Interview mit Biologe Karl Martin Tanner: «Draussen herrscht der gleiche Ordnungsdrang wie drinnen»
Pro Natura Magazin: Spiegeln unsere aufgeräumten Landschaften unsere sprichwörtliche Ordentlichkeit wider?
Karl Martin Tanner: Das kann man sicher so sagen. Es stellt sich aber sogleich die Frage, weshalb der Ordnungssinn gerade in der Schweiz so ausgeprägt ist. Dies dürfte nicht unwesentlich mit dem grossen Nutzungsdruck zusammenhängen. In unserem Land ist die landwirtschaftlich verfügbare Fläche relativ gering, und die Dichte der Besiedlung ist hoch. Da will man eben möglichst jeden Quadratmeter des kostbaren Bodens ordentlich bebauen – was dann diese Aufgeräumtheit erzeugt, die von aus ländischen Touristen oft als Charakteristikum unseres Landes genannt wird.
Seit der Mitte des letzten Jahrhunderts haben wilde Landschaftselemente wie Gestrüppe, Baumgruppen, Steinhaufen, Sümpfe, offene Bachläufe massiv abgenommen. Ist diese Entwicklung auch eine Folge dieses Nutzungsdrucks?
Ich würde es so sagen: Man hat sich zu allen Zeiten von der Frage leiten lassen, wie das beste Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag zu erreichen wäre. Für jedes der erwähnten Landschaftselemente müsste man eine eigene Geschichte schreiben. Nehmen wir zum Beispiel die Hecken: Sie waren im 19. Jahrhundert primär wegen der Holzknappheit weit verbreitet. So konnte man Bretter und Pfähle für Abschrankungen einsparen. Später, als Draht und Stacheldraht in grosser Menge und er schwinglich verfügbar geworden waren, wurden damit diese «Lebhäge» ersetzt und auch noch Platz gespart. Schritt für Schritt wurde so die Landschaft heckenarm gemacht. Doch mittlerweile ist eine Gegenbewegung eingetreten: Man bringt dieses für die Biodiversität so wichtige Element wieder in die Landschaft zurück – jetzt aus naturschützerischen Überlegungen.
Unsere Gewässer wurden noch bis vor wenigen Jahrzehnten gezähmt und in Korsette gedrückt. Waren hier der Platz gewinn oder die vermeintliche Risikominimierung die Ursache?
Sicher beides. Im 19. Jahrhundert setzten gross angelegte Flussbegradigungen ein und noch bis in die 1970erJahre wurden die Ufer unserer Flüsse mit riesigen ortsfremden Blocksteinen systematisch zugeschüttet. Dadurch sind im grossen Stil Naturwerte zerstört worden. Es gibt heute in der Schweiz keine grossen Flüsse mehr, die frei fliessen; sie sind alle bis fast zu ihren Quellen gebändigt. Immerhin hat man damit begonnen, die Flüsse zu revitalisieren, denn man sieht nicht nur den ökologischen, sondern auch den wirtschaftlichen Wert von natürlicheren Flussabschnitten.
Dagegen gibt es aber auch Widerstand, vor allem von landwirtschaftlichen Kreisen.
Das ist so, doch heute kann man den Betroffenen wissenschaftlich fundiert aufzeigen, dass zuletzt alle von grossräumigeren Gewässerlandschaften profitieren. Viele Landeigentümer haben inzwischen auch gesehen, dass es besser ist, bei Hochwasser die Wassermassen in definierten Flächen aufzufangen, als sie auf langen Strecken unkontrolliert Schäden anrichten zu lassen.
Geht die schweizerische Einstellung, buchstäblich jeden Quadratmeter nutzen zu wollen, auf den Plan Wahlen im Zweiten Weltkrieg zurück, der die Selbstversorgung zum Ziel hatte?
Zweifellos. Hier reden wir vor allem von einem interessanten «Kopf-Problem»: Die maximal optimierte landwirtschaftliche Nutzung jedes irgendwo zur Verfügung stehenden Quadratmeters Land wurde überall propagiert und hat sich in vielen Köpfen als hohes Ideal festgesetzt – unreflektiert. Und dieses Ideal hat sich unglaublich lang über die Kriegszeit hinaus gehalten. Jetzt kommen aber da und dort neue Denkansätze ins Spiel; für einen Teil der neuen Generation von Landwirtinnen und Landwirten steht die Intensivproduktion nicht mehr über allem.
Dies scheint aber ein langwieriger Prozess zu sein.
Ja, den Bauern und Bäuerinnen wurde eben lange genug eingeimpft, dass sie ihre Erträge zu optimieren hätten, und wie dies durch Mechanisierung und Industrialisierung geschehen sollte. Störende Elemente für die grossen Maschinen mussten entfernt werden, was eine Trivialisierung der Landschaft bewirkte. Befeuert wurde diese Entwicklung durch die Düngung. Artenreiche Flächen haben so innert weniger Jahre massive Biodiversitätsverluste erlitten. Die einst verbreiteten bunten Blumenwiesen wurden zur Seltenheit. Aber man muss schon sehen, diese Entwicklung lief Hand in Hand mit dem Zerfall der Preise für die Produkte der Landwirtschaft. Wollte ein Landwirt sein Einkommen einigermassen halten, musste er intensivieren. Dank der ökologischen Ausgleichszahlungen kann man jetzt aber auch mit ungedüngten Flächen Einkommen generieren, und das ist enorm wichtig.
Zum Schluss: Spiegelt sich unsere Ordentlichkeit auch in unseren Gärten wider?
Das ist oft der Fall, hier aber nicht aus ökonomischen Überlegungen. Der Garten ist sozusagen ein Abbild der Inneneinrichtung eines Hauses, er wirkt wie eine ausgelagerte Stube mit versiegelten Plätzen und Sofamöbeln – so wie das in den Werbeprospekten der Gartencenter dauernd propagiert wird. Draussen herrscht der gleiche Ordnungsdrang wie drinnen. Die Artengarnitur ist bescheiden. Wenn wir nur schon ein wenig vom Nützlings-Schädlings-Denken wegkämen, gäbe es viel mehr Vielfalt in unseren Gärten.
Aber ist auch hier die Talsohle durchschritten? Früher stand man ja schnell im Verruf, seinen Garten nicht im Griff zu haben, wenn man diesen nicht ordentlich herausputzte. Mittlerweile aber trifft man wilde Naturgärten immer häufiger an.
Da bin ich mir nicht so sicher. Die Förderung von Naturelementen im Siedlungsraum hat generell einen schweren Stand. Das Potenzial für Naturgärten wäre noch immens. Als Grundlage bräuchte es nach wie vor viel Aufklärung und Wissensvermittlung. Das Auge will geschult sein, soll es die vielen kleinen Wunder, die täglich um uns herum geschehen, entdecken können. Geöffnete Augen suchen Vielfalt und freuen sich daran. Eine vornehme Aufgabe für Pro Natura!
Raphael Weber, Chefredaktor Pro Natura Magazin
Der Biologe Karl Martin Tanner war langjähriger Oberassistent an der Professur für Natur- und Landschaftsschutz an der ETH Zürich und Dozent für Didaktik des Sachunterrichts an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz. Seit 2014 arbeitet er als freischaffender Natur- und Landschaftshistoriker. Zum Landschaftswandel in der Region Basel hat er zwei Bücher veröffentlicht.
Weiterführende Informationen
Info
Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.
Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Prächtige Bilder und exklusive Angebote runden das Lesevergnügen ab. Alle Pro Natura Mitglieder erhalten das Magazin exklusiv fünf Mal im Jahr. Es blickt auf 48 Seiten hinter die Kulissen politischer Entscheide, präsentiert Forschungsergebnisse, erklärt die Natur. Und es schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft.