Energie

Schweizer Energiepolitik mit Rücksicht auf Biodiversität

Klimademonstration 2019 Matthias Sorg
Die Schweiz muss weg von der Nutzung nicht nachhaltiger fossilen und atomaren Energien. Den Weg aus der Klimakrise beschreiten wir nur, wenn wir die Energieverschwendung reduzieren und auf erneuerbare Energien setzen. Dabei darf die Biodiversität nicht unter dem Ausbau der erneuerbaren Energien leiden.

Momentan wird es auf der Erde zu schnell zu warm. Die Auswirkungen des Klimawandels machen sich immer deutlicher bemerkbar. Seit der vorindustriellen Zeit (1850 bis 1900) steigen die Temperaturen rasant an. Diese Erwärmung ist grösstenteils auf die Verbrennung von fossilen Brennstoffen (Erdöl, Erdgas, Kohle) und dem damit einhergehenden massiven Anstieg von Treibhausgasen, allen voran CO2, zurückzuführen. Die fossilen Energien verursachten rund 85 bis 90 Prozent der CO2-Emissionen. Die restlichen 10 bis 15 Prozent entstanden durch Veränderungen der Landnutzung. Seit dem Pariser Klimaabkommen ist das Ziel klar: bis 2050 wollen wir in der Schweiz CO2-neutral sein. 

Unter diesen Aussichten ist es entscheidend, dass wir die Energiewende jetzt angehen. Pro Natura setzt sich gegen Energieverschwendung und für naturverträgliche, erneuerbare Energien ein. Wir fordern rasche, wirksame Massnahmen im Klimaschutz und den Ausstieg aus der fossilen und atomaren Energiebereitstellung. 

Strommasten Sonja Roth

Energieverschwendung  

Der ökologische Fussabdruck der Schweiz übersteigt die planetaren Grenzen um das Dreifache. Unser Energiekonsum macht zwei Drittel davon aus.  

Beispiele für Verbesserungen: 

  • Verkehr: Weniger Autofahren, mehr Elektromobilität, Förderung von öffentlichen Verkehrsmitteln sowie der Veloinfrastruktur.  
  • Gebäude: Gesetzliche Vorgaben zum Verbrauch von Heizung und Beleuchtung, Verbot von unnötiger nächtlicher Beleuchtung. 
  • Wirtschaft: Effizienz und Internalisierung von Umweltkosten 
  • Tourismus: Naturnaher Tourismus, Beschränkung von energieintensiven Aktivitäten. 
Autbahn Basel

Damit wir in der Energiewende schnell und nachhaltig vorankommen, braucht es verbindliche Spar- und Effizienzmassnahmen auf allen Ebenen, für Privathaushalte wie auch für die Wirtschaft.

Was sind erneuerbare Energien? 

Erneuerbare Energien werden aus natürlichen, regenerativen Ressourcen gewonnen. Also aus Sonne, Wind, Wasser, Erdwärme oder Biomasse. Folglich gibt es die Photovoltaik, die Windkraft, die Wasserkraft, die Geothermie und die Biomasse.  

Im Gegensatz zu den erneuerbaren Energien stehen die nicht erneuerbaren Energien oder auch fossilen Energien: Erdöl, Kohle, Erdgas. Diese Stoffe erneuern sich erst über Jahrmillionen. Aus einer menschlichen Perspektive sind diese Ressourcen daher endlich. Auch Uranerz, welches in Kernkraftwerken genutzt wird, ist in diesem Sinne endlich.  

Energiequellen im Überblick 

Wasserkraft Matthias Sorg

Umweltverbände fordern seit Jahrzehnten eine naturverträgliche Energiewende. Sie darf nicht gegen die Biodiversität ausgespielt werden. Doch woher wollen wir in Zukunft unseren Strom beziehen? Pro Natura vergleicht die Energiequellen Wasserkraft, Photovoltaik, Windkraft, Biomasse, Geothermie und Atomkraft. 

Wasserkraft

Biodiversitätsverträglichkeit: mittel 
Stromproduktion 2020: 36,8 TWh
Notwendige Stromproduktion 2035 gemäss Berechnungen der Umweltallianz: 37 TWh

Die Schweiz deckt bereits jetzt einen rekordhohen Anteil der Stromproduktion (rund 60 Prozent) mit der Wasserkraft ab. Ihr Potenzial ist zu über 95 Prozent genutzt, unbeeinträchtigte Gewässer sind in der Schweiz deshalb ­äusserst rar.  Als Energie aus erneuerbarer Quelle hat die Wasserkraft keine direkten negativen Auswirkungen auf das Klima. Sie beeinträchtigt die Flora und Fauna in unseren Gewässern aber stark, weshalb diese zu den am stärksten bedrohten und belasteten Ökosystemen zählen. 

Pro Natura fordert, den weiteren Ausbau der Wasserkraft zurückzubinden. Das ökologisch und ökonomisch sinnvoll nutzbare Potenzial ist erschöpft und die weitere Erschliessung des geringen Restpotenzials für die Energiewende nicht notwendig. Die bestehende Wasserkraft muss zudem dringend ihren gesetzlichen Verpflichtungen zur ökologischen Sanierung nachkommen. Wir bieten Hand zu sinnvollen und effizienten Erneuerungen und Erschliessungen, wie etwa im Rahmen des Runden Tischs Wasserkraft. Ineffiziente (Klein)Wasserkraftprojekte unterstützen wir nicht, wegen des hohen Schadenpotenzials und der bereits hohen Beeinträchtigung unserer Gewässer. 

Photovoltaik

Biodiversitätsverträglichkeit: hoch
Stromproduktion 2020: 2,6 TWh
Stromproduktion 2035: 30 TWh

Die Solarenergie hat in der Schweiz mit Abstand das grösste Ausbaupotenzial, alleine auf bestehenden Dächern und Fassaden beträgt dieses 67 Terawattstunden (TWh), 15 weitere TWh auf Strassen­flächen, Parkplätzen, Infrastrukturanlagen, inklusive Skigebiete im Alpenraum. Entgegen jahrzehntelangen Forderungen der Umweltverbände wurde die Photovoltaik bis zum Ukrainekrieg aber nur zögerlich gefördert. 

Negative Auswirkungen auf die Biodiversität entstehen nur dort, wo Freiflächenanlagen auf bislang unberührten und ökologisch wertvollen Flächen erstellt werden sollen. Solange die Anlagen auf und an bereits bestehende Infrastruktur gebaut werden, sind kaum negative Auswirkungen auf die Biodiversität zu erwarten. Unter speziellen Umständen (z.B. auf bislang intensiv genutzten Flächen) ist sogar eine positive Wirkung auf die Biodiversität möglich.  

Die Solaroffensive ist überfällig. Anstatt nun aber Grossanlagen in unberührte Alpentäler zu bauen, wird sinnvollerweise zuerst das enorme Potenzial innerhalb der Siedlungen und bestehender Infrastruktur auf versiegelten Flächen genutzt  (Parkfelder, Autobahnen, Passstrassen, Zugstrecken, Stauseen, Skilifte etc.). Dies ist nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll, weil dadurch geringere Erschliessungskosten entstehen. 

Windkraft

Biodiversitätsverträglichkeit: mittel
Stromproduktion 2020: 0,15 TWh
Stromproduktion 2035: 3,1 TWh

2020 produzierten 41 Windturbinen an 36 Standorten Strom aus erneuerbarer Quelle. Der Bund schätzt das maximale Potenzial auf 700 Anlagen. 

Windturbinen haben, je nach Standort, ein grosses Schadenspotenzial für Vögel und Fledermäuse. Geeignete Standorte müssen darum sehr sorgfältig ausgesucht werden und dürfen unter anderem nicht auf Zugvogelstrecken liegen. Um den Ausbau voranzutreiben, sollten die kantonalen Planungen die Aspekte des Biodiversitätsschutzes frühzeitig abklären und bereits auf Stufe Richtplanung berücksichtigen. So kann der Ausbau besser koordiniert und umsichtiger geplant werden.   

Im Spannungsfeld zwischen Stromproduktion und Biodiversitätsschutz scheint Pro Natura ein Ausbau auf 215 bis 310 Anlagen vertretbar. Doch die Eignung der einzelnen Standorte muss sorg­fältig abgeklärt werden. 

Biomasse

Biodiversitätsverträglichkeit: hoch
Stromproduktion 2020: 0,6 TWh
Stromproduktion 2035: ca. 8 TWh
(inklusive Stromproduktion aus biogenen Abfällen in der KVA)

Das Potenzial der Biomasse für die Stromerzeugung ist limitiert, da es effizientere Verwendungen gibt, insbesondere die Produktion von Biogas. Auch Holz wird besser verbaut als zur Energieproduktion eingesetzt, weil darin CO2 gebunden ist. Zudem ist das Ausbaupotenzial der Biomasse gering, da unsere Abfall- und Abwassermengen idealerweise abnehmen werden. 

Biomasse ist eine umweltfreundliche Energiequelle, solange die Nutzung ökologisch nachhaltig geschieht, Reststoffe verwendet werden und kein intensiver Anbau von Energiepflanzen stattfindet.  

Biomasse bzw. biogene Reststoffe können zur Energiebereitstellung genutzt werden. Die Wärmeproduktion aus Biogas und Holz ist der Verstromung von Biomasse jedoch vorzuziehen. Entscheidend ist auch die Nachhaltigkeit des Ausgangsmaterials. Auf den intensiven Anbau von Energiepflanzen ist aus Gründen der Ökologie aber auch der Priorisierung der Nahrungsmittel­produktion zu verzichten. 

Geothermie

Biodiversitätsverträglichkeit: hoch
Stromproduktion 2020: 0,6 TWh
Stromproduktion 2035: 1 TWh

Das Potenzial der Geothermie zur Stromproduktion ist schwer einzuschätzen. Eine bescheidene Stromproduktion von rund einer Terawattstunde scheint mittelfristig möglich. Während die sehr tiefe Geothermie aufwendig zu erschliessen ist, leistet die Geothermie im Wärmebereich aber einen steigenden Beitrag von mittlerweile rund 4 TWh/Jahr (2021). Die Verträglichkeit ist abhängig von Eingriffen ins Grundwasser und allfälligen Belastungen von Oberflächengewässern.  

Die Nutzung von Erdwärme ist sinnvoll und ermöglicht insbesondere im Wärmebereich die Ablösung von fossilen Energien. Der Grundwasserschutz muss eingehalten werden und bei der grossindustriellen Nutzung der sehr tiefen Geothermie muss ein besonderes Augenmerk auf die Auswirkungen und Umweltbelastungen durch das Fracking gelegt werden. 

Atomkraft

Biodiversitätsverträglichkeit: tief
Stromproduktion 2020: 18,5 TWh
Stromproduktion 2035: 0 TWh

Zurzeit produzieren in der Schweiz vier Atomkraftwerke knapp 30 Produzent unseres Stroms. Die Stimmbevölkerung hat 2017 dem Atomausstieg mit deutlicher Mehrheit zugestimmt. Die Schweizer AKW gehören zu den ältesten der Welt und haben eine unbefristete Betriebsbewilligung, so lange die Sicherheitsauflagen erfüllt werden können. Auch über 50 Jahre nach der Inbetriebnahme des ersten Schweizer AKW ist die Endlagerung der radioaktiven Abfälle nicht geregelt, und für den Bezug von Uran sind wir von Unrechtsstaaten abhängig. 

Atomlobbyisten versuchen derzeit, den Nuklearstrom wieder als klimafreundliche Alternative zu fossilen Energien ins Spiel zu bringen. In Tat und Wahrheit ist dieser aber weder klimafreundlich (für den Abbau von Uran, Aufbereitung der Brennstäbe, Bau und Rückbau der AKW werden absurde Mengen Energie benötigt und CO2 ausgestossen) noch biodiversitätsfreundlich. Die Produktion von Atomstrom ist und bleibt ein Hochrisikogeschäft, bei Schadensfällen drohen auch verheerende Konsequenzen für die Biodiversität, wie man dies etwa in Fukushima, Tschernobyl und Majak gesehen hat.  

Am Atomausstieg ist alternativlos festzuhalten. Photovoltaik und Wasserkraft bilden die beiden grossen Pfeiler unserer künftigen Stromversorgung.

Schweizer Energiepolitik: Raus aus den Startlöchern!

Die Annahme der Energiestrategie 2050 in der Volksabstimmung vom 21. Mai 2017 war ein Schritt in die richtige Richtung.

Mit dem Volksentscheid gesetzlich verankert wurden: 

  • Der Ausstieg aus der Atomenergie 
  • Der Ausbau der erneuerbaren Energien 
  • Steigerung der Energieeffizienz 

Bis 2022 verlief z.B. der Zubau von Solarstromanlagen sehr schleppend, auch wenn die Solarenergie heute knapp 7% unseres Stroms liefert. Auch die Massnahmen im Effizienzbereich sind halbherzig. Im Sommer 2023 sagte die Schweizer Bevölkerung Ja zum Klimagesetz. Die Schweiz hat nun die rechtlichen Instrumente, um den Übergang hin zu erneuerbaren Energien zu gestalten.   

Der Mantelerlass zum Bundesgesetz über eine «sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien» bringt zudem wichtige und dringend nötige Fortschritte beim Ausbau der erneuerbaren Energien – insbesondere der Photovoltaik – sowie bei der Stromeffizienz. Die Folgen für Natur und Landschaft sind allerdings potenziell gravierend. Die Biodiversitätskrise wird bei den Entscheidungsträger:innen noch immer zu wenig ernst genommen. Weitere Rückschritte beim Naturschutz dürfen nicht mehr erfolgen – im Gegenteil müssen die Bestrebungen zum Schutz der Biodiversität dringend verstärkt werden.   

Was ist der Mantelerlass?

Der Mantelerlass ist ein Gesetzespaket, welches die erneuerbaren Energien fördert und dadurch die Stromversorgungssicherheit verbessern möchte. Zudem soll die Energieeffizienz gefördert werden. Insgesamt stellt das Gesetzespaket wichtige Weichen für die Energiewende. Trotz den teils einschränkenden Bestimmungen, die zu Ungunsten von Natur und Landschaft ausgefallen sind, hat Pro Natura bei der Abwägung entschieden, kein Referendum gegen den Mantelerlass zu unterstützen. Die Energiewende steht nicht über der Biodiversitäskrise. Aber wir müssen in beiden Bereichen vorwärts machen. Der Mantelerlass erlaubt es die Energiewende voranzubringen. Eine Ablehnung des Erlasses würde das Ganze um Jahre verzögern, während uns die Zeit davonläuft.  

Klimademo in Bern
Wir müssen die Klimakrise jetzt angehen

Die Auswirkungen der Klimakrise machen sich global und auch in der Schweiz längst bemerkbar: Unsere Gletscher schmelzen, extreme Wetterereignisse häufen sich, Niederschläge bleiben aus.

Erneuerbare Energien: Berücksichtigung der Biodiversität 

Wasserkraftwerk Matthias Sorg

Erneuerbare Energien sind einer der Schlüssel zur Nachhaltigkeit. Ihr Ausbau ist allerdings nicht von sich aus naturverträglich. Es braucht umsichtige Planung und ein koordiniertes Vorgehen, insbesondere bei der Windenergie und der Wasserkraft.  

Für den Bau der Windkraftanlage braucht es Zufahrtsstrasse und Schwertransporte. Werden Windkraftanlage in bisher unverbaute Gebiete gebaut, sind die Eingriffe in die Natur allein schon durch den Bau und den Zugang für die Wartung der Anlage gross. Ist eine Windenergieanlage einmal in Betrieb, besteht Kollisionsgefahr für Vögel und Fledermäuse. Zudem reagieren einige Arten empfindlich auf die Baustellentätigkeiten, so wie die Störgeräusche im Betrieb und werden so aus ihrem Lebensraum verdrängt.  

Die Wasserkraft wirkt sich stark auf Gewässerökosysteme aus. Ein weiterer Ausbau durch Anlagen an bislang ungenutzten Gewässerstrecken würde die letzten natürlichen Fliessgewässer der Schweiz zerstören. Entsprechend wehrt sich Pro Natura gegen die totale Verbauung unserer Fliessgewässer. 

Pro Natura hat gemeinsam mit anderen Umweltverbänden aufgezeigt, wie Biodiversitätsschutz und Klimaschutz Hand in Hand gehen: Wie die Biodiversität dabei nicht noch weiter beeinträchtigt wird und dennoch die Dekarbonisierung des Energiesystems möglich ist.  

Apfelbaum am Fluss, im Vordergrund eine blühende Wiese
Die Biodiversität ist in Gefahr

Lebensräume verschwinden. Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Biodiversität der Schweiz steckt in der Krise. 

Wie sieht die Energiesituation in der Schweiz aus?

Fossile Energieträger (Brennstoff, Treibstoff, Gas) haben im Jahr 2022 rund 59% des Energiebedarfs gedeckt. Der Anteil der erneuerbaren Energien am Gesamtenergieverbrauch lag bei 25,7%. Das liegt über dem EU-Mittelwert (knapp 19%), jedoch deutlich unter den Vorreitern Schweden (60%) und Finnland (rund 44%). 

Anteil erneuerbaren Energie am Endenergieverbrauch: 

  • Wasserkraft: 11,8% 
  • Holz/Biogas: 6,1% 
  • Umweltwärme (z.B. Erdwärmesonden): 2,7% 
  • Photovoltaik: 2,0% 
  • Erneuerbare Anteile aus Abfall: 1,7% 
  • Abwasserreinigungsanlagen: 0,2% 
  • Windenergie: 0,07% 

Wir haben noch Luft nach oben! Zum Beispiel: Die Photovoltaik auf bebauten Flächen hat ein Potenzial, das grösser als der heutige Gesamtstromverbrauch der Schweiz ist. Allein bei Gebäudesolaranlagen geht die Umweltallianz auf Basis von Zahlen des Bundesamts für Energie BFE und der ZHAW von einem Solarstrompotenzial von 67 TWh aus.  

Mehr Informationen im «Faktenblatt Technologiemix»