© Vera Howard/Pro Natura

Die Klima- und Biodiversitätskrise muss jetzt angegangen werden!

23.09.2019

«Wir sind hier! Wir sind laut! Weil Ihr uns die Zukunft klaut!». So hallt es seit einigen Monaten jeweils an Freitagen durch die Strassen unserer Städte. Kinder und Jugendliche konfrontieren uns mit einer unbequemen Tatsache: Mit unserer heutigen Lebensweise, mit unserem Raubbau an den natürlichen Ressourcen schränken wir die Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten von ihnen und von kommenden Generationen zunehmend ein; in einem Ausmass, das nicht mehr zu verantworten ist.

In diesem Jahr haben wir den «Earth Overshoot Day» (Global Footprint Network) bereits am 29. Juli erreicht. An diesem Tag haben wir bereits alle Ressourcen aufgebraucht, welche die Erde innerhalb eines Jahres ersetzen kann. Mit anderen Worten: Ab diesem Tag (der in den 1980er-Jahren noch im November lag) zehren wir für den Rest des Jahres von den Ressourcen für zukünftige Generationen. Weltweit bräuchten wir 1,75 Erden, um unseren Ressourcenbedarf zu decken. Was besonders nachdenklich macht: Die Schweiz erreichte ihren «Erschöpfungstag» schon Monate früher. Seit dem 9. Mai dieses Jahres leben wir hier quasi auf Pump zukünftiger Generationen – und klauen ihnen die Zukunft. Würde die gesamte Weltbevölkerung so viel Ressourcen verbrauchen wie wir, benötigten wir 2,85 Welten!

Die Wissenschaft schlägt Alarm

Die Klimajugend ist nicht nur laut; sie stellt auch klare Forderungen. Eine davon lautet ganz simpel und richtet sich insbesondere an Politikerinnen und Politiker: Hört euch die derzeit beste vereinte Wissenschaft an. Tatsächlich zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse und Berichte immer deutlicher, dass weiter wie bisher definitiv keine Option ist.

Der Sonderbericht des Weltklimarates IPCC von Anfang August zu den Landöksystemen zeichnet zum Beispiel ein düsteres Bild: Wir gefährden grosse Teile des Bodens, der uns nährt, die Biodiversität erhält und der für ein stabiles Weltklima entscheidend ist. Im Mai dieses Jahres veröffentlichte der Weltbiodiversitätsrat IPBES seinen umfassenden Zustandsbericht über die Biodiversität – mit einer vernichtenden Bilanz: Weltweit sind über eine Million Arten bedroht, und die Übernutzung führt zum Kollaps ganzer Ökosysteme. Klima- und Biodiversitätskrise sind zwei Seiten derselben Medaille.

Spätestens mit der Klimabewegung ist die Klima- und Biodiversitätskrise auch vor unseren Haustüren angekommen. Gerade die Schweiz hat einen enormen Nachholbedarf. Nicht nur befinden wir uns mitten unter jenen Ländern, die jeweils bereits im Frühjahr so viel Ressourcen verbraucht haben, dass wir den Rest des Jahres quasi auf Öko-Pump leben. Unter den 35 in der OECD vereinigten Industrienationen sind wir jene mit dem höchsten Anteil an gefährdeten Tier- und Pflanzenarten – und mit dem geringsten Anteil an geschützten Flächen.

«Weiter wie bisher ist definitiv keine Option.»

Urs Leugger-Eggimann, Pro Natura Zentralsekretär

Und die Politik? Hier mangelt es weiterhin an Willen, die Zeichen der Zeit endlich zu erkennen und verantwortungsvoll zu handeln. Seit den letzten Parlamentswahlen bläst Anliegen von Umwelt und Natur unter der Bundeskuppel ein noch steiferer Wind entgegen. Politische Vorstösse zum massiven Abbau von gesetzlichen Errungenschaften zum Schutz und zur Förderung von Natur und Landschaft werden nicht nur immer dreister – sie sind auch mehrheitsfähig geworden.

Unsere Zukunft steht auf dem Spiel

Dabei bräuchte es in Zeiten ökologischer Krisen verbindliche Regeln, damit wir wichtige Umweltziele schnell erreichen. Wollen wir die Klima- und Biodiversitätskrise meistern und so die Weichen für eine zukunftsfähige Gesellschaft stellen, müssen wir handeln – jetzt und nicht erst morgen.

Was es kosten würde, wenn wir nicht handeln? Die Antwort der Kinder und Jugendlichen, die fürs Klima streiken und auf die Strasse gehen, ist eindeutig: Es kostet unsere Zukunft. Deshalb ist es so wichtig, dass wir alle am 20. Oktober wählen gehen – und Politikerinnen und Politikern das Vertrauen schenken, die nicht nur an die nächsten Wahlen denken, sondern an die nächste Generation. Natur und Umwelt werden es ebenso danken wie die kommenden Generationen.

Urs Leugger-Eggimann ist Pro Natura Zentralsekretär.

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

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