Progetti
So gelingt uns die Energiewende
- Die Geschäftsleitenden von BirdLife, Greenpeace, Pro Natura, der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES), VCS Verkehrs-Club der Schweiz und des WWF Schweiz präsentierten heute vor den Medien, wie wir die sichere, effiziente und erneuerbare Energiewende bis 2035 schaffen.
- Eine Energiewende, die das Klima und die Biodiversität schützt, ist machbar. Indem wir die Energieverschwendung stoppen, die Solarkraft rasch ausbauen sowie Schutz- und Nutzungskriterien gleichwertig in die übergeordnete Planung von Energieprojekten einfliessen lassen.
- Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Vorteile der schnellen, sicheren und sauberen Wende überwiegen die Kosten deutlich. Wir schützen damit unsere Lebensgrundlagen, sichern die Versorgung langfristig, schaffen neue Arbeitsplätze und Wertschöpfung im Inland.
- Die Politik hat es in der Hand: Es braucht jetzt rasch konkrete Massnahmen wie einen verbindlichen Termin für den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern, neue Gebote und Anreize für einen sparsamen Umgang mit Energie und einen Fotovoltaik-Standard für Gebäude.
Täglich sterben weltweit bis zu 150 Tier- und Pflanzenarten aus. Tödliche Hitzewellen und Brände häufen sich. «Die Biodiversitätskrise und die Klimakrise sind die grössten menschgemachten Bedrohungen für unsere Lebensgrundlage. Sie zu schützen, bedeutet auch, uns selbst zu schützen», sagte Thomas Vellacott, Geschäftsleiter des WWF, an der heutigen Medienkonferenz.
Dafür braucht die Schweiz eine weitsichtige Schweizer Energieversorgung, welche bis 2035 netto keine CO2-Emissionen mehr in die Atmosphäre ausstösst. Und einen achtsamen Umgang mit den Lebensräumen von tausenden Tier- und Pflanzenarten. «Gut geplant ist es ein Gewinn für Klima und Biodiversität», sagte Vellacott. Die Lösungen liegen auf der Hand.
Energie einsparen und effizient nutzen
Nutzen wir die Energie effizienter und gehen wir sparsamer damit um, reduzieren wir unseren Gesamtenergieverbrauch bis 2035 um 41 Prozente. Das ist billig, produziert kein CO2 und belastet die Umwelt in keiner Weise. «Es ist Zeit, mit Energieverschwendung Schluss zu machen», sagte Anders Gautschi, Geschäftsführer VCS. «Mit Mobility haben wir ein Paradebeispiel dafür, wie der Umstieg auf E-Autos kombiniert mit einem Car-Sharing System den Energieverbrauch stark reduzieren kann.»
Sonnenpower macht es möglich
Ein rascher Ausbau der Fotovoltaik auf bestehender Infrastruktur sorgt dafür, den steigenden Strombedarf zu decken. «Lieber Strom vom Dach als ein trockener Bach», sagte Iris Menn, Geschäftsleiterin von Greenpeace. Wie das geht, zeigt eine Anlage auf der Lärmschutzwand der Forchautobahn bei Zumikon. Im Wallis und im Knonauer Amt sind noch viel grössere Anlagen in Planung. Zum Schutz der Biodiversität ist es besser, Solaranlagen auf bestehenden Bauten, Anlagen und versiegelten Flächen zu realisieren. «Die gesetzlichen Regelungen müssen diesen Flächenkategorien klaren Vorrang einräumen, sodass sie mittelfristig zwischen 80 und 90 Prozente des Zubauvolumens tragen», so Menn.
Versorgungssicherheit dank Inlandausbau
Heute sind wir zu drei Vierteln von Energieimporten abhängig. Das gefährdet die Versorgungssicherheit der Schweiz. Gemäss Berechnungen der Umweltallianz soll die erneuerbare Stromproduktion bis 2035 um zusätzliche 38 TWh ausgebaut werden. Damit wird der Nettoimport deutlich unter der von der Elcom festgelegten kritischen Grenze von 5-10 TWh gehalten. «Hier hat Inland Vorrang. Die Lösungen heissen: Ausbau der Fotovoltaik, Reduktion des Energieverbrauchs und ein bedarfsorientierter Einsatz der Speicherwasserkraft», sagte Nils Epprecht, Geschäftsleiter der SES.
Rasche Energiewende gut geplant
«Eine Energiewende mit der Brechstange ist nicht nur gefährlich, sondern auch unnötig», sagte Urs Leugger, Zentralsekretär von Pro Natura. Denn: Die Klimakrise und die Biodiversitätskrise sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Sie sind nur gemeinsam zu lösen. Die intakte Natur dient zum Beispiel mit den Mooren als CO2-Senke und speichert grosse Mengen an Treibhausgasen. «Wenn Zielkonflikte früh angegangen, Interessen sorgfältig abgewogen und die Standorte und Projekte weitsichtig geplant werden, ist es ein Win-Win für die Natur und die Energieversorgung», sagte Leugger. Eine solche übergeordnete Planung ist beispielsweise beim Schutz und Nutzungskonzept für Erneuerbare Energien (SNEE) im Kanton Uri gelungen.
Jetzt Klimainvestitionen tätigen
Heute werden rund 50 Mia. Franken pro Jahr in den Um- und Ausbau der energetischen Infrastrukturen investiert, zum Beispiel in die Installation von Wärmepumpen, Ladestationen für E-Autos oder Fotovoltaik-Anlagen auf den Dächern. Um das Netto-null-Ziel bis 2035 zu erreichen, müssten rund drei bis vier Milliarden Franken pro Jahr zusätzlich investiert werden. «Das ist machbar und schafft neue Arbeitsplätze. Davon profitieren alle», sagte Vellacott.
Die Lösungen sind da, die Politik macht deren Umsetzung machbar
Die Umweltallianz hat vier prioritäre Bereiche für die Politik definiert. Erstens braucht es einen verbindlichen Termin für den Ausstieg aus den fossilen Energien. «Der Kanton Glarus hat uns gezeigt, dass wir uns sehr gut von Öl und Gas verabschieden können», sagte Raffael Ayé von BirdLife. Zweitens braucht es Gebote und Anreizen wie Lenkungsabgaben, die der Gesellschaft helfen, weniger Energie zu verschwenden. «Eine Mehrheit der Bevölkerung ist für eine Flugticketabgabe», so Ayé. Drittens soll ein Solar-Standard für Gebäude eingeführt werden. Dieser soll für Gebäude eine maximale Belegung geeigneter Dächer mit Fotovoltaik vorschreiben. «Schliesslich ist es wichtig, dass die Politik die Klima- und die Biodiversitätskrise als zwei gleichwertige, sich gegenseitig verstärkende Krisen anerkennt – nur so kommen wir rasch voran».
Weitere Informationen:
Auf dieser Website können alle Faktenblätter und das Flyer heruntergeladen werden: www.energiewende2035.umweltallianz.ch
Kontakt:
- Pro Natura: Nathalie Rutz, Medienverantwortliche, 061 317 92 24, @email
- WWF Schweiz: Marie Seidel, Kommunikationsverantwortliche Klima und Energie, 044 297 22 29, @email
- SES: Nils Epprecht, Geschäftsführer, 077 455 99 79, @email
- BirdLife Schweiz: Raffael Ayé, Geschäftsführer, 076 308 66 84, @email
- VCS: Anders Gautschi, Geschäftsführer, 079 960 11 71, @email
- Greenpeace Schweiz: Iris Menn, Geschäftsleiterin, 079 886 75 92, @email
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Gemeinsame Medienmitteilung der Umweltallianz
Titelbild © Matthias Sorg
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Energie und Klima in der Herbstsession aus Umweltsicht: Wichtige Fortschritte beim Klimaschutz, unverantwortliche Angriffe auf den Naturschutz
- Die Bilanz zum Mantelerlass zum Energie- und Stromversorgungsgesetz fällt zwiespältig aus. Einerseits setzt das Parlament wichtige Ziele für den Ausbau der neuen erneuerbaren Energien und für die Eingrenzung des Energieverbrauchs. Auch die finanziellen Rahmenbedingungen insbesondere für den Ausbau der Photovoltaik wurden massgeblich verbessert. Klar abzulehnen sind hingegen die drastischen Angriffe auf den Natur- und Biodiversitätsschutz. Zwar wurde von der Unterstellung sämtlicher Umwelt- und Naturschutzgesetze unter die Ziele des Energieausbaus abgesehen, doch wurde beschlossen, dass sogar in den Biotopen von nationaler Bedeutung künftig Energieproduktionsanlagen gebaut werden können. Der Angriff auf die wertvollsten Schutzgebiete der Schweiz wie z.B. die Greina-Hochebene oder das Val Roseg ist inakzeptabel. Die Biotope von nationaler Bedeutung beherbergen auf gerade mal 2 Prozent unserer Landesfläche ein Drittel aller bedrohten Tier- und Pflanzenarten. Der irreparable Schaden an der Natur steht in keinem Verhältnis zum zusätzlichen Strom. In der Vorlage kaum zur Debatte stand leider die schnellere Nutzung des riesigen Potenzials in Sachen Stromverschwendung und Effizienzgewinnen. Die naturverträglichste Kilowattstunde Strom ist jene, die wir einsparen. Die Bundesverwaltung beziffert allein das Potenzial von Effizienzmassnahmen auf bis zu einem Drittel des gesamten Stromverbrauchs. Enttäuschend ist daher der Entscheid des Ständerats beim Mantelerlass gegen Stromeffizienz bei Gebäuden und gegen mehr Solarenergie auf Hausdächern. Der Nationalrat ist jetzt gefordert, in das Gesetz in den genannten Bereichen zu korrigieren.
- Erfreulich sind die Fortschritte, die beim indirekten Gegenvorschlag zur Gletscherinitiative im Klimaschutz erzielt wurden. Mit den Klimazielen und den Massnahmen zur Innovationsförderung gibt der indirekte Gegenvorschlag ein klares Signal an Bevölkerung und Wirtschaft, den Wandel zu einer unabhängigen und krisenresistenten Energieversorgung voranzutreiben. Dank dem Förderprogramm zum Ersatz von klimaschädlichen Öl- und Gasheizungen und den stromfressenden Elektrowiderstandsheizungen wird ein erster Schritt zur Lösung in Angriff genommen. Der vergangene Sommer hat gezeigt, dass wir alles daransetzen sollten, um ein Kippen des Klimasystems mit gefährlichen Extremen zu vermeiden.
- Das „Bundesgesetz über dringliche Massnahmen zur kurzfristigen Bereitstellung einer sicheren Stromversorgung im Winter“ bringt uns einen Schritt vorwärts bei der Produktion von erneuerbarem Winterstrom. Das Gesetz ist aber bezüglich Naturschutz und Raumplanung sehr problematisch. Der Verzicht auf die bewährte Planungspflicht und die Änderung der Interessenabwägung sind rechtsstaatlich fragwürdig und dürfen sich nicht wiederholen. Zudem wurde eine wichtige Chance verpasst, beim Ausbau auf Dächern wirklich vorwärtszumachen: 70% der Neubauten sind davon ausgenommen. Gleichzeitig soll der Ausbau auf der freien Fläche im alpinen Raum mit potenziell hohen Schäden an Natur und Landschaft massiv vorangetrieben werden.
Weitere Informationen:
Wie die naturverträgliche Energiewende gelingt: energiewende2035.umweltallianz.ch
Kontakt:
- Pro Natura: Urs Leugger-Eggimann, Geschäftsleiter, 079 509 35 49, @email
- WWF Schweiz: Jonas Schmid, Mediensprecher, 079 241 60 57, @email
- Schweizerische Energiestiftung: Léonore Hälg, Co-Leiterin Klima und Erneuerbare Energien, 044 275 21 24, @email
- BirdLife Schweiz: Raffael Ayé, Geschäftsführer, 076 308 66 84, @email
- Greenpeace Schweiz: Georg Klingler, Kampagnenleiter, @email
- VCS Verkehrs-Club der Schweiz: Anders Gautschi, Geschäftsführer, 079 960 11 71, @email
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Gemeinsame Medienmitteilung der Umweltallianz
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umweltallianz.chDas internationale Abkommen zur Rettung der Arten und Lebensräume
Die internationale Staatengemeinschaft anerkannte auf dem UN-Umweltgipfel in Rio de Janeiro 1992, dass es gemeinsame Anstrengungen braucht, um das rasch voranschreitende Artensterben und den Lebensraumverlust aufzuhalten. Ausser den USA haben fast alle Staaten der Welt, auch die Schweiz, die Konvention unterschrieben und verpflichten sich damit:
- die Natur zu schützen,
- die Natur nachhaltig zu nutzen und
- Vorteile, die sich aus der Nutzung genetischer Ressourcen ergeben, fair und gerecht zu teilen.
Pro Natura trägt mit seiner gesamten Arbeit zur Umsetzung dieser Ziele auf nationaler Ebene bei und beteiligt sich aktiv in den Prozessen zur Formulierung internationaler und nationaler Ziele.
2022 – 2030: Neue Ziele verabschiedet
Um die Ziele der Konvention zu erreichen, wurde am 19. Dezember 2022 auf der 15. Vertragsstaatenkonferenz in Montréal (CBD COP 15) nach 4jährigen umfassenden Vorbereitungen mit zahlreichen physischen und virtuellen Workshops und Zwischenverhandlungen das «Kunming-Montréal Global Biodiversity Framework» mit 23 konkreten Zielen verabschiedet, die bis 2030 erreicht werden sollen und alle Aspekte des Biodiversitätsschutzes abdecken. Gemeinsam mit seinem Netzwerk «Friends of the Earth International» und der «CBD Alliance» hat sich Pro Natura aktiv an den Verhandlungen beteiligt.
Die wichtigsten Elemente des globalen Rahmenwerks zur Abwendung der Biodiversitätskrise
Die Erwartungen waren hoch, denn mit den neuen Zielen soll der Verlust der Biodiversität bis 2030 nun wirklich gestoppt und umgekehrt werden. Sie wurden leider nur zum Teil erfüllt. Das Abkommen bringt nicht den dringend nötigen Wandel unsers Wirtschafts- und Sozialsystems, den es braucht, um den Druck auf die Biodiversität zu nehmen.
Es fehlen leider nach wie vor:
- Verbindliche Regeln für die Wirtschaft, Sorgfaltspflicht und Haftung für verursachte Schäden an der Biodiversität.
- Ein griffiger Umsetzungsmechanismus, eine Verpflichtung zur Steigerung der Aktivitäten nach Erstellung der nationalen Berichte, ein nationaler Review-Prozess.
- Die Finanzierung wurde zwar erhöht, setzt aber zu wesentlichen Teilen auf freiwillige Zahlungen der Wirtschaft und Ablasshandel, und wird weiterhin von den Geberländern bestimmt.
- Das Rahmenwerk setzt teilweise auf diese und andere falsche Lösungen, die es Unternehmen erlaubt, weiter auf Kosten der Natur zu wirtschaften und sich dabei gut darzustellen.
Doch gibt es auch viele Fortschritte:
- Starke Verankerung von Rechten (Menschenrechte, Indigene, Frauen…).
- Die Umsetzung des GBF erfolgt unter Berücksichtigung wichtiger Prinzipien wie dem Vorsorgeprinzip.
- Die gesamte Regierung wird zur Umsetzung verpflichtet, nicht nur die Umweltministerien (Whole Government approach).
- 100% biodiversitätsinklusive Raumplanung.
- 30% der degradierten Ökosysteme sind wiederherzustellen.
- 30% der Flächen sollen für die Biodiversität geschützt sowie gut und fair gemanagt werden.
- Die Umweltverschmutzung soll halbiert werden (Dünger, Pestizide, Plastik).
- Biodiversitätsschädige Anreize sollen identifiziert und abgeschafft werden.
Pro Natura begrüsst trotz der genannten Enttäuschungen, dass es zu einer Einigung gekommen ist und somit der globale Zielrahmen erneuert wurde, um die Arten und Lebensräume und damit die Lebensgrundlage von uns allen wirksam zu schützen. Pro Natura fordert nun die Umsetzung des Rahmenwerks auf nationaler Ebene.
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Text der Biodiversitätskonvention (pdf)Bisherige Aichi-ZieleStrategie Biodiversität Schweiz und Aktionsplan BiodiversitätBericht Weltbiodiversitätsrat (IPBES) 2019Globale Biodiversitätskrise: Die Fakten sind bekannt Analyse der Schweizer Umweltverbände zur Umsetzung in der Schweiz Biodiversität und die Agenda 2030Documenti scaricabili
Pro Natura Forderungen zum Globalen Rahmenwerk…
Was muss nun in der Schweiz geschehen?
Wie alle Länder muss nun auch die Schweiz die neuen Ziele in ihre Politik aufnehmen und den Aktionsplan zur Umsetzung der Biodiversitätsstrategie und jenen zur Strategie Nachhaltige Entwicklung anpassen. Bund und Kantone dürfen nicht länger zuwarten und nun endlich vorwärts machen mit der Verabschiedung der seit Jahren in der Diskussion befindlichen ökologischen Infrastruktur und mit der Annahme der Biodiversitätsinitiative. Ebenfalls braucht es eine raumplanerische Ausweisung von Flächen für die Biodiversität in der gesamten Schweiz und einen Plan zur Renaturierung von degenerierten Lebensräumen, wie etwa Mooren oder intensiv genutztem Grünland. Die Nutzung und Verfolgung wildlebender Arten darf diese nicht gefährden und die Verbreitungsrate von Neobiota muss um 50% reduziert werden. Die Landwirtschaft und die Agrarpolitikmüssen weiter ökologisiert werden, die Produktion von Nahrungsmitteln und die Förderung der Biodiversität müssen Hand in Hand gehen und sämtliche staatlichen Anreize, Pläne und Projekte auf ihre Vereinbarkeit mit der Biodiversität überprüft, schädliche Wirkungen auf die Biodiversität abgeschafft und allenfalls geändert werden.
Eine wichtige Rolle spielt die Agenda 2030, das zentrale Instrument der nachhaltigen Entwicklung des Bundesrates, für die Umsetzung jener Ziele, die die Nachhaltigkeit menschlicher Aktivitäten betreffen – etwa, um den globalen Handel zu ökologisieren und den ökologischen Fussabdruck der Schweiz zu verringern. Die Ziele des Kunming-Montreal GBF müssen durch die Strategie Nachhaltige Entwicklung und ihren Aktionsplan aufgegriffen und umgesetzt werden.
Auch auf internationaler Ebene muss es weiter gehen: das Indikatorensystem muss ergänzt, der Umsetzungsmechanismus verbessert sowie ein konkreter Mechanismus zur Aufteilung der sich aus der Nutzung genetischer Ressourcen (einschliesslich der Nutzung digitaler Sequenzinformationen (DSI)) ergebenden Vorteile vereinbart werden. Die nächste Vertragsstaatenkonferenz findet im Herbst 2024 in der Türkei statt.
So schlecht steht es um die Biodiversität – einige Kennzahlen
Welche Arten sind weltweit besonders gefährdet?
Quellen: Rote Liste der IUCN (2015 und 2019), FAO, BAFU, UNO
Vorgeschichte / Hintergrund
Das Globale Biodiversitätsrahmenwerk ist nicht der erste strategische Plan, den sich die CBD gegeben hat. Bereits 2002 beschlossen die CBD-Vertragsstaaten, die Umsetzung der Konvention zu beschleunigen, um bis 2010 eine signifikante Verringerung des Biodiversitätsverlustes zu erreichen.
2010 wurden dann auf der 10. Konferenz der CBD im japanischen Nagoya der strategische Plan der CBD mit zwanzig Zielen verabschiedet (Aichi-Ziele). Mit diesen sollte der Verlust der Biodiversität bis 2020 gestoppt werden. Mangels politischen Willens wurden die Ziele nicht erreicht, wie der Weltbiodiversitätsrat IPBES in seinem 2019 veröffentlichten Globalen Bericht feststellt. Der Verlust der Biodiversität schreitet trotz einzelner Erfolge weiter ungebremst voran.
Leider hat auch die Schweiz die Aichi-Ziele nicht erreicht (s. Analyse BL/PN/WWF). Zwar hat die Schweiz 2012 ihre Strategie Biodiversität Schweiz beschlossen, die die Aichi-Ziele aufgreift, und 2017 einen Aktionsplan zu deren Umsetzung vorgelegt, der nun in eine zweite Phase geht. Doch liegt er weit hinter den Erwartungen der NGOs zurück und greift viele der von Ihnen gemachten Vorschläge nicht auf. Bei der Ausweisung von Schutzgebieten etwa liegen wir mit 6.6% sogar weit hinter den vereinbarten 17% der Landesfläche und sind damit europaweites Schlusslicht.
Unter genetischen Ressourcen wird genetisches Material, also Erbmaterial von Lebewesen, verstanden, welches für den Menschen nutzbar ist oder nutzbar werden könnte, z.B. für die Züchtung neuer Nutzpflanzen oder die Gewinnung von Medikamenten. Die genetischen Ressourcen sind Ausdruck der genetischen Vielfalt als eine der drei Säulen der Biodiversität (Vielfalt der Gene, der Arten und der Lebensräume). Traditionell werden genetische Ressourcen über Pflanzen- oder Körperteile weitergeben, daraus isoliert und vermehrt. Gemäss CBD darf diese Weitergabe nur im Einverständnis mit der Bevölkerung geschehen, in deren Gebiet diese genetischen Ressourcen vorkommen. Dank moderner Gentechnik ist es aber auch möglich, diese Ressourcen virtuell als digitale Sequenzinformationen (DSI) weiterzugeben und auf synthetischem Weg herzustellen. Da dabei können die Rechte der Bevölkerung umgangen werden, besteht hier dringender Regelungsbedarf.
Kontakt:
Friedrich Wulf, Projektleiter Internationale Biodiversitätspolitik
@email, Tel 0041 79 216 02 06
«Der Wald ist ein unglaubliches Reservoir an Biodiversität»
Eines der Projekte zum Jubiläum der Sektion Pro Natura Freiburg ist besonders ehrgeizig: Es hat die Einrichtung von 60 Hektaren Waldreservaten zum Ziel. Stéphanie Chouleur, Geschäftsleiterin der Sektion: «Der Wald ist ein unglaubliches Reservoir an Leben und Biodiversität. Es ist wichtig, dieses Ökosystem zu erhalten und die biologische Qualität der Wälder in der Schweiz zu verbessern, und das geht nur durch die Schaffung von Waldreservaten. Dieses Projekt ist eine grosse Herausforderung, die uns alle anspornt.»
Bisher sind 6,5 Prozent der Schweizer Waldfläche als Waldreservate ausgeschieden. Bis 2030 streben der Bund und die Kantone einen landesweiten Anteil von 10 Prozent an. Pro Natura Freiburg ist der Ansicht, dass man 20 Prozent des Waldes der Natur überlassen und vor jeglichen menschlichen Eingriffen bewahren sollte. Die Schaffung von 60 Hektaren Waldreservaten versteht sich als Schritt in diese Richtung.
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Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.
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Lebendiger Wald
Ein Wald, der seinem natürlichen und dynamischen Zyklus folgt, weist alle Entwicklungsstadien der Bäume auf, von der Pionier- bis zur Zerfallsphase. Bewirtschaftete Wälder durchlaufen meistens nur einen Teil dieser Entwicklung, denn die Hochwaldbewirtschaftung, das heisst das Fällen der Bäume nach etwa einem Drittel der Lebensdauer, verhindert, dass die Gehölze ihre Alters- und Zersetzungsphase erreichen. Totholz ist aber ein unersetzlicher Lebensraum für eine beträchtliche Anzahl von Arten. «Eine alte Eiche kann zum Beispiel 300 bis 500 Arten beherbergen, darunter viele Käfer, Pilze und Vögel», sagt Chouleur. Ausserdem ist Totholz an der Humusbildung beteiligt, spielt bei der Wasserregulierung der Waldböden eine wichtige Rolle und ermöglicht den Lichteinfall, der für die natürlichen Kreisläufe notwendig ist.
Der Wald in Zahlen
- 50 Prozent aller in der Schweiz heimischen Arten leben im Wald oder sind von ihm abhängig.
- Eine alte Eiche kann 300 bis 500 Arten beherbergen.
- 16 von 50 Waldlebensraumtypen sind gefährdet.
- Etwa 20 Prozent der Waldpflanzen sind bedroht.
Aufruf an Waldbesitzer
In einem ersten Schritt versucht die Sektion, das Ziel von 60 Hektaren Waldreservaten dadurch zu erreichen, dass sie Waldflächen erwirbt. «Wir stehen noch am Anfang des Prozesses. Nach unserem Aufruf wird sich zeigen, wie das Feedback der Waldeigentümerinnen und -eigentümer ausfällt. Wir hoffen, dass die Erhaltung natürlicher und dynamischer Wälder viele motiviert, an unserem Projekt teilzunehmen», sagt Stéphanie Chouleur.
Als zweiten Ansatzpunkt bemüht sich Pro Natura Freiburg, mit Waldbesitzerinnen und -besitzern einen Dienstbarkeitsvertrag auf 50 Jahre abzuschliessen. Er verpflichtet die Eigentumspartei, den Holzeinschlag einzustellen und dadurch die Biodiversität im Wald zu erhöhen. «Unsere Sektion wird den privaten oder öffentlichen Eigentümern beratend zur Seite stehen.» Darüber hinaus kann die Sektion auch als Vermittlerin zwischen dem kantonalen Amt für Wald und Natur und den Eigentümern dienen. Die Ergebnisse dieses ambitionierten Projekts werden erst in einigen Jahren sichtbar sein. Die Sektion ist sehr motiviert, das gesteckte Ziel zu erreichen.
FLORENCE KUPFERSCHMID ist Redaktorin der frankophonen Ausgabe des Pro Natura Magazins.
60 Jahre Pro Natura Freiburg: Meilensteine
In der Anfangszeit vor 60 Jahren beschäftigte sich Pro Natura Freiburg vor allem mit dem Kampf gegen die 1600 wilden Abfalldeponien, die die Landschaft des Kantons verschandelten. Damit die Sektion im ganzen Kantonsgebiet tätig werden konnte, ernannte sie bald für jede Sprachregion einen Vizepräsidenten. 1980 übernahm der junge Anwalt Bruno de Weck, der im Fischereibereich aktiv war, das Präsidentenamt. In dieser Zeit gewann die Sektion etliche Einsprachen gegen naturfeindliche Projekte, unter anderem vor Bundesgericht. Zwischen 1981 und 1983 wurden die wichtigsten Naturreservate des Kantons definitiv unter Schutz gestellt, darunter die Gebiete Auried und Vanil Noir. Gleichzeitig wurden die Themen globaler: Atomenergie, Nationalstrassen oder die rasante Zersiedlung. Die Auseinandersetzungen mit den Behörden mehrten sich.
Nach dem Rücktritt von de Weck machte sich die Sektion auf die Suche nach einer Persönlichkeit, die politische Erfahrung besass und nicht davor zurückscheute, sich nötigenfalls mit den politischen Autoritäten anzulegen. Dieses Profil brachten nacheinander drei Personen aus drei verschiedenen politischen Lagern ins Präsidium: Marie-Theres Meuwly (1993–2001), Jacques Eschmann (2001–2018) und Marc Vonlanthen (seit 2018). Die letzten 30 Jahre sind vom Kampf um eine Vielzahl von Anliegen geprägt: Starke Zunahme von Alp- und Forststrassen, wiederholte Verstösse gegen Raumplanungs- oder Natur- und Landschaftsschutzgesetze, naturfeindliche Bau-, Tourismus- oder Kraftwerksprojekte, schädliche Landwirtschaftsmethoden, illegales Abholzen von ökologisch wertvollen Hecken oder Bäumen usw.
Damit die Sektion diese Aufgaben auch in den kommenden Jahren bewältigen kann, hat sie kürzlich ihr Sekretariat ausgebaut, den Vorstand erweitert und ihre Strukturen angepasst.
Jacques Eschmann
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Fristverlängerung für Biodiversitätsinitiative in der UREK-S
«In Anbetracht der Tragweite der Biodiversitätskrise erwarten die Trägerorganisationen der Biodiversitätsinitiative, dass die Umweltkommission sich die Sachlage genau anschaut, auf die Revision des Natur- und Heimatschutzgesetztes eintritt und die interessante Fassung des Nationalrates weiter verbessert», sagt Sarah Pearson Perret, Secrétaire romande von Pro Natura.
Dass ein grosser Handlungsbedarf bei der Bewältigung der Biodiversitätskrise besteht, haben sowohl der Bundesrat als auch der Nationalrat anerkannt. Erst Anfang Jahr hatte die ständerätliche Geschäftsprüfungskommission einen Bericht zum Stand des Biodiversitätsschutzes in der Schweiz vorgelegt und darin Bund und Kantonen keine guten Noten erteilt. Der Bundesrat hatte bereits im Jahr zuvor einen Entwurf für die Gesetzesrevision in Form eines indirekten Gegenvorschlags vorgelegt. Der Nationalrat bestätigte diesen Handlungsbedarf im Herbst und schlug ergänzend ein neues Instrument der Biodiversitätsgebiete vor. Aus Sicht der Initiant:innen ein prüfenswerter Kompromiss.
«Die Wissenschaft hat aufgrund des rasanten Artenverlustes schon längst Alarm geschlagen. In Wirtschaftskreisen werden die warnenden Stimmen immer lauter, darunter die von SwissRe, McKinsey, PWC und dem WEF. Ohne einen besseren Schutz unserer Biodiversität und damit unserer Ökosysteme werden unsere Ernährungssicherheit und unser Wohlstand gefährdet», sagt Raffael Ayé, Geschäftsführer BirdLife Schweiz.
Auch die aktuelle Klimakonferenz COP 27 in Sharm-El-Sheikh zeigt, dass wir auf Biodiversitätsschutz im Kampf gegen den Klimawandel nicht verzichten können. Die Biodiversität erbringt für uns überlebenswichtige Ökosystemleistungen wie den Schutz vor Hitze und Trockenheit, aber auch vor Erosion und Extremwettereignissen. Intakte Ökosysteme speichern CO2 und Wasser, und sie sind daher die besten Verbündeten im Kampf gegen sowie der Anpassung an den Klimawandel.
«Nachdem der Nationalrat die Förderung der Baukultur aus der NHG-Revision gestrichen hat, erwarten die Trägerorganisationen von der ständerätlichen Umweltkommission, dass sie die Motion ihrer Schwesterkommission (22.3892) unterstützt und die Baukultur im Rahmen der Kulturbotschaft (2024) im NHG gesetzlich verankert», betont Stefan Kunz, Geschäftsführer Schweizer Heimatschutz.
Kontakt
- Pro Natura: Sarah Pearson Perret, Secrétaire romande, @email, 079 688 72 24
- Biodiversitätsinitiative: Natalie Favre, Medienstelle, @email, 076 491 25 26
- BirdLife Schweiz: Raffael Ayé, Geschäftsführer, @email, 076 308 66 84
- Schweizer Heimatschutz: Stefan Kunz, Geschäftsführer, @email, 079 631 34 67
- Stiftung Landschaftsschutz Schweiz: Franziska Grossenbacher, Stv. Geschäftsleiterin, @email, 076 304 43 58
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Gemeinsame Medienmitteilung des Trägervereins der Biodiversitätsinitiative
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BiodiversitätsinitiativeBundesrätin Sommaruga verabschiedet sich mit Rede zur Biodiversitätsinitiative
«In Anbetracht der Tragweite der Biodiversitätskrise für unsere Lebensgrundlagen erwarten die Trägerorganisationen der Biodiversitätsinitiative, dass die ständerätliche Umweltkommission sich nun die Sachlage genau anschaut, auf den Gegenvorschlag eintritt und die interessante Fassung des Nationalrates mit dem neuen Instrument der Biodiversitätsgebiete weiter verbessert», sagt Sarah Pearson Perret, Secrétaire romande von Pro Natura.
«Die Wissenschaft hat aufgrund des rasanten Artenverlustes schon längst Alarm geschlagen. In Wirtschaftskreisen werden die warnenden Stimmen immer lauter, darunter die von SwissRe, McKinsey, PWC und dem WEF. Ohne einen besseren Schutz unserer Biodiversität und damit unserer Ökosysteme werden unsere Ernährungssicherheit und unser Wohlstand gefährdet», sagt Raffael Ayé, Geschäftsführer BirdLife Schweiz.
Die Biodiversität erbringt für uns überlebenswichtige Ökosystemleistungen wie den Schutz vor Hitze und Trockenheit, aber auch vor Erosion und Extremwettereignissen. Intakte Ökosysteme speichern CO2 und Wasser. Sie sind daher die besten Verbündeten im Kampf gegen sowie der Anpassung an den Klimawandel.
Dass ein grosser Handlungsbedarf bei der Bewältigung der Biodiversitätskrise besteht, haben sowohl der Bundesrat als auch der Nationalrat anerkannt. Erst Anfang Jahr hatte die ständerätliche Geschäftsprüfungskommission einen Bericht zum Stand des Biodiversitätsschutzes in der Schweiz vorgelegt und darin Bund und Kantonen keine guten Noten erteilt. Bundesrätin und UVEK-Vorsteherin Simonetta Sommaruga verabschiedete sich heute vom Ständerat mit den Worten: «Die Biodiversität ist kein Luxus. Die Artenvielfalt ist die Existenzgrundlage für die Menschen. Wir wissen alle, dass die Biodiversität seit Jahren zurückgeht. Für den Bundesrat ist klar, dass wir die Vielfalt von Natur und Landschaft brauchen. Ich lege Ihnen die Biodiversität und einen wirkungsvollen Gegenvorschlag ans Herz, weil dringendes und wirksames Handeln wichtig ist.» Nun bleibt zu hoffen, dass ihr Nachfolger Albert Rösti sich genauso stark macht für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen.
«Nachdem der Nationalrat die Förderung der Baukultur aus der NHG-Revision gestrichen hat, erwarten die Trägerorganisationen von der ständerätlichen Umweltkommission, dass sie die Motion ihrer Schwesterkommission (22.3892) unterstützt und die Baukultur im Rahmen der Kulturbotschaft (2024) im NHG gesetzlich verankert», betont Stefan Kunz, Geschäftsführer Schweizer Heimatschutz.
Votum Simonetta Sommaruga im Ständerat mit Video
Kontakt
- Pro Natura: Sarah Pearson Perret, Secrétaire romande, 079 688 72 24 , @email
- BirdLife Schweiz: Raffael Ayé, Geschäftsführer, 076 308 66 84, @email
- Schweizer Heimatschutz: Stefan Kunz, Geschäftsführer, 079 631 34 67, @email
- Stiftung Landschaftsschutz Schweiz: Franziska Grossenbacher, Stv. Geschäftsleiterin, 076 304 43 58, @email
- Biodiversitätsinitiative Medienstelle: Natalie Favre, 076 491 25 26, @email
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Gemeinsame Medienmitteilung des Trägervereins der Biodiversitätsinitiative
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Webseite der BiodiversitätsinitiativeFazit COP15: Keine Trendwende für die Rettung der Natur
Pro Natura bedauert, dass es der Weltgemeinschaft an der heute in Montreal zu Ende gegangenen UNO-Biodiversitätskonferenz nicht gelungen ist, eine Trendwende für die Rettung der Natur einzuleiten. Zwar wurde im neu geschaffenen Kunming-Montréal Global Biodiversity framework beschlossen, dass der Verlust der Biodiversität bis 2030 beendet und umgekehrt werden soll. 30% der Erdoberfläche sollen bis 2030 wirksam unter Schutz gestellt und 30% der degradierten Ökosysteme wiederhergestellt werden.
Doch ist es nicht gelungen, die Kräfte anzugehen, die den Verlust der Biodiversität bedingen. Unternehmen werden nur "ermutigt und befähigt", Berichte zu erstellen und Produkte zu kennzeichnen, aber es gibt keine Rechenschaftspflicht oder Verantwortung für den angerichteten Schaden.
Der angestrebte Mechanismus für eine bessere Umsetzung wurde ebenfalls verwässert – eine Überprüfung des Fortschritts findet nur global statt und es steht den Ländern frei, ob sie ihre Bemühungen zum Biodiversitätsschutz erhöhen wollen, wenn sie nicht auf Kurs sind.
Kontakt:
Friedrich Wulf, Projektleiter Internationale Biodiversitätspolitik, @email, 079 216 02 06
Die bedrohten Kronjuwelen
Die wertvollsten ökologischen Lebensräume der Schweiz, die noch nicht zerstört worden sind, sind seit 1987 in den Bundesinventaren der geschützten Lebensräume erfasst. Dazu zählen Auen, Trockenwiesen, Amphibienlaichgebiete sowie Flach- und Hochmoore. Zusammen machen diese besonderen Habitate nur 1,8 Prozent der Landesfläche aus, sie beherbergen aber ein Drittel der bedrohten Tierarten der Schweiz.
Mit dem geltenden Energiegesetz war es faktisch ausgeschlossen, dass diese Biotope von nationaler Bedeutung durch neue Energieprojekte beeinträchtigt oder zerstört werden dürfen; ihr Schutz vor solchen Projekten wurde explizit ins Gesetz aufgenommen. In der laufenden parlamentarischen Debatte zur Revision des Energiegesetzes und des Stromversorgungsgesetzes (Mantelerlass) droht der Schutz dieser wertvollsten Flächen für die Biodiversität wieder aufgehoben zu werden.
In dieser Rubrik stellen wir mehrere geschützte Lebensräume vor, die schon konkret von der Zerstörung bedroht gewesen sind. Mit dem neuen Energiegesetz, so wie es der Ständerat aufgegleist hat, wird diese Bedrohung wieder sehr konkret. Der Nationalrat beschäftigt sich in der Frühlingssession mit dem Mantelerlass zum Energiegesetz.
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Die Mutter aller bedrohten Hochebenen
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Raphael Weber
- Greina-Hochebene
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Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.
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Sie ist sozusagen die Mutter aller bedrohten Hochtäler, die vor der Flutung gerettet worden sind: In den 1970er- und 1980er-Jahren formierte sich grosser Widerstand gegen den geplanten Bau einer Staumauer auf der Greina-Hochebene. Zu ihrer Rettung wurde die Verordnung zur Abgeltung von Einbussen der Wasserkraftnutzung (VAEW) geschaffen. Damit erhalten Standortgemeinden, die auf Kraftwerkprojekte in national bedeutenden Landschaften verzichten, eine Entschädigung für entgangene Wasserzinsen. Die Greina ist nun ein solches VAEW-Gebiet, doch dessen Schutzwirkung ist relativ: Die auf 40 Jahre angelegten Verträge können jederzeit einvernehmlich zwischen Bund und Gemeinden aufgelöst werden. Mehr Schutz hat der einzigartigen Hochebene bisher der Status einer Aue von nationaler Bedeutung geboten, mit dem neuen Energiegesetz würde dieses Siegel aber bedeutungslos.
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Noch unberührte Wildnis
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Raphael Weber
- Baltschiedertal
Südlich des Bietschhorns schiessen gleich zwei spektakuläre Bergtäler steil zur Rhone hinunter: das Bietschtal und das Baltschiedertal (Bild). Beide sind unbewohnt, und in beiden bestanden Pläne zum Bau von Stauseen. Diese sind nicht mehr aktuell, weil die Täler mittlerweile VAEW-Gebiete sind und deren dramatische Talkessel Eingang ins Inventar der Auen von nationaler Bedeutung gefunden haben. Doch mit den neusten Entwicklungen können Pläne zur Flutung dieser wilden Alpentäler jederzeit wieder aufflackern.
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Ein ungeschützter Smaragd
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Raphael Weber
- Val Allondon
Ein beliebtes Naherholungsgebiet der Stadt Genf – das grandiose Vallon de l’Allondon – drohte in den 1940er-Jahren in einem Stausee zu verschwinden. Dagegen formierte sich breiter Widerstand, und das Projekt wurde schliesslich sistiert. Eine Neuauflage dieses Settings schien bisher unmöglich: Das wilde Tal ist eine Aue von nationaler Bedeutung und Teil des internationalen Smaragd-Netzwerks. Doch gegenüber einem Energieprojekt von nationaler Bedeutung hätte dieser Schutzstatus nun nur noch wenig Gewicht.
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Unberührbare Attraktionen?
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Raphael Weber
- Morteratsch
Für viele Leserinnen und Leser mag es illusorisch tönen, dass populäre Touristenattraktionen wie die Engadiner Val Roseg oder Morteratsch (Bild) jemals in einem Stausee verschwinden könnten. Dies ist nun aber kein Ding der Unmöglichkeit mehr; der Schutzstatus dieser Auen von nationaler Bedeutung würde mit der geplanten Gesetzesänderung deutlich geschwächt. Damit würden die spektakulären Hochtäler für Investoren interessant, zumal in diesen Hochgebirgslandschaften trotz des Gletscherschwunds noch während Jahrzehnten mit hohen Schmelzwassermengen zu rechnen ist. Grundsätzlich würde es dann genügen, dass Kanton und Standortgemeinde ein Projekt von nationalem Interesse durchwinken, mit der Aussicht auf Wasserzinsen, Arbeitsplätze und tiefere Strompreise.
Giftspuren im Schnee
Am 12. März ist es wieder so weit: Rund 14 000 Langlaufbegeisterte schnallen sich in Maloja die Ski an und fiebern dem Start des «Engadiner» entgegen. 42 Rennkilometer liegen vor ihnen: eine langgezogene Skating-Strecke über drei zugefrorene Seen, gefolgt von kurzen Aufstiegen und einer langen Abfahrt nach S-chanf. In die Vorfreude mischt sich am Start die Sorge, ob man richtig gewachst hat und konkurrenzfähig ist. Das Arsenal an verfügbaren Hilfsstoffen ist immens und die Auswahl nicht einfach zu treffen. Immerhin eine Gewissheit gibt es in der Szene: Fluorwachse sind – gerade bei nassen Bedingungen und schmutzigem Frühahrsschnee – allen anderen Produkten überlegen. Kein anderer Wirkstoff weist Wasser und Schmutz (Pollen, Feinstaub) derart gut ab und lässt die Ski so schön gleiten.
Allerdings haben die Fluorcarbone ihre Schattenseiten: Sie sind giftig und bauen sich kaum ab. 2011 wies die schwedische Umweltwissenschaftlerin Merle Plassmann nach, dass Fluorwachse über Abrieb in die Umwelt gelangen. Sie hat Schnee auf den Loipen des «Wasalaufs» auf PFOA (Perfluoroktansäure)-Rückstände untersucht und fand besonders hohe Konzentrationen davon im Startbereich und auf den ersten Kilometern. Kurz darauf stellten Forschende in einem Skigebiet im norwegischen Trondheim hohe PFOA-Konzentrationen in Erdproben und Würmern sowie in der Leber von Waldwühlmäusen fest. Die Konzentrationen erreichten zwar kein toxisches Level, doch warnten die Forschenden, dass sich die PFOA weiter oben in der Nahrungskette (z. B. Fuchs, Wolf, Greifvögel) noch stärker anreichern.
«Hotspot» Silsersee
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Die Meldungen aus dem hohen Norden weckten bei Radi Hofstetter, Präsident des Bündner Fischereiverbands, einen Verdacht: Lange war ihm rätselhaft, warum in den Engadiner Seen heute etwa 80 Prozent weniger Fische gefangen werden als noch vor zwanzig Jahren. Sind womöglich giftige Wachsrückstände auf den Seeloipen schuld? Hofstetter gab zusammen mit dem «K-Tipp» 2020 eine Untersuchung in Auftrag: Die Stichprobe in vier Engadiner Seen ergab, dass in 13 von 44 untersuchten Fischen PFOA vorhanden war. Am stärksten betroffen waren die Fische aus dem Silsersee, Startgebiet des «Engadiners»: Dort wies fast jeder zweite Fisch PFOA auf. Im «K-Tipp» bezeichnet die Umwelttoxikologin Joëlle Rüegg von der Universität Uppsala in Schweden die nachgewiesenen Werte bei den Fischen als «extrem hoch». Dass die PFOA für den Fischrückgang verantwortlich sind, ist damit aber nicht bewiesen.
Aufgeschreckt vom Medienecho, startete der Kanton Graubünden eine eigene Untersuchung in drei Seen: Lago Bianco, Lago Crocetta und Silsersee. Dabei wurden bei 83 Prozent der untersuchten Fische Spuren von Fluorverbindungen (PFAS, siehe Box) in der Leber festgestellt: in «geringfügigen Konzentrationen», wie man sie auch bei Fischen im Genfer- oder Bodensee finde. Die in Skiwachsen verwendete und als besonders giftig geltende Untergruppe der PFOA aber stellte man nur bei Fischen im Silsersee fest (10 von 40) – ein klarer Hinweis auf den Langlaufsport, denn auf dem Lago Crocetta und dem Lago Bianco werden keine Loipen gezogen. Wie die Stoffe auf die Fische wirken, lasse sich nicht genau abschätzen, sagt der kantonale Fischerei-Chef Marcel Michel. «Von einer akuten Schädigung gehen wir nicht aus. Chronische Belastungen, die sich negativ auf die Reproduktion und das Wachstum auswirken können, sind aber nicht auszuschliessen.»
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Angela Peter
- Die in Skiwachsen verwendete und als besonders giftig geltende Untergruppe der PFOA aber stellte man nur bei Fischen im Silsersee fest.
Es gibt heute keine Region mehr, die frei ist von PFAS-Chemikalien. Die Stoffe gelangen über die Luft und den Regen selbst in die -Antarktis und ins Tibetische Hochland. PFAS sind Kohlenwasserstoffverbindungen, bei -denen die Wasserstoffatome vollständig oder teilweise durch Fluoratome ersetzt wurden. Aufgrund ihrer wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften werden sie -beispielsweise in Skiwachsen, Outdoorjacken, Imprägniersprays, Kettenfetten und Kosmetika verwendet. Das Fatale an den Stoffen ist ihre Stabilität: Weder Mikroben noch Sonnenlicht können sie knacken. PFAS, die etwa aus Produkten, Fabrikschloten und Abwässern in die Umwelt gelangen, bleiben dort für Jahrzehnte. Sie reichern sich in Böden und Gewässern an, aber auch in den Organen von Tieren und Menschen, wo sie kaum abgebaut und ausgeschieden werden. Zwar wirken PFAS nicht akut giftig, doch ist bekannt, dass zumindest einige Vertreter zahlreiche gesundheitliche Schäden auslösen können. Die zwei giftigsten Klassen (PFOA, PFOS) sind heute in vielen Ländern verboten, doch weicht die Industrie auf andere, weniger gut untersuchte PFAS aus und wehrt sich vehement gegen die jüngsten Vorschläge aus EU-Gremien, die ganze Stoffgruppe aus dem Verkehr zu ziehen.
Verbot und Ausweichmanöver
In der EU wird PFOA als krebserzeugend und fortpflanzungsgefährdend eingestuft. Auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat die Stoffgruppe als krebserregend taxiert. Weil die Stoffe lange in Organismen bleiben und sich dort anreichern, lässt sich – im Unterschied zu rasch verfallenden Giftstoffen – keine «sichere Expositionsgrenze» angeben. Die EU hat die Verwendung von PFOA deshalb 2020 verboten; die Schweiz folgte ihr ein Jahr später. Damit waren die Wachshersteller gezwungen, Alternativen zu finden. Viele Produzenten stiegen einfach auf andere organische Fluorverbindungen um: Statt C8-Chemie (PFOA) nutzen sie nun kurz- und längerkettige Verbindungen (C4, C10 etc.). Das deutsche Umweltbundesamt warnt allerdings, dass diese genauso langlebig und mobil seien, und gab Studien zur Toxizität in Auftrag.
Der internationale Skiverband (FIS) hat für die Saison 2022/23 ein vollständiges Verbot von Fluorwachsen erlassen. Auslöser für den Entscheid war der Tod einer norwegischen Betreuerin, deren Gesundheit durch jahrelanges Skiwachsen geschädigt gewesen sein soll. Für den Breitensport aber gilt die Selbstverantwortung. Wer fluorfreie Wachse kaufen will, findet heute ein breites Angebot.
Genau hinschauen
Allerdings ist auch bei den fluorfreien Wachsen Vorsicht geboten: «Als Ersatz für florierte Verbindungen werden häufig Stoffe eingesetzt, die alles andere als unbedenklich sind», erklärt der Chemiker Peter Bützer, ehemals Dozent an der ETH und heute Consultant für Risikomanagement. Da die Hersteller weder auf den Verpackungen noch bei den Sicherheitsdatenblättern die verwendeten Stoffe angeben, hat Bützer die Patentliteratur durchforstet. «Da finden sich viele giftige und umweltschädliche Substanzen wie Siloxane, Gallium, Molybdändisulfid, Bornitrid, Nanopartikel und Mikroplastik, aber auch etliche Substanzen, die völlig ungenügend charakterisiert sind. Erst wenn die Wachshersteller ihre Rezepturen mit all den notwendigen Nachweisen für geringe Giftigkeit und minimale Auswirkungen auf die Umwelt offenlegen, kann man den Produkten vertrauen.»
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HasseChr
- Der internationale Skiverband (FIS) hat für die Saison 2022/23 ein vollständiges Verbot von Fluorwachsen erlassen.
Mit «Isantin» hat Peter Bützer eine eigene Wachslinie für Langlauf-, Touren- und Alpinski entwickelt. Das Wachs basiert auf dem Pflanzenfarbstoff Indigo, ist nachweislich umweltverträglich und verfügt über hervorragende Gleiteigenschaften, wie Tests zeigen, die das Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Februar 2019 durchführte. Im Temperaturbereich von minus eins bis acht Grad schlägt Isantin gar die fluorierten Wachse; einzig bei Nassschnee kommt das Naturwachs – so wie jede andere bisherige Wachsinnovation – nicht an die Fluorwachse heran.
Rein pflanzliche Skiwachse produzieren auch die US-Firma «MountainFlow» und das junge spanische Unternehmen «Nzero», das 2019 von der Stiftung Sicherheit im Skisport (SIS) mit dem «Eco Award» für umweltfreundliche Entwicklungen in der Wintersportindustrie ausgezeichnet wurde. Die grossen Wachsmarken haben den Öko-Trend ebenfalls erkannt und führen neu auch «natürliche» Wachse im Sortiment. Toko etwa bietet seit 2021 mit «Natural Wax Universal» ein Produkt auf Basis von Paraffin- und Naturwachsen. Für die ambitionierten Läuferinnen und Läufer hat Toko eine natürliche «Performance»-Wachslinie entwickelt, die auf einer Kombination verschiedener Naturwachse basiert. Sie wird in der Saison 2023/24 in drei Varianten (für warme, normale und kalte Bedingungen) auf den Markt kommen.
Damit stehen nun auch die Alpinsportlerinnen und -sportler in der Verantwortung, durch bewusste Materialwahl ihren ohnehin schon naturnahen Sport auch noch umweltfreundlich auszuüben.
Nicolas Gattlen ist Reporter beim Pro Natura Magazin.
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Stefan Holm
- Erst wenn die Wachshersteller ihre Rezepturen mit all den notwendigen Nachweisen für geringe Giftigkeit und minimale Auswirkungen auf die Umwelt offenlegen, kann man den Produkten vertrauen.