Wilde Natur im Waldreservat Bremgartenwald © Matthias Sorg

Die liebsten «Wildnisinseln» der Pro Natura Mitarbeitenden

03.07.2020

Mit einer neuen Kampagne zeigt Pro Natura auf, wie Mensch und Natur von ganz unterschiedlichen Formen von Wildnis profitieren.

Hören wir Wildnis, löst das bei uns Menschen verschiedene Assoziationen aus. Viele Naturbegeisterte denken sofort an riesige, weitgehend unberührte Naturlandschaften wie etwa in Lappland, Grönland, Kanada. Dort findet sich tatsächlich Wildnis im wissenschaftlichen Sinn: Die International Union for Conservation of Nature (IUCN) definiert Wildnis als «ausgedehnte ursprüngliche oder nur leicht veränderte Gebiete, die ihren natürlichen Charakter bewahrt haben, in denen keine ständigen oder bedeutenden Siedlungen existieren».

In der Schweiz erfüllt nur der Nationalpark diese Anforderung. Viele Menschen denken beim Begriff Wildnis aber auch einfach an kleinere Flächen, die der Mensch nicht nutzt, pflegt oder gestaltet. Solche Flächen mit Wildnischarakter, in denen die Natur frei wirken kann, finden sich oft in Siedlungsnähe. Auf sie richten wir den Fokus dieser Ausgabe; Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Pro Natura stellen uns auf diesen Seiten ihre persönlichen «Wildnisinseln» vor und deren Wert für Mensch und Natur.

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Prächtige Bilder und exklusive Angebote runden das Lesevergnügen ab. Alle Pro Natura Mitglieder erhalten das Magazin exklusiv fünf Mal im Jahr. Es blickt auf 48 Seiten hinter die Kulissen politischer Entscheide, präsentiert Forschungsergebnisse, erklärt die Natur. Und es schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft.


«Eine schöne Unordnung»

Martina Spinelli in der Bolle di Magadino © Andrea Persico © Andrea Persico
Martina Spinelli in der Bolle di Magadino

«Jeder Gang in die Bolle di Magadino ist für mich eine Überraschung; ich weiss nie, was ich hier genau antreffe. Als Ornithologin habe ich natürlich das Auge auf die Vögel gerichtet, besonders während des Vogelzugs tauchen immer wieder neue Arten auf. Doch auch andere Spezies sorgen für Erstaunen; diesen Winter etwa eine Herde von Rothirschen, die das Delta durchquerte - schwimmend im kalten Wasser!

Komischerweise musste ich zuerst nach Südafrika gehen, um die Bolle wirklich kennenzulernen: Als ich während eines Studienprojekts über Affen Tage und Wochen im Busch ausharrte, begann ich mich immer stärker für all das zu interessieren, was mir um die Ohren flog. Und so wurden nach meiner Heimkehr die Mündungen des Ticino und der Verzasca in den Lago Maggiore zur neuen Heimat. Bin ich dort, kann ich meinen Kopf völlig  abschalten und mich auf meine Sinne verlassen: Ich sehe, ich höre, ich rieche, ich komme zur inneren Ruhe und vergesse die nahe Zivilisation.

Auch die Landschaft präsentiert sich in diesem Naturschutzgebiet immer wieder anders; mal kann der Wind eine Schneise in den Wald reissen, mal steht das Wasser im Auenwald weit über unseren Knöcheln. Im ganzen Wald herrscht eine schöne Unordnung, es ist ein kleiner mehrstufiger Dschungel, und auf jedem Stockwerk hat es immer wieder andere Bewohnerinnen - eben eine wahre Überraschungstüte!»

Martina Spinelli betreut bei der Tessiner Sektion von Pro Natura die Umweltbildung.

«Es duftet herrlich nach feuchter Erde und Moos»

Pia Tresch-Walker am Alpbach © Fabian Biasio © Fabian Biasio
Pia Tresch-Walker am Alpbach

«Nur wenige Leute kennen diese bezaubernde kleine Schlucht oberhalb von Erstfeld. Der Zugang erfolgt über einen 150 Meter langen, dunklen Stollen, dessen Eingang kaum zu erkennen ist. Was einen dann am  Ausgang erwartet, ist gewaltig. Man schaut direkt in eine moosüberwachsene Schlucht hinein, durch die sich der wilde Alpbach schlängelt. Überall liegen Baumstämme und Gesteinsbrocken herum. Es duftet herrlich nach feuchter Erde und Moos. Natur pur!

Am liebsten komme ich am frühen Vormittag hierher, wenn die ersten Sonnenstrahlen die Schlucht erreichen und das Wasser und die Steine zu glitzern beginnen. Leider wird dem Alpbach schon bald ein Teil des Wassers entzogen. Etwas oberhalb von hier wurde jüngst ein Stollen herausgesprengt, der das Wasser zu einem neuen Kraftwerk führen wird. Im Dezember geht die erste Maschine in Betrieb. Ein Trost ist mir, dass die obere Strecke des Bachs vor Eingriffen geschützt werden konnte.»

Pia Tresch-Walker ist Geschäftsführerin von Pro Natura Uri.

«Ein Stück Wildnis geht verloren»

Andrea Haslinger in der Rehag-Grube © Annette Boutellier © Annette Boutellier
Andrea Haslinger in der Rehag-Grube

«Die Rehhag-Grube in Bümpliz ist ein aussergewöhnlicher Ort, wild und schön. Regelmässig komme ich mit dem Fahrrad hierher, setze mich mit dem Feldstecher an den Rand der Grube oder streife herum und lasse mich bezaubern. Einst wurde hier Ton abgebaut. Als sich das nicht mehr rechnete, überliess man die Grube der Natur. Zwischen Steinblöcken und Tümpeln wuchern nun Weiden, Schachtelhalme und harte Gräser. Die Sumpf-Stendelwurz blüht zu Hunderten, Libellen jagen über dem Schilf, in Dutzenden von Kleingewässern tummeln sich Molche, Frösche und Gelbbauchunken.

Die Rehhag-Grube ist wahrscheinlich das artenreichste Areal in der ganzen Gemeinde Bern. Nun aber wird die Grube mit Bauschutt aufgefüllt und anschliessend renaturiert. Damit wird dieser wilde Ort zu einem gutschweizerisch geregelten Raum - mit Feuerstelle und Besucherlenkung. Damit geht ein Stück Wildnis in Stadtnähe verloren, wohl auch ein Teil der Artenvielfalt.»

Andrea Haslinger arbeitet im Pro Natura Zentralsekretariat, betreut Schutzgebiete und Projekte zur Förderung der Natur im Siedlungsraum.

«Ein Hauch von Provence vor der Türe»

Fabia Vulliamoz im Schutzgebiet Chassagne d’Onnens © Florence Kupferschmid © Florence Kupferschmid
Fabia Vulliamoz im Schutzgebiet Chassagne d’Onnens

«Das Schutzgebiet Chassagne d’Onnens auf dem Rücken des Mont d’Aubert hebt sich vom Fuss des Juras durch seine mediterrane Vegetation ab. Als meine Kinder  noch klein waren, begrüssten wir dort an Ostern jeweils den Frühling. Dank des besonderen Klimas konnte man sich nach den letzten Nächten mit Raureif einfach ins Gras legen und die Wärme des Bodens spüren. Wir versteckten die Eier in Löchern der Steineichen oder hinter dornigem Gebüsch. Ich musste meine Kinder manchmal davor warnen, nicht zu nahe an die Steinhaufen heranzutreten, wo sich zum Teil Aspisvipern aufwärmten.

Mittlerweile sind die Kinder gross, und trotzdem gehe ich dort noch immer gerne alleine spazieren. Wenn der Wiesensalbei blüht und die Sonne intensiv scheint, setze ich mich gerne hin und bewundere Orchideen in all ihren Details. Ich lausche dem Zirpen der Grillen, zucke zusammen, wenn unverhofft eine Smaragdeidechse davonhuscht. In der Ferne sieht man den Neuenburgersee, das Hinterland der Waadt und am Horizont die Alpen. Die Chassagne ist magisch, und ich lasse mich noch so gern verzaubern. Wir müssen diese grossartige Landschaft und die wilde Natur um jeden Preis bewahren.»

Fabia Vulliamoz arbeitet im Pro Natura Zentrum Champ-Pittet am Neuenburgersee. Sie leitet das Sekretariat und ist zuständig für die Kunstausstellungen.

«Reiche Natur auf kleinstem Raum»

Philip Taxböck im Schutzgebiet Chollerwies © Fabian Biaso © Fabian Biaso
Philip Taxböck im Schutzgebiet Chollerwies

«Nur wenige Schritte vom Bahnhof in Schlatt entfernt hat eine Biberfamilie dieses kleine Naturparadies geschaffen. Besonders fasziniert bin ich vom Tempo dieser Entwicklung. Etwa 2012 tauchten in unserem Schutzgebiet Chollerwies die ersten Biber auf und begannen mit ihren Bauwerken: Sie fällten Weiden und Pappeln, stauten den Mülibach und errichteten mehrere Dämme. In den Jahren darauf ist ein kleiner Auenwald entstanden, der von zahlreichen Vögeln, Libellen, Reptilien und Amphibien bevölkert wird. Erstaunlich finde ich auch, wie sich eine derart reiche Natur auf einem so kleinen Raum und mitten im Kulturgebiet etablieren kann, in einem Dreieck zwischen Kantonsstrasse, Bahngleisen und Intensivlandwirtschaft.

Seit 2016 sind die Biber auch weiter unten am Bach aktiv - und wir sorgen dafür, dass sich das Wasser nicht zu hoch staut. Oft nehme ich meine Kinder mit, sie sind fasziniert von den Bauwerken der Biber und suchen nach Erdhäufchen, die mit Bibergeil durchtränkt sind, einem Markierungssekret, das heutzutage nur noch in der Parfümerie verwendet wird.»

Philip Taxböck arbeitet für Pro Natura Thurgau und leitet die Ostschweizer Aktion «Hallo Biber & Co.».

«Dieser Ort hat mich nachhaltig geprägt»

Jérémy Savioz im Pfynwald © Florence Kuperschmid © Florence Kuperschmid
Jeremy Savioz im Pfynwald

«Der Pfynwald ist ein sagenhafter Ort, aus verschiedenen Gründen: Es ist einer der grössten zusammenhängenden Föhrenwälder Europas mit einem der letzten wilden Flussabschnitte der Schweiz. Seine chaotische Struktur ist eine Hinterlassenschaft der letzten Eiszeit. Hier treffen mediterranes und alpines Klima aufeinander, das hat eine einmalige Biodiversität hervorgebracht. Ökologisch ist der Pfynwald ein Ort der Superlative. Ich hatte das Glück, in unmittelbarer Nähe dieses Kleinods aufzuwachsen, das mein Leben nachhaltig geprägt hat: mein Umweltbewusstsein, meine Leidenschaft für die Ornithologie und meinen Entschluss, Geografie zu studieren. Besonders mochte ich es, am Ufer der wilden Rhone Vögel zu beobachten, so etwa den Flussregenpfeifer und den Flussuferläufer.

Die Vielfalt an Lebensräumen im Pfynwald ist bemerkenswert: ein weitläufiger Föhrenwald, die wilde Rhone mit ihren Auen, der Rottensand - eine einmalige Steppenlandschaft in der Schweiz, reich an Pflanzen und Insekten - verschiedene Kleingewässer und ein Bereich mit extensiver Landwirtschaft. Der Pfynwald gehört zum Bundesinventar der zu erhaltenden Landschaften von nationaler Bedeutung, die Rhone bildet hier eines der bedeutendsten Auenschutzgebiete der Schweiz. Der Pfynwald steht im Zentrum der Arbeit von Pro Natura Wallis, die sich seit ihren Anfängen um den Schutz dieses einmaligen Gebiets kümmert.» 

Jérémy Savioz ist Geschäftsführer von Pro Natura Wallis.

«Die Bäume winden sich und bilden bizarre Formen»

Lesly Helbling auf der Rumpelfluh © Raphael Weber © Raphael Weber
Lesly Helbling auf der Rumpelfluh

«Weiter unten, auf den breiten Forstwegen des Bannwalds, sind mehr Leute unterwegs: Hündeler, Jogger, Spaziergänger. Hier auf die Rumpelfluh verirren sich aber  nur wenige Leute. Kommt noch schlechtes Wetter hinzu und schluckt der Regen die Geräusche der Zivilisation,wähne ich mich hier oben in der abgeschiedenen Wildnis - und nicht in unmittelbarer Nähe der Stadt Olten.

Auch die Vegetation verändert sich abrupt: Weiter unten dominieren mächtige Buchen den Wald, doch auf diesem  kargen und exponierten Felsgrat kommen mehrere andere Bäume hinzu: Föhren, Eichen, Eiben, Mehlbeeren.Sie winden sich, bilden teils bizarre Formen, bleiben kleinwüchsig und knorrig.

Häufig beobachte ich hier oben Kolkraben. Sie faszinieren  mich mit ihrem Gesangsrepertoire und ihren Flugkünsten.Gerne schaue ich ihnen zu, wie sie übers Tal hinweggleiten, und kann mich dabei auch einmal verlieren und stundenlang auf einem Felssporn sitzen bleiben.»

Lesly Helbling arbeitet im Pro Natura  Zentralsekretariat und betreut Projekte zurFörderung der Biodiversität im Wald.