Klimademonstration auf dem Bundesplatz in Bern im Herbst 2023 Matthias Sorg
08.01.2026 Aktiv werden

«Handeln ist ein gutes Mittel gegen Zukunftsangst»

Für die Politikwissenschaftlerin Chantal Peyer ermöglichen Utopien es den Menschen, zusammenzuarbeiten und Fortschritte zu erzielen. Früher träumten wir davon, zum Mond zu reisen, und schafften es auch. Heut ist es an der Zeit, Visionen für eine nachhaltige und gerechte Zukunft zu entwickeln.

Pro Natura Magazin: Die Grundstimmung in der Gesellschaft ist heute nicht gerade optimistisch. Hat das Auswirkungen auf die Haltungen und die Perspektiven der Menschen?

Chantal Peyer: Ja, natürlich. Unsere Moral und unsere Motiva­tion werden dadurch beeinflusst. Das ist völlig normal. Aber wir ­dürfen uns von diesen Gefühlen nicht beherrschen lassen: Wir leben 
in einer Zeit, die verlangt, dass wir eine gewisse Form von Mut ­entwickeln. Mut zeigt sich nicht nur in grossen Taten, sondern auch im Willen, die Welt so zu betrachten, dass der Blick über 
die negativen Entwicklungen der Gegenwart hinausgeht. Das ­bedeutet, weiterhin an den Menschen zu glauben, an unsere ­Fähigkeit, gemeinsam Entscheidungen im Sinne des Gemeinwohls, der Solidarität und der Umwelt zu treffen. Und es bedeutet, ­unsere Aufmerksamkeit auf das zu richten, was wir aufbauen wollen, statt auf das, was zerstört wird.

Sind junge Menschen stärker betroffen? Sind sie in der Lage, sich eine Zukunft auszumalen?

Junge Menschen können von Natur aus besser gegen den Status quo rebellieren und Missstände aufdecken als wir Erwachsene. Sie ­halten uns quasi einen Spiegel vor und zeigen uns die Welt, die wir geschaffen haben – mit all ihren Fehlern und Schwierigkeiten. Dieser nüchterne Blick auf unsere Welt kann selbst­verständlich auch Ängste wecken. Gemäss internationalen ­Umfragen geben 59 Prozent der jungen Menschen an, dass sie Angst vor der Zukunft haben. Es ist an uns Erwachsenen, ihnen zuzuhören, Gesprächsräume zu öffnen und sie darin zu unterstützen, aus diesen Ohnmachtsgefühlen heraus­zufinden. Wir können ihnen nahebringen, dass alle grossen gesellschaftlichen Veränderungen zunächst einmal Utopien waren und dass es ­gesund und auch legitim ist, die Welt verändern zu wollen. Und schliesslich sollten wir ihnen auch helfen, konkrete Massnahmen in diese Richtung zu entwickeln. Handeln ist ein gutes Mittel ­gegen Zukunftsangst.

Wie lässt sich die Lust auf eine bessere Zukunft wecken? Eher durch Erzählungen oder durch Taten? Oder gehen die Erzählungen den Taten voraus?

Der Mensch ist ein erzählendes Wesen. Geschichten ermöglichen es uns, der Welt einen Sinn zu geben und zusammenzuarbeiten. Autoren und Autorinnen wie Yuval Harari, Nancy Huston oder Alain Damasio haben das gut beschrieben. Bevor Neil Armstrong seinen Fuss auf den Mond setzte, gab es zahlreiche Bücher und Filme, die von einer Reise zum Mond erzählten – von Jules Verne über Georges Méliès bis zu «Tim und Struppi». Diese Reise wurde für das Land, dem sie zum ersten Mal gelang, zu einem Symbol für Erfolg, Macht und Erfindungsgabe. Heute geht es nicht mehr darum, zum Mond zu fliegen, sondern die Zukunft auf unserem Planeten zu sichern. Wir sollten uns fragen: Welche Geschichten lassen eine Gesellschaft, die sich an die planetaren Grenzen hält, erstrebenswert erscheinen? Welche Geschichten machen den Richtungswechsel wünschbar?   

Sind Utopien angesichts der alltäglichen Realitäten nicht ein Stück weit naiv?

Meiner Meinung nach muss man die Argumentation umkehren: Heute sind diejenigen unrealistisch und unpragmatisch, die ­glauben, wir könnten so weitermachen wie bisher, also natürliche ­Ressourcen unbegrenzt ausbeuten, Ökosysteme zerstören und die Reichtumsschere in der Gesellschaft weiter öffnen. Dabei deuten alle wissenschaftlichen Fakten auf das Gleiche hin – dieses Modell führt zu einer globalen Erwärmung, die die Lebensgrundlagen auf der Erde zerstört. Hat man das einmal festgestellt, bringen einen der gesunde Menschenverstand und die Vernunft unweigerlich dazu, sich etwas anderes vorzustellen, also utopisch zu sein!

Sie möchten «nüchternen Optimismus» fördern. Was bedeutet das bezüglich Naturschutz, Klimawandel und Biodiversität?

In meinem Podcast «2040 j’y vais !» treffe ich Menschen in der ­Romandie, die bereits Wege zu einer nachhaltigen Schweiz auf­zeigen. Im Lebensmittelbereich zum Beispiel gibt es bereits ­konkrete Projekte, um die CO2-Emissionen zu senken. Die technische Hochschule EPFL in Lausanne hat ihren Fleischkonsum um 
50 Prozent reduziert und setzt ganz auf lokales und saisonales ­Gemüse. Oder die Auberge «Ben Ouais» in Corcelles-le-Jorat im Kanton Waadt – sie kämpft gegen die Verschwendung von Lebensmitteln, indem sie unverkaufte Menüs mit einem Rabatt in einem angegliederten Laden verkauft. Heute geht es darum, genau ­solche Projekte in einem grösseren Massstab zu realisieren. Das bedeutet, dass wir sie systemisch unterstützen müssen. Nehmen wir das Beispiel Energie. Zwischen 1956 und 1964 investierten unsere Grosseltern drei bis vier Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) der Schweiz in den Bau von Staudämmen, die uns heute mit Strom versorgen. Würden wir in den nächsten fünf Jahren auf die gleiche Art drei bis vier Prozent des BIP in die Finanzierung der Energiewende investieren, könnten wir einen gewaltigen Sprung nach vorn machen. ­

Weiterführende Informationen

Info

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

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