Einstige Flusslandschaft der Aare bei Lyss Pro Natura / Isabelle Bühler
12.03.2019

Die grosse Chance für das Drei-Seen-Land

Im Drei-Seen-Land türmen sich die Probleme für die Landwirtschaft und die Natur: schwindende Torfböden, austretende Treibhausgase, hohe Pestizidbelastungen, vernässte Felder, doch auch vermehrte Trockenheitsperioden. Nun wird über die Zukunft dieser Region verhandelt. Pro Natura fordert mehr Raum für die Natur, nachdem diese auf kleine Restflächen zurückgedrängt wurde.

Das Berner und Freiburger Seeland rühmt sich gerne als die «Gemüsekammer der Schweiz». Das ist nicht ganz falsch, aber doch leicht übertrieben: Rund zehn Prozent des in der Schweiz konsumierten Frisch- und Lagergemüses stammt aus dieser ­Region. Gleichzeitig ist das Seeland eingebettet in das sogenannte Drei-Seen-Land um den Bieler-, Neuenburger- und Murtensee, das über wertvolle Schutzgebiete für Amphibien, Wasser-, Wat- und Zugvögel verfügt, über Restflächen von schönen Auen und Mooren, über Moorlandschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung. 

Der Boden verschwindet unter den Füssen

In den letzten 150 Jahren gingen im Seeland infolge der beiden Juragewässerkorrektionen und der darauf folgenden Meliorationen enorm viele wertvolle Lebensräume und Arten verloren. Die Entwässerung der Moorböden bedroht nun aber auch die Existenz der Landwirte: Ihnen entschwindet buchstäblich der Boden unter den Füssen. Denn die trockengelegte organische Substanz löst sich auf und entweicht in Form von Kohlendioxid (CO2) und Lachgas in die Luft. Die Böden verlieren dadurch an Ertragsfähigkeit, an Stabilität und an Kapazität, Regenwasser aufzunehmen. Ausserdem belastet die sehr intensive Bewirtschaftung mit Gemüse- und Ackerbau die Gewässer und das Grundwasser mit Pestiziden.

Die wichtigsten Probleme wurden im Nationalen Forschungsprogramm Boden (NFP 68) aufgearbeitet. Dabei kommt die Wissenschaft zu einem verheerenden Fazit: Die derzeit praktizierte intensive landwirtschaftliche Nutzung der organischen Böden ist weder ökologisch noch ökonomisch nachhaltig. Gerade die massive Freisetzung des Klimagases CO2 befeuert die Debatte um die künftige Bewirtschaftung der organischen Böden. Die Landwirtschaft hat schlechte Karten. Und sie sieht sich mit weiteren Problemen konfrontiert: mit Starkniederschlägen und langen Trockenheitsperioden, die infolge der Klimaerwärmung künftig vermehrt auftreten dürften.

Erweiterte Zielsetzung

Dies hat Akteure aus der Region aufgeweckt. Unter dem Schlagwort «Dritte Juragewässerkorrektion» wollen Vertreter der Landwirtschaft die selbst verursachten Probleme lösen. Der Perimeter des Projektgebiets ist riesig und reicht von Orbe (VD) bis fast nach Olten (SO). Geplant ist die Gründung eines Vereins, um die Probleme in einem grösseren Kontext anzugehen und Bundesmittel auszulösen. Zu Beginn dominierten wasserbauliche Ideen. Auch grossflächige Bodenaufwertungen waren geplant. Nach heftiger Kritik, auch von Pro Natura, wurden die Ziele verbreitert und umfassender ausgerichtet. Aktuell werden die Statuten für diesen neuen Verein ausgearbeitet. Die Vereinsgründung ist auf April 2019 geplant.

Pro Natura wurde angefragt, in diesem Prozess teilzunehmen.  In enger Koordination mit BirdLife Schweiz und dem WWF hat der Pro Natura Zentralverband zusammen mit den fünf betroffenen Pro Natura Sektionen die Anfangsphase begleitet. Doch die Vorstellungen über die Zukunft der Region gingen zu weit auseinander, und die Mitwirkungsmöglichkeiten für die Umweltverbände wären gering gewesen. Darum wird Pro Natura zusammen mit den Partnerorganisationen eine eigene Vision für die Region erarbeiten.

Seit der Juragewässerkorrektion sind 85 Prozent der typischen Moosböden im Grosses Moos verschwunden

Grosses Moos im Jahr 2050 Pro Natura
Grosses Moos im Jahr 2010 Pro Natura
Grosses Moos 2010 und 2050: So könnte die Landschaft aussehen, wenn eine dritte Juragewässerkorrektion einzig einer weiteren Intensivierung der Landwirtschaft dienen würde. Im grossen Stil Gewächshäuser, Drainagen, neue landwirtschaftliche Bauten.

Grosses Potenzial für die Naturförderung

Das Potenzial für Massnahmen zur Verbesserung der ökologischen Gesamtsituation in der Region ist enorm. Viele grosse, unverbaute Landflächen sind in öffentlichem Besitz – im Grossen Moos gehören zwei Drittel der Böden den Kantonen Bern und Freiburg sowie den Gemeinden. Auch das Wasser ist gross­flächig da und kann für (Wieder-)Vernässungen genutzt werden, insbesondere auf den letzten verbliebenen Flächen mit grossen Torftiefen. Die bestehenden Kanäle, Windschutzstreifen und Schutzgebiete bieten sich für Vernetzungen an. In den Kanälen des Grossen Mooses sind heute wieder über 300 Biber präsent, und im Naturschutzgebiet Fanel (BE, NE) finden sich die letzten grossen Verbreitungsgebiete von mehreren Brutvogelarten der Schweiz.

Von gezielten Vernässungen könnten viele weitere Tier- und Pflanzenarten profitieren, etwa der Kiebitz, der Laubfrosch, der Kammmolch oder die Schwanenblume. Wichtig ist Pro Natura, dass dieses Potenzial in Wert gesetzt wird und die bestehenden nationalen Strategien (Bodenstrategie, Biodiversitätsstrategie, Klimastrategie, Aktionsplan Pestizide) in diesem Gebiet prioritär umgesetzt werden.

Hagneckkanal 2019: Landschaftliche Tristesse in einer ausgeräumten Landschaft ohne ökologische Bedeutung

Hagneckkanal 2050 Pro Natura
Hagneckkanal 2019 Pro Natura
Mit wenigen Eingriffen könnte die heutige Einöde am Hagneckkanal, wie wir sie im linken Bild sehen, in eine lebendige Landschaft umgewandelt werden. Hagneckkanal 2050 © Pro Natura Hagneckkanal 2019 © Pro Natura

Ein Umdenken ist unumgänglich

Damit dieses Naturpotenzial tatsächlich ausgeschöpft werden kann, ist mehr als nur guter Wille der Akteure vor Ort notwendig. Es braucht ein Umdenken in vielen Bereichen. Insbesondere eine Abkehr von der intensiven landwirtschaftlichen Bewirtschaftung der organischen Böden. Die Behauptung der Landwirtschaftsvertreter, wonach das Drei-Seen-Land «mit Abstand das grösste und fruchtbarste Landwirtschaftsgebiet der Schweiz, die Gemüsekammer des Landes» sei, ist mit Blick auf die vielen Probleme mehr als fragwürdig.

MARCEL LINER ist verantwortlich für die Landwirtschaftspolitik bei Pro Natura und koordiniert das Projekt in Zusammenarbeit mit den betroffenen Pro Natura Sektionen. 
 

Weiterführende Informationen

Info

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

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