Tier des Jahres 2010: die Langhornbiene

Pro Natura hat die Langhornbiene stellvertretend für die rund 580 Wildbienenarten der Schweiz zum Tier des Jahres 2010 gewählt.


Wildbienen sind als Bestäuber ein wichtiges ökologisches Glied in der Natur. Diese Wahl soll auf die Millionen, für Laien oft «unsichtbaren», Insekten aufmerksam machen, die unsere Lebensgrundlage – die Biodiversität – aufrecht erhalten. Die Langhornbiene ist ein kleiner Baustein eines grossen Ganzen.

Mit ihren langen Fühlern und dem pelzigen Rücken fällt die Langhornbiene unter den Wildbienen (Hymenoptera: Apidae) sofort auf. Wie die meisten Wildbienenarten lebt die Langhornbiene einzelgängerisch – im Gegensatz zu ihrer besser bekannten Verwandten, der staatenbildenden Honigbiene. Für den Nestbau sucht sich die Langhornbiene als Bodennisterin Flächen mit offenem, sandigem oder lehmigem Untergrund. Bei der Nahrungssuche hat sich die Langhornbiene auf Schmetterlingsblütler spezialisiert. Daher sucht man sie am besten auf Trockenwiesen, Hochstamm-Obstgärten und in Lehmgruben. Ihre Flugzeit ist ungefähr von Mai bis Ende Juli.

 

Die Orchidee ist auf die Langhornbiene angewiesen
Duft und Form der Hummel-Ragwurz locken die Langhornbiene an. © Nicolas J. Vereecken
© Nicolas J. Vereecken

Mit einer unwiderstehlichen Strategie hat die Hummel-Ragwurz (Ophrys holosericea) die Langhornbiene für die überlebenswichtige Bestäubung gewonnen: Die Blüten der Hummel-Ragwurz ahmen Form und Duft eines Langhornbienen-Weibchens nach und locken so die Langhornbienen-Männchen an. Sobald das Männchen zur vermeintlichen Begattung auf einer Blüte landet, drückt die Orchidee dem Bienenmännchen Pollen auf den Kopf. Auf der nächsten Orchidee, die das Wildbienen-Männchen besucht, streift es die Pollen auf die Narbe der Hummel-Ragwurz und hat damit ungewollt als «Pollentaxi» zur Bestäubung beigetragen. Aufgrund dieses «Tricks», wird die Orchidee zu den Sexualtäuschblumen gezählt. Ohne Langhornbiene wäre das Überleben der Hummel-Ragwurz nicht möglich – jede Art zählt.

Die Vielfalt neben der Honigbiene
Die Grosse Holzbiene ist eine der grössten Wildbienenarten. © Nicolas J. Vereecken
© Nicolas J. Vereecken

Die Honigbiene und ihre Erzeugnisse sind bekannt und beliebt. Als Biene Maja hat sie in einer literarischen (1912) und filmischen (ab 1976) Form den Weg in viele Kinderherzen gefunden. Dass es neben der Honigbiene in der Schweiz ungefähr 580 und weltweit rund 30'000 Wildbienenarten gibt, ist aber nur wenigen bekannt. Im Unterschied zur Honigbiene leben die meisten Wildbienen nicht in einem Staat, sondern unauffällig als Einsiedler. Als Bestäuber von Wild- und Nutzpflanzen übernehmen die Wildbienen eine zentrale, ökologische Rolle. Blütennektar ist ihre vorwiegende Nahrungsquelle. Die Brut versorgen sie mit Pollen und Nektar. Nistplätze suchen sie sich je nach Art an den unterschiedlichsten Orten. Wildbienen nisten in sandigem oder lehmigem Böden, in Schneckenhäusern, bohren Löcher in Totholz, bauen Nester in Pflanzenstängeln oder in Trockenmauern.

Ein Leben für die Brut
Längsschnitt durch eine Brutzelle. Zu unterscheiden sind Pollenhaufen, Bienen-Larve und die Zellwand aus Mörtel. © Nicolas J. Vereecken
© Nicolas J. Vereecken

Das Leben des Wildbienenweibchens dreht sich um das selbst gebaute Nest, in dem es sich die meiste Zeit aufhält, die Eier abgelegt und die Brut heranwächst. Nur zur Suche nach Nahrung oder Baumaterial verlässt es den sicheren Ort. Die Wildbiene lagert Pollen und Nektar zusammen mit jeweils einem Ei in einer Brutzelle, den Grundeinheiten des Nestes, die sie zum Beispiel mit Lehm verschliesst. So reiht sich Zelle an Zelle bis das Nest gefüllt ist. In den Zellen vollzieht sich im Herbst und Winter bis in den Frühling die vollständige Metamorphose vom Ei hin zur Biene. Das fleissige Weibchen verbringt also die wenigen Wochen an Flugzeit – von Frühjahr bis Sommer – mit der Brutfürsorge für die Nachkommen.

Wieso es immer weniger Wildbienen gibt
Ausgeräumte, eintönige Landschaften sind ein Grund für den steten Rückgang der Bienen-Fauna. © Pro Natura
© Pro Natura

Zahlreiche Wildbienen (Hymenoptera: Apidae) sind in der Roten Liste der bedrohten Arten der Schweiz aufgeführt. Der Rückgang sowohl der Arten- wie auch der Individuenzahl in den letzten Jahrzehnten ist beträchtlich. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie liegen jedoch meist beim menschlichen Verhalten. Die Lebensräume vieler Wildbienenarten sind verschwunden oder haben sich verschlechtert. Intensive Landwirtschaft, der Einsatz von Pestiziden, der Bau von Infrastruktur wie Strassen und Gebäuden beeinträchtigen oder zerstören die Lebensräume, die Nistplätze und das Nahrungsangebot der Wildbienen. Es gibt immer weniger Grünflächen und bestehendes Offenland wird oft zu intensiv durch die Landwirtschaft genutzt. Beides zusammen bedroht den Bestand der ca. 580 Wildbienenarten der Schweiz.

Ohne Wildpflanzen keine Wildbienen – und umgekehrt!
Wildbienen brauchen vielfältige Landschaften, wie hier an der Lötschberg Südrampe. © M. Sorg
Lötschberg © M. Sorg

Die Flugzeit der Wildbienen dauert nur wenige Wochen zwischen Frühling und Sommer und ist je nach Art unterschiedlich. Wildblumen, Sträucher und Obstbäume, die den Wildbienen Nahrung bieten, blühen oft nur kurze Zeit lang. Dies bedeutet: Innerhalb der wenigen Wochen, in welchen die Bienen im Sommer unterwegs sind, muss genügend Nahrung für die Bienen und ihre Nachkommen vorhanden sein. Wildbienen sind stark abhängig vom vorhandenen Nahrungsangebot. Die Futterpflanzen wiederum sind auf die Wildbienen als wichtige Bestäuber angewiesen. Dies zeigt eindrücklich die Wechselwirkungen zwischen Tieren und Pflanzen. Tier- und Pflanzenarten können nicht unabhängig voneinander überleben. Sie sind Teil der Biodiversität und aufeinander angewiesen - jede Art zählt. Auch der Mensch ist Teil der Biodiversität und von ihr abhängig. Deshalb müssen wir zur Biodiversität Sorge tragen.

Mut zu Unordnung und Vielfalt in unseren Gärten!
Ein «wilder» und naturnah gestalteter Garten ist bei den Wildbienen heiss begehrt. © M. Sorg
Ein wilder Garten © M. Sorg

Mit einer naturnahen Gestaltung und Bewirtschaftung unserer Gärten können wir mit kleinem Aufwand Grosses für die Wildbienen bewirken. Als einfacher Grundsatz gilt: Mut zu Unordnung und Vielfältigkeit. Wichtigster Beitrag zum Wildbienenschutz ist die Erhaltung und Aufwertung möglicher Lebensräume.

 

Helfen können Sie mit:

1.) reich strukturierten Gärten mit einheimischen Pflanzen verschiedener Wuchsformen und Blühzeiten.

2.) artenreichen Wiesen, deren Fläche nicht auf einmal gemäht wird. Indem immer nur Teile der Wiese gemäht werden, bleibt der Lebensraum über eine längere Zeit erhalten.

3.) offenen Bereichen mit sandigen oder lehmigen Böden.

4.) Totholz- und Kieshaufen, Natursteinmauern, Schneckenhäusern und Pflanzenstängeln.

 

Mit diesen einfachen Massnahmen können wir den Wildbienen bei der Ernährung und Fortpflanzung helfen. Aber denken Sie daran, die Brut der Bienen entwickelt sich während dem Winter in den Nestern. Also lassen Sie die Pflanzenstängel und Schneckenhäuser bis im Frühjahr liegen oder stehen. Denn sonst geht eine ganze Brut verloren. Wenn Sie noch mehr für die Wildbienen machen möchten, finden Sie in der rechten Spalte eine Anleitung zum Bau von Wildbienenhotels. Diese Anleitung ist Teil der Publikation «Ein Haus für Wildbienen» von Pro Natura Baselland. Die vollständige Publikation kann im Pro Natura Shop erworben werden.