Blick über die Moorlandschaft © Raphael Weber/Pro Natura

Naturperle Glaubenberg: eine einmalige Chance

07.10.2019

Im Herzen der grössten Moorlandschaft der Schweiz zieht sich die Armee aus einem rund 20 Quadratkilometer grossen Waffenplatz zurück. Am Glaubenbergpass eröffnet sich damit eine riesige Chance, eine faszinierende Naturperle zu schützen und aufzuwerten.

Wo liegen die bedeutendsten Moorgebiete der Schweiz? Wenn Sie auf Rothenthurm tippen, dann liegen sie falsch. Dank der gleichnamigen Initiative ist das Moor von Rothenthurm zwar zum Inbegriff für Moorschutz in der Schweiz geworden. Doch die grösste Moorlandschaft der Schweiz mit dem dichtesten Netz an Flachmooren und Hochmooren liegt am Glaubenbergpass, dem Grenzübergang zwischen Entlebuch (LU) und Sarnen (OW). Das 20 Quadratkilometer grosse Kerngebiet dieser Moorlandschaft gehört der Schweizerischen Eidgenossenschaft.

Enorme Vielfalt im Grenzgebiet

Wer die Moorlandschaft am Glaubenbergpass zu Fuss erkundet, wähnt sich eher in Skandinavien als in der Schweiz. Wir gehen durch nach Torf und Harz riechende Bergföhrenwälder, überqueren federnde Weiden und gehen an dunkel schimmernden Tümpeln vorbei. Der wasserundurchlässige Untergrund des sogenannten Flysch liess in Kombination mit genügend Niederschlag überall Moore, Moorwälder und Flachmoore entstehen. Besonders eindrücklich ist das entlang des Sewenbachs zu sehen, dem natürlichen Abluss des Sewenseeli. Dieser fliesst in Mäandern von einem Moorgebiet ins nächste. Weisse Wollgräser und violett blühende Orchideen weisen auf den Wasserreichtum hin, Libellen schwirren durch die Luft, und an manchen Stellen können wir den Rundblättrigen Sonnentau und andere typische Moorgewächse entdecken.

Dieses Kerngebiet der Moorlandschaft Glaubenberg mit ihrer grossen Naturvielfalt liegt je zur Hälfte in den Kantonen Obwalden und Kanton Luzern und gehört der Schweizer Eidgenossenschaft. Das Land wurde gekauft, um den grössten Infanterieschiessplatz der Schweizer Armee einzurichten. Die grosse Militärunterkunft an der Passtrasse, das dichte Netz asphaltierter Strassen und die im Gelände verstreuten militärischen Einrichtungen zeugen von dieser Nutzung.

Wirtschaftlich uninteressante Fläche

Dass ausgerechnet in empfindlichen Moorgebieten militärische Übungsanlagen angelegt werden, hat seinen Grund. Moorgebiete geben wenig landwirtschaftlichen Ertrag und sind auch für die Holznutzung uninteressant. Diese scheinbar wertlose Fläche scheint deshalb wie gemacht für einen Schiessplatz. Die militärische Nutzung wiederum lässt keine intensivere andere Nutzung zu, so dass von der Armee genutzte Gebiete häufig naturnäher bleiben als die übrigen Gebiete in der Umgebung.

Auf Waffen- und Schiessplätzen gibt es deshalb so manche Naturkostbarkeit, die in der Nachbarschaft schon verschwunden ist. Mit einer rücksichtsvollen Nutzung und einer geeigneten Pflege lassen sich diese Naturwerte noch weiter fördern, wie die Beiträge zum Flugplatz Dübendorf und zum Thuner Waffenplatz in der Julinummer des Magazins gezeigt haben.

Verfassungsauftrag umsetzen

Solche Synergien gibt es auch auf dem Glaubenberg. Denn hier verteidigt die Schweiz seit 1987 ein zweites nationales Interesse: den Schutz der Moore und der Moorlandschaft. Mit der Annahme der Rothenthurm-Initiative wurde der Bund verpflichtet, die verbliebenen Moore der Schweiz zu schützen und pflegen. Diesen Verfassungsauftrag kann die Eidgenossenschaft auf dem Glaubenberg nun wunderbar erfüllen, denn die Armee will in ein bis zwei Jahren den Schiessplatz aufgeben. Dies ist eine riesige Chance für die Natur. 

In der Schweiz sind Naturschutzgebiete und andere Gebiete mit Naturvorrang Mangelware und oft nur einige Hektaren gross. Doch am Glaubenberg wird nun eine 20 Quadratkilometer grosse Fläche aus der militärischen Nutzung entlassen. Damit kann der Bund als Grundeigentümer seinen Auftrag zum Moorschutz gleich selbst an die Hand nehmen und damit bei der Umsetzung des Massnahmenplans Biodiversität mit gutem Beispiel vorangehen.

Schlüssel zu dieser Entwicklung sind neben dem schon jetzt vorhandenen rechtlichen Schutz ein aktives Management, wie es in grossen Naturschutzgebieten überall auf der Welt üblich ist. Damit können nicht mehr benötigte Einrichtungen zurückgebaut, Entwässerungsgräben geschlossen und ehemalige Hochmoore wieder zum Wachsen gebracht werden. Zudem kann für eine angepasste Alpnutzung gesorgt werden. Und die Besucher der Naturattraktion am Glaubenberg können informiert und gut durch die faszinierende Landschaft gelenkt werden.

Vielfältiger Nutzen

Die dazu benötigten Mittel sind eine nachhaltige Wertanlage. Mit der Aufwertung der Moorlebensräume wird kräftig in die Biodiversität investiert. Weil sich durch die Renaturierung der Moore auch der Wasserhaushalt verbessert, wird auch in den Schutz vor Murgängen und Überschwemmungen investiert. Intakte Moore binden viel C02, anstatt dieses durch die Zersetzung des Torfs abzugeben. Deshalb leistet die Moorregeneration auch einen Beitrag zum Klimaschutz.

Was für Chancen sich mit der Umwandlung ehemaliger militärischer Übungsgelände zu Naturgebieten ergeben, können wir in unserem nördlichen Nachbarland sehen: In Deutschland sind in den letzten 20 Jahren auf 1190 Quadratkilometern nicht mehr genutztem militärischen Übungsgelände Naturschutzgebiete entstanden, Kernzonen von Biosphärenreservaten und mit dem Hainich sogar ein neuer Nationalpark. Packen also auch wir die Chance für eine Naturperle Glaubenberg!

Urs Tester leitet bei Pro Natura die Abteilung Biotope & Arten.

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

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