Progetti

Uno dei quattro pilastri di Pro Natura è la protezione attiva dei biotopi e delle specie.
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Waldkauz, Morges VD
21.05.2024 Artenschutz

«Ich mag den Umgang mit den Wildtieren»

Martine Rhyn kümmert sich mit ihrem Mann als Freiwillige im Centre ornithologique de réadaptation in Genthod (GE) um verletzte, kranke oder aus dem Nest gefallene Wildvögel.

Martine Rhyn Tania Araman

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Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Es blickt hinter die Kulissen politischer Entscheide und schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft. Als Mitglied erhalten Sie das Magazin fünf mal im Jahr direkt in Ihren Briefkasten.

Pro Natura Magazin: Wie kam es zu Ihrem Engagement für Wildvögel?

Martine Rhyn: Ich ging mit 60 frühzeitig in Pension und wollte mich nützlich machen. Das Thema Natur begleitet mich seit jeher: Unter anderem war ich bei Agroscope als Laborantin und kümmerte mich um Insektenzucht. Und Ornithologie hat mich schon immer interessiert. Die Entscheidung für das Vogelzentrum war also naheliegend.

Zusammen mit Ihrem Mann …

Ja, auch er ist gern in Kontakt mit der Natur. Und es ist schön, gemeinsam etwas zu tun. Ganz abgesehen davon, dass es uns auch körperlich fit hält. Mittlerweile gehören wir im Zentrum zu den ältesten Freiwilligen und helfen an drei Tagen pro Woche. Hat man sich einmal eingelassen, kommt man nicht mehr davon los!

Was gefällt Ihnen besonders?

Ich mag den Umgang mit den Wildtieren und freue mich, dass ich etwas für sie tun kann. Man weiss mit der Zeit immer mehr über die einzelnen Arten. Dass ich draussen arbeiten kann, ist für mich auch sehr wichtig. Und ich schätze die bereichernden Kontakte zu anderen Freiwilligen, die aus ganz unterschiedlichen Richtungen kommen.

Greifvogel Susi Schlatter
Was ist weniger attraktiv?

Im Winter erhalten wir wenige neue Vögel und verbringen dann viel Zeit damit, die Vogelhäuser zu säubern, das Material aufzuräumen usw. Aber auch das kann befriedigend sein: Ich überlege gern, wie sich eine Voliere am besten einrichten lässt.

Können Sie uns von einem besonderen Erlebnis im Zentrum berichten?

Oh, da gibt es viele! Ich erinnere mich an das erste Käuzchen, das ich in den Händen hielt, kurz nachdem ich im Zentrum angefangen hatte. Damals konnte man noch Patenschaften für die Vögel übernehmen, und mein Mann und ich tauften den Kauz Charlotte. Zu unserer grossen Freude durften wir ihn später im Wald bei Jussy freilassen. Auch das eine Premiere für uns. Doch leider ging die Geschichte nicht gut aus ...

Wieso?

Charlotte war beringt. 14 Tage nach ihrer Freilassung wurde uns ein Waldkauz gebracht, der in einen Stacheldraht geraten und in sehr schlechtem Zustand war. Es war Charlotte. Wir mussten sie einschläfern. Das hat mich getroffen. Die meisten Vögel, die ins Zentrum kommen, haben sich durch menschliche Einflüsse verletzt, hauptsächlich durch Autos oder Fensterscheiben. Andere vergiften sich an Pflanzenschutzmitteln. Aber immerhin gelingt es, die Mehrheit zu retten. Letztes Jahr konnten wir etwa 60 Prozent unserer Greifvögel wieder in die Freiheit entlassen.

Erfahren Sie, was aus ihnen wird?

Nein, die Vögel, die wir betreuen, werden nicht mehr beringt. Es ist ein bisschen frustrierend, dass wir sie ins Ungewisse schicken müssen. Wir können nur hoffen, dass es ihnen gut geht!

TANIA ARAMAN, Redaktorin französischsprachige Ausgabe Pro Natura Magazin.

Die Alp Flix weisst eine hohe Biodiversität auf
15.10.2024 Artenschutz

«Wir haben zu wenige Schutzgebiete, in denen Arten ein sicheres Zuhause finden»

Der Schweiz fehlt es an grossflächigen und gut vernetzten Biodiversitäts-Hotspots. Urs Tester, abtretender Leiter der Abteilung Biotope und Arten bei Pro Natura, zieht Bilanz zum Management von Naturschutzgebieten.

In der Schweiz gibt es keine Übersicht und Strategie, wie Schutzgebiete übers ganze Land verteilt und vernetzt werden sollen. Im jetzigen Flickwerk von Schutzgebieten mangelt es zudem an vielseitigen und qualitativ hochstehenden Naturschutzgebieten, die unterschiedliche Habitate vereinen und eine grosse Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten beheimaten – sogenannte Hotspots der Biodiversität.

Pro Natura sichert in der Schweiz über 800 Naturschutzgebiete, darunter auch einige Hotspots der Biodiversität. Eine kleine Auswahl davon, mit unterschiedlichen Eigenschaften, stellen wir in diesem Magazin vor. Parallel dazu unterhalten wir uns mit unserem abtretenden Abteilungsleiter Urs Tester über das Management von Naturschutzgebieten.

Pro Natura Magazin: «Welche Schutzgebiete braucht die Schweiz?»; diese Frage erörterst du im Buch, das zu deiner Pensionierung erscheint. Sind es vor allem grossflächige, gut vernetzte Schutzgebiete, wie wir sie in dieser Ausgabe vorstellen?

Urs Tester: Davon brauchen wir sicher mehr. Viele gefährdete Arten sind aufgrund ihrer Lebensweise auf grossräumige Gebiete angewiesen. Auch für die hochspezialisierten Arten brauchen wir grosse Schutzgebiete. Denn in kleinen, isolierten Gebieten ist das Risiko hoch, dass sie aussterben. Manchmal reichen zwei aufeinander­ folgende Hitzesommer oder Stickstoffeinträge aus der Nachbarschaft – und schon verschwindet eine Art aus dem Gebiet. In grossen Schutzgebieten fallen solche Einflüsse weniger stark ins Gewicht. Die spezialisierten Arten können sich dort besser halten. Zudem steigt mit der Grösse die Chance, dass Tiere und Pflanzen einwandern. Das zeigt sich auf Inseln: Je grösser sie sind, desto mehr Arten kommen dort vor.

Es spricht also viel für die Schaffung von grossräumigen Schutzgebieten.

Ja, aber mit wenigen sehr grossen Naturschutzgebieten lassen sich nicht alle geografischen Regionen und Lebensraumtypen der Schweiz abdecken. Es braucht also auch übers ganze Land verteilte kleinere Schutzgebiete. Wichtig ist zudem, dass die Schutzgebiete nicht zu weit auseinanderliegen und über sogenannte Trittsteine – zum Beispiel Hecken, extensiv bewirtschaftete Wiesen, Teiche, offene Bäche – miteinander vernetzt sind. Auch das sehen wir bei Inseln: Bei grösserer Distanz vom Festland oder von anderen Inseln nimmt die Artenzahl ab. Die «Inseltheorie» liefert uns also wichtige Argumente für den Aufbau eines solchen Biotopverbunds.

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Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Es blickt hinter die Kulissen politischer Entscheide und schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft. Als Mitglied erhalten Sie das Magazin fünf mal im Jahr direkt in Ihren Briefkasten.

Artenreiche Baumhecke bei Mümliswil-Ramiswil, SO Susanna Meyer
Artenreiche Baumhecke bei Mümliswil-Ramiswil, SO
In der Schweiz gibt es doch schon viele kleine Schutzgebiete. Jede Gemeinde hat einen geschützten Teich, einen ehemaligen Steinbruch oder ähnliches.

Das ist so, die Schweiz hat sehr viele sehr kleine Schutzgebiete. Sogar manche Biotope von nationaler Bedeutung sind nicht grösser als ein Handballfeld. Ein einzelner kleiner Teich kann keine Populationen sichern. Er kann als Trittstein dienen, sofern in der Nähe noch grössere Lebensräume vorhanden sind. In der Schweiz haben wir zu wenige Schutzgebiete, in denen Arten ein sicheres Zuhause haben oder Zuflucht finden. Pro Natura selber versucht, mit gutem Beispiel voranzugehen und zu einem funktionsfähigen Schutzgebietsnetz beizutragen: Wir sichern schweizweit 260 Quadrat­kilometer Naturschutzgebiete und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Biodiversität. Es braucht aber noch weitere hochwertige Flächen.

Was zeichnet ein gutes Schutzgebiet aus?

Das Gebiet muss gut vernetzt sein und über eine ausreichend gros­se Pufferzone verfügen. Viele Schutzobjekte befinden sich mitten in einer intensiv genutzten Landschaft und sind vielfältigen Risiken ausgesetzt, beispielsweise Düngereinträgen, Pestiziden, Kunstlicht, Lärm, Verkehr. Je härter die Grenzen, umso anfälliger sind die Schutzgebiete. Idealerweise erfolgen die Übergänge vom Schutzgebiet in die intensiver genutzten Flächen fliessend. Das ist auch für das Landschaftsbild ein grosser Gewinn. Entscheidend ist schliesslich, wie das Gebiet gemanagt und gepflegt wird.

Was ist dabei zu beachten?

Zunächst einmal muss eine klare Zielsetzung gegeben sein: Welche Lebensräume will man erhalten oder aufwerten? Ein Managementplan gibt vor, wie diese Ziele zu erreichen sind. Und dann geht es an die Umsetzung: Schutzgebiete sind keine Selbstläufer, sie müssen betreut und weiterentwickelt werden. Das gilt auch für Gebiete, wo man die natürliche Dynamik wieder zulässt wie zum Beispiel in einem Naturwaldreservat oder in einer Aue. Mit einer guten Information und Besucherlenkung sowie der Präsenz von Rangerinnen und Rangern lassen sich Störungen vermeiden oder auf einem tiefen Level halten. Leider wird die Betreuung und Pflege in vielen kommunalen, kantonalen und nationalen Schutzgebieten vernachlässigt. In der Folge verlieren sie an Qualität. Flachmoore verbuschen, in Auen breiten sich invasive Neophyten aus, Hochmoore trocknen aus.

Was sind die Gründe?

Die mangelhafte Betreuung spiegelt die Geringschätzung wider, welche Teile der Gesellschaft der Natur entgegenbringen. Also ist auch die Politik nicht bereit, ausreichend Geld und Personal für die Entwicklung der Schutzgebiete bereitzustellen. Weil das Personal fehlt, erhalten Landwirte statt Wertschätzung für ihre Arbeit Standardpflegeverträge, haben keine Ansprechperson, und weil das Geld knapp ist, fehlt ihnen die Sicherheit, dass die Naturschutzbeiträge ausbezahlt werden. Das wirkt sich dann rasch auf ihre Motivation und die Qualität des Schutzgebiets aus.

Die Schweiz verfügt nur über wenige Schutzgebiete, in denen die Natur sich selbst überlassen wird. In den meisten Gebieten wird gemäht, beweidet, geschnitten oder gesägt. Wäre es nicht hilfreicher für die Natur, wenn mehr Wildnisgebiete ausgeschieden würden?

Viele Arten würden ganz klar profitieren, deshalb setzt sich Pro Natura seit vielen Jahren für mehr Wildnis ein. Die Schweiz ist aber auch reich an Kulturlandschaften mit spezifischen Artengemeinschaften. Ohne Kultur gäbe es einen Teil dieser Arten nicht bei uns. Die aus dem mediterranen Raum stammende Grosse Hufeisennase etwa oder der aus dem Nahen Osten eingewanderte Steinmarder konnten sich in der Schweiz nur ansiedeln, weil sie im Kulturland und im Siedlungsgebiet geeignete Lebensräume und Strukturen vorfanden. Auch die Ackerbegleitflora ist über die Kultur in die Schweiz eingezogen. Sie stammt zu grossen Teilen aus dem Nahen Osten und bereichert nun die Ackerbaugebiete unseres Landes – jedenfalls dort, wo man ihr den nötigen Raum gibt. Die Landschaftspflege ist also ein wichtiges Element zum Er- halt der Artenvielfalt. Wo die traditionelle Bewirtschaftung nicht mehr praktiziert wird, müssen wir sie durch Pflegemassnahmen nachahmen.

Simuliert wird in einigen Schutzgebieten auch die natürliche Dynamik von Gewässern, beispielsweise mit dem Bau von Tümpeln und Teichen oder mit ständigen Baggereingriffen in Kiesgruben, die als Ersatzlebensräume für typische Auenbewohner dienen sollen. Funktioniert das?

Es ist wohl die aufwändigste und herausforderndste Kategorie an Schutzgebieten: Weil Flüsse und Bäche nicht mehr frei fliessen und ihre Dynamik entfalten, braucht es Ersatzlebensräume, in de nen die natürliche Dynamik durch den Bagger ersetzt wird. Die Erfahrung zeigt, dass diese Massnahmen durchaus wirksam sind.

Gibt es eigentlich eine Art «Idealzustand», an dem sich der Naturschutz orientiert?

In dieser Hinsicht hat sich einiges geändert: Als man vor mehr als 100 Jahren den Schweizerischen Nationalpark einrichtete, hatte man noch ein statisches Bild der Natur. Man dachte, dass der Wald nach den grossen Rodungen im 19. Jahrhundert stetig wächst, bis er sich in ein quasi ewig anhaltendes Gleichgewicht setzt. Dieses Gleichgewicht galt als Idealzustand, den es zu erreichen gilt, nicht nur im Wald, in allen Ökosystemen. In den 1970er- Jahren veränderte sich die Sichtweise auf die Natur. Nun setzte sich die Idee von sich wiederholenden Zyklen durch. Wälder wachsen, brechen zusammen und wachsen wieder. Die Natur verändert sich also – aber stets auf dieselbe Art. Auch dieses Bild ist mittlerweile überholt. Die Natur verändert sich ständig, mit dem Klimawandel wird das augenfällig. Sie kehrt nicht mehr zu früheren Zuständen zurück, sondern bewegt sich spiralförmig weiter.

Was bedeutet diese Erkenntnis für das Management von Naturschutzgebieten?

Die Ziele für ein Schutzgebiet liegen nicht in der Vergangenheit. Es gelingt uns auch nicht, ein Moor oder eine Magerwiese zu konservieren. Mit guter Schutzgebietsarbeit können wir aber dazu beitragen, dass sich die Natur in Richtung Vielfalt entwickelt und nicht verarmt.

Von NICOLAS GATTLEN, Reporter, und RAPHAEL WEBER, Chefredaktor des Pro Natura Magazins.

Eine kleine Auswahl von Schutzgebieten

Igel

Igel­fre­undliche Gärten

Wolf und Jungwolf im Wald
25.10.2024 Artenschutz

Appell an Bund und Kanton: Auslöschung des Nationalparkrudels jetzt stoppen

Die vom Kanton Graubünden verfügte Tötung des gesamten Nationalparkrudels, die per 1. November möglich ist, lässt jegliches Augenmass vermissen. Der rechtliche Spielraum wird mehr als ausgereizt, ohne dass Alternativen geprüft oder der Forschungsbedarf und die natürliche Entwicklung im Nationalpark berücksichtigt wurden. Die Naturschutzorganisationen appellieren an Bund und Kanton, ihre wissenschaftliche, ethische und politische Verantwortung im Umfeld des Nationalparks wahrzunehmen und gemeinsam verhältnismässige Lösungen zu suchen.

2023 hat sich zum ersten Mal ein Wolfsrudel im Schweizerischen Nationalpark (SNP) etabliert. Seither ist das Rudel Teil eines Forschungsprojektes des SNP, wo seit über 100 Jahren die Entwicklung der Natur ohne menschliche Eingriffe studiert wird. Der Wolf gehört zur einheimischen Fauna des Nationalparks. Seine Rückkehr ermöglicht es, den Einfluss von Beutegreifern auf die einheimische Natur zu erforschen und Erkenntnisse für den künftigen Umgang mit Wald, Wild und Wolf zu gewinnen. 

Dem Nationalpark gerecht werden 

Im August haben vermutlich abgewanderte Einzeltiere des Nationalparkrudels ausserhalb des Parks zwei Rinder gerissen. Beide Tiere waren weniger als ein Jahr alt und es ist unklar, inwieweit die verursachenden Wölfe überhaupt (noch) zum Rudel gehören. In der Folge hat der Kanton Graubünden entschieden, das ganze Nationalparkrudel auszulöschen, sobald die Tiere das Gebiet des Parks verlassen. Damit wird der aktuelle rechtliche Spielraum mehr als nur ausgereizt: Ohne Rücksicht auf die Sonderstellung des Nationalparks, ohne Abwägung der Interessen und ohne Bemühungen um alternative Lösungen. 

Verhältnismässigkeit ist gefordert 

Beim jetzigen Vorgehen des Kantons stellt sich die Frage nach der Verhältnismässigkeit von Eingriffen in den Wolfsbestand. Einerseits fachlich: Was bringen Abschüsse im Hinblick auf Schäden an Nutztieren wirklich? Wird die Rolle des Wolfs im Ökosystem Wald genügend berücksichtigt? Gibt es Alternativen (Herdenschutz, Vergrämung, oder notfalls ein gezielter Abschuss nur der schadenstiftenden Wölfe durch die Wildhut), die rasch umsetzbar sind? Andererseits rechtlich: Die Frage nach der juristischen Verhältnismässigkeit lassen die Naturschutzorganisationen bereits mit ihren letztjährigen Beschwerden zu den Verfügungen betreffend die Rudel Stagias (Graubünden) sowie Nanztal und Hauts-Forts (Wallis) von den Gerichten prüfen. Es geht unter anderem um die Frage, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, um ganze Rudel abzuschiessen. Weil diese grundsätzlichen Fragen gerichtlich bereits geprüft werden, verzichten die Organisationen auf eine Beschwerde beim Nationalparkrudel. 

Der einzige Nationalpark der Schweiz muss der Ort sein, wo Lösungen für das Zusammenleben von Mensch und Natur möglichst ohne Gewehr gefunden werden. Die Naturschutzorganisationen appellieren daher an Kanton und Bund, einen Schritt zurückzutreten und gemeinsam mit dem Nationalpark, der Region und den betroffenen Alpbewirtschaftenden eine Lösung mit Augenmass zu finden, die dem Nationalpark gerecht wird.  

​​​Weitere Informationen:

Kontakt : 

  • Pro Natura: Nathalie Rutz, Medienverantwortliche, 079 826 69 47, @email  
  • WWF Schweiz: Jonas Schmid, Mediensprecher Biodiversität, 079 241 60 57, @email 
  • BirdLife Schweiz: Raffael Ayé, Geschäftsführer, 076 308 66 84, @email 
  • Gruppe Wolf Schweiz: David Gerke, Geschäftsführer, 079 305 46 57, @email 

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Gemeinsame Medienmitteilung von Gruppe Wolf Schweiz, BirdLife Schweiz, WWF Schweiz und Pro Natura

Buchenmischwald des Mittellandes von oben
04.01.2024 Wald

«Das Problem ist, dass der Klimawandel so schnell vorangeht»

Harald Bugmann, Professor für Waldökologie an der ETH Zürich, sieht im Wald bereits erste Anzeichen der Klimaerwärmung. Der Wald kann sich daran anpassen, doch wir Menschen werden viele seiner Leistungen nicht mehr erhalten, wenn wir keine Massnahmen ergreifen.
Pro Natura Magazin: Wie geht es dem Schweizer Wald?

Harald Bugmann: Grundsätzlich recht gut. Weil wir eine nachhaltige, recht sanfte Bewirtschaftung betreiben. Aber wir spüren bereits die Auswirkungen des Klimawandels, man sieht erste Alarmzeichen.

Welche?

Die Phänologie ändert sich, beispielsweise wird die Vegetationsperiode länger. Das Austreiben beginnt früher und der herbstliche Blattfall erfolgt später. Ausserdem häufen sich seit 2018 Extremereignisse, vor allem Dürren. Das ist ziemlich sicher auch eine Folge des Klimawandels. Wenn das die neue Normalität ist, dann ist das nicht lustig.

Nicht lustig, was bedeutet das?

Das Problem ist, das der vom Menschen verursachte Klimawandel so schnell vorangeht und sehr massiv ist. Die Wälder können sich daran zwar anpassen, aber wir Menschen werden Mühe haben, jene Leistungen des Waldes zu bekommen, die wir benötigen. Leistungen wie Kohlenstoffspeicherung, Holzproduktion, Bioenergie, Schutzfunktion im Gebirge oder auch Erholung.

Und was müssen wir tun, um dem Wald zu helfen?

Wir können gefährdete Baumarten wie die Fichten im Mittelland früher als geplant ernten und dadurch Licht schaffen, damit der Wald sich verjüngen kann, was angesichts der hohen Wildbestände an vielen Orten allerdings schwierig und sehr teuer ist. Eine wichtige Frage ist, ob die Verjüngung, die natürlich kommt, auch jene ist, die wir in 50 Jahren als erwachsene Bäume haben möchten. Wenn nicht, stellt sich die Frage, welche Arten man wann pflanzen sollte.

Welche Baumarten sollten wir denn pflanzen?

Im Mittelland beispielsweise sind das Winterlinde, Spitzahorn und Eichen. Sie sind trockenheitstolerant. Aber auf den besseren Böden hat auch die Buche weiterhin eine gute Chance.

Und wie sieht es beim Nadelholz aus?

Die Fichte ist nicht trockenheitsresistent und sehr anfällig auf den Borkenkäfer. Darum sollte man nicht ernsthaft darüber nachdenken, Fichten in mittleren und tieferen Lagen noch anzubauen. In höheren Lagen, also in der subalpinen Stufe, wird sie noch länger eine Rolle spielen. Die Rolle der Tanne ist ungewiss. Für manche ist sie eine tolle Baumart für die Zukunft, andere verneinen das. Ich bin überzeugt, dass sie grosses Potenzial hat. Und dann ist da die Douglasie, eine nicht heimische Art. Ich persönlich finde, wenn sie mit 10 bis 20 Prozent der Bäume in einem Wald beigemischt ist, warum nicht? Aber man sollte sicher nicht unbedacht exotische Baumarten einbringen und sie grossflächig pflanzen. Das wäre unter Umständen katastrophal.

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Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Es blickt hinter die Kulissen politischer Entscheide und schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft. Als Mitglied erhalten Sie das Magazin fünf mal im Jahr direkt in Ihren Briefkasten.

Buchenmischwald Naturschutzgebiet Horngraben BS
Wie wir dem Wald helfen können
  • Natürliche Dynamik fördern.
  • Biodiversität erhalten und fördern.
  • Natürliche Verjüngung mit möglichst vielfältigen, standortgerechten einheimischen Baumarten.
  • Naturnahen Waldbau betreiben.
  • Waldreservate sowie seltene Waldstandorte wie Feucht- und Trockenwälder, Auenwälder und lichte Laubwälder entwickeln, sichern und entschädigen.
  • Wälder in einem ökologischen Netzwerk miteinander verbinden.
  • Genügend Wildruhezonen schaffen.
  • Dort, wo durch Wild aus menschlicher Sicht Schäden entstehen, Regulierung – vorzugsweise im Rahmen natürlicher Prozesse – zulassen.
  • Erholung im Wald mit nötigem Respekt für Flora und Fauna.
Merkt man schon, dass sich wegen des Klimawandels die Vegetationsstufen ändern?

Das ist eine interessante Frage. Vor 25 Jahren, als ich anfing, im Wald zu arbeiten, haben viele noch keine Augen gehabt für den Klimawandel. Es verstand sich von selbst, dass es in der hochmontanen Stufe, der Tannen-Fichten-Stufe, keine Buchen gibt; man musste gar nicht hinschauen. Und jetzt sehen wir dort plötzlich Buchen. Die Frage ist: Sehen wir sie, weil wir jetzt erwarten, dass sie hochsteigt, dass heisst, ist sie wirklich neu – oder hat es sie früher schon gegeben und wir haben sie einfach nicht zur Kenntnis genommen? Ich denke aber schon, dass solche Phänomene bereits ein Indikator dafür sind, dass die Verbreitungsgrenzen der Arten steigen, und es gibt viele Forschungsarbeiten, die das stützen.

Wird die Gefahr von Waldbränden zu­ nehmen?

Ja, Waldbrände werden auch nördlich der Alpen zu einem Thema werden. Nach Bränden etwa im Kanton Glarus hat es dieses Jahr auch im Solothurner Jura gebrannt. Das sind wir uns nicht gewohnt.

Für den Wald ist das eigentlich kein Problem.

Nein, nur für uns Menschen. Waldbrände sind für die Biodiversität eine gute Sache. Das schafft Nischen für Organismen, die sonst keine Chancen hätten, weil es zu dunkel ist.

Können Sie ein Bild des Waldes der Zukunft zeichnen?

Nein, denn es kommt darauf an, was wir Menschen tun. Wenn wir es noch schaffen sollten, unsere Emissionen massiv zu reduzieren, dann wäre das verhältnismässig harmlos. Wenn die Treibhausgasemissionen aber weiterhin hoch bleiben, dann geht die Post ab – auch im Wald. Denn dann müssen wir mit Klimaveränderungen einer Grössenordnung umgehen, die wir noch nie gesehen haben in einer so kurzen Zeit.

Wir haben es also in der Hand?

Ja, es hängt davon ab, was wir tun. Ich bin bis Februar 2022 sehr optimistisch gewesen, dass wir die Kurve noch kriegen. Aber seit sich die geopolitische Situation wieder so stark geändert hat, muss ich sagen, allen Nationen ist derzeit ihr eigenes Hemd am nächsten, und Emissionsreduktion ist kein wichtiges Thema mehr auf der politischen Agenda.

BETTINA EPPER, Redaktionsleiterin Pro Natura Magazin

Wie Pro Natura dem Wald hilft
In Waldreservaten kann eine natürliche Waldentwicklung stattfinden. Dank eines hohen Anteils an Alt- und Totholz entsteht so Lebensraum für eine grosse Artenvielfalt. Pro Natura sichert seit über 100 Jahren Naturgebiete in der Schweiz, darunter auch zahlreiche Wälder wie beispielsweise die Combe Grède (BE), das Val Onsernone (TI), den Burstel (TG) oder den Aletschwald (VS).

Der Wald ist mehr als nur Bäume - viel mehr!

Der Wald als Trinkbrunnen

Das Grundwasser im Einzugsgebiet von Wäldern ist oft von so guter Qualität, dass vor seiner Verwendung keine Aufbereitung erforderlich ist. Für eine sichere Trinkwasserversorgung ist der Schutz des Grundwassers unabdingbar – und dabei spielen unsere Wälder eine zentrale Rolle. Vor diesem Hintergrund hat sich die Holzkammer der westlichen Waadt (Chambre des Bois de l’Ouest Vaudois, CBOVD) mit AGFORS, einer Forstgruppe im Einzugsgebiet der Serine, zusammengetan und mithilfe des Kantons und des Bundes einen Werkzeugkasten mit praktischen Instrumenten erarbeitet. Das Ziel: Waldbesitzer und Trinkwasserversorger gehen eine Partnerschaft ein, die eine hohe Wasserqualität gewährleistet und den rechtlichen Rahmen stärken.

Zum Werkzeugkasten (www.jefiltretubois.ch) gehören etwa Vorschläge für präventive Massnahmen, die in den Grundwasserschutzzonen im Wald ergriffen werden können, eine Vertragsvorlage, Vorschläge für Kommunikations- mittel und Texte, die in die forstwirtschaftliche Planung und die besonderen Massnahmen im Umgang mit den Schutzzonen von Grundwasserfassungen integriert werden können. Die auf freiwilliger Basis definierten Konventionen erlauben es der Forstwirtschaft, als vollwertiger Akteur im Wasserkreislauf wahrgenommen zu werden, der für das Ökosystem Wald einen wertvollen Beitrag leistet.
François Godi

Kühle Waldluft gegen heisse Städte

Wer im Sommer Abkühlung sucht, wird im Wald fündig. Dass es dort meist kühl ist, liegt einerseits am schattigen Blätterdach. Vor allem aber verdunsten Pflanzen ständig Wasser und kühlen so die Umgebung ab.

Die Stadt Baden im Kanton Aargau möchte diesen Kühleffekt mit dem schweizweit bislang einzigartigen Projekt «Kühlwald» nutzen. Die Idee: Nächtliche Kaltluftströme sollen durch Kühlluftkorridore gezielt aus dem Wald in die Stadt geleitet werden. Stadtförster Georg von Graefe: «Den Anstoss dazu gab einerseits ein Forstwart, der seit 40 Jahren für uns arbeitet. Er hat beobachtet, dass an besonderen Orten im Wald in heissen Sommernächten immer ein angenehmer kühler Wind weht.» Als von Graefe auf den Klimakarten des Kantons die Kaltluftströme studierte, fragte er sich, ob diese nicht gelenkt werden könnten. «Warum sollten wir uns diese Leistung, die der Wald sowieso erbringt, dieses physikalische Phänomen, dass kalte Luft zu Boden sinkt und abfliesst, nicht zunutze machen, indem wir die kühle Luft durch Korridore kanalisieren? Wir produzieren nichts, wir vermehren nichts, wir lenken nur.»

Für den Versuch wurden im Rahmen einer normalen Holznutzung vier 30 – 100 Meter lange und 20 – 30 Meter breite Korridore geschlagen, die auf die zwei Hauptwohntürme des Alterszentrums Kehl ausgerichtet sind. 22 Sensoren massen ein Jahr lang vor und erfassen ein Jahr lang nach dem Holzschlag die Temperatur. Umfragen bei den Bewohnerinnen und Bewohnern des Altersheims sowie der Bevölkerung zeigen, dass manche tatsächlich einen Kühleffekt gespürt haben wollen. Die Auswertung der Messdaten erwartet Georg von Graefe – sehr gespannt – für Anfang 2024.
Bettina Epper

In einer Winterlandschaft geht ein Jäger durch den frischen Schnee hinunter ins Tal.
04.01.2024 Artenschutz

«Das hier ist ein Dammbruch beim Wolfsschutz»

Die neue Jagdverordnung, die Bundesrat Albert Rösti im November eingeführt hat, ist nicht nur aus naturschützerischer, sondern auch aus juristischer Sicht höchst problematisch. Laut Rechtsanwalt Michael Bütler steht diese im Konflikt mit zahlreichen Gesetzen. Er wünscht sich deshalb eine gerichtliche Überprüfung.
Pro Natura Magazin: Michael Bütler, wie steht es aus juristischer Sicht um den Wolf in der Schweiz?

Michael Bütler: Juristisch wird aus dem geschützten Wolf eine jagdbare Art. Faktisch droht ihm diesen Winter im ungünstigsten Fall ein Massaker.

Sie haben den Revisionsentwurf der Jagdverordnung für Pro Natura juris­tisch eingeordnet. Wären Sie Lehrer, welche Schulnote würden Sie geben?

Auf jeden Fall eine ungenügende. Eine 3 vielleicht, eher weniger.

Warum?

Eine Verordnung sollte nur die Details zur Umsetzung der allgemeinen Vorgaben von Gesetz oder Verfassung regeln. Die neuen Bestimmungen sind selbst für Fachpersonen nicht leicht verständlich und – je nach Auslegung – mit verschiedenen verfassungsrechtlichen und gesetzlichen Grundsätzen schwer zu vereinbaren.

Mit welchen zum Beispiel?

Da gibt es das Völkerrecht, also die Berner Konvention zur Erhaltung von wildlebenden Tieren, oder die schweizerische Bundesverfassung, die vorsieht, dass der Bund gefährdete Arten vor der Ausrottung bewahren muss. Es gibt verschiedene Gesetze: das Jagdgesetz, das Natur­ und Heimatschutzgesetz oder das Waldgesetz. Diese neuen Regelungen in der Jagdverordnung stellen ein Interesse in den Vordergrund, nämlich die Art Wolf zu dezimieren. Zugespitzt formuliert: fast unbesehen von anderen, gleichberechtigten Interessen.

Wie steht diese Jagdverordnung denn mit dem übergeordneten Jagdgesetz in Konflikt?

Im revidierten Jagdgesetz, das teilweise im Dezember 2023 in Kraft getreten ist, steht, dass der Bestand der Population nicht gefährdet werden darf. Der Wolf darf also nicht ausgerottet werden. Wenn nun gemäss Jagdverordnung alle Kantone die Wolfsbestände maximal dezimieren würden, könnte es sein, dass der Wolf lokal oder regional nicht mehr überlebensfähig ist.

Im Jagdgesetz steht auch, dass Wolfsregulierungen «erforderlich sein (müssen), um das Eintreten eines Schadens oder einer Gefährdung des Menschen zu verhindern, sofern das durch zumutbare Schutzmassnahmen nicht erreicht  werden kann». Es gilt also noch immer, dass vor dem Abschuss Schutzmassnahmen wie elektrische Zäune und Herdenschutzhunde ergriffen werden müssen. Sagt das auch die Verordnung?

Die Verordnung fordert das nicht. Sie will eine Regulierung auf minimal zwölf Rudel ermöglichen, starr auf fünf grosse Regionen verteilt. Das Einhalten der verfassungsrechtlichen und gesetzlichen  Voraussetzungen geht allerdings vor – also den Wolf nicht auszurotten, vor dem Abschuss zumutbare Schutzmassnahmen zu ergreifen und nur einzugreifen, wenn ein erster kleiner Schaden eingetreten und dokumentiert ist. Zudem muss ein grosser Schaden drohen und durch die Entfernung des Rudels voraussichtlich verhindert werden können.

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Der 55-jährige Jurist Michael Bütler konzentriert sich mit seinem Anwaltsbüro bergrecht.ch in Zürich auf die Schwerpunkte Raumplanungs- und Umweltrecht sowie Naturgefahren.

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

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Wenn die Verordnung dem Gesetz widerspricht, hält sie denn vor dem Recht überhaupt stand?

Erlässt der Bundesrat verfassungs­- und gesetzeswidrige Verordnungsbestimmungen, sind diese im Einzelfall rechtlich angreifbar. Die neuen Regelungen sind eher unklar und es stellen sich verschiedene Fragen. Wie werden die Abschussgesuche der Kantone ausgestaltet und begründet sein? Wird das Bafu diesen ganz oder nur teilweise zustimmen? Wie viele der Abschussgesuche werden die Umweltverbände anfechten? Erst mit der Umsetzung wird sich zeigen, wie die Regelungen  ausgelegt werden und ob sie den übergeordneten Vorgaben standhalten.

Schiebt der Bund die Verantwortung für den Umgang mit dem Wolf an die Kantone ab?

Ja, der Bund stiehlt sich ein Stück weit aus der Verantwortung und überlässt diese stärker den Kantonen und den Umweltverbänden. Das ist aus mehreren Gründen problematisch: Erstens ist der Bund gemäss Verfassung für den Artenschutz zuständig, diese Aufgabe gibt er hier meiner Meinung nach zu stark aus den Händen. Zweitens wird in der aktuell aufgeheizten Stimmung der Druck auf Kantone und Umweltverbände ansteigen. Und drittens soll diese Revision nur temporär bis Anfang Januar 2025 gelten. Der Bund kommt den Wolfsgegnern stark entgegen, sodass es danach erschwert sein wird, die Hürde wieder zu erhöhen. Bisher wurde der Wolfsschutz stets in kleinen Schritten gelockert. Das hier könnte ein Dammbruch sein.

Sie haben den Schwellenwert von minimal zwölf Rudeln angesprochen, die der Bund vorsieht. Spricht juris­tisch etwas gegen diese starre Zahl?

Das Bafu begründet nicht, wie es auf die Zahl zwölf kommt und wie mit dieser Anzahl an Rudeln das Überleben des Wolfes gesichert sein soll. Abgesehen davon, dass es Studien gibt, die mehr als zwölf Rudel empfehlen, werden zwei juristische Prinzipien verletzt: Das Ver­hältnismässigkeitsprinzip, das besagt, dass eine staatliche Massnahme nicht weiter gehen darf als nötig, und das Lega­litätsprinzip, das voraussetzt, dass eine so einschneidende und neue Bestimmung auf Stufe des Gesetzes geregelt sein sollte, nicht auf Verordnungsstufe.

Bei dieser einschneidenden Verände­rung in einem so umstrittenen Thema wäre es wünschenswert gewesen, dass der Bund besonders vorsichtig vorge­gangen wäre. Was kritisieren Sie am Vorgehen des Bundes?

Ich habe das Gefühl, der Bund will den Partikularinteressen der Nutztierhalten­ vorschnell und einseitig entgegen­ kommen – zulasten einer geschützten Tierart. Zum einen fehlte die angemesse­ne Diskussion und demokratische Mit­wirkung aller Akteure, die es bei solch grundsätzlichen Fragen bräuchte. Es gab für ein paar ausgewählte Verbände die Möglichkeit, während weniger Tage Stel­lung zu nehmen, das ist einer Vernehm­lassung nicht würdig. Weiter sollten so weitgehende Regelungen auf Gesetzesstufe mit Referendumsmöglichkeit einge­führt werden. Meiner Meinung nach ist das ein unstatthaftes Vorgehen. Deshalb wäre es wünschbar, dass gegebenenfalls fragwürdige oder gesetzeswidrige Abschussverfügungen gerichtlich überprüft und wichtige Fragen geklärt werden.

BRIGITTE WENGER, freischaffende Journalistin

Bienen und Fliegen auf Wildblume
11.01.2018 Artenschutz

«Das Bienensterben ist nur die Spitze des Eisbergs»

Eine im Herbst veröffentlichte deutsche Studie belegt das rasante Verschwinden von Insekten. Yves Gonseth, Entomologe und Leiter des Schweizerischen Zentrums für Kartografie der Fauna in Neuenburg, ist beunruhigt.

Pro Natura Magazin: In Europa ist die Masse der Insekten in drei Jahrzehnten um 75 Prozent zurückgegangen. Geben diese Zahlen einem Entomologen besonders zu denken?
Yves Gonseth:
Das Ergebnis der Studie macht mich in der Tat hellhörig, aber nicht, weil Insekten mein Studienobjekt sind und mich besonders faszinieren, sondern weil die Daten objektiv beunruhigend sind – selbst wenn sie mich nicht überraschen.

Inwiefern beunruhigend?
Die Erhebung zeigt, dass es um die Biodiversität miserabel bestellt ist. Das von den Medien oft zitierte Bienensterben ist nur die Spitze des Eisbergs. Insekten machen in der Schweiz 47 Prozent der Arten­vielfalt insgesamt und 73 Prozent der Tierarten aus. Mit dem Rückgang der Insekten steht auch das Gleichgewicht der Ökosysteme auf dem Spiel, denn Insekten spielen in verschiedensten Prozessen eine zentrale Rolle. Mehr als 80 Prozent unserer Wildpflanzen sind für die Bestäubung auf Insekten angewiesen, und für 60 Prozent der Vögel sind sie die Haupt­nahrungs­quelle. Gleichzeitig spielen Insekten im Abbau von organischem Material pflanzlichen Ursprungs (zum Beispiel abgefallenes Laub) und tierischer Herkunft (zum Beispiel Exkremente von Weidevieh) eine entscheidende Rolle.

Sie bezeichnen die Entwicklung als beunruhigend, sind aber nicht überrascht. Heisst das, dass die Tragweite der Katastrophe zwar bekannt ist, wir also genug wissen, aber nicht genug tun, um das Insektensterben aufzuhalten? 
Die Situation ist tatsächlich nicht neu. Heute treten zwar die Folgen zutage, doch haben sich diese über längere Zeit angebahnt, vor unseren Augen. Nur konnten wir sie nicht beziffern. Trotz verschiedener Massnahmen zur Förderung der Biodiversität geht ihr Rückgang im Kulturland unaufhaltsam weiter. Ich stelle das jedes Jahr von neuem fest, wenn ich es wage, an einen Ort zurückzugehen, an dem ich schon einmal kartiert habe. Der Rückgang des Westlichen Scheckenfalters beispielsweise, eine typische Schmetterlingsart für Trockenwiesen und -weiden, ist eine Tatsache, die sich sowohl regional als auch im gesamten Verbreitungs­gebiet nachweisen lässt. 

Die Studie wurde in 63 Naturschutzgebieten im deutschsprachigen Raum durchgeführt. Ist das Besorgniserregende daran nicht gerade die Tatsache, dass der Rückgang ausgerechnet in Schutzzonen so massiv ist?
Man muss natürlich berücksichtigen, wo diese Schutzgebiete liegen. Die meisten der untersuchten Schutzgebiete befinden sich in niedrigen Höhenlagen, sie sind eingezwängt zwischen Ackerflächen, die intensiv bewirtschaftet werden, oder sie werden selber genutzt. Sie sind deshalb mindestens indirekt den Auswirkungen von Kunstdüngern, Herbiziden, Fungiziden oder Insektiziden mit breitem Wirkungsspektrum ausgesetzt. Schutzgebiete befinden sich ja nicht unter einer Glocke. Die Ergebnisse der Studie zeigen somit einmal mehr, welchen Einfluss die Landwirtschaft auf die Biodiversität insgesamt hat. Umso wichtiger wäre es, Schutzmassnahmen zu verstärken, nicht zu reduzieren.  

Die Landwirtschaft steht am Pranger, und doch sind die Gründe für den Arten­rückgang nicht klar belegt. 
Die Autoren der Studie räumen ein, dass andere Faktoren, wie etwa die schwankenden klimatischen Bedingungen, die Biomasse an Fluginsekten im Verlaufe einer Jahreszeit oder von einem Jahr auf das nächste ebenfalls beeinflussen können. Bei einem derart krassen Rückgang insgesamt müssen die Ursachen jedoch anderswo gesucht werden. Und da kommen die Intensivierung landwirtschaftlicher Praktiken und der breite Einsatz von Bioziden ins Spiel, aber ebenso die Übernutzung von Wasserressourcen, der unselige Umgang mit Hecken, Wald­rändern, Böschungen entlang von Strassen und Bahngeleisen sowie die übermässige Verjüngung des Waldes. Das sind alles Praktiken, die Schutzgebiete massiv beeinträchtigen. Heute ist die unterste Stufe der Nahrungspyramide in Gefahr, und kurzfristig leiden alle Organismen eines Standorts darunter.

Sie appellieren an die individuelle und kollektive Verantwortung. Was meinen Sie damit genau?
Ich bin zwar Wissenschaftler, aber meine Beziehung zur Natur basiert nicht nur auf Daten und Analysen. Ich spüre die Natur mit meinem Fleisch und Blut. Natürlich ist die kollektive Verantwortung der Politik und der Entscheidungsträger wichtig, um den Verlust der Biodiversität aufzuhalten. Aber ich rufe auch jede und jeden einzeln auf, sich zu überlegen, welche Beziehung man zur Umwelt hat. Es ist höchste Zeit, dass wir unsere individuelle Verantwortung wahrnehmen und unsere Gleichgültigkeit, unser Unwissen und unsere Tatenlosigkeit ablegen.

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Auch in der Schweiz
Die Studie der Krefelder Entomologen hat von 63 Naturschutzgebieten im deutschsprachigen Raum die Daten über 27 Jahre zusammengetragen. Die Gesamtbiomasse an Fluginsekten, die in Fallen gefangenen wurden, ist im Schnitt um 76 Prozent zurückgegangen, im Hochsommer gar um 82 Prozent. Gemäss den Autoren der Studie dürften die Ergebnisse stellvertretend für eine Entwicklung sein, die sich in Europa insgesamt - und somit auch in der Schweiz - abzeichnet. Die klimatischen und landwirtschaftlichen Rahmenbedingungen der verschiedenen Schutzgebiete im Kulturland sind vergleichbar. 
Die Studie weist erneut auf unsere Verantwortung für den rasanten und alarmierenden Rückgang der Biodiversität hin und fordert dringende Massnahmen, nicht zuletzt auch finanzieller Art, um diesen Rückgang zu bremsen. Gleichzeitig zeigt auch der Umweltbericht 2017 der OECD auf, dass die Schweiz in Sachen Schutz der Biodiversität alles andere als eine Musterschülerin ist und in diesem Bereich zusätzliche Anstrengungen unternehmen muss.

 

FLORENCE KUPFERSCHMID-ENDERLIN ist Redaktorin der französischsprachigen Ausgabe des Pro Natura Magazins. 

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