Progetti
Wenn die Problemverursacher ein Teil der Lösung sein wollen
Einer der Hauptgründe für den massiven Rückgang der Insekten ist der breitflächige Einsatz von Pestiziden in der konventionellen Landwirtschaft. Die Giftsprüherei lässt nicht nur vermeintliche Schädlinge sterben, sondern viel zu oft auch harmlose Falter, Bienen und Käfer.
Ausgerechnet die Produzenten dieser Pestizide propagieren nun aber die giftfreie Zukunft: Konzerne wie Bayer und Syngenta entwickeln einen neuen Typ von Pestiziden, der die Schädlingsbekämpfung naturverträglich und – so die Vision – chemisch-synthetische Gifte überflüssig machen soll.
Was den neuen Typ auszeichnet, ist sein Wirkstoff. Er besteht aus doppelsträngiger Ribonukleinsäure, kurz dsRNA, und somit aus einer Substanz, die mit ihrer Doppelwirkung besticht: Auf der einen Seite ist RNA natürlichen Ursprungs und eigentlich ungiftig – wir nehmen sie täglich mit unserer Nahrung auf. Auf der anderen Seite aber können Firmen sie in ein tödliches Gift verwandeln.
Gene werden ausgeschaltet
Wie das Umwandeln funktioniert, zeigt sich etwa bei der Bekämpfung des Kartoffelkäfers. Sowohl Bayer wie auch Syngenta haben diesen Schädling im Visier, der bis zu Hälfte der Kartoffelernte vernichten kann. Für die Entwicklung des neuen Giftes identifizieren die Konzerne zuerst ein Gen im Erbgut des Käfers, das für dessen Überleben aktiv sein muss. Dann stellen sie eine dsRNA mit Sequenzen dieses Gens her. Sprühen sie die dsRNA nun auf Kartoffelblätter, nimmt der Käfer die Wirkstoffe beim Fressen mit in seine Zellen auf, wo die dsRNA das lebensnotwendige Gen stilllegt. Der Käfer stirbt.
Noch ist kein RNA-Pestizid auf dem Markt. Doch die Botschaft, mit der die Konzerne die Entwicklung begleiten, ist klar: Da RNA eine natürliche Substanz ist und sich spezifisch auf Gene einer Schädlingsart zuschneiden lasse, sei sie ein risikoarmes Mittel für den biologischen Pflanzenschutz.
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Pro Natura
- RNA-Pestizide sollen vermeintliche Schädlinge töten, indem sie bei diesen lebenswichtige Gene desaktivieren.
Unerwünschte Nebenwirkungen
Doch sind die als «Biologika» oder «Biopestizide» ausgelobten RNA-Mittel wirklich risikoarm? Ein Bericht von «Friends of the Earth», dem globalen Dachverband von Naturschutzorganisationen, dem auch Pro Natura angehört, von Ende 2020 weckt Zweifel. Er zeigt, dass auch bei dsRNA «off-target»-Effekte – also Wirkungen auf unbescholtene Insektenarten – zu erwarten sind. Zudem deckt er eine weitere mögliche Nebenfolge auf: Da dsRNA in Pflanzenzellen gelangen und dort deren Erbgut modifizieren kann, könnte sie die Eigenschaften besprühter Pflanzen in unerwünschter Weise ändern.
Und wie steht es um die beworbene Natürlichkeit der neuartigen «Biopestizide»? Nicht wirklich gut, erfolgt doch die Herstellung der dsRNA mit Gentech-Bakterien. Dies kratzt nicht nur an der Botschaft der Konzerne, sie öffnet auch das Szenario, dass Gentech-Bakterien als Rückstände in den Sprühmitteln mit auf die Felder kommen.
Nicht gut steht es auch bei der Datengrundlage für die Risikobewertung. Laut Wissenschaftlern von Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung, ist etwa kaum bekannt, wie sich dsRNA im Nahrungsnetz verbreitet und welche Insektenarten von «off-target»-Effekten betroffen sein könnten.
Dünne Informationslage
Auch bei den Nanomaterialien, die von den Konzernen benutzt werden, um die dsRNA wirksamer zu machen, sind kaum Informationen über die Umweltrisiken erhältlich. Dass zudem mehr unabhängige Forschung nottäte, verdeutlichen Forschende der ETH Zürich. Sie haben jüngst mit einer neu entwickelten Methode gezeigt, dass dsRNA in der Umwelt doch nicht so schnell abgebaut wird, wie Industriedaten vermuten lassen.
Regulierung ist ausstehend
Dass es für RNA-Pestizide eine Regulierung braucht, scheint klar. Eine wichtige Rolle bei deren Gestaltung spielt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Sie will ihren Mitgliedsländern, darunter die Schweiz, demnächst Empfehlungen abgeben. Es wird eher erwartet, dass sie schlanke Regeln vorschlägt. Behörden und Politik in der Schweiz sind deshalb gefordert, RNA-Pestizide weniger konzern-, sondern primär naturverträglich zu gestalten.
BENNO VOGEL arbeitet als freischaffender Wissenschaftsjournalist.
Viele neue Anwendungsbereiche
RNA ist die Substanz unserer Zeit. Dass sie als Wirkstoff eingesetzt werden kann, ist seit den Covid-19-Impfstoffen weitherum bekannt. Bald dürften wir in vielen Bereichen RNA-Produkten begegnen. Möglich wird das, weil sich mit mRNA und dsRNA zwei natürliche Zellmechanismen ausnutzen lassen.
Boten-RNA oder kurz mRNA ist eine einzelsträngige Ribonukleinsäure, die die genetische Bauanleitung für Proteine enthält. Wird sie in Zellen eingebracht, löst sie dort den Mechanismus der Translation aus: Die Zelle bildet das Protein, das auf der mRNA codiert ist. Erste Produkte mit mRNA sind die Covid-19-Impfstoffe. Impfstoffe gegen weitere Erreger sowie Therapeutika gegen Krankheiten wie Krebs oder Cystische Fibrose könnten folgen.
Doppelsträngige RNA, kurz dsRNA, enthält Sequenzen, die sich in Genen befinden. Wird sie in Zellen eingebracht, löst sie dort den Mechanismus der RNAi-Interferenz aus: Die Zelle legt das Gen still, das die gleiche Sequenz wie die dsRNA hat, und stoppt damit die Bildung des entsprechenden Proteins. Im Unterschied zur mRNA führt dsRNA also nicht zur Bildung eines Proteins, sondern sie blockiert die Bildung eines Proteins. In der Humanmedizin sind bereits vier Produkte mit dsRNA erhältlich, darunter ein Cholesterinsenker von Novartis. In der Landwirtschaft dürften 2022 die ersten dsRNA-Pestizide auf den Markt kommen. In der Tiermedizin ist ein Mittel gegen die für Bienen tödliche Varroa-Milbe in der Entwicklung. Forschende arbeiten auch an Mitteln gegen invasive Arten wie den Eschenprachtkäfer. Und zu Hause könnte es künftig dsRNA-Biozide gegen Bettwanzen und Kakerlaken geben. Bv
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Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.
Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Prächtige Bilder und exklusive Angebote runden das Lesevergnügen ab. Alle Pro Natura Mitglieder erhalten das Magazin exklusiv fünf Mal im Jahr. Es blickt auf 48 Seiten hinter die Kulissen politischer Entscheide, präsentiert Forschungsergebnisse, erklärt die Natur. Und es schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft.
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Der aktuelle massive Überkonsum an Ressourcen, Dienstleistungen, Energie und Boden übersteigt die Belastungsgrenze unseres Planeten. Die Menschheit beutet heute mehr als dreimal so viele natürliche Ressourcen aus wie vor 50 Jahren. Dies ist auf die exponentiell wachsenden Volkswirtschaften und die Globalisierung und Digitalisierung der Lieferketten zurückzuführen. Unser Ressourcenverbrauch ist schon heute mit Abstand die Hauptursache für den weltweiten Verlust der biologischen Vielfalt. Hinzu kommen die Treibhausgasemissionen als Ursache der Klimakrise.
Eine drastische Senkung unseres Konsumniveaus kann die Situation noch ändern, ohne dass wir deswegen auf ein gutes Leben verzichten müssen: weniger kann manchmal mehr bedeuten. Pro Natura setzt sich für eine Gesellschaft ein, welche respektvoller mit der Natur umgeht, weniger konsumorientiert und gerechter handelt.
Wirtschafts- und Gesellschaftssystem müssen sich verändern
Technische Innovationen, welche die Effizienz der Ressourcennutzung erhöhen, reichen nicht aus. Im Gegenteil: bis jetzt war die Steigerung der Energieeffizienz immer mit einer Produktionszunahme, nicht mit einer Einsparung von Rohstoffen verbunden.
Ein angeblich «grünes» Wachstum voranzutreiben und zu versuchen, sämtliche fossilen Brennstoffe durch elektrische Energie zu ersetzen, ist nicht nur unrealistisch, sondern hat wiederum verheerende Auswirkungen auf die Nutzung anderer natürlicher Ressourcen: So wird beispielsweise geschätzt, dass die EU im Jahr 2050 60-mal mehr Lithium und 15-mal mehr Kobalt benötigen wird als heute.
Damit wir innerhalb der planetaren ökologischen Grenzen leben können, braucht es tiefgreifende Veränderungen in unserem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Individuelle Verhaltensänderungen können viel bewirken, letztlich ist aber die Politik in der Verantwortung, diese Veränderungen voranzutreiben
Macht Konsum glücklich?
Unser Gesellschaftsmodell der Überproduktion, des Überkonsums und der Verschwendung ist eine direkte Folge unseres Wirtschaftssystems, das auf permanentem Wachstum basiert. Diese «Wachstumsdiktatur» garantiert uns aber kein Glück. Das Wohlbefinden nimmt in den reichen Ländern seit vielen Jahren nicht mehr zu. Der Konsumismus ist weit davon entfernt, uns glücklicher zu machen. Im Gegenteil: er schadet unserer Gesundheit, weil er ein ständiges Frustrationsgefühl erzeugt. Die Rückkehr zu einem einfacheren Leben, das mehr Nähe zu anderen, mehr Solidarität und auch mehr Nähe zur Natur bedeutet, ist hingegen eine Quelle der inneren Zufriedenheit.
Die Schweiz trägt eine internationale Verantwortung
Der übermässige Konsum in der Schweiz und den nördlichen Ländern (sowie der Elite im globalen Süden) schadet nicht nur ganz direkt der Natur und der Umwelt hierzulande, sondern auch der Umwelt in den ärmsten Ländern. Er zerstört Wälder, Lebensräume und Meere und gefährdet die Lebensbedingungen der Menschen im globalen Süden. Das ist inakpzeptabel.
Das macht und fordert Pro Natura
Der Trend zu Second Hand Kleidern, vegane Ernährung und Flugscham sind auf dem Vormarsch, und an Energiespartipps mangelt es nicht. Das ist richtig und wichtig: Wir müssen unser persönliches Konsumverhalten verändern. Die Verhaltensänderungen von Einzelnen können sich aber nur dann durchsetzen, wenn sie auch mit politischen Massnahmen unterstützt und gefördert werden. Wirtschaft und Politik dürfen sich nicht hinter dem Argument der Nachfrage verstecken.
Pro Natura wendet den Suffizienz-Ansatz auf die wichtigsten politischen Bereiche an, zu denen wir aktiv sind: Landwirtschaft und Ernährung, Raumplanung und Energie.
Das können Sie tun
Neben Veränderungen im eigenen Konsumverhalten können Sie sich auch für den Wandel in der Gesellschaft und der Politik einsetzen und aktiv werden:
- Finden Sie Gleichgesinnte und starten Sie gemeinsam Veränderungen in Ihrer Gemeinschaft. Es existieren bereits zahlreiche lokale Initiativen, die auf dem Prinzip der Genügsamkeit basieren: Repair-Cafés, Werkzeugverleihe, Nutzergemeinschaften.
Unterstützung, wie Sie solche Projekte angehen können finden Sie zum Beispiel im internationalen Transition Netzwerk von Rob Hopkins - Sensibilisieren Sie Ihre Mitmenschen und sprechen Sie über die Dringlichkeit, Veränderungen in Wirtschaft und Politik voranzutreiben.
- Werden Sie politisch aktiv. Es sind verschiedene Petitionen und Initiativen am Laufen, die sie unterstützen können.
UREK-N anerkennt den Handlungsbedarf bei der Biodiversitätskrise
«Mehr als ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten in der Schweiz stehen auf der Roten Liste. Damit der indirekte Gegenvorschlag eine angemessene Antwort auf die Biodiversitätskrise ist, muss er noch deutlich verbessert werden.»
Raffael Ayé, Geschäftsführer BirdLife Schweiz
«Der Schwund der Artenvielfalt kostet die Wirtschaft laut* Bundesrat jedes Jahr 14–16 Milliarden Franken. Zum Schutz unserer Lebensgrundlagen und jener von kommenden Generationen fordern wir darum wirksame Instrumente.»
Sarah Pearson Perret, Secrétaire romande von Pro Natura
Kontakt
- Pro Natura: Sarah Pearson-Perret, Secrétaire romande, +41 79 688 72 24, @email
- Biodiversitätsinitiative: Stefan Jakob, Geschäftsführer, +41 78 627 95 51, @email
- BirdLife Schweiz: Raffael Ayé, Geschäftsführer, +41 44 457 70 20, @email
- Biodiversitätsinitiative: Dagmar Wurzbacher, Medienverantwortliche Deutschschweiz, +41 76 517 25 96, @email
Biodiversitätsinitiative: Ein breites Bündnis von Organisationen aus Landwirtschaft, Wald, Jagd, Fischerei, Pärken, Forschung und Naturschutz unterstützt die Biodiversitätsinitiative – darunter Pro Natura, BirdLife, die Stiftung Landschaftsschutz, der Schweizer Heimatschutz, der Schweizerische Fischerei-Verband, und die Organisationen JagdSchweiz, fair-fish und Casafair.
www.biodiversitaetsinitiative.ch
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Medienmitteilung des Trägervereins der Biodiversitätsinitiative
Biodiversität am Scheideweg - warum der Nationalrat jetzt handeln muss!
Vor kurzem haben Wissenschafterinnen und Wissenschafter ein 150-jähriges Herbarium aus dem Kanton Schaffhausen untersucht. Dabei wurde deutlich, wie schnell der Verlust der Pflanzenvielfalt in unserem Land voranschreitet: 154 der damals gesammelten 1000 Arten sind heute in der Schweiz bereits ausgestorben. Eine Art pro Jahr verschwindet. Das widerspiegelt im Kleinen, was auch im Grossen zu beobachten ist:
- 95 % der Trockenwiesen und -weiden und 80% der Moore sind seit 1900 verschwunden.
- 60 % der Insekten, 40 % der Brutvögel und die grosse Mehrheit der Amphibien und Reptilien sind vom Aussterben bedroht.
- Alles in allem sind die Hälfte aller natürlichen Lebensräume und ein Drittel aller Pflanzen-, Tier- und Pilzarten vom Aussterben bedroht.
Es besteht also dringender Handlungsbedarf zugunsten der Biodiversität, die auch der Bundesrat als «Voraussetzung für die menschliche Existenz»1 bezeichnete.
Grosse Chance im Parlament: Die richtigen Flächen am richtigen Ort in ausreichender Menge schützen
Das Schicksal der Biodiversität in der Schweiz entscheidet sich jetzt im Parlament. Die Umweltkommission des Nationalrats (UREK-N) hat kürzlich den Gegenvorschlag des Bundesrates zur Biodiversitätsinitiative im Wesentlichen gutgeheissen. Die Initiative fordert mehr Mittel und Flächen für die Biodiversität sowie geeignete Instrumente zu deren Schutz.
Auf dem internationalen Parkett vertritt die Schweiz das Ziel, auf 30 % aller Flächen die Biodiversität zu schützen. Der Gegenentwurf der UREK-N begnügt sich aber mit einer Aufzählung von Gebieten, welche gerade mal 17 % der Schweizer Landesfläche ausmachen. Gemäss Berechnungen des Bundesamtes für Umwelt, in denen auch Flächenkategorien einkalkuliert sind, welche den Schutzkriterien nicht genügen, wären wir dabei schon heute bei 13.4 %!
Solch buchhalterische Übungen bringen uns aber ohnehin nicht weiter. Wir müssen die richtigen Flächen am richtigen Ort und in ausreichender Menge schützen. Mit nur 17 % können wir die für unser Überleben notwendigen Ökosystemleistungen, zu denen etwa auch die Ernährungssicherheit gehört, langfristig nicht aufrechterhalten. Mit diesem Gegenentwurf macht die UREK-N zwar einen kleinen Schritt voran, stoppt den Rückgang der Biodiversität aber nicht.
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Diego Grandi / iStock
- Das Schicksal der Biodiversität in der Schweiz entscheidet sich jetzt im Parlament.
Ein Gegenvorschlag, zwei mögliche Wege
Der Gegenvorschlag zur Biodiversitätsinitiative wird nun in der Herbstsession im Nationalrat diskutiert. Das Parlament hat die Wahl zwischen zwei Optionen:
Option 1: Nichts tun, abwarten und einen exorbitanten Preis für den Verlust der Artenvielfalt bezahlen
Wird der aktuelle Gegenentwurf gutgeheissen, schreitet die Biodiversitätskrise weiter voran. Damit wählt der Nationalrat den Weg der Untätigkeit mit einem exorbitanten Preisschild. Die oft unsichtbaren Leistungen der Biodiversität, die wir künftig ersetzen müssten, sind nicht günstig:
- Wälder und Böden erfüllen ihre Schutzfunktion vor Naturkatastrophen und vor den Folgen der Klimaerwärmung kaum noch: Erosion, Hochwasser, Überschwemmungen, Erdrutsche und Dürre werden schwieriger zu bewältigen.
- Moore, Sümpfe und Wälder werden massiv weniger CO2 binden können, da sie von uns zerstört und ausgebeutet werden.
- Die Landschaften, auf die wir stolz sind und in denen wir so gerne unsere Freizeit verbringen, verarmen.
Es gibt ein Preisschild für die Untätigkeit: Der Bundesrat schätzt, dass uns der Verlust der Biodiversität bis 2050 jährlich zwischen 14 und 16 Milliarden Franken kosten wird. Also etwa gleich viel, wie die Schweiz im Jahr 2021 zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie aufgewendet hat.23
Option 2: Handeln und die Biodiversitäts- und Klimakrise lindern
Der zweite, rationalere Weg ist sehr einfach: Handeln. Das Parlament ist in der Lage, die richtigen Entscheidungen zu treffen und den indirekten Gegenvorschlag zur Biodiversitätsinitiative deutlich zu verbessern. Mit dieser Variante retten wir nicht nur die Biodiversität, sondern wir lindern auch die Auswirkungen des Klimawandels. Die beiden Krisen müssen gemeinsam gelöst werden. Wenn wir nichts unternehmen, werden die Bedingungen für unsere menschliche Existenz prekär.
Unsere Volksvertreterinnen und -vertreter haben jetzt die Chance, den Kompass neu auszurichten und einen Weg einzuschlagen, der den nachgewiesenen Bedürfnissen der Biodiversität besser gerecht wird:
- Sie können durch gute Raumplanung genügend Fläche für die Erhaltung und Entwicklung der Biodiversität schaffen.
- Sie können die Schweiz mit geeigneten Instrumenten zum Biodiversitätsschutz ausstatten.
- Sie müssen der Zerstückelung der Lebensräume mit Massnahmen zur Vernetzung entgegenwirken und damit die ökologische Infrastruktur errichten.
Nationalrätinnen und Nationalräte, die für dieses Thema sensibilisiert sind, können und müssen den Entwurf der Kommission erheblich verbessern. So verhindern sie, dass die Herbarien von 2022 in 100 Jahren zu stummen Zeugen einer für immer verlorenen Biodiversität der Vergangenheit werden.
Sarah Pearson Perret, Biologin, Secrétaire romande
Bilanz der Diskussionen im Parlament über die Biodiversitätsinitiative
Nach dreitägigen Beratungen empfiehlt der Nationalrat das NEIN zur Biodiversitätsinitiative. Den Gegenvorschlag hat er jedoch verbessert. Der Nationalrat verankert die ökologische Infrastruktur im Naturschutzgesetz und erweitert die zur Verfügung stehenden Instrumente mit einem weiteren Instrument: «Biodiversitätsstandorte». Dieses zielt darauf ab, in einem Gebiet den Schutz der Biodiversität mit anderen Nutzungsformen zu kombinieren und kann je nach Umsetzung zu spannenden Kompromissen führen. Pro Natura begrüsst die Ablehnung eines Flächenziels. Diese rein buchhalterische Übung wurde von der Mehrheit der zuständigen Kommission vorgeschlagen. Der Ständerat, der sich demnächst über die Initiative und den Gegenvorschlag beraten wird, muss nun sicherstellen, dass die Voraussetzungen, insbesondere finanzieller Art, gegeben sind. Die Kantone müssen bei der Umsetzung der vorgeschlagenen Massnahmen unterstützt werden.
1 Botschaft des Bundesrates zur Biodiversitätsinitiative und zum indirekten Gegenvorschlag, März 2022
2 Botschaft des Bundesrates zur Biodiversitätsinitiative und zum indirekten Gegenvorschlag, März 2022
3 https://www.efd.admin.ch/efd/de/home/finanzpolitik/die-bundesfinanzen.h…
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Zur BiodiversitätsinitiativeBiodiversitätsinitiative: Nationalrat schlägt einen prüfenswerten Kompromiss vor
Die Biodiversität erbringt für uns überlebenswichtige Ökosystemleistungen wie Bestäubung, verbesserte Bodenfruchtbarkeit, Schutz vor Erosion und Extremwettereignissen. Intakte Ökosysteme speichern CO2 und Wasser und sie sind daher die besten Verbündeten im Klimawandel. Ohne einen besseren Schutz unserer Biodiversität und damit unserer Ökosysteme werden unsere Ernährungssicherheit und unser Wohlstand gefährdet. Der Bundesrat schätzt, dass zu wenig entschlossenes Handeln beim Schutz der Biodiversität rund 14 bis 16 Milliarden Franken an volkswirtschaftlichen Kosten verursachen wird.
"Die Kosten des Biodiversitätsverlusts in der Schweiz werden umso höher ausfallen, je länger wir mit entschlossenem Handeln zuwarten", so Raffael Ayé, Geschäftsführer von BirdLife Schweiz. "Um die Biodiversität in der Schweiz und damit die für Wirtschaft und Gesellschaft unverzichtbaren Ökosystemleistungen zu erhalten, brauchen wir endlich eine Ökologische Infrastruktur von Schweizer Qualität."
"Damit unsere Wirtschaft und Gesellschaft weiterhin von den Ökosystemleistungen der Natur profitieren kann, muss die Biodiversität nach wissenschaftlichen Erkenntnissen weiter geschützt und gefördert werden. In den Bergen, in den Wäldern, in Siedlungsgebieten und auch im Landwirtschaftsgebiet. Die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln kann langfristig nur gewährleistet werden, wenn Ökosystemleistungen wie Bodenfruchtbarkeit und Bestäubung gesichert sind", erklärt Sarah Pearson Perret, Secrétaire romande von Pro Natura.
Mehr als ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten in der Schweiz sind gefährdet oder bereits ausgestorben. Für die bedrohten und prioritären Lebensräume, Arten und Ökosysteme sind die Schutzgebiete in der Schweiz meist zu klein. Darum sind die Ergänzung und Vernetzung der Kerngebiete sehr wichtig.
"Die Förderung der Baukultur hat der Nationalrat aus dem indirekten Gegenvorschlag gestrichen", hebt Stefan Kunz, Geschäftsführer des Schweizer Heimatschutzes, hervor. Diese soll nun mittels separater Motion (22.3892) im Rahmen der Kulturbotschaft 2024 gesetzlich verankert werden. "Wir erwarten vom Parlament diesbezüglich entschiedenes Handeln im Sinne der Initiative", betont Stefan Kunz weiter.
Der Gegenvorschlag ist ein Schritt in die richtige Richtung. Insbesondere das von der FDP eingebrachte Instrument Biodiversitätsgebiete, das auch vom Bundesrat unterstützt wird, ermöglicht es, Schutz und Nutzung zu kombinieren. Es braucht nun vom Ständerat folgende Verbesserungen am Vorschlag des Nationalrats:
- Finanzielle Mittel für dringend benötigte personelle Ressourcen. Damit die Ökologische Infrastruktur in allen Sektoren umgesetzt werden kann, muss der Bund die Kantone beim Aufbau der Personalressourcen unterstützen. Letztere sind auch notwendig, um die Massnahmen in den Biodiversitätsgebieten im Austausch mit den Stakeholder:inen zu erarbeiten.
- Die Aufwertung der Jagdbanngebiete und Wildtierkorridore soll nicht nur finanziell unterstützt, sondern verpflichtend geregelt werden.
- Ein ausgewiesenes Engagement für den Schutz und die Förderung der Biodiversität in allen relevanten Sektoralpolitiken, denn die Ökologische Infrastruktur muss in allen Lebensräumen aufgebaut werden.
- Die Förderung einer hohen Baukultur (Art.17b,c im NHG) ist im Rahmen der Kulturbotschaft (2024) ins NHG aufzunehmen. Sie bleibt ein wichtiger Teil des indirekten Gegenvorschlages.
Kontakt:
- Pro Natura: Sarah Pearson Perret, Secrétaire romande, 079 688 72 24, @email
- Bird Life Schweiz: Raffael Ayé, Geschäftsführer, 076 308 66 84, @email
- Schweizer Heimatschutz: Stefan Kunz, Geschäftsführer, 079 631 34 67, @email
- Stiftung Landschaftsschutz Schweiz: Franziska Grossenbacher, Stv. Geschäftsleiterin, 076 304 43 58, @email
- Biodiversitätsinitiative: Dagmar Wurzbacher, Medienstelle, 076 517 25 96 @email
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Medienmitteilung des Trägervereins der Biodiversitätsinitiative
Energiegesetz im Ständerat: Der Angriff auf den Biotopschutz ist unverständlich
Gestern hat der Ständerat mit der Beratung der Revision des Energie- und Stromversorgungsgesetzes begonnen. Er hat bei den neuen erneuerbaren Energien erfreulich ambitiöse Ziele gesetzt und insbesondere die Rahmenbedingungen für den Ausbau der Photovoltaik verbessert.
Bei den Vorschlägen zur Umweltschutzgesetzgebung, die gemäss Vorschlag der Kommissionsmehrheit in einen Kahlschlag hätten ausarten können, hat er wenigstens teilweise zu etwas mehr Augenmass zurückgefunden: Er hat er von der Unterstellung sämtlicher Umwelt- und Naturschutzgesetze unter die Ziele des Energieausbaus abgesehen. Namentlich die Sistierung der Restwasserbestimmungen gemäss Gewässerschutzgesetz hätte verheerende Folgen für die bereits stark strapazierten Gewässer gehabt.
Unverständlich bleibt aber, dass die Mehrheit des Rates der Streichung des Biotopschutzes aus dem Energiegesetz zugestimmt hat. Der Angriff auf Moore, Auengebiete, Amphibienlaichgebiete sowie Trockenwiesen und -weiden, also auf die wertvollsten Schutzgebiete der Schweiz, ist unnötig. Es geht um gerade mal 2 Prozent der Landesfläche, welche jedoch einen Drittel aller bedrohten Tierarten der Schweiz beherbergen. Die Schäden, welche Anlagen für erneuerbare Energien in diesen selten gewordenen, vielfältigen Lebensräumen der Schweiz hinterlassen würden, wären irreversibel und unverhältnismässig. Die bereits gravierende Biodiversitätskrise würde damit nochmals verschärft und damit auch die Klimakrise, denn Schutzgebiete sind auch wichtige CO2-Speicher.
Mit der Streichung des Biotopschutzes missachtet der Ständerat zudem den Volksentscheid zur Energiestrategie, der erst 5 Jahre zurückliegt – dass Biotope von nationaler Bedeutung von der Erstellung von Anlagen zur Energiegewinnung ausgeschlossen sind, war Teil des damaligen Kompromisses.
Die Energiekrise könnte mit anderen Massnahmen umweltverträglicher und rascher gelöst werden. Mit Solaranlagen auf bestehenden Bauten könnten wir nochmals so viel Strom produzieren, wie wir heute verbrauchen und mit Massnahmen gegen Stromverschwendung könnten wir unseren Stromverbrauch ohne Komforteinbussen um ein Drittel senken.
Weitere Informationen
Wie uns die naturverträglichen Energiewende gelingt: energiewende2035.umweltallianz.ch
Kontakt:
Nathalie Rutz, Medienverantwortliche Pro Natura, @email, 079 826 69 47
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Gemeinsamer Medienkommentar von Pro Natura, WWF Schweiz, Greenpeace Schweiz, BirdLife Schweiz
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Wie die naturverträgliche Energiewende gelingtPotrebbe anche interessarti
Agrarpolitik: Bundesrat hält sein Versprechen
Der Bundesrat hat entschieden die Pestizidrisiken und die massiven Stickstoff-Überschüsse (allgemein bekannt als Gülle), wie schon in der Agrarpolitik 22+ vorgesehen, zu reduzieren. Die Umweltorganisationen begrüssen diesen Entscheid. Damit schützt der Bundesrat unsere Produktionsgrundlage und somit auch die langfristige Ernährungssicherheit.
Das Ziel auf mindestens 3,5 Prozent der Ackerflächen Biodiversitätsmassnahmen anzulegen, verschiebt er leider um ein Jahr auf 2024. Wichtig ist jedoch, dass dieser Entscheid gefällt wurde. Dies trägt zu einer naturverträglichen und damit sicheren Produktion in der Landwirtschaft bei, indem Nützlinge und Bestäuber für gesunde Pflanzen und damit Ertragssicherheit sorgen.
Auch die Streichung der Toleranzgrenze verschiebt der Bundesrat auf 2024. Schade, dass ihn in diesem Bereich den Mut verlassen hat. Dies, obwohl das Parlament dieser Streichung nach langwierigen Debatten zugestimmt hat.
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Gemeinsame Medienmitteilung mit WWF Schweiz und BirdLife Schweiz
Symbolbild Landwirtschaft © Matthias Sorg
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Natürlich gesund
Was schon die Menschen in der Steinzeit wussten, gilt heute immer noch: Pflanzen können gesund machen. Ethnopharmakologe Andreas Lardos: «Nach wie vor ist der grösste Teil der Menschheit für die grundlegende medizinische Versorgung auf traditionelle Medizin angewiesen, und diese basiert primär auf pflanzlichen Wirkstoffen.»
Dabei spielt die naturbasierte Medizin eine grössere Rolle, als viele denken mögen. «Rund die Hälfte aller zugelassenen Arzneimittel würden ohne die Erforschung der Natur gar nicht existieren», sagt der Leiter der Fachgruppe Naturstoffchemie und Phytopharmazie an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW). Etwa 25 Prozent aller Arzneimittel bestehen direkt aus Naturstoffen wie Pflanzen, Pilzen, Mikroorganismen oder Tieren respektive deren Derivaten. Weitere 25 Prozent sind zwar synthetisch, aber von Naturstoffen inspiriert.
Schützenswertes Potenzial
Wie viele Pflanzenarten medizinischen Zwecken dienen, lässt sich nicht genau beziffern: Schätzungen gehen von rund 20 000 aus. Und es gibt viele weitere, bislang unbekannte potenziell interessante Pflanzen – die vielleicht auch nie jemand entdecken wird, denn die Biodiversität nimmt immer mehr ab.
Ein Problem ist der Boom, den Arzneipflanzen erleben. Nicht nur in der Medizin, sondern auch als Gesundheits- oder Wellnessprodukte. Einige Pflanzen werden extra dafür kultiviert, das funktioniert allerdings nicht mit allen. Und so wird immer noch ein sehr grosser Teil der Pflanzen, die medizinisch genutzt werden, wild gesammelt. Das führt nicht selten zu extremem Raubbau. Inzwischen gibt es zumindest gesetzliche Richtlinien und Standards, die auf ein nachhaltiges Sammeln der Heilpflanzen beziehungsweise generell den Schutz der Biodiversität zielen. Trotzdem besteht das Problem nach wie vor «und wir sind gefordert, Lösungen zu finden», sagt Lardos.
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Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.
Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Prächtige Bilder und exklusive Angebote runden das Lesevergnügen ab. Alle Pro Natura Mitglieder erhalten das Magazin exklusiv fünf Mal im Jahr. Es blickt auf 48 Seiten hinter die Kulissen politischer Entscheide, präsentiert Forschungsergebnisse, erklärt die Natur. Und es schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft.
Ein Wettlauf, den wir gewinnen müssen
Durch die fortschreitende Zerstörung der Natur und dem Raubbau an ihr geht aber nicht nur eine Vielzahl an Pflanzen unwiederbringlich verloren. Auch indigene Völker und ihre Sprachen verschwinden zusammen mit ihrem natürlichen Lebensraum und damit auch ihr medizinisches Wissen über Pflanzen, das nur mündlich weitergegeben wird. Ethnobotaniker versuchen zwar, dieses Wissen zu dokumentieren und so zu erhalten. «Es ist aber ein Wettlauf gegen die Zeit», sagt Largos.
Ein Wettlauf, den wir unbedingt gewinnen müssen, denn der Verlust an Biodiversität ist ein grosser Verlust für die Medizin und damit für die Menschheit. Wie gross tatsächlich, lässt sich schwer abschätzen, sagt Lardos, aber: «Das Ausmass beziehungsweise die damit verbundenen eventuellen Konsequenzen für die Medizin dürfen wir nicht unterschätzen.»
Gewinnbeteiligung für indigene Völker
Im UNO-Übereinkommen zum Schutz der biologischen Vielfalt, die Biodiversitätskonvention (CBD), ist festgehalten, dass bei der Nutzung genetischer Ressourcen oder damit verbundenem traditionellem Wissen ein Teil des Gewinns an die Urheber des traditionellen Wissens oder die Herkunftsstaaten der genetischen Ressource zurückgegeben werden soll. Die Umsetzung dieser Gewinnbeteiligung wurde 2010 im Nagoya-Protokoll präzisiert und von den meisten CBD-Vertragsparteien ratifiziert, auch von der Schweiz. Allerdings können heute die Genome dieser Organismen entschlüsselt und digital als «digitale Sequenzinformationen» (DSI) auch ohne Gewinnbeteiligung weitergegeben werden. Viele Länder des globalen Südens und auch NGOs wollen darum, dass DSI auch unter der CBD und dem Nagoya-Protokoll geregelt werden; was die Schweizer Pharmalobby und der Bund jedoch ablehnen.
Wildpflanzen und traditionelles Wissen sind nicht patentierbar
Naturstoffe sind für die Medizin hochinteressant. «Moleküle aus Pflanzen, Tieren oder Mikroorganismen haben ein riesiges medizinisches Potenzial», sagt Ethnopharmakologe Andreas Lardos. «Alle Lebewesen haben evolutionär bedingt bis zu einem gewissen Grad ähnliche Strukturen. Inhaltsstoffe, die der Pflanze als Abwehr oder Schutz dienen, zeigen oft auch im Menschen einen medizinischen Effekt.» Trotzdem setzt die Pharmaindustrie eher auf synthetische Moleküle. Das hat nicht zuletzt mit der komplizierten patentrechtlichen Situation bei pflanzlichen Wirkstoffen zu tun, insbesondere wenn diese mit traditionellem Wissen verbunden sind. Grosse Pharmafirmen scheuen darum davor zurück, Millionen in die Entwicklung naturstoffbasierter Arzneimittel zu investieren; und kleine und mittlere haben schlicht zu wenig Kapital.
BETTINA EPPER, stellvertretende Chefredaktorin Pro Natura Magazin.
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Matthias Sorg
- Kräutergarten mit Goldmelisse, Kamille und Co.
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«Der Generationenwechsel in der Landwirtschaft ist eine ökologische Chance»
Angesichts der Biodiversitäts- und Klimakrise steht der Landwirtschaft global wie national eine ökologische Transformation bevor. Die Ernährung ist, vor Wohnen und Mobilität, derjenige Wirtschaftsbereich mit den grössten Auswirkungen auf die Umwelt. Doch die heutigen Konsum- und Produktionsmuster sind alles andere als nachhaltig: zu viel Fleisch, zu viele Eier, zu viel Zucker und zu viel tierisches Fett. Das bedingt eine intensive Landwirtschaft, die ihre eigenen Grundlagen wie Biodiversität, Boden, Luft und Gewässer schleichend zerstört.
Widerstände mit Zukunftsperspektive überwinden
Der politische Widerstand gegen die notwendigen Reformen ist allerdings gross. Denn entsprechende Massnahmen wirken sich auf Betriebsstrukturen, finanzielle Erträge und Zuliefererbetriebe für die Landwirtschaft aus. «Wenn Tierbestände reduziert werden, wird weniger Fleisch verkauft, weniger Kraftfutter gehandelt, es werden weniger Samendosen und Tierarztbesuche nachgefragt. Das löst den permanenten Widerstand bei den betroffenen Gruppen aus», erklärt Marcel Liner, Landwirtschaftsexperte bei Pro Natura und Studienautor.
Um mehrheitsfähig zu sein, müssen politische Forderungen nach mehr Ökologie in der Landwirtschaft deshalb auch die sozialen und ökonomischen Perspektiven der Bäuerinnen und Bauern berücksichtigen. In einer neuen Studie zeigt Pro Natura, wie der anstehende Generationenwechsel in der Landwirtschaft dazu genutzt werden könnte, den Graben zwischen den kurzfristig nachvollziehbaren Widerständen und dem längerfristig und dringend notwendigen Wandel des Landwirtschafts- und Ernährungssystems zu überbrücken.
Den Wandel individuell planbar machen
Die Hälfte aller landwirtschaftlichen Betriebsleitenden erreicht in den nächsten 15 Jahren das Pensionsalter. Da ab diesem Zeitpunkt die Direktzahlungen wegfallen, werden die Betriebe in der Regel an eine Nachfolge übergeben, oder die Flächen verpachtet oder verkauft. «Heute muss jeder Hof in der Schweiz neue Anforderungen ab einem Stichdatum übernehmen. Die Hofübergabe bietet dagegen die Chance, dass jeder einzelne Betrieb ökologisch notwendige Anpassungen für sich planen und auf die Stärken der nächsten Generation ausrichten kann», betont Liner.
Wie das geht, zeigt das Beispiel von Biolandwirt Markus Fischer. Vor zwölf Jahren hat er den Biohof in Bäretswil (ZH) von seinem Vater Gerhard Fischer übernommen. Er hat die Übergabe genutzt, um den Kraftfutterzukauf einzustellen, die ökologisch vorteilhafte saisonale Abkalbung einzuführen und Biodiversitätsförderflächen in einer höheren Qualität anzumelden. «Wir konnten den anstehenden Wechsel gemeinsam planen. Heute produziert der Biohof nicht nur biodiversitäts- und klimafreundlicher, sondern unser Einkommen ist auch in Zukunft gesichert», so Fischer.
Dem Trend zu nachhaltiger Ernährung folgen
Um ökologische Veränderungen zu fördern, gibt es im Landwirtschafts- und Gewässerschutzgesetz diverse Regulierungen, welche statt auf ein Stichdatum besser beim Generationenwechsel umgesetzt werden könnten. «Es könnten beispielsweise neue Prämien für Betriebe eingeführt werden, die nach der Übergabe nur noch mit eigenem Futtermittel wirtschaften, oder Direktzahlungen könnten daran geknüpft werden, dass die nächste Generation biologisch produziert. Für solche Massnahmen könnten spezifische Investitionskredite gewährt werden, und die Kantone könnten ein entsprechendes Beratungsangebot aufbauen», zählt Liner auf.
Auch Pro Natura Präsidentin und Nationalrätin Ursula Schneider Schüttel ist von dem Ansatz überzeugt: «Es braucht neue, sozialverträgliche Instrumente, um die blockierte Agrarpolitik 22 wieder auf Kurs zu bringen. Die Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Ständerats hat es in der Hand, ab dem 27. Juni unsere Vorschläge zu prüfen und hoffentlich dafür zu nutzen, die ökologischen Ziele der Landwirtschaft zu erreichen und der Branche eine Zukunftsperspektive aufzuzeigen, die dem Trend Richtung gesunde und nachhaltige Ernährung folgt.»
Weitere Informationen
- Vollständige Studie «Der Generationenwechsel in der Landwirtschaft als ökologische Chance»
- Faktenblatt zur Studie