Monotone, ausgeräumte Ackerlandschaft Matthias Sorg
25.06.2020

Interview mit Biologe Karl Martin Tanner: «Draussen herrscht der gleiche Ordnungsdrang wie drinnen»

Warum tun sich viele Schweizerinnen und Schweizer schwer mit wilden Landschaftselementen? Landschaftshistoriker Karl Martin Tanner spricht über unseren Ordnungssinn, den Nutzungsdruck und den Plan Wahlen.

Pro Natura Magazin: Spiegeln unsere aufgeräumten Land­schaften unsere sprichwörtliche Ordentlichkeit wider?

Karl Martin Tanner: Das kann man sicher so sagen. Es stellt sich aber sogleich die Frage, weshalb der Ordnungssinn gerade in der Schweiz so ausgeprägt ist. Dies dürfte nicht unwesentlich mit dem grossen Nutzungsdruck zusammenhängen. In unserem Land ist die landwirtschaftlich verfügbare Fläche relativ gering, und die Dichte der Besiedlung ist hoch. Da will man eben mög­lichst jeden Quadratmeter des kostbaren Bodens ordentlich be­bauen – was dann diese Aufgeräumtheit erzeugt, die von aus­ ländischen Touristen oft als Charakteristikum unseres Landes genannt wird.

Seit der Mitte des letzten Jahrhunderts haben wilde Land­schaftselemente wie Gestrüppe, Baumgruppen, Steinhaufen, Sümpfe, offene Bachläufe massiv abgenommen. Ist diese Entwicklung auch eine Folge dieses Nutzungsdrucks?

Ich würde es so sagen: Man hat sich zu allen Zeiten von der Fra­ge leiten lassen, wie das beste Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag zu erreichen wäre. Für jedes der erwähnten Landschaftselemente müsste man eine eigene Geschichte schreiben. Nehmen wir zum Beispiel die Hecken: Sie waren im 19. Jahr­hundert primär wegen der Holzknappheit weit verbreitet. So konnte man Bretter und Pfähle für Abschrankungen einsparen. Später, als Draht und Stacheldraht in grosser Menge und er­ schwinglich verfügbar geworden waren, wurden damit diese «Lebhäge» ersetzt und auch noch Platz gespart. Schritt für Schritt wurde so die Landschaft heckenarm gemacht. Doch mittlerweile ist eine Gegenbewegung eingetreten: Man bringt dieses für die Biodiversität so wichtige Element wieder in die Landschaft zu­rück – jetzt aus naturschützerischen Überlegungen.

Unsere Gewässer wurden noch bis vor wenigen Jahrzehnten gezähmt und in Korsette gedrückt. Waren hier der Platz­ gewinn oder die vermeintliche Risikominimierung die Ursache?

Sicher beides. Im 19. Jahrhundert setzten gross angelegte Fluss­begradigungen ein und noch bis in die 1970er­Jahre wurden die Ufer unserer Flüsse mit riesigen ortsfremden Blocksteinen sys­tematisch zugeschüttet. Dadurch sind im grossen Stil Natur­werte zerstört worden. Es gibt heute in der Schweiz keine gros­sen Flüsse mehr, die frei fliessen; sie sind alle bis fast zu ihren Quellen gebändigt. Immerhin hat man damit begonnen, die Flüsse zu revitalisieren, denn man sieht nicht nur den ökologi­schen, sondern auch den wirtschaftlichen Wert von natürliche­ren Flussabschnitten.

Dagegen gibt es aber auch Widerstand, vor allem von land­wirtschaftlichen Kreisen.

Das ist so, doch heute kann man den Betroffenen wissenschaft­lich fundiert aufzeigen, dass zuletzt alle von grossräumigeren Gewässerlandschaften profitieren. Viele Landeigentümer haben inzwischen auch gesehen, dass es besser ist, bei Hochwasser die Wassermassen in definierten Flächen aufzufangen, als sie auf langen Strecken unkontrolliert Schäden anrichten zu lassen.

Geht die schweizerische Einstellung, buchstäblich jeden Quadratmeter nutzen zu wollen, auf den Plan Wahlen im Zweiten Weltkrieg zurück, der die Selbstversorgung zum Ziel hatte?

Zweifellos. Hier reden wir vor allem von einem interessanten «Kopf­-Problem»: Die maximal optimierte landwirtschaftliche Nutzung jedes irgendwo zur Verfügung stehenden Quadrat­meters Land wurde überall propagiert und hat sich in vielen Köpfen als hohes Ideal festgesetzt – unreflektiert. Und dieses Ideal hat sich unglaublich lang über die Kriegszeit hinaus gehal­ten. Jetzt kommen aber da und dort neue Denkansätze ins Spiel; für einen Teil der neuen Generation von Landwirtinnen und Landwirten steht die Intensivproduktion nicht mehr über allem.

Dies scheint aber ein langwieriger Prozess zu sein.

Ja, den Bauern und Bäuerinnen wurde eben lange genug einge­impft, dass sie ihre Erträge zu optimieren hätten, und wie dies durch Mechanisierung und Industrialisierung geschehen sollte. Störende Elemente für die grossen Maschinen mussten entfernt werden, was eine Trivialisierung der Landschaft bewirkte. Be­feuert wurde diese Entwicklung durch die Düngung. Artenreiche Flächen haben so innert weniger Jahre massive Biodiversitäts­verluste erlitten. Die einst verbreiteten bunten Blumenwiesen wurden zur Seltenheit. Aber man muss schon sehen, diese Ent­wicklung lief Hand in Hand mit dem Zerfall der Preise für die Produkte der Landwirtschaft. Wollte ein Landwirt sein Einkom­men einigermassen halten, musste er intensivieren. Dank der ökologischen Ausgleichszahlungen kann man jetzt aber auch mit ungedüngten Flächen Einkommen generieren, und das ist enorm wichtig.

Zum Schluss: Spiegelt sich unsere Ordentlichkeit auch in unseren Gärten wider?

Das ist oft der Fall, hier aber nicht aus ökonomischen Über­legungen. Der Garten ist sozusagen ein Abbild der Inneneinrich­tung eines Hauses, er wirkt wie eine ausgelagerte Stube mit versiegelten Plätzen und Sofamöbeln – so wie das in den Werbe­prospekten der Gartencenter dauernd propagiert wird. Draussen herrscht der gleiche Ordnungsdrang wie drinnen. Die Artengarnitur ist bescheiden. Wenn wir nur schon ein wenig vom Nützlings­-Schädlings­-Denken wegkämen, gäbe es viel mehr Viel­falt in unseren Gärten.

Aber ist auch hier die Talsohle durchschritten? Früher stand man ja schnell im Verruf, seinen Garten nicht im Griff zu haben, wenn man diesen nicht ordentlich heraus­putzte. Mittlerweile aber trifft man wilde Naturgärten im­mer häufiger an.

Da bin ich mir nicht so sicher. Die Förderung von Naturelemen­ten im Siedlungsraum hat generell einen schweren Stand. Das Potenzial für Naturgärten wäre noch immens. Als Grundlage bräuchte es nach wie vor viel Aufklärung und Wissensvermitt­lung. Das Auge will geschult sein, soll es die vielen kleinen Wunder, die täglich um uns herum geschehen, entdecken kön­nen. Geöffnete Augen suchen Vielfalt und freuen sich daran. Eine vornehme Aufgabe für Pro Natura!

Raphael Weber, Chefredaktor Pro Natura Magazin

 

Der Biologe Karl Martin Tanner war langjähriger Oberassistent an der Professur für Natur- und Landschaftsschutz an der ETH Zürich und Dozent für Didaktik des Sachunterrichts an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz. Seit 2014 arbeitet er als freischaffender Natur- und Landschaftshistoriker. Zum Landschaftswandel in der Region Basel hat er zwei Bücher veröffentlicht.

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Info

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

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