetzt sein, ist für den Pragmatiker Haller eine passende Regulierung ein diskutierbares Thema. «Doch von einer stabilen Wolfspopulation sind wir noch weit entfernt.» Das zeige alleine schon die Tatsache, wie lange F18 nun schon auf einen Partner warte.
Die Beutegreifer im Fokus
In Hallers beruflicher Laufbahn sind es immer die grossen Beutegreifer gewesen, die ihn besonders fasziniert und begleitet haben, insbesondere Luchs sowie Steinadler und Uhu. Der Wildtierbiologe hebt gerne die Wichtigkeit der wissenschaftlichen Arbeit im Nationalpark hervor, Haller hat dazu auch mehrere Bücher veröffentlicht. Gerade die Langzeitforschung, ein grosser Trumpf des über 100-jährigen Nationalparks, eröffne viele wichtige Erkenntnisse über die Veränderungen der Alpen.
Was ein Jahrhundert unberührte Natur konkret bedeutet, zeigt sich eindrücklich bei unserem Abstieg von der Alp la Schera: Zwischen imposanten Baumriesen liegt das Totholz Tausender Bäume wild durcheinander, dazwischen spriessen junge Föhren, Lärchen und Fichten hervor – Naturdynamik pur. «Noch ein paar Hundert Jahre und dann haben wir hier einen wirklichen Urwald», meint Haller ehrfürchtig.
Dass in der Natur andere Zyklen als im Menschenleben gelten, lässt Haller immer wieder durchblicken. «Ich bin von Langfristigkeit umgeben», sagt er in einer natürlichen Waldlichtung. Um Grosses entstehen zu lassen, müsse Homo sapiens sich nicht zu wichtig nehmen und auch einfach mal zurückstehen.
Es ist diese Demut, dieses Wissen um die Grenzen des menschlichen Wirkens, die ihm nach 23 Jahren als Nationalparkdirektor nun auch den Abgang erleichtern. Und so erzählt er mit der erneuten Leidenschaft des Naturromantikers, dass es im Nationalpark auch dieses Val Nüglia gibt – ein Tal, wohin kein Wanderweg führt und das somit für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Er sei in 23 Jahren nicht einmal versucht gewesen, seine Position auszunutzen und dieses Tal zu erkunden. Nur schon das Wissen um dieses unberührte Tal sei für ihn eine grosse Freude. Denn: «Der Mensch muss nicht alles in Beschlag nehmen.»
RAPHAEL WEBER, Chefredaktor Pro Natura Magazin
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