Absolut einmaliges Objekt in der Schweiz: Trockenwiese beim Badischen Bahnhof © Raphael Weber

Hafenbecken 3: «Eine ganze Lebensgemeinschaft kann man nicht umtopfen»

27.10.2020

Basel-Stadt will sein mit Abstand wertvollstes Naturschutzgebiet überbauen lassen. Dies sei kein Einzelfall, sagt Urs Tester, Leiter der Abteilung Biotope und Arten bei Pro Natura. Der Druck auf Biotope von nationaler Bedeutung nehme zu, obwohl diese unersetzbar sind und an ihrem Schutzstatus nicht gerüttelt werden dürfte.

Pro Natura Magazin: Beim Badischen Bahnhof in Basel will die SBB Cargo mitten in einem streng geschützten Biotop von nationaler Bedeutung ein riesiges Containerterminal bauen. Ist der Schutzstatus nichts mehr wert?

Urs Tester: Im Gesetz ist der Schutzstatus hoch, in der Praxis aber ist es leider keine Seltenheit, dass Projekte mitten in geschützten Lebensräumen geplant werden. Ob für Alp­strassen, Flughafenanlagen, Hochwasserschutz, Einfamilienhäuser oder Bike-Strecken; es gibt in der ganzen Schweiz zahlreiche Projekte, bei welchen die Schädigung national bedeutender Biotope mitgeplant wird. Das gilt für alle national bedeutenden Biotoptypen, sogar die am strengsten geschützten Moore. Wenn dabei überhaupt ein Ersatz für das zerstörte Gebiet vorgesehen ist, gilt als Ersatz häufig die Aufwertung von anderen Flächen. Frei nach dem Prinzip: Ich res­tauriere zwei Picassos und darf dafür ein Rembrandt-Gemälde zerstören.

Das Biotop am Badischen Bahnhof ist im Inventar der national bedeutenden Trockenwiesen und -weiden sogar als «Singularität» eingestuft: Was macht die Einzigartigkeit dieses Biotops aus?

Mit über 400 nachgewiesenen Pflanzenarten und Hunderten von Tierarten weist es eine ausserordentlich hohe Artenvielfalt auf. Darunter finden sich über 100 Arten, die in den Roten Listen als gefährdet eingestuft wurden. Ausserdem ist das Biotop ein wichtiger internationaler Wanderkorridor für Tier- und Pflanzen­arten selbst aus dem Mittelmeerraum. Diese wandern nicht über die Alpen, sondern über das Burgund und die Oberrheinische Tiefebene in die Schweiz ein. Würde das Biotop in Basel mit Schienen, Strassen und Gebäuden überbaut, gäbe es für diese Arten kein Durchkommen mehr.

Die Bauherren wären aber zu Ersatzmassnahmen verpflichtet.

Ein Ersatz muss gleichwertig sein – nicht nur bezüglich der Grös­se und Qualität des Objekts, sondern auch funktionell. In Basel lässt sich eine solche Ersatzfläche nicht finden. Das Biotop umfasst knapp 20 Hektaren. Weil eine solche Fläche nirgends zur Verfügung steht, wird nun erwogen, kleinere Flächen aneinanderzureihen, um auf 20 Hektaren zu kommen. Von gleichwertig kann dabei nicht die Rede sein.

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

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Urs Tester ©Pro Natura Pro Natura
Urs Tester, Leiter der Abteilung Biotope und Arten bei Pro Natura.

«Frei nach dem Prinzip: Ich res­tauriere zwei Picassos und darf dafür ein Rembrandt-Gemälde zerstören.»

Auch bezüglich seiner Funktion als Wanderkorridor gibt es keine Alternativen?

Hier käme einzig das Rheinufer infrage, doch das ist komplett verbaut. Schliesslich wird man auch qualitativ nichts Gleichwertiges finden, denn das Biotop verfügt über eine besondere Boden­zusammensetzung und eine ganz eigene Arten­gemeinschaft. Der Untergrund besteht aus Schotter­gestein, das man Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Rhein geholt und für den neuen Badischen Bahnhof bis auf eine Höhe von acht Metern aufgeschüttet hat. Danach wurde die Fläche über Jahrzehnte offengehalten. Viele Arten der warmen und trockenen Schotterflächen der ehemaligen Auen am Oberrhein fanden hier einen Ersatzlebensraum.

Dabei handelt es sich zu grossen Teilen um Pionierarten. Diese sind doch bekannt dafür, dass sie rasch ein noch wenig bewachsenes Gebiet besiedeln können – also auch eine neu angelegte Ersatzfläche irgendwo in der Stadt oder am Stadtrand.

Das tun sie vereinzelt. Aber eine ganze Lebensgemeinschaft, die sich in 150 Jahren entwickelt hat, kann man nicht «umtopfen». Sie verfügt über viele, auch seltene Arten und eine spezielle Zusammensetzung. Bei einem Moor ist man sich bewusst, dass es sich nicht von heute auf morgen entwickelt, sondern über etliche Jahrzehnte hinweg. Das aber gilt auch für die Lebensgemeinschaften der Trockenlebensräume.

Fehlt es an Bewusstsein oder will man es lieber nicht wahrhaben, weil die Option «Ersatzfläche» so attraktiv scheint?

Es mangelt an politischem Willen. Wir müssen diese letzten verbliebenen Gemeinschaften und ihre Lebensräume unbedingt bewahren. Es ist absolut unverständlich, dass die Fläche der geschützten Biotope verringert werden soll. Eine Fläche, die mit knapp drei Prozent der Landesfläche viel zu klein ist und den internationalen Vereinbarungen in keiner Weise entspricht. Gemäss der Biodiversitätskonvention muss die Biodiversität auf mindestens 17 Prozent der Landesfläche mit Schutzgebieten gefördert werden. Davon sind wir weit entfernt.

Nicolas Gattlen, Redaktor Pro Natura Magazin.

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