Autokolone in der Dornacherstrasse in Basel Matthias Sorg
07.01.2026 Nachhaltigkeit

«Die autofreie Stadt ist auch wünschenswert, wenn es keinen Klimawandel gäbe»

Der Sozialpsychologe Harald Welzer, wichtiger Vordenker unserer Zeit, spricht im Interview mit Pro Natura über die aufgewärmten «Walt­ Disney­ Visionen» von Elon Musk, die reaktiven Bilder der Umweltszene und die Kraft konkreter Utopien.

Pro Natura Magazin: Die Zukunft leuchtete einst in den hellsten Farben. Nun dominieren dystopische Visionen von Kriegen, Stürmen, Trockenheit und zerstörter Natur. Warum sehen heute viele Menschen schwarz?

Harald Welzer: Die negative Kommunikation der Umweltszene trägt ganz wesentlich zu dieser Schwarzmalerei bei. Wenn man den Menschen ständig Diagramme vorsetzt, die einen baldigen Zusammenbruch der Ökosysteme zeigen oder Bilder von hungernden Eisbären und brennenden Tropenwäldern, fällt es verständlicherweise schwer, hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen.

Die Diagramme und Bilder sollen doch verdeutlichen, dass es «5 vor 12» ist und wir dringend radikale Veränderungen brauchen. Sie sollen «kicken» …

Das Gegenteil tritt ein: Es macht sich Resignation breit. Seit Jahrzehnten arbeiten Umweltagenturen und NGOs mit diesen Mitteln und scheitern damit. Warum? Weil es ihnen nicht gelingt, Klima- und Naturschutz als gemeinschaftliches Projekt der Verbesserung unserer Lebensverhältnisse zu kommunizieren. Ein Beispiel wäre die Vision einer autofreien Stadt. Eine solche Stadt ist auch wünschenswert, wenn es keinen Klimawandel gäbe. Autos machen Lärm, verpesten die Luft, bedrohen Leben und verbrauchen enorm viel Platz, ober­ und unterirdisch, was zugleich die Mieten in die Höhe treibt. Dass die autofreie Stadt weniger Ressourcen verbraucht und weniger CO2­Emissionen verursacht, ist dann ein schöner Nebeneffekt.

Wir müssen also nicht «die Welt retten»?

Nein, ein solcher Ansatz überfordert die Menschen, vor allem aber hat er keinerlei Bezug zu ihren Lebenswelten, ihrem Alltag. Das ist das grosse Defizit der Klima­ und Nachhaltigkeitsszene: Sie vermag keine positiven Visionen zu kreieren, nur reaktive Bilder: Wir müssen uns verändern, sonst kollabiert alles. Aber wie? Es werden keine Wege aufgezeigt, wie eine zukünftige Gesellschaft aussehen könnte.

Es gibt doch aber diese Vorstellung einer auf «Suffizienz» ausgerichteten Gesellschaft.

Ein extrem hässliches Wort … Suffizienz – niemand versteht, was damit gemeint ist. Mit diesem Plastikbegriff lässt sich ganz bestimmt kein Feuer entfachen. Wir brauchen Bilder und Geschichten, die illustrieren, wie man besser leben kann. Attraktive Gegen­Erzählungen zu den dominierenden Konsum­Storys, die uns Amazon, Temu, EasyJet, MSC Cruises und Co. permanent auftischen.

Braucht es den grossen Zukunftsentwurf?

Da bin ich vorsichtig. Wir sollten nicht wieder den Fehler machen, uns aus der Gegenwart voraus zu entfernen. Die Utopie als Vorausentwurf ist eine erzkapitalistische und auch erzkommunistische Figur. Sie besagt: Die Gegenwart ist nichts wert – das Wirkliche, Schöne und Gute kommen erst noch. Dazu bedarf es einfach einer weiteren Steigerung an Energie, Ressourcen, Kapital, technischer Innovation.

Tech-Milliardär Elon Musk träumt von der Marsbesiedlung, superschnellen Röhrentransporten und Robotern, die uns die lästige Arbeit abnehmen.

Das sind alles aufgewärmte Ideen! Die Marsbesiedlung, fliegende Taxis oder der Hyperloop, all das findet sich exakt so bei Walt Disney – in den 1950er­ – Jahren! Und Disneys Ideen reichen noch weiter zurück. Die zukunftsfixierten Tech-­Utopien haben sich Ende des 19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung und dem Kapitalismus entwickelt. Davor war die Utopie eine Raumerzählung. Im Roman «Utopia» beschreibt Thomas Morus [Anm. der Redaktion: ein englischer Staatsmann und Autor] 1516 eine Insel, auf der sich das ideale Leben einer idealen Gesellschaft abspielt. Der Roman liest sich als satirische Kritik auf die damalige feudale Gesellschaft in England. Er setzt also bei den vorherrschenden Verhältnissen an. In der Gegenwart. Auch wir sollten im Heute anknüpfen und, wie ich sie nenne, «Gegenwartsutopien» entwickeln.

Was verstehen Sie darunter?

Wir sollten zuerst einmal schauen, was schon gut ist. Das kann uns als Ressource und Motivation dienen, um zu verändern, was wir nicht haben wollen, was uns und der Natur schadet. Wir müssen nicht alles radikal umpflügen. Was die Kategorien des Kulturellen und Sozialen angeht, sind wir heute sehr gut aufgestellt. Es gab noch nie eine so freie und sichere Gesellschaft. Diese zivilisatorischen Errungenschaften gilt es zu bewahren und zu verteidigen. Vieles davon – Frauenstimmrecht, freie Presse, Altersvorsorge – galt im Übrigen einst als «utopisch», im Sinne von unerreichbar. Wir haben heute «nur» das Problem, dass unsere Wirtschaft zerstörerisch ist. Wir haben ein falsches Naturverhältnis. Das müssen wir ändern. Die nötigen Handlungsmöglichkeiten sind da. Wir haben das Geld, die Wissenschaft, die Demokratie.

Aber eben: keine grossen Visionen …

Vielleicht brauchen wir die auch nicht. Ich habe eine Vorstellung von einem Mosaik aus «Heterotopien». Damit meine ich konkrete Utopien, die im Kleinräumigen ansetzen, wie zum Beispiel die autofreie Stadt oder Schwammstädte. Solche Veränderungen an einzelnen Stellen können Wegmarken sein für einen Pfadwechsel. Dann muss man schauen: Wie wirken diese Elemente zusammen, wie verstärken sie sich, wie unterstützen sie eine Wirtschaft, die uns Menschen dient und der Natur nicht schadet.

In Ihrem Buch «Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen» schreiben Sie: «Die fetten Jahre sind vorbei». Da hören viele Verzicht heraus – und das will doch niemand.

Seltsamerweise haben wir, was Selbstoptimierung, Fitness und dergleichen angeht, ein ganz anderes Ideal, als fett zu sein. Nur, was Wirtschaft und Konsum betrifft, wollen wir von allem immer mehr. Ich sehe die Entwicklung einer anderen Form des Wirtschaftens und der Lebensführung nicht als Verzichtsübung. Mich interessiert: Wenn wir anders bauen oder die Mobilität anders organisieren, was kommt dabei heraus – Verlust oder Gewinn?

NICOLAS GATTLEN, Redaktor Pro Natura Magazin

Zur Person

Der Sozialpsychologe Harald Welzer ist Direktor von «Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit». Er lehrte Transformationsdesign an der Europa­-Universität Flensburg und der Universität St. Gallen. 2019 veröffentlichte Harald Welzer im S. Fischer Verlag das Buch «Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen». In realistischen Szenarien skizziert er darin konkrete Zukunftsbilder u. a. in den Bereichen Arbeit, Mobilität, Leben in der Stadt, Wirtschaften und setzt der vielbeschworenen «Alternativlosigkeit» Mut und Fantasie entgegen. Sein jüngstes Buch «Das Haus der Gefühle» (2025) geht der Frage nach, warum Zukunft Herkunft braucht.

Portrait von Harald Welzer Debora Mittelstaedt /S. Fischer Verlag
Harald Welzer