Progetti
Eine Küche mit Verbindung zur Natur
Mitten im Sommer ist es schwierig, Léa Graham ein paar Minuten Zeit abzuringen. Mit ihrem Team steht sie fünf Tage pro Woche am Herd und zaubert Gerichte, die inzwischen in der ganzen Region bekannt sind. «Wenn das Restaurant Mitte März seine Türen öffnet, weiss ich, dass ein paar turbulente Monate vor mir liegen. Aber ich mag diesen anregenden Stress. Ist es zu ruhig, langweile ich mich», sagt die Waadtländerin, die mit 32 Jahren bereits die zweite Saison ihr eigenes Lokal leitet.
Nach den Erfahrungen des ersten Jahres hat Graham die Speisekarte heuer verändert und etwas Neues eingeführt: Jeden Sonntag lädt sie zum Brunch. «Ich möchte dieses Angebot, das es schon in vielen Städten gibt, auch hier etablieren.» Für einen gemütlichen, geselligen Sonntagsbrunch ist sie auch privat zu haben. Eigene Konfitüren und Brotaufstriche herzustellen und originellere Variationen als «die etwas abgedroschene Kombination Lachs und Avocado» aufzutischen, ist für sie eine neue reizvolle Herausforderung.
Geschmack und Ästhetik
Schon als Kind probierte Léa Graham Rezepte aus, liess ihre Schwester kosten, bereitete das Weihnachtsessen zu und sah sich mit ihrem Grossvater Kochsendungen an. Obwohl eigentlich alles – Lust, Talent und familiäre Unterstützung – für den Beruf der Köchin sprach, entschied sie sich zunächst für ein Kunst- und Designstudium. «Nach der Schule fühlte ich mich zu jung für eine Lehre und die harten Arbeitszeiten in der Gastronomie.»
Mit 21 stellte sie die Weichen neu und begann am Genfersee bei einem Küchenchef zu arbeiten. Ihr rasch entdecktes Talent – sie wurde im Wettbewerb der besten Lehrlinge des Kantons Waadt ausgezeichnet – und ihr fröhliches Wesen, gepaart mit einer guten Portion Frechheit, öffneten ihr die Türen zu angesehenen Häusern, wo sie ihre Ausbildung fortsetzte: erst im Hôtel de Ville in Crissier, dann im Restaurant von Anne-Sophie Pic im Beau-Rivage in Lausanne.
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Florence Kupferschmid-Enderlin
Natur und Abwechslung
Von Natur aus neugierig und ständig auf der Suche nach kreativen Lösungen und neuen kulinarischen Kombinationen – ihre Stärke – hat Léa Graham mit einer Freundin das Thema der essbaren Wildpflanzen vertieft. Sie möchte Pflanzen besser bestimmen und in die Küche integrieren können, um ihr vegetarisches Universum zu erweitern. Da Routine sie langweilt, ändert sie die vegetarische Karte des Restaurants jede Woche und macht sich einen Spass daraus, skeptische Gäste zu überzeugen, dass man auch fleischlos gut essen kann. Für alle, die die vegetarische Küche lieben, bietet Léa Graham immer im Frühling ein mehrgängiges Menü aus Wildpflanzen an.
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Pro Natura
Hektik und Konserven
Zwischen März und Oktober folgen sich die Mittagessen in Champ-Pittet Schlag auf Schlag, sodass der Küchenchefin kaum Zeit zur Erholung bleibt. Sie ist fast froh, dass das Zentrum im Winter geschlossen ist, «dann kann ich zur Ruhe kommen, nachdenken und vor allem Konserven und Einmachgläser mit laktofermentiertem Gemüse bereitstellen.» Dann nimmt sie sich auch mehr Zeit für ihre Familie, vor allem für ihre Grossmutter, mit der sie auf Flohmärkten nach Schätzen für ihr Restaurant sucht. In Champ-Pittet gibt es nur spezielle Teller und Tassen. «Ich lege grossen Wert darauf, dem Lokal eine persönliche Note zu verleihen, etwa mit Geschirr, das eine Seele hat, das mir beim Anrichten Freude bereitet und hoffentlich auch den Gästen gefällt.» In Champ-Pittet herrscht bei jeder Mahlzeit eine festliche Stimmung mit wunderbaren Farb- und Geschmacksakzenten, die Léa Graham auch in der zweiten Saison in ihrer einfallsreichen, raffinierten und genussvollen Küche zu setzen weiss. Ihrem konsequenten und engagierten Ansatz stehen noch viele schöne Jahre bevor.
FLORENCE KUPFERSCHMID-ENDERLIN ist redaktionelle Leiterin der französischsprachigen Ausgabe des Pro Natura Magazins.
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Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.
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«Umweltinteressen kommen immer zuletzt»
Pro Natura Magazin: Umweltthemen haben es meist schwer im Parlament.
Ursula Schneider Schüttel: Ja, und das ist die negative Bilanz dieser Legislatur: Der Druck auf die Natur ist, insbesondere im Zusammenhang mit den erneuerbaren Energien, sehr gross geworden.
Es braucht Gegensteuer?
Unbedingt. Wenn unsere warnenden Stimmen nicht wären, würde das Thema einfach zur Seite geschoben. Es ist ein stetiger Kampf. Immer noch. Aber so verhindern wir zumindest das Schlimmste.
Die Umweltallianz gibt Ihnen in ihrer Legislaturbilanz das Prädikat «100 % umweltfreundlich». Welche Note von 0 wie «naturfeindlich» und 10 wie «naturfreundlich» geben Sie dem Parlament?
Mmh. (Überlegt lange). Es ist ziemlich umweltunfreundlich. Wenn 0 am unfreundlichsten ist, gebe ich eine 3 oder 4. Eher eine 3. Umweltinteressen kommen immer zuletzt.
Sie haben die Energiepolitik erwähnt. Sie war in der letzten Legislatur sehr präsent – Stichworte «Solarexpress» und «Windexpress». Eigentlich ist es positiv, dass es mit den Erneuerbaren vorwärtsgeht.
Genau. Endlich haben wir den Turnaround gemacht weg von den Fossilen, weg vom CO2.
Aber?
Aber Anlagen in den hintersten Alpentälern zu fördern, das hat einen stark negativen Einfluss auf Natur und Landschaft. Es kann nicht sein, dass wir in Gondo oder in Grengiols riesige Anlagen hinstellen, ohne uns darum zu kümmern, wo wir sie schneller und besser bauen könnten. Nämlich dort, wo der Strom gebraucht wird.
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Christian Flierl
- Pro Natura Präsidentin und SP-Nationalrätin Ursula Schneider Schüttel im Interview.
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Sie sprechen von der bestehenden Infrastruktur?
Ja. Diese ist immens. Sie müssen nur mit dem Zug durchs Mittelland fahren, dann sehen Sie so viele Gebäude, auf die man ohne grosse Probleme Solaranlagen bauen könnte. Klar, dann kommt sofort das Argument, dass wir vor allem Winterstrom brauchen und das Mittelland liegt dann unterm Hochnebel. Aber warum stellt man die Anlage nicht zumindest in bereits verbaute touristische Gebiete? Nein, man baut sie nach dem Motto «Aus den Augen, aus dem Sinn» dorthin, wo man sie nicht sieht. Ich finde, wir müssen auch dazu stehen, dass unser hoher Stromkonsum einen Preis hat, und ihn sichtbar machen.
Das Umweltrating berechnet, wie umweltfreundlich Nationalrätinnen und Nationalräte abstimmen. Hier die Halbzeitbilanz der grössten Parteien der 51. Legislatur.
Welche Bilanz ziehen Sie zum «Runden Tisch Wasserkraft»?
Positiv ist, dass wir als wichtigste Naturschutzorganisation der Schweiz dabei waren; und dass bei den Energieversorgern eine Sensibilisierung stattfand. Und: Mit der Vereinbarung haben wir eine einigermassen vertretbare Lösung gefunden, die auch für die Natur gut ist, zum Beispiel mit den vorgesehenen Ausgleichsmassnahmen. Inklusive der Verpflichtung, die aufgelisteten Projekte unter ökologischen Aspekten noch einmal zu untersuchen. Es ist wichtig, dass wir ganz genau hinschauen, welche Eingriffe zulässig sind, um unseren – zu – hohen Energiekonsum aufrecht zu erhalten.
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Matthias Sorg
Auch in der Agrarpolitik haben Umweltthemen oft einen schweren Stand – was ist hier gut, was schlecht gelaufen?
Mir kommt zuerst das Negative in den Sinn. Das liegt wohl daran, dass wir uns damit immer wieder beschäftigen müssen. Es ist immer dasselbe: Erreichen wir etwas Kleines, kommt sofort die grosse Gegenwehr. Ein Beispiel: Kaum ist beschlossen, dass mindestens 3,5 Prozent Biodiversitätsförderflächen auf Ackerflächen ausgewiesen werden müssen, meldet sich die Landwirtschaft, sie täten doch schon jetzt genug. Dieser Widerstand ist immer da.
Verzweifeln Sie angesichts dessen nicht manchmal?
Doch, schon. Aber dann führe ich mir vor Augen, dass es sehr viele Landwirtinnen und Landwirte gibt, die nicht so denken und es anders machen. Solche, die biologisch anbauen und sich Mühe geben im Umgang mit der Natur. Die politische Landwirtschaft ist nicht unbedingt identisch mit jener, die draussen auf dem Terrain steht.
Die von Pro Natura mitinitiierten Initiativen – die Landschafts- und die Biodiversitätsinitiative – stehen zum Ende der laufenden Legislatur auf der Politagenda. Warum sind sie so wichtig?
Bei der Biodiversität haben wir sehr grossen Handlungsbedarf. Um diese Krise haben wir uns zu wenig gekümmert und vielen ist immer noch nicht bewusst, wie dringlich sie ist. Sie realisieren nicht, dass die Biodiversität unsere Lebensgrundlage ist. Dank der Initiative haben wir die Chance, die Biodiversität mit einem spezifischen Gesetz – eben dem indirekten Gegenvorschlag – zu fördern.
Und die Landschaftsinitiative?
Die zweite Etappe der Revision des Raumplanungsgesetzes wird derzeit als indirekter Gegenvorschlag gehandelt. Das ist nicht schlecht, vor allem, wenn wir das Stabilisierungsziel aufrechterhalten können. Das Problem ist, dass es so viele Ausnahmebestimmungen gibt und immer mehr dazu kommen. Die Einsicht ist nicht da, dass man das Nichtbaugebiet so wenig wie möglich beanspruchen sollte.
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Claudio Büttler
Es gibt vieles zu tun in der Umweltpolitik. Was möchten Sie in der neuen Legislatur als Erstes anpacken?
Ich werde weiterfahren wie bisher. Die Natur steht für mich an erster Stelle.
Bettina Epper, Redaktionsleiterin Pro Natura Magazin.
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Wir geben unsere Stimme der Natur
Schweizer Parlamentswahlen 2023
In der Politik steht die Umwelt bisher nie an erster Stelle. Das wollen und können wir alle ändern: Wir haben die Wahl, die Natur nicht. Alarmierend: Nur 4 von 10 Leuten reden mit! Entscheidend wird sein, mehr als die üblichen 40 Prozent der Wahlberechtigten für diesen wichtigen Urnengang zu mobilisieren.
5 Gründe, weshalb wir naturfreundlich wählen
Wir möchten Ihnen aufzeigen, weshalb wir naturfreundlich wählen. Wie es im Herbst 2023 ausgeht, liegt an uns – nehmen wir diese Chance wahr! Helfen Sie mit und teilen Sie unsere Inhalte mit Freunden und Familie.
- Planetare Grenzen: Unbegrenztes Wachstum ist auf der begrenzten Erde nicht möglich. Seit Jahren steigern wir die Nahrungsmittelproduktion, verschmutzen die Umwelt und beuten natürliche Ressourcen aus. Die Erde hält diesem Druck nicht ewig stand. Wir müssen die Klima- und die Biodiversitätskrise jetzt ernst nehmen, denn gewisse Schäden werden irreversibel sein. Deshalb wählen wir in diesem Herbst naturfreundlich.
Infobox: Planetare Grenzen
Das Konzept der «Planetaren Grenzen» (2009) des schwedischen Professors Johan Rockström zeigt, dass die menschliche Tätigkeit gewisse ökologische Grenzen bereits jetzt stark überschreitet. Folgende Aspekte befinden sich bereits in einem kritischen Bereich: Artensterben, die Freisetzung von Unmengen an Phosphor und Stickstoff sowie die Einbringung von neuartigen Substanzen (z.B. radioaktive Substanzen oder Schwermetalle) und Organismen. - Lebensräume schützen: Zahlreiche wichtige Lebensräume sind gefährdet. Doch um die Biodiversitätskrise abwenden zu können, brauchen wir vielfältige Natur-und Kulturlandschaften. Wir wählen naturfreundlich für die Biodiversität.
- Tiere und Pflanzen schützen: Die Vielfalt an Tieren, Pflanzen und Pilzen nimmt ab. 255 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten sind in der Schweiz bereits ausgestorben. Mehr als ein Drittel der Tier- und Pflanzenarten sind gefährdet. Wenn einzelne Arten aussterben, hat dies Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem. Wir schützen Tiere und Pflanzen und fordern dies auch von unseren Parlamentarierinnen und Parlamentarier.
- Menschenleben retten: Pestizideinsätze, Luftverschmutzung, verseuchtes Trinkwasser, verdichtete Böden und erhitzte Städte gehören auf dieser Erde schon fast zur Norm. Zudem haben sich extreme Wetterereignisse wie Dürren und Überschwemmungen weltweit seit den 1980er Jahren verdreifacht: Was wir dem Planeten antun, wirkt sich schliesslich auch auf uns aus. Die Klima- und die Biodiversitätskrise betrifft uns Menschen ganz direkt. Wir brauchen ein Parlament, das diese Zusammenhänge versteht und griffige Massnahmen für den Umweltschutz unterstützt.
- Verantwortung übernehmen: Wir wählen naturfreundlich, weil es an der Zeit ist, Verantwortung zu übernehmen. Der übermässige Konsum in der Schweiz und den nördlichen Ländern (sowie der Elite im globalen Süden) schadet nicht nur ganz direkt der Natur und der Umwelt hierzulande, sondern auch der Umwelt in den ärmsten Ländern. Er zerstört Wälder, Lebensräume und Meere und gefährdet die Lebensbedingungen der Menschen im globalen Süden. Das ist inakzeptabel.
Die von der Umweltallianz betriebene Website ecorating.ch bietet eine praktische und faktenbasierte Entscheidungshilfe: Sie wertet von allen Parlamentarier/-innen deren Verhalten in umweltrelevanten Themen aus. Dabei wird rasch klar: Wer eine konsequent umweltfreundliche Politik unterstützen will, ist bei den Grünen, der SP, der EVP und der GLP (in dieser Reihenfolge) meistens hervorragend bis gut aufgehoben.
Quiz: Welcher tierische Botschafter passt zu Ihnen?
Teilen Sie die Liebe zu Gewässern mit dem Laubfrosch, oder sind Sie quirlig wie der Apollofalter? Finden Sie es heraus. Erfahren Sie zudem, wie es um Ihre Art in der Schweiz steht. Ihr Tier steck in der Krise? Teilen Sie das Quiz mit Ihrem Umfeld und machen Sie so auf die Biodiversitätskrise aufmerksam.
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Eine Legislaturbilanz zum Umweltschutz
Wir blicken zurück auf die letzte Legislaturperiode. Dabei werten wir aus, welche Positionen unsere bisherigen Parlamentarierinnen und Parlamentarier in umweltrelevanten Abstimmungen vertreten haben. Wo konnte die Natur profitieren, wo haben wir Menschen sie weiter zurückgedrängt?
Energie- und Klimathemen
In der jetzigen Legislatur haben sich bei Energie- und Klimathemen Gräben gezeigt: Die Förderung der Fotovoltaik wurde weiterhin gebremst. Erst mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und der nicht eingetretenen Strommangellage erschien es der politischen Mehrheit plötzlich sinnvoll, erneuerbare Energien möglichst konsequent zu fördern. Die aktuelle Debatte um den Vollzug der Energiewende zeigt jedoch; die Energiezukunft soll laut dem Parlament nicht im Einklang, sondern auf Kosten der Natur gestaltet werden – selbst mit dem Segen aus links-grünen Kreisen.
Auch der Strassenverkehr müsse seinen Beitrag zur CO2-Reduktion leisten, forderte eine Motion von Jürg Grossen (GLP, BE). Doch aus dem Absenkpfad wurde nichts: Fünf Tage, nachdem die Schweizer Stimmbevölkerung bereits das CO2-Gesetz abgelehnt hatte, versenkte die Ratsrechte auch dieses Vorhaben – mit Stichentscheid des Nationalratspräsidenten Andreas Aebi (SVP, BE).
Zumindest ein Teil der grossen Schäden, die beim Bau von Wasserkraftwerken entstanden sind, musste bisher nach Ablauf der bestehenden und Erteilung einer neuen Konzession kompensiert werden. Als Beurteilungsgrundlage zählte der ursprüngliche Zustand der Natur, also derjenige vor dem Bau des Kraftwerks. Der neue Bundesrat Albert Rösti (SVP, BE), als Nationalrat unter anderem auch noch Präsident des Schweizerischen Wasserwirtschaftsverbands, hat dies mit der Lancierung einer parlamentarischen Initiative aber erfolgreich geändert: Nach deren hauchdünner Annahme im Nationalrat gilt als Grundlage nun der bereits beeinträchtigte Ist-Zustand. -Damit werden ökologische Ersatzmassnahmen in all diesen Fällen weitestgehend hinfällig.
Landwirtschaftspolitik: Eine durchzogene Bilanz
Wir alle müssen uns mehr mit den Fragen: Woher kommen unsere Lebensmittel, unter welchen Bedingungen werden sie angebaut und wie geht es unseren sogenannten Nutztieren? Auch ein Blick auf die Umweltbelastung ist wichtig. Jährlich gelangen:
Ständerat Werner Hösli (SVP) wollte mittels einer Motion erreichen, dass ein Gewässerraum verkleinert werden kann, wenn die Landwirtschaft einen «übermässig grossen Anteil an Kulturland für die intensive Produktion» verlieren würde. Die Festlegung des minimalen Gewässerraums dient der ökologischen Vernetzung revitalisierter Gewässerabschnitte sowie der Sicherstellung der Hochwasserabflüsse und des Geschiebetransports. Der Ständerat stimmte der Motion zu, der Nationalrat aber lehnte sie ab und verhinderte damit eine weitere Verwässerung des geltenden Rechts.
In der ausgewählten Abstimmung geht es um die Frage, ob im Rahmen des Absenkpfades Nährstoffe nur Kraftfutter oder auch Raufutter von den Landwirtschaftsbetrieben zu deklarieren sei. Die Deklaration von Kraftfutter wurde nicht bestritten, denn die -Importe machen 1,3 Millionen Tonnen pro Jahr aus und bringen damit eine enorme Menge an Nährstoffen in die Schweiz. Der Ständerat schlug vor, die Deklaration von Raufutter (Heu, Gras, -Silage, Mais) nicht in diese Offenlegungspflicht einzubinden. Der Bundesrat war damit nicht einverstanden, weil so ein Baustein in der Transparenz der Nährstoffflüsse fehlen würde. Der Nationalrat unterstützte jedoch das Ansinnen des Ständerats, mit dem Stichentscheid des Ratspräsidenten.
Am 16. März 2021 beschloss nach dem Ständerat auch der Nationalrat, die Debatte der Agrarpolitik nach 2022 (AP 22) zu sistieren. Die Sistierung war ein taktisches Manöver der Agrarlobby. Laut Medienberichten hatte der Bauernverband den wirtschaftsliberalen Kräften im Parlament versprochen, die Konzernverantwortungs-Initiative zu bekämpfen, falls diese die Sistierung mittrügen. Was auch geschah. Vermutlich war das Ziel des taktischen Manövers, vor den Beratungen der AP 22 mit viel Geld die Ablehnung zweier ökologisch motivierter Initiativen (Trinkwasser- und Pestizidfrei-Initiative) und einer tierschützerisch motivierten Initiative (Massentierhaltungsinitiative) zu erwirken. Anschliessend hätten der AP 22 die ökologischen Zähne gezogen werden können. Diese Taktik ist nicht aufgegangen. Inzwischen wurde die Debatte wieder aufgenommen.
Strategie «Aussitzen» — mit fatalen Folgen für die Biodiversität
Vor fast 30 Jahren veröffentlichte das Bundesamt für Umwelt die erste «Rote Liste der gefährdeten Tierarten in der Schweiz» und warnte in ungewohnt schrillem Ton: «Geradezu alarmierend wirkt die Erkenntnis, dass bei 10 der 17 bearbeiteten Tiergruppen bereits mehr als 50 Prozent des Artenbestandes als gefährdet eingestuft werden musste!» Die Warnung bewirkte wenig – und die Krise verschärfte sich.
Im September 2022 beschäftigte sich das Parlament mit der Biodiversitätsinitiative und dem indirekten Gegenvorschlag des Bundesrats (Revision NHG). Dieser wollte im Gesetz verankern, dass 17 Prozent der Landesfläche als -Biodiversitätsschutzgebiet ausgeschieden wird. Die SVP und der Bauernverband wehrten sich vehement dagegen: «Die Bevölkerung hat zurzeit ganz andere Probleme als eine Biodiversitätskrise, die es so nicht gibt», erklärte etwa Michael Graber (SVP, VS).
Mit der Biodiversitätsinitiative kommt gegen Ende der Legislatur endlich Bewegung auf. Der Bundesrat präsentiert dem Parlament im Frühling 2022 einen indirekten Gegenvorschlag. Dieser sieht vor, dass im Gesetz (NGH) «17% der Landesfläche zum Schutz der Biodiversität» verankert werden. Zusammen mit Vernetzungsflächen sollen diese Schutzflächen die -Basis der Ökologischen Infrastruktur bilden. Das Flächenziel 17 Prozent wird vom Nationalrat in der Herbstsession 2022 gestrichen. Trotzdem nimmt eine Mehrheit im Rat die Grundlagen des bundesrätlichen Entwurfs aber an, mit einigen Anpassungen: Anstelle des Flächenziels setzt der Rat auf eine Verbesserung der Qualität in den ausgeschiedenen Gebieten. Der Ständerat wird an der Sommersession 2023 entscheiden, ob er auf den Gegenvorschlag zur Biodiversitätsinitiative eintritt,
Nachdem das Stimmvolk im September 2020 die Revision des Jagdgesetzes («Abschussgesetz») gebodigt hatte, startete die Umweltkommission des Ständerats im Oktober 2022 einen neuen Versuch. Ihre parlamentarische Initiative verlangt, dass der Wolfsbestand neu «vorausschauend reguliert» wird, ohne Bezug zu erfolgten Schäden an Nutztieren. Wo aufgrund einer hohen Wolfsdichte Schäden zu erwarten sind, soll die Entfernung von Wolfsrudeln oder einzelnen -Tieren -daraus zulässig sein. Immerhin nimmt der Vorschlag eine zentrale Kritik am gescheiterten Gesetzesentwurf auf: Die Kompetenz zur Freigabe der Abschüsse liegt nicht bei den Kantonen, sondern beim Bund. Trotzdem ist diese Revision gemäss SP und Grünen eine «verpasste Chance». Der Nutzen der Wölfe (intakte Schutzwälder, Förderung der Biodiversität usw.) werde komplett unterschlagen und die Landwirtschaft von ihrer Verantwortung für den Schutz der Herden entbunden.
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Vision 3-Seen-Land 2050: Eine Win-Win-Situation für Natur und Landwirtschaft
Abgesackte Äcker, belastetes Trinkwasser, verbaute Gewässer, schwindende Biodiversität und eine eintönige Kulturlandschaft: Die Liste der Probleme im 3-Seen-Land zwischen der Orbe-Ebene und der Grenchner Witi ist lang. Viele dieser Umweltbeeinträchtigungen gehen auf die grossräumige Trockenlegung nach den beiden Juragewässerkorrektionen zurück. Sie haben die heutige intensive landwirtschaftliche Nutzung erst ermöglicht. Zudem machen den Bauernbetrieben inzwischen auch die häufigeren Überschwemmungen und vermehrten Trockenperioden als Folgen des Klimawandels zu schaffen.
Wege aus der Sackgasse
Die bisherige Bewirtschaftung des 3-Seen-Landes und Zukunftspläne, die unter anderem eine flächendeckende Infrastruktur zur künstlichen Bewässerung vorsehen, führen in eine Sackgasse. So lässt sich zum Beispiel das Grundwasser aufgrund der hohen Nährstoff- und Pestizidbelastung vielerorts nicht mehr für die Trinkwasserversorgung nutzen. Die Intensivlandwirtschaft hat auch dazu geführt, dass sich die Gesamtfläche der Moorböden im 3-Seen-Land in den letzten 50 Jahren halbiert hat. Mit konventionellen Methoden ist auf Moorböden kein nachhaltiger Acker- bau möglich, denn diese beschleunigen den Torfschwund. Die durchschnittliche Bodensackung von 1 Zentimeter setzt in der Region jährlich etwa 125 000 Tonnen Kohlendioxid (CO2) frei. Um die Klimaerwärmung abzuschwächen, muss dieses Treibhausgas künftig in den Torfböden bleiben. Nur so kann das 3-Seen-Land seine wichtige Rolle als natürliche CO2-Senke wieder wahrnehmen.
In ihrer am 24. August 2023 in Bern vorgestellten «Vision 3-Seen-Land 2050» zeigen die fünf nationalen Umweltschutzorganisationen BirdLife Schweiz, Pro Natura, die Stiftung Landschafts- schutz Schweiz, der Schweizerische Fischereiverband sowie der WWF Schweiz, dass es auch anders geht. «Wenn wir weitermachen wie bisher, gehen überlebenswichtige Ressourcen wie fruchtbarer Boden und sauberes Trinkwasser in der Region unwiderruflich verloren und müssen durch teure, technische Lösungen ersetzt werden», erklärte an der heutigen Medienkonferenz Ursula Schneider Schüttel, Präsidentin von Pro Natura, die selbst im Seeland lebt. «Wir sind über- zeugt, dass die Region als Standort für eine natur- und umweltgerechtere Lebensmittelproduktion erhebliche Chancen hat.»
Mehr Feuchtgebiete in der ausgeräumten Agrarlandschaft
Die Vision basiert auf neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Sie sieht unter anderem vor, Moorböden und degradierte Flächen zur Revitalisierung von Flachmooren und weiteren Feucht- gebieten freizugeben sowie Fliessgewässer und ihre Auen zu renaturieren. Damit würden sich sowohl die Wasserspeicherkapazität wie auch die Wasserqualität im Gebiet stark verbessern. Zentral für eine zukunftsfähige Entwicklung sind auch Anbautechniken und angepasste Kulturen, die höhere Temperaturen und geringere Niederschläge ertragen. Dazu gehören trockenheits- resistente Sorten und pfluglose Verfahren wie etwa die Direktsaat. Sie verbessern die Boden- fruchtbarkeit und begünstigen die Biodiversität der Feuchtgebiete. Dies kommt sowohl der Natur als auch den bäuerlichen Betrieben zugute.
Gemäss der Vision werden gesellschaftliche Trends den Produktionsdruck auf die bäuerlichen Betriebe zunehmend dämpfen und ihren Bedarf an Anbauflächen verringern. So will der Bund die Lebensmittelverluste von heute über 30 Prozent bis 2030 halbieren. Landen weniger Nahrungs- mittel im Abfall, bleibt mehr Raum für die Natur. Dasselbe gilt, wenn die Futtermittelproduktion für Nutztiere künftig weniger Fläche beansprucht. Ihr Landbedarf ist nämlich heute viel grösser als derjenige für den Gemüseanbau. Dass sich immer mehr Menschen pflanzlich ernähren, begünstigt den Anbau von Hülsenfrüchten, Kartoffeln und Getreide. Diese liefern auf gleicher Fläche rund fünfmal mehr Nahrungskalorien als tierische Lebensmittel.
Pionierfeld für eine umweltfreundliche Landwirtschaft
Die Vision entwickelt Strategien, welche die landwirtschaftliche Produktion in Einklang bringen mit intakten Gewässern, hochwertigem Trinkwasser, Klimaschutz, mehr Biodiversität und touristi- schen Anliegen. Die Lösungsansätze sollen nun zusammen mit weiteren Akteuren und Beteiligten in der Region weiterentwickelt werden. «Wir sehen im 3-Seen-Land ein Pionierfeld für eine zukunftsweisende Nutzung der Landschaft in der Schweiz», erklärt die Pro Natura-Präsidentin Ursula Schneider Schüttel. «Die Region hat mit der Expo 02 bewiesen, dass sie Grosses leisten kann, wenn alle dasselbe Ziel verfolgen. Lasst uns daran anknüpfen und Win-Win-Situationen schaffen, von denen Natur, Bevölkerung und Landwirtschaft gleichermassen profitieren.»
Weitere Informationen:
Bildmaterial, Faktenblätter und weitere Informationen zum Download: www.dreiseenland2050.ch
Kontakte:
- Pro Natura: Ursula Schneider Schüttel, Präsidentin, @email, Tel. 078 603 87 25 (Thema Gesamtvision)
Marcel Liner, Projektleiter Landwirtschaftspolitik, @email, Tel. 079 730 76 64 (Thema Landwirtschaft) - WWF Schweiz: Eva Wyss, Verantwortliche Landwirtschaft, @email, Tel. 079 352 09 47 (Themen Boden und Klima)
- BirdLife Schweiz: Christa Glauser, ehem. Stv. Geschäftsführerin, @email, Tel. 078 719 33 12 (Thema Biodiversität)
- Stiftung Landschaftsschutz Schweiz: Roman Hapka, stv. Geschäftsleiter, @email, Tel. 079 691 76 64 (Thema Landschaft)
- Schweizerischer Fischerei-Verband: David Bittner, Geschäftsführer, @email, Tel. 079 461 91 78 (Themen Gewässer und Trinkwasser)
Ulteriori informazioni
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Gemeinsame Medienmitteilung der Umweltorganisationen WWF Schweiz, BirdLife Schweiz, Schweizerischer Fischerei-Verband, Stiftung Landschaftsschutz Schweiz und Pro Natura
Headerfoto © Isabelle Bühler
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Iltis — was brauchst du?
Nationalrat erinnert sich an die Biodiversitätskrise
Bestäuberinsekten und Bodenorganismen sind die Grundlage für eine gesunde und lokale Lebensmittelproduktion, helfen gegen Schadorganismen, reduzieren den Pestizideinsatz und damit die Trinkwasserbelastung. Es besteht ein wissenschaftlicher Konsens, dass es dieser Biodiversität im Schweizer Mittelland schlecht geht und zu ihrem Erhalt mindestens 5 Prozent hochwertige Acker-BFF notwendig wären (siehe verlinkte Studie).
Daran hat sich der Nationalrat heute scheinbar wieder erinnert und die Standesinitiative GE zur Abschaffung der 3.5 Prozent Acker-BFF diskussionslos abgelehnt. Er hat damit den Fehlentscheid von letzter Woche zur Motion Grin, der sehr knapp ausgefallen war, korrigiert. Das Ganze ist Realsatire und wäre komisch, würde es nicht auf dem Rücken der Landwirte und der Natur ausgefochten. Der gleiche Rat hat noch im Dezember den Bundesrat aufgefordert, abgeschwächte Umsetzungsvarianten in die Vernehmlassung zu geben, die aktuell läuft (Verordnungspaket 2024 / AP22+). Gleichzeigt wird nun der Ständerat die überwiesene Motion Grin behandeln müssen, welche genau das Gegenteil ist, von dem, was der gleiche Rat heute entschieden hat. Dass die Bauern politikmüde sind und das Vertrauen in die Politik schwindet, ist gut nachvollziehbar. Die 3.5 Prozent Acker-BFF sind ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, um unsere Lebensgrundlagen zu erhalten.
Weitere Informationen:
Kontakt:
- Marcel Liner, Leiter Landwirtschaftspolitik, Tel. 079 730 76 64, @email
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