Zauneidechse – Tier des Jahres 2005

Die Zauneidechse war das Tier des Jahres 2005. Eigentlich ist sie ein anspruchsloses, harmloses Tierchen. Ein Platz an der Sonne, ein gutes Versteck, ein ruhiges Winterdomizil: das ist alles, was es braucht. Das findet sie oft dort, wo Wald sanft in Wiese übergeht, an vergessenenen ungenutzten Ecken wie Gruben, Bahndämmen und Trockenwiesen. Doch in einem Land, wo jeder Quadratzentimeter genutzt ist, die Waldränder wie mit dem Lineal gezogen sind und der letzte Bissen Gras gemäht wird, hat die Zauneidechse als Grenzgängerin zwischen Lebensräumen keine Chancen mehr.

 

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                Das unscheinbare Weibchen               Zauneidechsen-Männchen

                                                            Fotos © T. Marent


So sieht sie aus

Die Zauneidechse ist wohl für viele Laien der Inbegriff einer Eidechse. Wie bei allen Reptilien (=Kriechtiere) ist ihr Körper mit vielen kleinen Schuppen bedeckt. Sie misst samt Schwanz bis zu 24 Zentimeter. Die Hälfte der Körperlänge entfällt auf den Schwanz. Die Beine sitzen seitlich am Körper.

Der Körper ist relativ kräftig und gedrungen. Die Schnauze ist stumpf. Beide Geschlechter zeigen auf dem Rücken helle Längsstreifen und entlang der Flanken helle Augenflecken. Die Grundfärbung der Weibchen ist braun, die der Männchen ist grün. Zur Paarungszeit im Mai leuchtet das Grün besonders. Kontrastreich dazu setzt sich auf dem Rücken ein braunes Band ab, das sich vom Kopf bis zur Schwanzwurzel zieht.

Verwechseln kann man die Zauneidechsen mit drei weiteren Eidechsenarten, die in der Schweiz vorkommen. Die Mauereidechse ist schlank und hat einen spitzigeren Kopf. Beide Geschlechter der grösseren Smaragdeidechse sind überwiegend grün gefärbt. Und die kleinste im Quartett, die Waldeidechse, ist kleinköpfig und von brauner Grundfarbe.

Das frisst sie

Zauneidechsen fressen vor allem Insekten und andere Gliedertiere. Besonders beliebt sind Käfer und ihre Larven. Die Echsen verzehren auch Spinnen, Raupen, Heuschrecken oder Zikaden. Selten erbeuten sie Schnecken oder Würmer. Weniger Interesse hat die Zauneidechse an Asseln oder Ameisen. Alttiere verzehren pro Tag drei bis acht Beutetiere, Jungtiere vier bis sechs.

 

Pro Jahr frisst eine Eidechse insgesamt das zwei- bis vierfache ihres eigenen Körpergewichts, also etwa 20 bis 40 Gramm. Das ist im Vergleich zu den warmblütigen Säugetieren und Vögeln sehr wenig. Die Zauneidechse ist auf Wasser angewiesen. Sie leckt oft Tau oder Regentropfen von Gräsern, Steinen und Laub.

Hier kommt sie vor und hier lebt sie

Die Zauneidechse kommt ausser im Tessin und den höheren Lagen überall in der Schweiz vor. Sie steigt in der Regel nicht über 1000 m.ü.M. Ein isolierter Bestand im Unterengadin gedeiht allerdings auf 1500 m. Dass sie ausgerechnet in der reptilienreichen Sonnenstube des Landes nicht zu finden ist, hat mir der Geschichte ihrer Einwanderung zu tun. Nach der Eiszeit besiedelte die Zauneidechse das Land von Nordosten respektive Südwesten her. Hohe Gebirge konnte sie aufgrund ihrer Ansprüche an den Lebensraum und des rauen Klimas nicht überwinden. Somit blieb ihr der Weg durch die Po-Ebene versperrt.

Zauneidechsen besiedeln ein weites Spektrum an verschiedenen Lebensräumen: Trockenwiesen, Bahndämme, Böschungen, Gruben, Hecken, naturnahe Gärten, aber auch Flachmoore, Feuchtwiesen und Waldränder. Eine Vorliebe hat sie für südwärts gerichtete Hänge. In ihrem Lebensraum braucht sie vielfältige Strukturen, die über die Vegetation herausragen, damit sie sich sonnen kann. Geeignet sind Holz-, Stein- oder Kieshaufen, Baumstrünke oder liegende Stämme.

So lebt sie
Zauneidechsen bei der Paarung © P. Morier-Genoud
© P. Morier-Genoud

Die Zauneidechse ist wie alle Reptilien wechselwarm. Ihre Körpertemperatur hängt von der Aussentemperatur ab. Den Winter verbringt sie in Kältestarre an einem geschützten Ort. Im März oder April werden die Tiere aktiv und verlassen ihre Verstecke. Im Mai paaren sie sich. Das Weibchen legt danach bis zu 15 Eier, die es im lockeren Boden an sandigen Stellen verscharrt und zudeckt. Die Eier haben nur eine dünne ledrige Kalkschale. Das Brüten übernimmt die Sonne. Die Bebrütungsdauer, sprich Inkubationszeit, hängt von der Witterung ab. Ist es schön und warm, entwickeln sich die Eier rascher. Bei 28°C dauert es gegen fünf Wochen. Ist es kühler, schlüpfen die Echsen erst nach 60 Tagen, im Extremfall sogar nach 100 Tagen. Die Schlüpflinge sind sofort selbstständig.

Generell ist die Echse tagaktiv. Im zeitigen Frühjahr und im Herbst sind die Echsen vor allem während den wärmsten Stunden des Tages aktiv. Im Sommer hingegen wärmen sich die Tiere am Morgen auf, jagen und ziehen sich während der heissesten Zeit des Tages in den Schatten zurück und erscheinen erst in den späten Nachmittagsstunden wieder zum Sonnen. Schon am frühen Abend ziehen sich die Eidechsen in ihre Nachtverstecke zurück.

Feinde und wie man sie vermeidet
Hauskatzen können Reptilienbestände stark schädigen. © P. Rüegg
© P. Rüegg

Zu den natürlichen Feinden der Zauneidechse zählen Greifvögel, Reiher, Eulen, aber auch Singvögel sowie Säugetiere wie Marder, Fuchs und Wildschwein. Selbst andere Reptilien machen Jagd auf Zauneidechsen, wie etwa die Schlingnatter, deren Jungtiere sich auf die Reptilienjagd spezialisieren. Maulwurfsgrillen oder Laufkäfer tun sich auch an Echseneiern gütlich.

Zauneidechsen können wie viele andere Reptilien bei Gefahr ihren Schwanz abwerfen. Ergreift man eine Eidechse am Schwanz, zieht sie rasch die Muskeln zusammen. Der Schwanz fällt an einer Sollbruchstelle an jenem Segmet ab, an dem die Echse ergriffen wird. Das abgeworfene Schwanzteil zuckt und lenkt so den Fressfeind ab. Die Echse nützt die Verwirrung um zu entkommen. Der Schwanz wird teilweise wiederhergestellt. Das Tier verliert dennoch einen Teil seiner Fettdepots, seine Schnelligkeit und Beweglichkeit.

Das bedroht sie

Zersiedelung, intensive Landwirtschaft und Landnutzung, hohe Dichte von Hauskatzen in Siedlungsnähe: die Bestände der Zauneidechse haben in der Schweiz gelitten. Als «gemein», also häufig, galt sie noch bis ins letzte Jahrhundert. Heute gilt sie in der Schweiz als gefährdet.

 

Für viele Leute ist die Eidechse beim Sonntagsspaziergang nur noch eine Kindheitserinnerung. Zauneidechsen lieben Grenzbereiche und Saumbiotope. Genau solche Grenzlebensräume sind in der Schweiz regelrecht weggeputzt worden. Waldränder sind wie mit der Schnur gezogen. Die letzten Reste von Altgras und Krautvegetation unter einem Zaun, die einer Eidechse als Versteck dienen könnten, fallen der Motorsense oder einem Herbizid zum Opfer.

So kann man ihr helfen
Mit einer Trockenmauer kann man Zauneidechsen im eigenen Garten helfen. © P. Morier-Genoud
© P. Morier-Genoud

Mit verschiedenen Massnahmen kann man die Zauneidechse fördern:

An Strassenböschungen und Bahndämmen, zwei wichtigen Ersatzlebensräumen, soll keine Chemie eingesetzt werden. Maschinelle Eingriffe beschränken.


Mähen im Spätsommer oder im Winterhalbjahr bei kühler Witterung oder spät im Jahr; auf nicht landwirtschaftlich genutzten Flächen das Gras am besten nur einmal schneiden. Altgras kann auch stehen bleiben.


Waldränder stufig gestalten mit geschwungenem Verlauf, besonnten Säumen und einer strukturreichen Krautschicht.


An geeigneten Stellen besonnte Stein- oder Holzhaufen aufschichten und offen halten.


Selbst im Privatgarten kann man mit ähnlichen Massnahmen Zauneidechsen Lebensraum bieten. Im Siedlungsgebiet muss man aber Katzen von Eidechsen-Standorten fernhalten; die Räuber können Reptilienbestände lokal vernichten!