Progetti
Parlament versenkt wichtigste Massnahme zur Nährstoff- und Pestizidreduktion – Was nun?
- Das Parlament bricht sein Versprechen gegenüber der Bevölkerung, welches es im Vorfeld zur Abstimmung über die Trinkwasser- und Pestizid-Initiative abgegeben hatte. Das ist ein Verstoss gegen Treu und Glauben. Er schwächt das Vertrauen in die Politik.
- Angesichts des dramatischen Zustands der Biodiversität fehlt uns die Zeit für weitere Umwege und Debatten. Wenn das Parlament das Reduktionsziel von Pestizid- und Nährstoffen nicht über die 3.5 Prozent BFF erreichen will, müssen dringend alternative Lösungswege eingeschlagen und griffige Massnahmen getroffen werden.
- Die Biodiversität ist die Produktionsgrundlage der Landwirtschaft und im Ackerland akut gefährdet. Gemäss wissenschaftlichen Studien bräuchte es zu ihrem Erhalt mindestens 5 Prozent Biodiversitätsförderflächen. Aktuell machen sie nur 1 Prozent aus.
- Die Entscheidung steht diametral im Widerspruch zu den vielfachen Bestätigungen der Massnahme in der Vergangenheit im Parlament und zum Bekenntnis der Landwirtschaft, sich für die Biodiversität einsetzen zu wollen. Umso mehr braucht es nun die Biodiversitätsinitiative - nicht nur, aber auch die Landwirtschaft muss zur Rettung der Biodiversität beitragen!
Zitate:
Marcel Liner, Landwirtschaftsverantwortlicher Pro Natura:
«Nicht nur Feldhasen, Wildbienen, Marienkäfer, sondern auch viele weitere Tier- und Pflanzenarten in der Schweiz sind darauf angewiesen, dass sie im Ackerland Lebensraum finden. Auch die Ernährungssicherheit profitiert dank der Bestäubungsleistung der Insekten und einer höheren Bodenfruchtbarkeit.»
Eva Goldmann, Landwirtschaftsexpertin WWF Schweiz:
«Der Entscheid zeigt, dass das Parlament momentan nicht bereit ist, innovativen Schweizer Bauern bei umweltfreundlichen Produktionsmethoden den Rücken zu stärken.»
Jonas Schälle, Projektleiter Landwirtschaft, Birdlife Schweiz:
«Mit der Abschaffung dieser Massnahme ignoriert das Parlament den dringenden Handlungsbedarf im Bereich Biodiversität im Kulturland. Es gilt nun, das weit vorangeschrittene Insektensterben mit allen Mitteln zu stoppen, gemeinsam für die Natur und eine zukunftsfähige Landwirtschaft.»
Barbara Wegmann, Konsumexpertin Greenpeace Schweiz:
«Biodiversität ist kein „nice to have“. Die Bestäubungsleistung von Insekten, die Bekämpfung von Schädlingen durch Nützlinge sowie die Vielfalt von Organismen in Böden, welche die Bodenfruchtbarkeit erhalten, sind entscheidend für die Ertragssicherung und somit für die Versorgungssicherheit.»
Die Schweizer Landwirtschaft muss ihre Nährstoffverluste und das Pestizidrisiko bis 2027 reduzieren – letzteres um 50 Prozent. So will es das Gesetz. Die wichtigste Massnahme, um dieses Ziel zu erreichen, sähe vor, dass Landwirt: innen auf der Ackerfläche künftig 3.5 Prozent (statt wie bisher nur 1 Prozent) Biodiversitätsförderflächen (BFF) anlegen.
Bereits mehrfach wurde diese Massnahme in der letzten Legislatur bestätigt. Nun ist das neu zusammengesetzte Parlament eingeknickt und hat die 3.5 Prozent BFF beerdigt. Damit geht ein breit abgestützter Kompromiss zur Reduktion der Pestizidrisiken- und Nährstoffe ersatzlos verloren. Die Weichen für die Umsetzung waren bereits gestellt.
Das Nachsehen haben die fortschrittlichen Bäuerinnen und Bauern
Noch im Dezember wurde die Massnahme mit der Annahme der Mo. Friedli um ein weiteres Jahr verschoben und die Verwaltung beauftragt, die Massnahme auf eine pragmatischere Ausgestaltung zu prüfen. Auch der Schweizerische Bauernverband sprach im letzten November noch davon, die Massnahme lediglich «optimieren» zu wollen. Seit Anfang Jahr wurde eine breite Auswahl an Vertreter: innen aus landwirtschaftlichen Kreisen (darunter IP Suisse und Bio Suisse), Natur- und Umweltorganisationen, Kantone- und Städte angehört. Alle waren sich einig: die Massnahme ist umsetzbar und notwendig. Die betroffenen Landwirt: innen haben sich auf deren Umsetzung eingestellt und wären schliesslich auch jene, denen die Massnahme für die nachhaltige landwirtschaftliche Produktion gedient hätte. Der Entscheid des Parlaments stösst nun genau jene vor den Kopf, die sich für eine fortschrittliche, zukunftsfähige Landwirtschaft einsetzen.
Genügend Bestäuber und Nützlinge sichern Erträge
Die 3.5 Prozent BFF wären nicht nur ein wichtiger Schritt, um das Pestizidrisiko und die Nährstoffverluste zu verringern – sie helfen auch das Artensterben in unseren Feldern aufzuhalten. Die Biodiversität in der Schweiz ist in einem sehr schlechten Zustand, ganz besonders auf dem Acker. Dabei helfen mehr Tier- und Pflanzenarten den Landwirtschaftsbetrieben ganz direkt bei der Produktion: So werden Bestäuber gefördert und der Pestizideinsatz kann dank den Nützlingen reduziert werden. Das ist betriebswirtschaftlich sinnvoll. So lautet das Fazit der neusten Studie von Agroscope: «Daher ist es sowohl für die Landwirtschaft wie auch für die Erhaltung der Biodiversität von zentraler Bedeutung, Bestäubergemeinschaften mittels optimierter Bewirtschaftung und gezielten Massnahmen wie Biodiversitätsförderflächen zu schonen und zu fördern.»
Weitere Informationen:
Kontakte:
- Pro Natura: Marcel Liner, Leiter Landwirtschaftspolitik, Tel. 061 317 92 40, @email
- WWF Schweiz: Jonas Schmid, Mediensprecher, Tel. 079 241 60 57, @email
- Birdlife Schweiz: Jonas Schälle, Projektleiter Landwirtschaft, Tel. 044 457 70 26, @email
- Greenpeace Schweiz: Medienstelle, Tel. 044 447 41 11, @email
Ulteriori informazioni
Potrebbe anche interessarti
Die Nein-Allianz ignoriert die Dringlichkeit von Massnahmen zur Sicherung unserer Lebensgrundlagen
Die Natur ist unsere Lebensgrundlage – Bestäubung, fruchtbare Böden, sauberes Wasser, Schutz vor Naturgefahren, Regulierung des Klimas. Ohne die Biodiversität geht es nicht. Abwechslungsreiche Landschaften und das baukulturelle Erbe gehören zur Schweiz – Sie machen unsere Heimat aus. Praktisch alle Branchen in der Schweiz sind für ihren wirtschaftlichen Erfolg auf die Biodiversität angewiesen.
Doch der Biodiversität in der Schweiz geht es schlecht. Rund die Hälfte der natürlichen Lebensräume ist bedroht. Über ein Drittel unserer Tier- und Pflanzenarten sind gefährdet oder bereits ausgestorben (BAFU). Auch der Bundesrat warnt: «Um die Leistungen der Biodiversität für Gesellschaft und Wirtschaft zu sichern, ist entschlossenes Handeln dringend notwendig». Der Bundesrat, die Kantone und der Nationalrat hatten dies erkannt und setzten sich für einen indirekten Gegenvorschlag zur Sicherung unserer Lebensgrundlagen ein. Der Ständerat hat sich jedoch einem Kompromiss verweigert und ignoriert die Bedrohung für unsere Lebensgrundlage und für kommende Generationen.
Die Nein-Allianz schreibt zur Initiative: «Sie würde die (nachhaltige) Energie- und Lebensmittelproduktion, die Nutzung des Waldes und des ländlichen Raums für den Tourismus stark einschränken sowie das Bauen verteuern.»
- Tatsache ist: Ein Rechtsgutachten vom 13. Mai 2024 kam zum Schluss, dass das vom Volk angenommene Stromgesetz auch bei Annahme der Biodiversitätsinitiative umgesetzt werden kann.
- Tatsache ist: Die Biodiversitätsinitiative verpflichtet Bund und Kantone dazu, die zum Schutz unserer Lebensgrundlagen notwendigen Flächen, Instrumente und Mittel bereitzustellen. Selbst in den meisten bestehenden Schutzgebieten ist eine angepasste Nutzung möglich.
- Tatsache ist: Es wird schon heute einiges für die Biodiversität gemacht, sowohl in der Land- und Forstwirtschaft wie auch in anderen Branchen. Aber solange Schützen und Nutzen nicht in einem Gleichgewicht sind, sind zusätzliche Flächen, Mittel und Instrumente erforderlich. Beispiele für gute Lösungen, wo Schutz und Nutzung Hand in Hand gehen, sind weite Teile des Landwirtschaftsgebiets des Kantons Genf, die Kulturlandschaft Klettgau, das Wasserkraftwerk Hagneck oder das Tourismusziel Chäserrugg im Toggenburg. Nur wenn die Natur geschützt wird, kann sie uns mittel- und langfristig mit ihren überlebenswichtigen Leistungen versorgen.
Die Nein-Allianz schreibt: «Die Initianten möchten 30 Prozent der Landesfläche zu Reservaten machen».
- Tatsache ist: Im Initiativtext wird kein Flächenziel genannt. Nach Annahme der Initiative werden Bundesrat und Parlament auf fachlicher Grundlage und pragmatisch den Verfassungstext umsetzen. Weitere Fakten finden Sie in unserem FAQ.
Die Nein-Allianz schreibt: «Es gibt schon Gesetze, Aktionspläne und Initiative, um die biologische Vielfalt zu schützen.»
- Tatsache ist: Bereits 2021 kam die Geschäftsprüfungskommission des Ständerates (GPK-S) zum Schluss, dass Biodiversität «eine zentrale Herausforderung für den Bund» darstellt, «da sie sich nicht nur auf die Umwelt, sondern auch auf die Wirtschaft und die Gesellschaft auswirkt.»
- Tatsache ist: Der Bundesrat hält in seiner Wirkungsanalyse fest: «… der Allgemeinzustand der Biodiversität in der Schweiz weiterhin unbefriedigend. Die Ziele der Strategie Biodiversität Schweiz (SBS) werden mehrheitlich nicht erreicht.»
Stattdessen wurden in der Sommersession 43 Millionen Franken für die Pflege und die Sanierung der Biotope von nationaler Bedeutung aus dem Finanzplan gestrichen. Damit fehlen sogar die dringend nötigen Mittel zur Umsetzung der rechtlich verankerten Pflicht, die Schweizer Naturperlen zu erhalten. Die Ständeratskommission verzögert seit Monaten die Behandlung der Motion 24.3614 Z’graggen, welche genau diese Umsetzung des bestehenden Naturschutzrechts verlangt. Am 11. Juni 2024 brach das Parlament zudem sein Versprechen für 3.5 Prozent Biodiversitätsförderflächen (BFF) im Ackerbaugebiet.
Wir dürfen die Augen nicht länger vor den Folgen des Biodiversitätsverlustes verschliessen. Deshalb braucht es am 22. September ein Ja zur Biodiversitätsinitiative. Es geht um unsere Lebensgrundlage und jene kommender Generationen.
Die Trägerorganisationen der Biodiversitätsinitiative führen am 25. Juni 2024 im Medienzentrum in Bern ihre Medienkonferenz zum Auftakt der Abstimmungskampagne durch.
Kontakt
- Pro Natura: Dr. Urs Leugger-Eggimann, Geschäftsleiter, @email, 079 509 35 49
- BirdLife Schweiz: Raffael Ayé, Geschäftsführer, @email, 076 308 66 84
- Schweizer Heimatschutz: Peter Egli, Leiter Kommunikation, @email, 044 254 57 06
- Stiftung Landschaftsschutz Schweiz: Franziska Grossenbacher, Stv. Geschäftsleiterin,
@email, 076 304 43 58 - Biodiversitätsinitiative: Dagmar Wurzbacher, @email, 076 517 25 96
Biodiversitätsinitiative
Die Biodiversitätsinitiative wird von einer breiten Koalition mit mehr als 50 Organisationen aus Landwirtschaft, Berggebieten, Fischerei, Gewässerschutz, Pärken sowie Natur- und Landschaftsschutz unterstützt.
Weitere News und Faktenchecks publiziert die Biodiversitätsinitiative laufend auf ihren sozialen Medien. Ein Argumentarium und ein FAQ finden Sie auf der Website der Biodiversitätsinitiative.
Ulteriori informazioni
Info
Gemeinsame Medienmitteilung des Trägervereins der Biodiversitätsinitiative
Link correlati
Website der BiodiversitätsinitiativeJetzt den Biodiversitätsverlust in der Schweiz stoppen: JA zur Biodiversitätsinitiative am 22. September!
«Die schleichende Zerstörung unserer Natur, die Verluste von Landschaft und Baukultur sind alarmierend», sagte Dr. Urs Leugger-Eggimann, Geschäftsleiter Pro Natura, an der Medienkonferenz. «Das hat gravierende Auswirkungen auf unsere Gesundheit, auf die Wirtschaft und auf die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder.»
Eine breite Allianz aus sieben Trägerorganisationen, über sechzig Partnerorganisationen, 24 kantonalen Komitees sowie über 150 lokalen Gruppierungen setzt sich für die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen und für ein JA zur Biodiversitätsinitiative ein.
Raffael Ayé, Geschäftsführer BirdLife Schweiz, betont: «Eine Trendwende zugunsten der Biodiversität ist möglich. Unsere Initiative schafft die dafür notwendige Grundlage.» Die Biodiversitätsinitiative fordert:
- Verankerung des Schutzes unserer Lebensgrundlagen in der Verfassung.
- Ausreichende Flächen und finanzielle Mittel für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen.
- Sie nimmt Bund und Kantone endlich in die Pflicht, ohne fixe Zahlen zu Flächen und Mitteln zu nennen.
- Schonung der Natur und Erhaltung vielfältiger Landschaften und schöner Ortsbilder auch ausserhalb von Schutzgebieten.
Die Menschen sind auf das Zusammenwirken von Pflanzen und Tieren in ihren Lebensräumen angewiesen. «Eine vielfältige Natur sorgt für sauberes Wasser, fruchtbare Böden, Bestäubung unserer Nutzpflanzen. Das sind zum grossen Teil Funktionen, die auch mit enormem technischem Aufwand nicht einfach so ersetzt werden können», sagte Sarah Pearson Perret, Leiterin der Geschäftsstelle Romandie von Pro Natura.
Franziska Grossenbacher, Stv. Geschäftsleiterin Stiftung Landschaftsschutz Schweiz fügte hinzu: «Abwechslungsreiche Landschaften, eine reiche Natur und charakteristische Dörfer prägen das Bild der Schweiz. In ihnen fühlen wir uns wohl, sie fördern unsere Gesundheit und sind wichtig für den Tourismus.» Nur wenn Natur und Landschaften geschützt werden, können sie uns mittel- und langfristig mit ihren überlebenswichtigen Leistungen versorgen. Der Tourismus, die nachhaltige Energieproduktion, die Nahrungsmittelproduktion und die Holzwirtschaft sind alle auf intakte Lebensgrundlagen angewiesen.
«Die heute ungenügenden Massnahmen zugunsten der Biodiversität kommen uns viel teurer zu stehen als die Umsetzung der Biodiversitätsinitiative», hält Matthias Jauslin, Stiftungsrat der Stiftung Landschaftsschutz und Nationalrat, an der Medienkonferenz fest.
Unsere Verantwortung gegenüber von kommenden Generationen erfordert eine ernsthafte Debatte. Darum ruft die Biodiversitätsinitiative in einem Appell zu einer faktenbasierten und respektvollen Auseinandersetzung zur Biodiversität auf.
Referate:
- Dr. Urs Leugger-Eggimann, Geschäftsleiter Pro Natura
- Sarah Pearson Perret, Leiterin der Geschäftsstelle Romandie von Pro Natura
- Franziska Grossenbacher, Stv. Geschäftsleiterin Stiftung Landschaftsschutz Schweiz
- Matthias Jauslin, Stiftungsrat der Stiftung Landschaftsschutz und Nationalrat
- Dr. Raffael Ayé, Geschäftsführer BirdLife Schweiz
Kontakt:
- Dr. Urs Leugger-Eggimann, Geschäftsleiter Pro Natura, @email, 079 509 35 49
- Sarah Pearson Perret, directrice romande de Pro Natura, @email, 079 688 72 24
- Dr. Raffael Ayé, Geschäftsführer BirdLife Schweiz: @email, 076 308 66 84
- Franziska Grossenbacher, Stv. Geschäftsleiterin Stiftung Landschaftsschutz Schweiz: @email, 076 304 43 58
- Matthias Jauslin, Stiftungsrat der Stiftung Landschaftsschutz und Nationalrat, @email, 079 402 29 81
- Medienstelle: Manuel Herrmann, @email, 078 765 61 16
Ulteriori informazioni
Link correlati
Website der BiodiversitätsinitiativeNaturschutzflächen: Schweiz muss endlich vorwärts machen
Um unsere stark bedrohten, natürlichen Lebensgrundlagen zu retten, wurden am 19. Dezember 2022 an der UNO-Biodiversitätskonferenz in Montréal 23 Ziele beschlossen. Dazu zählt der Stopp des Artensterbens, die Reduktion von Dünger und Pestiziden und die Anpassung der wirtschaftlichen Aktivitäten an die Bedürfnisse der Natur. Eines der wichtigsten Ziele ist es, 30 Prozent der weltweiten Landes- und Meeresfläche bis 2030 wirksam unter Schutz zu stellen - bekannt als “30by30”-Ziel. Obwohl die Schweiz zur Koalition der Länder gehörte, die "30by30” ursprünglich vorantrieb, ist sie ihrer Verpflichtung zur Umsetzung im eigenen Land bisher nicht nachgekommen. Im Gegenteil. Das muss sich ändern.
Zahlenspielerei anstatt effektiver Schutz
Wenn es um den Biodiversitätsschutz in der Schweiz geht, klaffen Anspruch und Realität weit auseinander. Ein Bericht der Europäischen Umweltagentur von 2021 zeigt, dass die Schweiz unter allen europäischen Ländern den geringsten Anteil geschützter Gebiete an der Landesfläche aufweist. Naturschutzgebiete sind für bedrohte Arten und Lebensräume, aber auch für den Erhalt überlebenswichtiger Ökosystemleistungen wie Bodenfruchtbarkeit, Wasser- und CO2-Speicherung oder Bestäubung unerlässlich.
Anstatt ausreichend Gebiete wirksam unter Schutz zu stellen, versuchen der Bundesrat und das Bundesamt für Umwelt das globale “30by30”-Ziel mit Zahlenspielereien zu erreichen. So haben sie dieses Jahr einen Bericht veröffentlicht, in dem sie neu auch Gebiete, deren Schutzwirkung minim oder zeitlich begrenzt ist, dem globalen Ziel anrechnen. Das ist unverantwortlich, denn es erweckt den Eindruck, der Natur in der Schweiz gehe es gut, während in Tat und Wahrheit die Hälfte aller einheimischer Lebensräume sowie ein Drittel aller Tier und Pflanzenarten hierzulande bedroht sind.
Aktuell nur 8 Prozent Schutzgebiete
Pro Natura verlangt, dass der Bund die Flächen für die Biodiversität mit Sorgfalt und aufgrund nachvollziehbarer Kriterien ausweist, die den international anerkannten Kriterien entsprechen. Dies ist bis jetzt nicht der Fall. Pro Natura hat eine vertiefte fachliche Analyse vorgenommen und gelangt zum Schluss, dass derzeit nur 8 Prozent wirklich den geforderten Schutz bieten, anstatt der behaupteten 23 Prozent.
Um das “30by30”-Ziel in der Schweiz zu erreichen, braucht es sowohl einen stärkeren rechtlichen als auch faktischen Schutz gewisser bereits ausgewiesener Gebiete sowie eine Ergänzung durch zusätzliche Flächen, die alle seltenen Arten und Lebensräume in ausreichendem Umfang schützen. Bevor dies nicht erreicht ist, ist es falsch zu behaupten, zusätzliche Schutzflächen seien nicht nötig und die bestehenden Gesetze und Pläne seien ausreichend. Es braucht unbedingt mehr statt weniger Naturschutz und deshalb auch ein Ja zur Biodiversitätsinitiative im kommenden Jahr.
Weitere Informationen:
- Pro Natura Analyse und fachliche Auslegeordnung zu Biodiversitätsflächen
- Bericht des BAFU vom 10. März 2023 zuhanden der UREK-S
- Abkommen der UNO-Biodiversitätskonvention von Kunming-Montréal (2022)
- Rote Listen der Schweiz 2023: Zustand der Arten und Lebensräume
- Bericht europäische Umweltagentur 2021
Kontakt:
Friedrich Wulf, Projektleiter Internationale Biodiversitätspolitik, Tel. 079 216 02 06, @email
Ulteriori informazioni
Info
Headerfoto Pro Natura Schutzgebiet Brunnenkresse BE © Matthias Sorg
Potrebbe anche interessarti
Ackerblumen kommen nun doch unter den Pflug
- Die Einführung von 3.5% BFF auf Ackerland sind ein Versprechen von Bundesrat und Parlament an die Bevölkerung, um den Pestizid-Einsatz in der Landwirtschaft zu reduzieren.
- Mehr Nützlinge und Bestäuber sind nicht nur gut für die Natur, sie unterstützen auch die landwirtschaftliche Produktion und vermindern Schäden an den Kulturen.
Die 3.5 Prozent BFF bieten Lebensraum für Pflanzen und Tiere auf dem Acker. Sie fördern nützliche Insekten und helfen so auch der Nahrungsmittelproduktion und der Versorgungssicherheit. Die Massnahme war ursprünglich schon für Januar 2023 geplant und wurde wegen des Kriegs gegen die Ukraine bereits einmal um ein Jahr verschoben. Sie ist Teil des Umsetzungspakets des Bundes, welches vom Parlament als inoffizieller Gegenvorschlag zu den Pestizidinitiativen ins Feld geführt wurde. Das heisst, seit mehr als 2,5 Jahren weiss die Branche, dass diese Acker-BFF kommen werden. Warum soll jetzt nochmals ein Jahr zugewartet werden? Die Verschiebung, ein Monat vor Inkrafttreten, ist ein Schlag ins Gesicht all jener Bauernbetriebe, die sich nach Treu und Glauben auf die Umstellung ihres Ackerlands per Anfang 2024 vorbereitet haben. Auch die Kantone haben ihre Systeme angepasst.
Viermal schon wurde versucht, die Massnahme zu streichen
«Lieber besser als schneller» mit dieser Argumentation warb der Schweizerische Bauernverband für die neuerliche Verzögerung der Massnahme. Die Umweltverbände erwarten, dass der SBV nun Wort hält und die Umsetzung der Massnahme nicht mehr bekämpft. Denn die Agrarlobby hat in der Vergangenheit bereits viermal versucht, die Massnahme zu streichen. Viermal hat sich das Parlament schon dahinter gestellt.
Darum sind die 3.5 Prozent Acker-BFF bitter nötig
Die Biodiversität in der Schweiz ist in einem sehr schlechten Zustand, ganz besonders auf Ackerflächen. Dabei helfen mehr Tier- und Pflanzenarten den Landwirtschaftsbetrieben ganz direkt bei der Produktion: So werden Bestäuber gefördert und der Pestizideinsatz kann dank den Nützlingen reduziert werden. Das ist betriebswirtschaftlich sinnvoll und kommt letztlich auch unserer Gesundheit zugute. Struktur- und artenreiche Lebensräume reduzieren das Erosionsrisiko und speichern mehr Wasser. Sie reagieren zudem weniger empfindlich auf Extremereignisse wie Starkregen oder Trockenheit, die infolge der menschenverursachten Erderhitzung zunehmen. Last but not least: Diverse bedrohte Brutvogelarten oder Feldhasen finden darin einen Lebensraum.
Kontakte:
Ulteriori informazioni
Info
Gemeinsame Medienmitteilung von WWF Schweiz, BirdLife Schweiz und Pro Natura
Headerfoto © Matthias Sorg
Potrebbe anche interessarti
Ständerat verweigert gute Lösung: Volksabstimmung über den Schutz der Biodiversität steht bevor
Die Biodiversität ist in der Schweiz besonders stark gefährdet: Die Roten Listen der aussterbenden oder bedrohten Arten sind länger als in allen unseren Nachbarländern. Mit dem Verlust von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen gehen auch unsere Lebensgrundlagen verloren. Denn Ökosystemleistungen wie Bestäubung, Bodenfruchtbarkeit, sauberes Wasser sind zentral für die Produktion und Sicherung unserer Ernährung. Eine intakte Natur schützt vor Erosion, vor Überschwemmungen bei Starkregen und ist die stärkste Verbündete sowohl bei der Verhinderung wie auch bei der Anpassung an die Folgen des Klimawandels.
Die Biodiversitätsinitiative will den rasanten Verlust an Arten und Lebensräumen stoppen. Nach über zwei Jahren parlamentarischer Diskussionen ist heute klar geworden: Einen Gegenvorschlag, zu dem die Initiantinnen und Initianten bis zuletzt Hand geboten hatten, wird es nicht geben. Eine kleine Mehrheit des Ständerates hat sich geweigert, auf das Geschäft einzutreten und eine Lösung für den Schutz unserer Lebensgrundlagen zu erarbeiten.
Jetzt hat das Stimmvolk das letzte Wort. Die Trägerorganisationen werden eine engagierte Abstimmungskampagne für den Schutz der Biodiversität führen. Denn unsere Welt muss enkeltauglich werden. Dabei können sie auf grossen Rückhalt zählen. Die Initiative wird von zahlreichen weiteren Organisationen aus den unterschiedlichsten Bereichen – wie Naturschutz, Jagd, Fischerei, Landwirtschaft, Kirchen, Alpenschutz oder Klima – unterstützt. Und auch in der Bevölkerung zählt die Biodiversität auf grossen Rückhalt. Das zeigt etwa die breite Unterstützung für den Appell Biodiversität, den bis anfangs Dezember über 60'000 Personen unterschrieben hatten.
Zitate:
Urs Leugger-Eggimann, Geschäftsleiter Pro Natura:«Die Biodiversität, unsere Lebensgrundlage, ist akut gefährdet. Die Schweiz unternimmt zu wenig, wenn es um den Erhalt unserer Natur und Landschaft und damit unserer Lebensgrundlagen geht. Der Wille fehlt, die Finanzen fliessen in andere Richtungen. So darf es nicht weitergehen! Mit der Biodiversitätsinitiative wollen wir unsere Lebensgrundlagen bewahren. Denn eine intakte Natur ist von unschätzbarem Wert. Die Trägerorganisationen werden einen engagierten Abstimmungskampf führen und sind überzeugt, dass die Bevölkerung die Natur schützen und bewahren will.»
Raffael Ayé, Geschäftsführer BirdLife Schweiz: «Es ist unverständlich und verantwortungslos, wie der Ständerat die Biodiversitätskrise, die gerade in der Schweiz schwerwiegend ist, ignoriert. Der Zustand der Biodiversität in der Schweiz ist schlecht, die bisherigen Massnahmen genügen nicht. Wir haben als Gesellschaft die Aufgabe, unsere Lebensgrundlagen zu schützen. Einmal zerstörte Landschaften lassen sich nicht wiederherstellen. Eine intakte Natur ist von unschätzbarem Wert. Für uns und für zukünftige Generationen.»
Stefan Kunz, Geschäftsleiter Schweizer Heimatschutz: «Wie wir mit unserer Umwelt in Zukunft umgehen, betrifft direkt und wesentlich die Frage, wie wir in Zukunft bauen. Mit der Biodiversitätsinitiative wollen wir die Zerstörung von Natur, Landschaft und Baukultur stoppen. Damit unsere identitätsstiftende Heimat auch für zukünftige Generationen lebenswert bleibt.»
Franziska Grossenbacher, stv. Geschäftsleiterin Stiftung Landschaftsschutz Schweiz: «Landschaften sind zentrale Träger der Biodiversität. Mit der Biodiversitätsinitiative stärken wir auch die landschaftlichen Werte. Die Schweiz profitiert von ihren hochwertigen und einmaligen Landschaften, welche ein attraktives Lebensumfeld bieten, die kulturelle Vielfalt und Identität der Bevölkerung prägen sowie Tourismus und Wirtschaft stärken.»
Kontakt:
- Pro Natura: Dr. Urs Leugger-Eggimann, Geschäftsleiter, Tel. 079 509 35 49, @email
- BirdLife Schweiz: Raffael Ayé, Geschäftsführer, Tel. 076 308 66 84, @email
- Schweizer Heimatschutz: Stefan Kunz, Geschäftsleiter, Tel. 079 631 34, 67, @email
- Stiftung Landschaftsschutz Schweiz: Franziska Grossenbacher, Stv. Geschäftsleiterin, Tel. 076 304 43 58 @email
- Medienstelle Biodiversitätsinitiative: Dagmar Wurzbacher, Tel. 076 517 25 96, @email
Ulteriori informazioni
Info
Gemeinsame Medienmitteilung des Trägervereins der Biodiversitätsinitiative
Link correlati
Website der BiodiversitätsinitiativeWenn die Natur gewinnt, gewinnen wir alle!
Schon im März lockte uns der Frühling dieses Jahr mit zartem Grün, Blütenpracht und morgendlichem Vogelgesang hinaus in die Natur – überraschend früh. Aber nicht nur der Zeitpunkt des alljährlichen Naturerwachens hat sich verschoben: Auch die Vielfalt der Pflanzen und Tiere, die mit der wärmeren Jahreszeit wieder zu sehen oder zu hören sind, hat sich dramatisch verändert. Während manche Mitmenschen ein paar fehlende Wildbienen, Libellen, Käfer oder Schmetterlinge vielleicht nicht vermissen, sprechen die «Roten Listen» des Bundesamts für Umwelt eine deutliche Sprache: In der Schweiz sind über ein Drittel aller einheimischen Tier- und Pflanzenarten bedroht oder bereits ausgestorben. Das ist eine Gefahr nicht nur für die Natur, sondern vor allem für uns Menschen. Denn die Natur ist unsere Lebensgrundlage.
Hier setzt die Biodiversitätsinitiative an, welche von Pro Natura gemeinsam mit anderen Verbänden lanciert wurde und die nun am 22. September dieses Jahres zur Abstimmung kommt. Sie will Lösungen anstossen, um den Zustand der Biodiversität in der Schweiz zu verbessern. Bund und Kantone sollen mit gezielten, zukunftsweisenden Massnahmen dafür sorgen, dass die erforderlichen Flächen und Mittel für die Biodiversität zur Verfügung stehen. Natur und Landschaft sollen geschont werden – auch ausserhalb von Schutzgebieten. Dazu müssen die ganze Gesellschaft und alle Wirtschaftssektoren beitragen. Denn die Biodiversitätskrise betrifft alle.
Biodiversität sichert die Ernährung
Artenvielfalt, genetische Vielfalt und funktionierende Ökosysteme sind nebst Boden und Wasser die wichtigsten Voraussetzungen für eine ertragreiche und hochwertige Lebensmittelproduktion. So hängt etwa die Fruchtbarkeit des Bodens von Bodenlebewesen wie Asseln, Pilzen und Regenwürmern ab. Bienen und andere Insekten sichern die Bestäubung vieler Kulturpflanzen – ohne sie gäbe es keine Kirschen, keine Erdbeeren, keine Zwiebeln. Wieder andere halten Schädlinge in Schach. Artenreiche Lebensräume sind zudem widerstandsfähiger gegen den Klimawandel und passen sich besser und schneller neuen klimatischen Bedingungen an.
Umgekehrt kann die Landwirtschaft viel zum Schutz und zur Förderung der Biodiversität beitragen – und tut dies auch bereits. Massnahmen können jedoch nur nachhaltig greifen, wenn sie nicht isoliert getroffen werden. Sonst drohen sie durch wirtschaftlichen Druck, Rationalisierungen und Mechanisierungen wieder zunichte gemacht zu werden. Es braucht Gesamtkonzepte, welche weiter in die Zukunft reichen, um unsere Lebensgrundlagen zu sichern.
Ulteriori informazioni
Info
Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.
Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Es blickt hinter die Kulissen politischer Entscheide und schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft. Als Mitglied erhalten Sie das Magazin fünf mal im Jahr direkt in Ihren Briefkasten.
Biodiversität macht gesund
Von zentraler Bedeutung ist die biologische Vielfalt auch für die Gesundheit. Nicht nur, weil eine vielfältige Natur für viele Menschen Erholung und Ausgleich bedeutet und das Wohlbefinden stärkt. Sie hat noch Handfesteres zu bieten: 80 Prozent aller registrierten Arzneimittel und über 70 Prozent aller Krebsmedikamente werden aus Pflanzen gewonnen oder sind von der Natur inspiriert. Vom Erhalt der Artenvielfalt und der genetischen Vielfalt hängt wesentlich ab, ob die pharmazeutische Forschung auch in Zukunft lebensrettende Medikamente entwickeln kann. Die Arzneimittelbranche – in der Schweiz ein wichtiger Wirtschaftszweig – hat also grösstes Interesse, sich für den Erhalt der Biodiversität einzusetzen.
Biodiversität schützt das Klima
Die Frage, ob es noch gelingt, die Klimaerwärmung zu stoppen, bewegt uns alle und besonders die Jugend. Oft wird dabei vergessen, welch wichtige Rolle die Biodiversität in vielen klimarelevanten Prozessen spielt: Intakte Ökosysteme wie Moore und Wälder sind natürliche Speicher von CO²; die Renaturierung von Feuchtgebieten und der Erhalt von naturnahen Wäldern tragen kostengünstig zum Klimaschutz bei. Kurz: Wenn wir die nötigen Flächen und Mittel sichern, um Ökosysteme intakt zu halten oder wiederherzustellen, hilft dies nicht nur gegen die Biodiversitätskrise, sondern auch gegen den Klimawandel.
Engagieren Sie sich mit uns!
Nahrungsmittelproduktion, Gesundheit, Klimaschutz – das sind nur einige Gründe, warum der Schutz unserer Natur kein Selbstzweck, sondern eine dringende Notwendigkeit ist, um unsere Lebensgrundlagen zu sichern. Trotzdem ist vielen Mitmenschen – und leider auch manchen politischen Vertreterinnen und Vertretern der Wirtschaft, der Landwirtschaft und des Gewerbes – noch nicht klar, was auf dem Spiel steht. Sie davon zu überzeugen und die Weichen zu stellen für einen besseren Schutz der Biodiversität, ist in den nächsten vier Monaten die Aufgabe all jener, welche die Dringlichkeit erkannt haben.
Helfen Sie uns, die Abstimmung am 22. September zu gewinnen – damit alle gewinnen!
STELLA JEGHER leitet bei Pro Natura die Abteilung Politik und Internationales
Potrebbe anche interessarti
Biodiversitätskrise: die aktuellen Herausforderungen im Schweizer Naturschutz
«Viele glauben, Naturschutz sei, wenn man die Natur einfach ‘sich selbst überlässt’», erzählt Urs Tester, seit über 30 Jahren Abteilungsleiter Biotope und Arten bei Pro Natura. «Der Einfluss von uns Menschen auf die Natur ist heute aber so gross, dass ohne menschliche Hilfe, viele seltene Lebensräume und Arten bereits ausgestorben wären».
Es wird viel getan, für die Trendumkehr reicht es nicht
Allein im kleinen Naturschutzgebiet Chrutzelried im Zürcher Oberland wurden im letzten Jahr 1’563 Stunden Naturschutzarbeit geleistet: «Wir haben mehr Licht in die Moorflächen gebracht, Tümpel ausgebaggert, Wiesen gemäht, Asthaufen und Steinlinsen angelegt und vieles mehr», führt Andreas Wolf, Geschäftsleiter der Stiftung Wirtschaft und Ökologie (SWO) aus, der die Arbeiten verantwortet. Obwohl die Massnahmen lokal Wirkung zeigen, reichen sie nicht, um das Massensterben landesweit aufzuhalten. Ein Drittel aller Arten und die Hälfte aller Lebensräume in der Schweiz sind vom Aussterben bedroht. Und mit ihnen für uns Menschen überlebenswichtige Kreisläufe wie Wasserreinigung, Bestäubung oder Bodenfruchtbarkeit.
Die Herausforderungen sind zahlreich
Im Flachmoor Chrutzelried zeigen sich exemplarisch die grossen Herausforderungen im Schweizer Naturschutz. «Mit 4.2 Hektar ist das Gebiet sehr klein und gleichzeitig umgeben von Siedlungs- und Landwirtschaftsfläche», erklärt Wolf. «Der hohe Besucherdruck, ehemalige Deponien auf dem Gelände, die umgebende Bodenversiegelung, die Düngeremissionen aus der Landwirtschaft – ohne schützende Eingriffe würde dieser Lebensraum im Nu zerstört.» Gemäss Tester, der bei Pro Natura für die nationale Schutzgebietsstrategie zuständig ist, sind solche Bedingungen typisch für die Naturschutzgebiete in der Schweiz.
Für mehr Natur - auch in den Köpfen
Noch ist die Artenvielfalt im Chrutzelried vergleichsweise hoch, doch unter den aktuellen Umständen sei ihr Erhalt nicht möglich, bedauert der Naturschutzexperte. «Vor 130 Jahren umfasste das Chrutzelried rund 25 Hektaren – heute ist noch etwa ein Sechstel davon übrig. Viele der ursprünglichen Arten klammern sich hier an die letzten Überreste ihres Lebensraums», so Tester. Doch dieser sei zu klein, um die ganze Vielfalt in die Zukunft zu retten. «Wenn das Schutzgebiet nicht vergrössert oder besser vernetzt wird, werden viele dieser Arten demnächst aussterben.»
Für eine Trendumkehr müsste unsere Gesellschaft der Natur wieder mehr Platz einräumen und zwar nicht nur in Schutzgebieten, auch in Siedlungen, in der Landwirtschaft und vor allem in unseren Köpfen, betont Tester. «Wenn wir die Artenvielfalt auch für kommende Generationen erhalten wollen, müssen Schützen und Nutzen Hand in Hand gehen.» Genau das ist auch das Ziel der Biodiversitätsinitiative, über die die Schweizer Bevölkerung am 22. September abstimmen wird.
Weitere Informationen:
Kontakt:
Wenn die Natur in den Rebberg zurückkehrt
Im Rahmen der Aktion Hase & Co. haben die Pro Natura Sektionen Waadt, Wallis und Genf mehrere Projekte lanciert, um die Biodiversität in ihren Weinbergen zu fördern. Eine der ersten Massnahmen wurde in Leuk umgesetzt: Die Rebparzellen von Pro Natura Wallis auf dem südexponierten Plateau Brentjong werden seit 2019 biologisch bewirtschaftet.
Obwohl die Region für ihre Ackerbegleitflora und ihre vielfältige Vogelwelt bekannt ist, zeigte sich vor fünf Jahren ein tristes Bild: In den Gassen zwischen den Reben wuchsen nur noch ein paar Neophyten und Beikräuter. Nun, nach erfolgter Umstellung auf biologische Bewirtschaftung, zeigt sich ein ganz anderes Bild: Viele Wildpflanzen haben die Weinberge wieder spontan besiedelt und auch die Vielfalt der beobachteten Insektenarten nimmt zu.
Rückkehr der Biodiversität
Dank einer extensiveren Bewirtschaftung des Bodens sind lokaltypische Arten wie die Zierliche Hauhechel oder der Ruten-Knorpelsalat in die Flächen zurückgekehrt. Und auch die Ausbreitung der Neophyten geht zurück. Die Grünstreifen in den Reben ziehen bedrohte Insekten wie den Verkannten Grashüpfer oder den Zahnflügelbläuling an und bieten dem Feldhasen Versteckmöglichkeiten. Insgesamt wurden 2023 auf den 2000 Quadratmetern dieses Rebbergs zwölf Schmetterlingsarten, acht Heuschreckenarten und rund 40 Pflanzenarten gezählt.
Neben der Umstellung der Bewirtschaftung beinhaltete das Projekt auch gezielte Massnahmen zur Förderung der Biodiversität. Unter anderem wurden Nistkästen für den Wiedehopf und den Gartenrotschwanz angebracht und einige Rebstöcke entfernt, um Platz für die Umpflanzung der im ersten Projektjahrspontan aufgekommenen Blasensträucher zu schaffen.
Adonis flammea: 100% Pro Natura
Die Arbeit, die Sonja Kanthak und Frédéric Sanchez zusammen mit den Freiwilligen von Pro Natura auf dem Bio-Rebberg geleistet haben, wird auf schöne Art im Wein sichtbar, den die Kellerei Vin d’œuvre in Leuk aus den geernteten Trauben keltert. Er heisst «Adonis flammea» und ist 100 Prozent Pro Natura. Nach vier Cuvées wird er nach wie vor zum Verkauf angeboten und trägt dazu bei, das Projekt zu finanzieren.
MARJORIE BONVIN ist bei Pro Natura Wallis zuständig für die Schutzgebiete im Unterwallis.
Ulteriori informazioni
Info
Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.
Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Es blickt hinter die Kulissen politischer Entscheide und schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft. Als Mitglied erhalten Sie das Magazin fünf mal im Jahr direkt in Ihren Briefkasten.