Nationalpark Raphael Weber
20.10.2021 Biodiversitätskrise

Dringender Nachholbedarf für die Schweiz

Kommentar von Urs Tester

Um den Verlust der Biodiversität aufzuhalten, braucht es in der Schweiz deutlich mehr Schutzgebietsfläche, die auch besser vernetzt ist.

Die Naturvielfalt in der Schweiz ist in der Krise. Tier- und Pflanzen­arten stehen vor dem Aussterben. Die Insektenwelt nimmt ab. Von typischen Lebensräumen wie Mooren, Flussauen oder Trockenrasen sind nur noch letzte Reste übrig geblieben. Damit der Rückgang der Biodiversität gestoppt werden kann, braucht es eine Umkehr zu einer nachhaltigen Landnutzung und gleichzeitig Gebiete, in denen die Natur Vorrang hat: Schutzgebiete.

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Vor 150 Jahren hat etwa die Schweiz die Übernutzung ihrer Wälder gestoppt. Anstatt Kahlschlag gilt seither nachhaltiger naturnaher Waldbau als Nutzungs­prinzip. Doch weil auch in einem naturnah bewirtschafteten Wald gewisse Naturprozesse und Entwicklungs­stadien fehlen, braucht es ergänzend zur naturnahen Nutzung Waldreservate – also Schutzgebiete, in denen sich zum Beispiel die natürliche Dynamik ungehindert entfalten kann.

Kleinflächige Naturreste genügen nicht

Während sich unsere Wälder vom Raubbau des 19. Jahrhunderts erholen, wiederholen wir die Fehlentwicklung in der Kulturlandschaft. Hier stehen kleinflächige Naturreste wie Rettungsinseln mitten im Meer einer immer intensiver genutzten und immer stärker überbauten Landschaft. Doch in der jetzigen Form können sie den Rückgang der Naturvielfalt nicht aufhalten.

Tier- und Pflanzenarten kann man nicht auf kleiner Fläche konservieren. Sie brauchen Raum, damit sie als Lebensgemeinschaft funktionieren können. Wissenschaftler rund um den Globus schätzen, dass es 30 Prozent der Land- und Wasserflächen als Schutzgebiete braucht, damit der Rückgang der Biodiversität aufgehalten werden kann; davon ist die Schweiz noch weit entfernt.

Schutzgebiete brauchen mehr Schutz

Doch nicht nur die Fläche zählt: Schutzgebiete müssen auch betreut und weiterentwickelt werden. Das ist nicht einmal bei den Biotopen von nationaler Bedeutung sichergestellt. Selbst die Kantone schätzen den Schutz ihrer eigenen Gebiete als ungenügend ein. Es fehlt an Geld und Personal für die Umsetzung. So lassen etwa Nährstoffe aus der intensiv genutzten Umgebung die Naturwerte in den Schutzgebieten weiter abbröckeln. Ausnahmebestimmungen zugunsten von Nutzungen durchlöchern die Wirkung wie einen Schweizer Käse. Und werden ausnahmsweise Aufwertungen von Naturschutzgebieten, Erweiterungen oder gar neue grosse Schutzgebiete geplant, stossen sie auf Unverständnis und Widerstand. So hat es die Schweiz in über hundert Jahren nicht geschafft, einen neuen Nationalpark zu gründen.

Wie aber kommt die Schweiz zu einem umfassenden und wirksamen Schutzgebietsnetz? In ihrem neuen Standpunkt Schutzgebiete wird sich Pro Natura eingehend mit dieser Frage beschäftigen.

Bund und Kantone sind gefordert

Pro Natura selber versucht, mit gutem Beispiel voranzugehen: Über die ganze Schweiz verteilt sichern wir über 700 Naturschutzgebiete und leisten damit einen wichtigen Beitrag an den Erhalt der Biodiversität in der Schweiz. Ich freue mich beim Besuch unserer Naturschutzgebiete, die eine oder andere positive Entwicklung zu sehen, die dank dem Einsatz der engagierten Freiwilligen, der Angestellten und Ihnen als Pro Natura Mitglied möglich wurde.

Doch dieses grosse Engagement genügt leider nicht. Denn der Umgang mit vielen eidgenössischen, kantonalen und kommunalen Schutzgebieten sieht anders aus: Sie werden vernachlässigt und spiegeln damit die Geringschätzung wider, welche die Gesellschaft der Natur entgegenbringt. Jedes Stück eines Schutzgebietes, das einer Umfahrungsstrasse, einer Hafen­anlage, einem Wasserkraftwerk oder sonst einer Einrichtung geopfert wird, jeder Regierungsentscheid zur Kürzung der finanziellen Mittel für Schutzgebiete zeigt: Wir haben noch immer nichts vom unendlichen Wert der Biodiversität verstanden.

URS TESTER leitet bei Pro Natura die Abteilung Biotope und Arten.

Schutzgebiet Auried
Deshalb braucht die Schweiz eine Biodiversitätsinitative
Je nach Zählweise hat die Natur in der Schweiz gerade mal auf sechs bis vierzehn Prozent der Landesfläche Vorrang. Deutlich zu wenig, meint auch Pro Natura und hält mit den Partnerorganisationen an der Biodiversitätsinitiative fest.

Weiterführende Informationen

Info

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

Das Pro Natura Magazin nimmt Sie mit in die Natur. Es berichtet über kleine Wunder, grosse Projekte und spannende Persönlichkeiten. Prächtige Bilder und exklusive Angebote runden das Lesevergnügen ab. Alle Pro Natura Mitglieder erhalten das Magazin exklusiv fünf Mal im Jahr. Es blickt auf 48 Seiten hinter die Kulissen politischer Entscheide, präsentiert Forschungsergebnisse, erklärt die Natur. Und es schildert, wo, wie und warum Pro Natura für die Natur kämpft.