Tier des Jahres 2006: Steinbock

Hörner gewunden wie Säbel und Kletterkünste sondergleichen zeichnen das Pro Natura Tier des Jahres 2006 aus. Die imposanten Hörner des Steinbocks – in zerriebener Form bis ins 18. Jahrhundert eine begehrte Arznei – und sein schmackhaftes Fleisch waren jedoch sein Verhängnis: 1809 wurde der zwischenzeitlich letzte Schweizer Steinbock im Wallis erlegt.

Heute leben wieder rund 14'000 dieser mäjestätischen Tiere in den Schweizer Bergen. Pro Natura hat dabei massgeblich mitgeholfen.
Wie das Pro Natura «Wappentier» wieder in die Schweiz zurück fand, liest sich wie ein Krimi. Diese erfolgreiche Wiederansiedlung, die vor genau 100 Jahren ihren Anfang nahm, macht den Steinbock zum Tier des Jahres 2006.

 

Der Steinbock (Capra ibex L.)
© Claude Mottier
© Claude Mottier

Der Körper ist gedrungen, muskulös, beinahe plump gebaut. Im Sommer ist das dichte, rauhe Fell gelblichbraun, die Beine dunkelbraun. Bauch und Spiegel sind weisslich. Der Winterpelz ist dunkler und weniger kontrastreich gefärbt. Im Laufe des Winters bleicht das Fell allerdings aus. Beide Geschlechter tragen Hörner (siehe Kapitel «Hornwachstum»). Die Böcke erreichen eine Höhe von einem Meter bei einem Körpergewicht von 80 bis 140 Kilogramm. Die Geissen sind kleiner: Bei einer Schulterhöhe von 80 cm bringen sie 50 Kilogramm auf die Waage.

Verbreitung
Der Alpensteinbock (C. i. ibex) kommt im Alpenbogen vor. Fünf weitere Unterarten leben im Kaukasus, in Zentralasien, im Nahen Osten, auf der Arabischen Halbinsel und den Bergländern Sudans und Äthiopiens.

Lebensraum und Nahrung
© Cornelia Marti
© Cornelia Marti

Lebensraum
Fast das ganze Jahr hindurch leben Steinböcke über der Waldgrenze in felsigen, reich gegliederten Hängen zwischen 1600 und 3200 m ü. M. Im Winter suchen die Tiere süd- bis südwestexponierte Hänge auf, wo die Schneedecke oft weniger mächtig ist. Im Frühling können sie durch den Wald bis in die Täler hinabsteigen. Hier fressen sie an aperen Stellen das erste frische Grün. Sommereinstände und Wintereinstände sind sehr verschieden. Geissenrudel und Jungtiere bevorzugen schwerer zugängliche und felsigere Gebiete als die Bocksrudel.

Nahrung
Gräser, Kräuter und niedrige Holzgewächse: Steinböcke sind wenig wählerisch bei der Wahl ihrer Nahrung, die sie auf alpinen Matten und Felsbändern finden. Im Winter ernähren sie sich von dürren Grasteilen und Polsterpflanzen, die sie unter dem Schnee hervorscharren oder an schneefreien Stellen suchen. Dank des kompliziert gebauten Wiederkäuermagens können Steinböcke diese schwer verdauliche Winterkost verwerten.

Verhalten und Fortpflanzung
© Stefan Gerth
© Stefan Gerth

Steinböcke sind vorwiegend tagaktiv. Nach Tagesanbruch verlassen sie ihre Liegeplätze, um Nahrung zu suchen. In der warmen Jahreszeit ruhen die Tiere zur Mittagszeit. Im Winter nutzen Steinböcke die kurzen Tage ohne Unterbruch für die Nahrungssuche.


Zur Fortpflanzung im Dezember suchen die geschlechtsreifen Böcke die Geissrudel auf. Nur im Winter zur Brunft leben die Hornträger in gemischten Gruppen, die sich aus Tieren aller Alters- und Geschlechtsklassen zusammensetzen. Während des restlichen Jahres leben die Böcke getrennt von Geissen und Jungtieren. Alte Böcke sind manchmal Einzelgänger. Die Rangordnung in Bockrudeln wird immer wieder neu ausgehandelt, Kämpfe sind deshalb an der Tagesordnung. Ältere, grössere Böcke mit längeren Hörnern sind dominant.


Nach einer Tragzeit von 22 bis 24 Wochen gebären die Geissen ab Anfang Juni ihr Junges. Zwillinge sind selten. Die Kitze werden meistens nur bis zum Herbst gesäugt, bleiben aber bis zu drei Jahren bei ihrer Mutter. Die Jungböcke verlassen dann die Gruppe und schliessen sich Bockrudeln an. Junge Geissen hingegen bleiben ihrem Rudel treu. In Weibchengruppen sind deshalb die meisten Tiere eng miteinander verwandt.

Hornwachstum
© Stefan Gerth
© Stefan Gerth

Das auffälligste Merkmal des Steinbocks ist sein Gehörn. Dieses kann bei Männchen besonders imposant werden, bei Weibchen bleibt es kleiner und feiner. Beim Bock kann dieser Kopfschmuck einen Meter lang werden, bei der Geiss 30 cm. Die Hörner bestehen aus einem Knochenzapfen, der zeitlebens Hornsubstanz bildet. Im Alter verlangsamt sich allerdings das Wachstum. Ab acht Jahren ist der jährliche Zuwachs nur noch gering.


Das Wachstum der Hörner hängt vom Zustand der Population, von Krankheiten und Witterung sowie der Ernährung ab. Hormone sorgen dafür, dass das Gehörn im Winter nicht weiterwächst. An den Hörnern bilden sich deshalb Jahrringe, die an der Hinterseite erkennbar sind und in günstigen Fällen sogar im Feld gesehen werden können. Die Wülste an der Vorderseite taugen hingegen nicht zur Altersbestimmung, da diese sogenannten Schmuckknoten nicht mit den Jahrringgrenzen übereinstimmen.

Wechselvolle Geschichte
© Stefan Gerth
© Stefan Gerth

Der Steinbock in den Alpen: das war nicht immer so. Knochensplitter und Zähne aus dem Drachenloch ob Vättis lassen vermuten, dass der Steinbock vor 18000 Jahren auf dem Territorium der heutigen Schweiz lebte. Bis Mitte des 15. Jahrhunderts war er noch über den ganzen Alpenbogen verbreitet. Dann kamen Feuerwaffen auf. Das bedeutete das Aus für den stolzen Alpenbewohner. Im Kanton Glarus wurde der Steinbock bereits 1550 ausgerottet. 1650 wurde das letzte Tier im Bündnerland gesichtet, zwischen 1750 und 1800 verschwand die Art aus dem Berner Oberland. 1809 wurde im Wallis der allerletzte Steinbock der Schweiz geschossen.


100 Jahre später begann die Rückkehr des Steinwildes in die Schweiz. Jungtiere wurden aus dem Gran Paradiso, dem letzten Vorkommen weltweit, in die Schweiz geschmuggelt und zuerst im Tierpark «Peter und Paul» in St. Gallen, ab 1914 auch im Tierpark «Harder», Interlaken, aufgezogen und gezüchtet. Am 8. Mai 1911 wurden im Gebiet der Grauen Hörner SG die ersten fünf Steinböcke freigesetzt. Heute leben in der Schweiz 14000 Tiere. Seit 1977 darf die Art wieder kontrolliert bejagt werden. Steinböcke sind aber nicht „jagdbar“ im Sinne des Gesetzes.


Die Wiederansiedlung des Steinbockes ist das erste Artenschutz-programm der Schweiz, das 1906 begann. 1916 wurde der Steinbock das Wappentier von Pro Natura, und noch heute ziert der stolze Hornträger unser Logo.

Steinböcke mit dem sechsten Sinn?
© Cornelia Marti
© Cornelia Marti

Steinböcke sind jahraus jahrein im Hochgebirge anzutreffen. Auch dann, wenn die Lawinensituation gefährlich ist und sich kein (vernünftiger) Mensch mehr auf eine Hochtour begibt. Haben deshalb diese Huftiere den sechsten Sinn für Lawinen? Wohl kaum. Lawinen sind als Todesursache «relativ häufig», schreibt Peter Lüps in einer Publikation des Naturhistorischen Museums Bern von 1978. Und auch Bernhard Nievergelt, Steinbockspezialist der Uni Zürich berichtet von häufigen Bergunfällen bei Steinböcken: «In besonders lawinengefährdeten Kolonien werden immer wieder Tiere von Lawinen mitgerissen, andere werden [...] vom Steinschlag getroffen.»


Dass sich das Steinwild im Winter meist an süd- bis südwestgerichteten Hängen aufhält, hat praktische Gründe. Die Schneedecke ist an solchen Expositionen meist schneller ausgedünnt oder weggeschmolzen, und die Tiere kommen dadurch leichter an ihre Nahrung heran.

Pro Natura und der Steinbock: Eine Erfolgsgeschichte
Steinwildaussetzung im Val Tantermozza am 7. Juli 1933
Val Tantermozza, 1933

Pro Natura hat einiges dazu beigetragen, dass der Steinbock heute wieder flächendeckend in unseren Alpen vorkommt.

 

Die führende Naturschutzorganisation der Schweiz war noch gar nicht gegründet, als der Steinbock 1906 aus Italien eingeschmuggelt wurde. Gegründet 1909 war sie jedoch schon bald massgebend an der Weiterverbreitung und am Erhalt der behenden Extremkletterer beteiligt.

Die ersten Steinböcke im Nationalpark: Beispielsweise hat Pro Natura die erste Wiederansiedlung im Kanton Graubünden ermöglicht. Das geschah im Nationalpark. Der damalige Schweizerische Naturschutz Bund – heute Pro Natura – hatte damals die Aufsicht und die Betreuung des Nationalparkes unter sich. Unter der Ägide von Pro Natura gelangen die ersten Steinböcke in den neu gegründeten Nationalpark – und breiteten sich aus.

Gegen Wilderei
Weiter schützte Pro Natura die Steinböcke vor Wilderei. Das ist rückblickend besonders wichtig, denn ohne diesen Schutz, wären viele der mühsam angesiedelten Steinböcke wieder abgeschossen worden und die Wiedereinbürgerung des Steinwildes wäre in Gefahr geraten. In den schwierigen Zeiten um den Ersten Weltkrieg war die Wilderei – auch von Steinböcken – eine Überlebensstrategie der Bergbevölkerung. Damit der eben mühsam aufgebaute Bestand der Steinböcke nicht gleich wieder gefährdet wurde, hat Pro Natura die Wildhut unterstützt: Sie bezahlte und erstellte Unterkünfte für Wildhüter. Noch heute besitzt Pro Natura im Aletsch-Gebiet eine solche Wildhüter-Herberge.

Dank Pro Natura weit verbreitet
Die heute flächendeckende Verbreitung des mäjestätischen Wildtieres in der Schweiz ist die Hauptleistung von Pro Natura in der Geschichte des Steinbocks.

Schon früh hat sich Pro Natura auf politischer Ebene für so genannte Umsiedlungen stark gemacht. Dies geschah nachdem sich die wilden Steinbock-Bestände langsam stabilisiert hatten und bereits wieder in gewissen Gebieten unter Druck des Menschen gerieten. Diese Umsiedlungen waren der eigentliche Grundstein dafür, dass heute Steinböcke nicht nur in einzelnen Gebieten im Gebirge vorkommen, sondern fast überall in den Alpen heimisch sind. Denn Steinböcke meiden natürlicherweise für sie unsichere Gegenden wie Talböden. Dieser Überlebenstrieb hindert die natürliche Ausbreitung einer Steinbock-Kolonie in benachbarte Gebiete.

 

Quellen:


Dänzer, L. (1979): Biologie einheimischer Wildarten: Steinbock. Schweiz. Dokumentationsstelle f. Wildforschung. Typoskript.
Lüps, P. (1978): Steinbock. Naturh. Museum Bern, Bern. Broschüre.
Pachlatko, T. (1999): Der Steinbock. Infodienst Wildbiologie+Oekologie 1/99, Zürich. Typoskript