Wasserfassung Ria de Val Cama mit Null Restwasser im 2020 Matthias Sorg
Gewässer

Restwasser – eine Frage des Überlebens

Wasser ist Leben. Unsere Schweizer Gewässer sind die Lebensadern der Landschaften: Sie vernetzen Lebensräume, fördern die Biodiversität und tragen zu unserem Wohlbefinden bei. Doch in vielen Flüssen fehlt Wasser, weil ein grosser Teil für die Stromproduktion abgeleitet wird. Was bedeutet das für die Fische, Wasserpflanzen und Co.? Dieses Webdossier gibt Einblick und zeigt, dass eine erneuerbare Stromversorgung möglich ist, ohne wertvolle Biotope zu zerstören.

In Kürze

  • Ohne Restwasser liegen Bach- und Flussabschnitte trocken. Dadurch wird die Biodiversität stark geschädigt.
  • Seit Jahrzehnten geht es nicht vorwärts mit der gesetzlich verankerten Restwassersanierung. Ein Missstand, der leider immer noch anhält.
  • Pro Natura setzt sich aktiv auf politischer Ebene und mit konkreten Projekten für gesunde Fliessgewässer ein.

Stand der Dinge

Seit über 100 Jahren wird die Wasserkraft in der Schweiz ausgebaut. Auch in den letzten Jahrzehnten wurde vielerorts für die Stromproduktion in die natürliche Dynamik und die Lebensräume von Gewässern eingegriffen. Gleichzeitig verschärft die Klimakrise mit häufigeren Trockenperioden, wärmerem Wasser und zahlreichen Extremwetterereignissen die angespannte Situation der Gewässerlebensräume weiter.

Trotzdem geraten die bestehenden gesetzlichen Vorgaben, die unseren Bächen und Flüssen wenigstens eine minimale Menge an Restwasser garantieren, immer wieder stark unter politischen Druck. Unter dem Schlagwort «Versorgungssicherheit» werden weitere Ausnahmen gefordert und die Restwasservorschriften generell infrage gestellt. So soll auch der letzte Tropfen aus den Gewässern für die Stromproduktion gewonnen werden. Dies geschieht auf Kosten der Natur, dient wirtschaftlichen Interessen und ist für die Versorgungssicherheit und die Energiewende nicht notwendig.

Frage: «Wird das Minimum überall eingehalten?»
Nein. Viele Wasserkraftwerke verfügen noch über alte Konzessionen, die vor 1992 erteilt wurden. Für diese Anlagen gelten die heutigen Restwasservorschriften erst dann, wenn die Konzession erneuert wird. Konzessionen werden oft auf 80 Jahre vergeben. In der Zwischenzeit können sie weiter mit Restwasser Null oder mit sogenannten «Restwassersanierungen» arbeiten, die deutlich unterhalb des gesetzlichen Minimums liegen.
Zusätzlich gibt es Wasserfassungen, die im Rahmen von Schutz- und Nutzungsplanungen oder einer Restwassersanierung weiterhin überhaupt kein Restwasser abgeben müssen. Wenn mehrere solcher Fassungen hintereinander liegen, bleibt der gesamte Flussabschnitt dazwischen praktisch trocken. Dadurch wird diesem Abschnitt dauerhaft sein natürliches Wasser entzogen.

Vor diesem Hintergrund bietet unser Webdossier eine fachliche Grundlage für interessierte Personen, Fachleute und Entscheidungsträger:innen. Es zeigt, warum es sich lohnt, genauer hinzuschauen, und wie eine Stromversorgung möglich ist, die unsere Flüsse nicht zerstört. An der Restwasserfrage entscheidet sich, ob unsere Gewässer als lebendige Ökosysteme erhalten bleiben.

Restwasser Null in der Drance de Bagnes; Fionnay Sommer 2013 Patrick Witzig
Restwasser Null in der Drance de Bagnes, Fionnay (Sommer 2013)

Was ist Restwasser?

Restwasser ist jene Wassermenge, die nach der Wasserentnahme für die Stromproduktion im Fluss verbleibt. Der Mindestabfluss soll sicherstellen, dass der Bach oder Fluss nicht zur toten Steinwüste wird, sondern weiterhin in sehr reduziertem Umfang Lebensraum für Fische, Kleinlebewesen und Pflanzen bleibt.

Die Notwendigkeit und der Umfang des gesetzlich festgelegten Restwassers (Mindestabfluss) sind erst seit 1992 im Gewässerschutzgesetz (GschG) geregelt. Die Restwassermenge richtet sich nach der Grösse des Gewässers, beziehungsweise dem natürlichen Wasserabfluss. Von diesem verbleibt im Durchschnitt gerade mal 6-12% im Gewässer. Restwasser ist eine rechtlich verankerte Überlebensmassnahme – kein Luxus, sondern schon heute das ökologische Minimum.

Frage: «Was ist nochmals Restwasser genau?»
Restwasser ist jene Wassermenge, die nach einer Wasserentnahmestelle für die Stromproduktion im Fluss verbleibt. Bei Anwendung der gesetzlichen Grundlagen, die erst seit 1992 gelten, sind das durchschnittlich gerade mal 6-12% des Wassers des natürlichen Abflusses (BAFU). Es ist das «Existenzminimum» eines Flusses, wie es schon der Bundesrat in der Botschaft zum revidierten Gewässerschutzgesetz von 1987 ausdrücklich bezeichnet hat. Ohne dieses Wasser würde der Fluss zum toten Bachbett. Angesichts von über 1’400 Wasserentnahmestellen für die Stromproduktion kommt dem Restwasser daher eine zentrale Bedeutung für die Gesundheit und das Überleben unserer Gewässer zu.

Vertiefung

Zur Stromproduktion wird in der Schweiz an über 1’400 Fassungen Wasser aus Bächen und Flüssen abgeleitet.

Oftmals wird beinahe der gesamte Abfluss in Stollen oder Leitungen geführt, durch Turbinen geleitet und erst weiter unten wieder in das Flussbett zurückgegeben. Die Strecke zwischen Entnahme und Rückgabe nennt man Restwasserstrecke. Durch die Wasserentnahme kann der betroffene Abschnitt trockenfallen. Ohne genügend Wasser verlieren Fische, Pflanzen und Mikroorganismen ihren Lebensraum.

Die Berechnung der Restwassermenge orientiert sich am natürlichen Abfluss eines Flusses. Der Abfluss ist die Menge Wasser, die an einer bestimmten Stelle im Fluss pro Sekunde vorbeifliesst. Diese Menge verändert sich saisonal und auch kurzfristig. Mal regnet es viel, Schnee schmilzt, mal gibt es Trockenperioden und wenig Regen. Die Restwassermenge orientiert sich am sogenannten Q347.

Das bedeutet:

  • Q347 ist die Wassermenge eines Flusses, die an 347 Tagen im Jahr mindestens erreicht oder überschritten wird.
  • Nur an 18 Tagen im Jahr ist der Abfluss geringer.

Q347 beschreibt also einen sehr niedrigen Wasserstand. Das Restwasser wird nun anhand der Abflussmenge Q347 berechnet (in l/ Sekunde oder m3 / Sekunde). Daher bleibt nur sehr wenig Wasser im Fluss, wenn die gesetzlichen Restwassermengen angewendet werden.

Verschiede Ausnahmekriterien (Gewässerschutzgesetz Art. 32) erlauben die Mindestrestwassermengen noch tiefer anzusetzen als das ökologische Minimum. Andere Faktoren, wie die Bedeutung des Gewässers als Lebensraum, müssen gegen die Interessen der Entnahme abgewogen werden, um eine allfällige Erhöhung der Mindestrestwassermengen zu erwirken (GschG, Art. 33). Die Vorgaben orientieren sich an den minimalen Bedürfnissen typischer Wasserorganismen. Fische brauchen zum Beispiel eine gewisse Wassertiefe und Strömung, Kiesbänke dürfen nicht dauerhaft trockenfallen, Uferbereiche sollen regelmässig überflutet werden.

In der politischen Diskussion wird Restwasser häufig nur als Verzicht oder unnötige Einbusse auf die Stromproduktion dargestellt. Vielmehr ist es aber die Voraussetzung dafür, dass ein Fluss trotz intensiver Nutzung seines Wassers die biologischen Grundfunktionen überhaupt behalten kann. Die Gewässer benötigen eine gewisse Wassermenge, um als Wanderkorridor für Fische, als Teil des ökologischen Netzwerks, als Erholungsraum und als Gestalter vielfältiger Uferlandschaften zu dienen.

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Grafik der Abflussdauerlinine von Töss und Weisser Lütschine (Datenquelle: BAFU, Hydrologischer Atlas der Schweiz, Tafel 5.8; Darstellung: Abflussdauerlinien in absteigender Reihenfolge / Q347 = Abfluss der an 347 Tagen überschritten wird) Pro Natura

Die Schweiz – ein Restwasserschloss

Das «Wasserschloss Europas», wie die Schweiz oftmals genannt wird, ist auf weiten Strecken nur noch ein Restwasserschloss. Weitläufige Flussabschnitte führen nur wenig oder gar kein Wasser. Bei den über 1’400 Entnahmestellen für Wasserkraft ergeben sich Restwasserstrecken im Umfang von ca. 3’000km. Besonders betroffen sind (vor)alpine Einzugsgebiete, in denen Bergbäche noch heute oft (fast) vollständig in Stollen verschwinden.

Vertiefung

Betrachtet man auf einer ...

Betrachtet man auf einer Karte die Wasserentnahmestellen, wird rasch sichtbar, wie dicht das Netz an Fassungen in der Schweiz ist. Vor allem in den Bergregionen liegen Wasserfassungen zum Teil nur wenige Kilometer auseinander. Im Mittelland wiederum sind viele Kraftwerke als Laufwasserkraftwerke gestaltet, die zwar keine Restwasserstrecken verursachen aber als Hindernisse und mit ihren Stauhaltungen den Gewässerlebensraum deutlich beeinträchtigen.  In den Bächen oberhalb von den Ausleitbauwerken bieten Gletscherabflüsse und Wildbäche oft nicht nur eindrückliche Landschaftsbilder, sondern auch Lebensräume. Nach den Fassungen verbleibt hingegen oft nur ein Rinnsal oder ein weitgehend trockenes Bachbett.

Der allergrösste Teil der Wasserausleitungen dient der Stromproduktion. Bewässerung, Trink- oder Kühlwasser, macht einen wesentlich geringeren Teil der Wasserausleitungen aus. Die von Restwasser betroffenen Flussabschnitte summieren sich insgesamt auf mehrere Tausend Kilometer mit dauerhaft oder zeitweise stark reduziertem Abfluss. Für Wanderfische und andere Arten entstehen damit Barrieren, in denen Lebensräume verloren gehen, unerreichbar werden, voneinander getrennt sind oder nur noch eingeschränkt funktionieren.

Gleichzeitig macht eine andere Zahl deutlich, wie unausgewogen die Lasten verteilt sind. Der Anteil der Wassermenge, der in diesen Restwasserstrecken verbleibt, ist im Vergleich zur gesamten Wasserkraftproduktion relativ gering. Kleine, für die Versorgungssicherheit irrelevante Produktionseinbussen können deshalb sehr grosse ökologische Verbesserungen auslösen. Würden die Restwassermengen nach Gesetz überall eingehalten, wären die gesamten Produktionseinbussen gerade mal 2% bis 2050 (Datenbasierte Restwasserberechnungen). Das ist deutlich weniger als die jährlichen Schwankungen aufgrund des Wasserdargebots und mit dem laufenden Ausbau der Wasserkraft in den letzten 20 Jahren längst kompensiert.

Was passiert mit Tieren und Pflanzen, wenn in Flüssen zu wenig Wasser bleibt?

Wo Flüssen (zu viel) Wasser entzogen wird, verlieren sie im schlimmsten Fall ihre Rolle als Lebensraum. Aber auch mit den gesetzlich minimalen Restwassermengen bleibt es ein massiver Eingriff in das Ökosystem. Die Wasserentnahmen verändern:

  • Wassertemperatur
  • Strömung
  • Sauerstoffgehalt
  • Grösse des Lebensraums
  • Stoffkreisläufe

Flachwasserzonen fallen trocken, Kiesbänke verlanden, die Flusssohle wird wegen der fehlenden Strömung durch Feinsedimente verstopft (Kolmatierung). Fische und Wirbellose die auf kühleres Wasser angewiesen sind (Kaltwasserarten) finden in wärmeren Perioden kaum noch kühle, tiefere Bereiche als Rückzugsorte. Die Biodiversität in den Gewässern ist massiv bedroht. 

In der Schweiz sind bisher 9 Fischarten ausgestorben, zwei Drittel der Arten stehen auf der Roten Liste. Im Mittelland sind vor allem (weit) wandernde Arten betroffen wie der Lachs oder der Aal. In höher gelegenen Gebieten betreffen die Eingriffe in die Gewässer zum Beispiel die See- oder Bachforellen. Restwasserstrecken tragen dazu bei, weil sie Wanderwege unterbrechen und empfindliche Arten durch Trockenfallen und Hitze besonders belasten. Doch nicht nur Fische sind betroffen. Viele Insekten, die so wichtig sind für die Biodiversität und das Ökosystem entwickeln sich als Larven in Fliessgewässern. Fehlt das Wasser, fehlen die Insekten. 

Vertiefung

Fehlendes Restwasser und die ökologische Folgen

Die Ökologie eines Fliessgewässers basiert auf einer stetigen Bewegung von Wasser, Geschiebe und Nährstoffen während der verschiedenen Jahreszeiten.

Die Dynamik unserer Fliessgewässer ist bestimmt vom Schmelzwasser im Frühling über die eher trockenen Phasen im Sommer, von spontanen Niederschlagereignisse und der geringeren Abflüsse im Winter, wenn Niederschläge in Form von Schnee und Eis liegen bleiben. Die Tiere und Pflanzen in den Flüssen sind perfekt an diese Bedingungen angepasst. Wenn der Abfluss stark reduziert wird, bricht dieses System mindestens teilweise zusammen:

  • Überhitzung flacher Zonen
  • Senkung des Sauerstoffgehalts, bei erhöhtem Bedarf der Tiere
  • Unterbrüche des Austauschs zwischen Haupt- und Nebengewässern, Grundwasser und Auen
  • Ausfall von Hochwasser und Schmelzwasser, was zum Beispiel für Laichzeiten entscheidend ist
  • Schlechte Verdünnung von geklärtem Abwasser aufgrund des fehlenden Wassers. Somit steigt an manchen Orten die Schadstoffkonzentration.

Diese Dynamik in den Fliessgewässern ist nicht ein Stressfaktor für diese Lebensgemeinschaft, sondern eine Bedingung für ihr Überleben. Entsprechend empfindlich reagieren Organismen auf grosse Wasserentnahmen und fehlende Dynamik. Arten, die kaltes, sauerstoffreiches Wasser benötigen, können in zunehmend erwärmten und verflachten Restwasserstrecken kaum überleben. Mobile Arten, die im Saison- oder Tagesverlauf wandern, stossen nicht mehr nur auf bauliche Hindernisse, sondern auf Restwasserstrecken, die teils kein Durchkommen mehr ermöglichen. Flussabwärts von Kraftwerken, wo dann das ganze Wasser wieder ins Gewässer schiesst, herrschen häufig Strömungsbedingungen, die die Tiere zusätzlich schwächen.

Wirbellose Tiere wie Insektenlarven oder Mollusken leiden besonders unter der Kombination aus Verringerung der von Wasser überströmten Fläche, Strömungsverlust und Kolmatierung der Flusssohle. Der Kiesgrund eines Baches ist im natürlichen Zustand ein Zuhause für Insektenlarven, Kleinkrebse und anderer Wirbellose. Da viele weitere Arten von diesen Organismen leben, wirken sich Veränderungen in der Kleintierwelt direkt und gravierend auf höhere Stufen der Nahrungskette aus und haben einen massiven Einfluss auf die Qualität des Lebensraums.

Schliesslich verlieren auch wir Menschen. Gewässerlandschaften, die nur noch als technische Gerinne vorhanden sind, bieten weniger Erholungswert, speichern weniger Hitze, kühlen weniger und verlieren, zusammen mit ihren natürlichen Ufern, ihre Funktion als natürliche Puffer bei Starkregenereignissen.

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Jahreszeitliche Dynamik von Fliessgewässern Pro Natura

Die politische Debatte

Restwasser steht seit Jahren im Spannungsfeld zwischen Stromproduktion und Gewässerschutz. Einige Politiker:innen und Vertreter:innen der Branche warnen immer wieder davor, dass mehr Restwasser bei alten Kraftwerken, was nur der Einhaltung des bestehenden Rechts entspräche, nicht nur die Stromproduktion an sich verringern würde, sondern nichts weniger als die Versorgungssicherheit gefährde. Dies, obschon die Wasserkraft seit über 100 Jahren ausgebaut worden ist und auch in den letzten 20 Jahren die Produktionserwartung durch Neubauten und Erweiterungen nochmals um ca. 8% gesteigert werden konnte.

Die Daten zeigen: Entscheidend für die Stromproduktion ist nicht das Restwasser, sondern wie viel Wasser insgesamt verfügbar ist. Neue Analysen zeigen zudem auch, dass die zu erwartenden Einbussen bei der Stromproduktion wesentlich kleiner sind als Bund und Branche bisher immer ins Feld führten (6% und mehr). Eine Studie der UNiBE, WSL und eawag geht von ca. 2% «Verlusten» bis 2050 aus, wenn alle bestehenden Werke endlich die Restwasservorschriften einhalten würden. Selbst kleine zusätzliche Wassermengen im Fluss würden die Ökosysteme deutlich stärken und die natürlichen jahreszeitlichen Schwankungen des Wassers, abhängig vom Regen, wieder besser sichtbar machen.

Frage: «Reicht das gesetzliche Restwasser zum Überleben unserer Gewässer?»
Das gesetzlich festgelegte Restwasser ist keineswegs grosszügig bemessen. Diese Wassermenge wurde vom Bundesrat in der Botschaft des zur Revision des Gewässerschutzgesetzes von 1987 ausdrücklich als «Existenzminimum» für die wichtigsten, von Gewässern abhängigen Lebensgemeinschaften bezeichnet. Restwasser entscheidet darüber, ob Fischarten, wirbellose Tiere sowie Wasserpflanzen überleben können. Mit den minimalen gesetzlichen Anforderungen gelingt es nicht, natürlich dynamische, artenreiche Flusssysteme wiederherzustellen.

Vertiefung

Seit der Verankerung von Restwasservorschriften ...

Seit der Verankerung von Restwasservorschriften im Gesetz gibt es immer wieder Versuche, die Mindestabflüsse zu relativieren oder die Ausnahmen auszuweiten, um unter das Minimum zu gehen. Begründet wird dies mit dem Hinweis auf die Rolle der Wasserkraft im Klimaschutz und auf den Bedarf an winterlicher Stromproduktion. Die Daten zeigen klar: Wenn bestehende Restwasservorschriften konsequent umgesetzt werden, sinkt die gesamte Stromproduktion nur moderat. Der Effekt liegt im Bereich von ca. 2% Prozent und ist deutlich kleiner als die jährlichen Schwankungen durch Trockenjahre oder schneearme Winter.

Allfälligen «Verlusten» in der Stromproduktion ist längst begegnet worden. Die Wasserkraft ist nicht nur historisch gewachsen sondern auch in den letzten 20 Jahren ausgebaut worden und die Produktionserwartungen sind deutlich gestiegen. Die Daten zeigen: Es ist nicht das Restwasser, das die Stromproduktion stark beeinflusst, sondern die Verfügbarkeit von Wasser insgesamt. In trockenen Jahren sinkt die Stromproduktion aus Wasserkraft auf (deutlich) weniger als 36 TWh. In regenreichen Jahren kann sie dagegen weit über 40 TWh liegen. Diese natürlichen Schwankungen sind deutlich grösser als allfällige «Einbussen» durch Restwasser. Sie zeigen, dass Restwassermengen keine Bedrohung für die Versorgungssicherheit darstellen und wie haltlos es ist, mit Restwassermengen als Bedrohung für die Versorgungssicherheit zu argumentieren.

Aus Sicht des Naturschutzes ist deshalb entscheidend, dass Restwasser nicht als beliebige Verhandlungsmasse betrachtet wird. Es geht darum, dass in der Bundesverfassung verankerte Ziel angemessener Restwassermengen ernst zu nehmen und politische Entscheide an wissenschaftlichen Erkenntnissen auszurichten.

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Produktionserwartung Nathalie Leutenegger

Die Geschichte des Restwassers

Die Verpflichtung für angemessene Restwassermengen ist in der Schweiz seit den 1970er-Jahren in der Bundesverfassung verankert. Erst Anfangs der 1990er-Jahre wurden aber konkrete Mindestrestwassermengen festgelegt und bei neuen oder geänderten Konzessionen umgesetzt. 
Aufgrund der Laufzeit von bis zu 80 Jahren für Konzessionen zur Wassernutzung verfügen darum viele ältere Kraftwerke noch heute über Konzessionen, in denen keine Restwasservorgaben enthalten sind. Entsprechend gross ist der Aufholbedarf an vielen Flüssen und Bächen sobald diese Kraftwerke eine neue Konzession erhalten, um dieser jahrzehntelange Übernutzung zu begegnen.

Vertiefung

Rechtliche Situation

1976 wurde der Bund durch die Verfassung verpflichtet, genügend Wasser in den Flüssen zu sichern (Bundesverfassung Art. 76 Abs. 3: Er [der Bund] erlässt Vorschriften über den Gewässerschutz, die Sicherung angemessener Restwassermengen, den Wasserbau, die Sicherheit der Stauanlagen und die Beeinflussung der Niederschläge.). Die konkrete Umsetzung liess jedoch auf sich warten. Erst mit der Revision des Gewässerschutzgesetz 1991 wurden durch Inkrafttreten 1992 Mindestrestwassermengen definiert, die bei neuen Konzessionen und bei wesentlichen Änderungen von Anlagen gelten.

Kraftwerke, die vor 1992 konzessioniert wurden, haben ihre Rechte bis heute behalten. Erst wenn eine Neukonzessionierung  fällig wird, können Kantone die geltenden Restwasserbestimmungen in der Konzession durchsetzen. Viele der grossen Anlagen werden ihre alten Rechte der Übernutzung also erst in den 2040er-Jahren verlieren. Mit der Revision des GSchG von 1991 verpflichtete Art. 80 die Kantone aber auch, bei bestehenden Wasserkraftwerken ungenügende Restwassermengen zu sanieren. Der Gesetzgeber setzte dafür eine klare Frist. Bis 2007 sollten sämtliche Restwassersanierungen abgeschlossen sein. Obwohl das GSchG die Kantone verpflichtet, ungenügende Restwassermengen zu sanieren, wurden die gesetzlichen Fristen mehrfach verpasst. Widerstände der Branche, komplexe Verfahren und politische Prioritäten zugunsten der Energieproduktion führten dazu, dass viele Anlagen auch nach 2012 und sogar 2020 nicht saniert waren. Das Resultat: Ein erheblicher Teil der Schweizer Flüsse führt noch immer deutlich weniger Wasser, als ökologisch notwendig wäre – obwohl die rechtlichen Grundlagen seit Jahrzehnten bestehen.

Die Geschichte des Restwassers ist deshalb auch eine Geschichte verpasster Chancen. Wäre der gesetzliche Auftrag früher umgesetzt worden, wären heute viele Fliessgewässer in einem besseren Zustand. Gleichzeitig zeigt sie, dass rechtliche Grundlagen allein nicht genügen. Es braucht politischen Willen, Fachwissen in den Behörden und eine öffentliche Debatte, die die Anliegen der Gewässer ernst nimmt.

Klimakrise verschärft die Lage

Die Klimakrise führt zu häufigeren Hitze- und Trockenperioden. Flüsse führen im Sommer weniger Wasser, gleichzeitig steigen die Wassertemperaturen.
In Restwasserstrecken kommt zu der ohnehin geringen Wasserführung die erhöhte Wärmebelastung hinzu. Gerade kältebedürftige Arten geraten dadurch massiv unter Druck.

Vertiefung

Hydrologische Szenarien für die Schweiz ...

Hydrologische Szenarien für die Schweiz zeigen, dass sich die Abflussregime vieler Gewässer verschieben werden (Das Abflussregime beschreibt, wie das Wasser in einem Fluss oder Bach über das Jahr verteilt fliesst.). Weniger Schnee im Winter, frühere Schneeschmelze und längere Trockenphasen im Sommer. Gleichzeitig nehmen Extremereignisse wie Starkregen zu.

In dieser Situation wird Wasser zu einer noch knapperen Ressource. Restwasserstrecken reagieren besonders empfindlich. Wenn bei hohen Lufttemperaturen wenig Wasser im Gerinne verbleibt, steigt die Wassertemperatur schnell an. Dies reduziert den Sauerstoffgehalt und kann zu kritischen Bedingungen für Fische und andere Organismen führen. Aus naturschutzfachlicher Sicht bedeutet das, dass die heutigen ökologischen Mindestwerte vielerorts künftig nicht mehr ausreichen werden. Klimaangepasste Restwasservorgaben müssen solche Dynamiken und Entwicklungen einkalkulieren, Reserven einplanen und sicherstellen, dass auch in heissen Sommern genügend Wasser im Fluss bleibt.

Wie wir unsere Flüsse retten können

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Stromproduktion und Gewässerschutz besser zu verbinden. Entscheidend ist, dass Restwassermengen nicht weiter reduziert, sondern dort erhöht werden, wo Gewässer besonders belastet sind. Technische Optimierungen, naturnahe Betriebsweisen (Dynamik und ausreichende Wasserführung) und Revitalisierungen können gemeinsam dafür sorgen, dass Fliessgewässer trotz Nutzung wieder lebendiger werden.

Pro Natura setzt sich hierfür im Rahmen unserer Tätigkeit im Verein für umweltgerechte Energie (VUE) ein. Dort wird besonders nachhaltiger Wasserkraftnutzung das Label «naturemade star» verliehen. Nur Anlagen, die über die gesetzlichen Anforderungen hinausgehen erhalten das Label. Der Eingriff ins Gewässer bleibt bestehen, aber wird reduziert. Was allerdings bis heute mit keinem Label gelöst werden kann und aus biologischer und technischer Sicht erst unbefriedigend gelöst ist, ist der Fischabstieg bei Wasserkraftwerken.

Vertiefung

Die Lösungsansätze lassen sich grob in drei Bereiche gliedern
  1. Erstens können Restwassermengen selbst angepasst werden. An sensiblen Standorten oder in Abschnitten mit hoher Artenvielfalt müssen die Mindestwerte deutlich erhöht und besser an saisonale Bedürfnisse angepasst werden. Flexible Vorgaben, die auf Trockenperioden reagieren, können helfen, kritische Phasen zu überbrücken.
  2. Zweitens lässt sich der Betrieb von Kraftwerken oft ökologisch optimieren. Dazu gehören Abflussregimes, die Begrenzung starker Schwankungen im Unterwasser, der Rückbau unnötiger Querbauwerke sowie wirksame Fischschutz- und Fischwanderhilfen. Digitale Steuerungen ermöglichen es, Stromproduktion und ökologische Anforderungen besser aufeinander abzustimmen.
  3. Drittens braucht es mehr Raum für Flüsse. Revitalisierungen, naturnahe Ufergestaltungen, das Aufweiten von Gerinnen oder das Wiederanschliessen von Seitenarmen. Alles, was die Strukturvielfalt verbessert, verbessert in der Regel die Gewässerfunktion. Solche Massnahmen erhöhen die Widerstandsfähigkeit eines Systems. Selbst wenn der Abfluss auf ein Minimum reduziert wird, finden Organismen mehr Nischen, in denen sie überleben können.

Mythen und Fakten

Mythos: «Mehr Restwasser bedroht die Versorgungssicherheit.»
Fakt: Studien zeigen, dass die Umsetzung der bestehenden Vorgaben zu vergleichsweise kleinen Produktionseinbussen führt. Die Wasserkraft ist das Rückgrat der Stromversorgung in unserem Land und wird es auch bleiben. Die grossen Potenziale sind aber längst erschlossen, es braucht im Energiebereich eine Diversifizierung.

Mythos: «In der Schweiz haben Flüsse genug Wasser.»
Fakt: Mehrere Tausend Kilometer Fliessgewässer gelten als stark beeinträchtigte Restwasserstrecken.

Mythos: «Restwasser ist ein Bonus für Fische.»
Fakt: Rechtlich handelt es sich um das absolute Minimum, das gerade noch die wichtigsten Funktionen eines Gewässers absichern soll. In vielen Abschnitten ist selbst dieses Minimum ökologisch zu knapp bemessen.

Mythos: «Nur Hochwasser richten grosse Schäden an.»
Fakt: Bilder von Überschwemmungen prägen die mediale Berichterstattung. Für die Wasserlebensräume sind aber die chronisch zu niedrigen Abflüsse mindestens so problematisch. Sie lassen Lebensräume verschwinden, fördern Algenblüten und können ganze Artengemeinschaften bedrohen.

Mythos: «Die Schweiz nutzt ihre Gewässer bereits nachhaltig.»
Fakt: Historisch wurden zahlreiche Flussläufe stark verbaut und für die Wasserkraft übernutzt. Viele Abschnitte warten noch immer auf eine echte Sanierung mit ausreichenden Restwassermengen und strukturellen Verbesserungen.