Blumenwiese © Pro Natura

Biodiversitäts- und Klimakrise: Weiter wie bisher funktioniert bei beiden nicht

Die Klimaerwärmung schreitet in der Schweiz besonders rasant voran. Eine intakte Biodiversität hilft, deren Konsequenzen abzuschwächen. Die Biodiversitäts- und Klimakrisen sind nur gemeinsam lösbar. Sie dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Siebzehn Ziele für die nachhaltige Entwicklung enthält die Agenda 2030, mit der die UNO-Staaten gemeinsam die gros­sen Herausforderungen der Welt lösen wollen. Sie tragen allen Dimensionen der Nachhaltigkeit Rechnung und thematisieren nicht nur Armut und Hunger, sondern zum Beispiel auch Bildung, Gesundheit, Gleichstellung, Zugang zu bezahlbarer Energie, Friede und Gerechtigkeit, Biodiversität und Klima.

Schlüsselfaktor Biodiversität

So verschieden die Nachhaltigkeitsziele auf den ersten Blick scheinen mögen – sie sind eng miteinander verwoben. Eine besonders wichtige Rolle kommt dabei der Biodiversität zu. Deren Erhaltung trägt nämlich zum Erreichen der meisten anderen Ziele bei, verstärkt den gegenseitigen Nutzen zwischen den Zielen und puffert allfällige negative Interaktionen ab, wie das auch ein neues Factsheet der Akademien der Wissenschaften zeigt. So ist eine reiche Biodiversität unter anderem wichtig für die Ernährungssicherheit, für Gesundheit und Wohlbefinden, sauberes Trinkwasser, Wirtschaftswachstum und nachhaltige Städte – und sie unterstützt die Bewältigung der Klimakrise.

Der Erhalt von genetischer Vielfalt, Artenreichtum und intakten Ökosystemen hilft also, den Klimawandel abzuschwächen und sich besser an diesen anzupassen, wie auch diese Ausgabe des Pro Natura Magazins verdeutlicht. Umgekehrt lässt sich die Biodiversität nur bewahren, wenn es gelingt, die Klimaerwärmung markant zu verlangsamen. Denn weltweit gilt die Klimakrise nach Landnutzungsänderungen und Rohstoffabbau als die drittstärkste Bedrohung für die Biodiversität, Tendenz steigend.

Die beiden grossen Krisen sind verquickt

Trotz der wissenschaftlich gut dokumentierten Wechsel­wirkungen zwischen Klima und Biodiversität werden Biodiversitäts- und Klimakrise weitgehend als unabhängige Phänomene wahrgenommen und auch so behandelt. Massnahmen werden innerhalb einzelner Sektoren erarbeitet und geraten im dümmsten Fall miteinander in Konflikt.

Daniela Pauli © Pro Natura

 

«Die Biodiversität unterstützt die Bewältigung der Klimakrise.»

Daniela Pauli ist Mitglied des Zentralvorstands von Pro Natura und Leiterin des Forums Biodiversität.

Viel klüger wäre es, die grossen Treiber anzugehen, die hinter den beiden anthropogen verursachten Umweltveränderungen stehen. Das ist auch ein zentrales Ergebnis des Zoom-Webinars «Biodiversitätsrückgang und Klimawandel: Die Transformation gemeinsam angehen» vom 5. Februar 2021, an dem rund 600 Personen teilnahmen. Organisiert wurde der Anlass vom Forum Biodiversität Schweiz der Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT).

Ressourcenverbrauch: Verringern statt umlagern

Einer dieser grossen Treiber ist der hohe Verbrauch (und Verschleiss) von Ressourcen aller Art. Doch statt Verschwendung und Verbrauch zu senken, wird lieber umgelagert. So etwa auch bei der Mobilität: weg von Diesel und Benzin, hin zur Elektromobilität. Hinsichtlich der Verringerung des CO2-Ausstosses mag dies eine gute Lösung sein – doch sie führt unter anderem zu einem gewaltigen zusätzlichen Bedarf an chemischen Elementen für die Herstellung von Batterien für Elektroautos. Genau solche Elemente – Nickel, Kupfer, Kobalt, aber auch Metalle der Seltenen Erden, Molybdän, Lithium und Titan – sind in den Manganknollen enthalten, die auf Tausenden von Quadratkilometern auf den Meeresböden der Tiefsee lagern. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten.

Doch der Abbau der Manganknollen hätte unbekannte Auswirkungen auf die Meeresökosysteme und ihre Bewohner, deren Vielfalt und Lebensweisen erst ansatzweise erforscht sind. Die (vermeintliche) Lösung eines Problems führt also durch die Hintertür zu neuen, vielleicht noch grösseren Schäden für Umwelt und Natur. Nachhaltig ist das sicherlich nicht.

Am grossen Wandel führt kein Weg vorbei

Sowohl der Weltklimarat IPCC als auch der Weltbiodiversitätsrat IPBES betonen, dass «gäng wie gäng» keine Option mehr ist. Es gilt, uns auf den Weg zu machen zu einem grundlegenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel, zu einer Transformation. Diese bedingt nicht nur technologische, ökonomische und soziale Veränderungen, sondern auch Anpassungen unserer Ziele und Werte. Es gilt, die Vision eines guten Lebens von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch zu entkoppeln.