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17.10.2022 Umweltpolitik

«Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren!»

Romain Borcard hat im Genfer Quartier Les Pâquis auf fünf Parkplätzen Asphalt entfernt, um den Boden zu entsiegeln und Gemeinschaftsgärten einzurichten.

Pro Natura Magazin: Am 22. Juni 2022 haben Sie mit rund 15 Mitgliedern des Vereins Umverkehr und des Anwohnervereins Survap auf insgesamt fünf Parkplätzen in der Rue des Pâquis den Asphalt aufgerissen. Warum?

Romain Borcard: Wir wollten symbolisch und praktisch an die Dringlichkeit erinnern, mit der wir unsere Städte dem Klimawandel anpassen müssen. Wir wollten Anwohnerinnen und Passanten die Möglichkeit geben, ein von Beton dominiertes Quartier zu begrünen und zu entsiegeln.

Und warum so?

Weil wir keine Zeit mehr verlieren dürfen. Trotz einer ehrgeizigen Klimastrategie, die jedes Jahr 10 000 Quadratmeter öffent­liche Fläche entsiegeln und ein Drittel der Parkplätze in Wohnquartieren aufheben will, haben weder die Stadt noch der ­Kanton Genf einen konkreten Plan. Wir wollten zeigen, dass sich Dinge schnell ändern können, wenn man sich gemeinsam organisiert. Bäume pflanzen, Gärten anlegen…

Uns war selbstverständlich bewusst, dass das Ergebnis nicht von Dauer sein würde. Und trotzdem erzeugen solche Pop-up-Aktionen Sichtbarkeit – man kann sich einen gemeinschaftlichen und sattgrünen Stadtraum zumindest vorstellen. Und es hat funktioniert! Die Stadt strebt nun ein schnelleres Vorgehen an.

Was ist Ihre persönliche Motivation für solche Aktionen?

Als Geograf sehe ich mich täglich der Komplexität des Klimawandels gegenüber. Ich kann aber nicht einfach zusehen, ich muss etwas tun. Gewaltfreie Aktionen sind dabei zentral: Sie senden ein starkes Signal an den Staat mit dem Ziel, auf lokaler Ebene etwas in Bewegung zu bringen und einen Systemwechsel zu bewirken.

Das heisst?

Mit dem Kampf gegen den motorisierten Verkehr etwa rücken wir das soziale ­Gefälle ins Rampenlicht. In Les Pâquis brauchte es 15 Jahre erbitterter Kämpfe von Anwohnern und Vereinen, bis die Place de la Navigation umgestaltet wurde, es dauerte Jahrzehnte, um die Fuss­gängerzone entlang der Schulen durch­zusetzen, und eine zehn Jahre alte Forderung, die einen Baum versprach, ist noch immer nicht erfüllt. Dieses Quartier ist ­eines der am stärksten vernachlässigten im ganzen Kanton mit nur 5 Prozent Baumkronenfläche, unablässigem Verkehr und einer ständigen Zunahme von Lärm- und Geräuschpegel. Ganz anders im Quartier Chapel, wo 30 Prozent der ­Fläche von Baumkronen bedeckt sind.

Und wie geht es nun weiter?

Es laufen mehrere Projekte mit anderen ­Bewegungen und Organisationen für eine bessere Begehbarkeit unserer Städte, ­namentlich die «Städte-Initiative», die auch in vielen anderen Schweizer Städten lanciert wurde, und die Mobilisierung ­gegen den Ausbau von Autobahnen. Und die zahlreichen ökologischen Vorstösse wirken: Die Klage gegen unsere Aktion vom 22. Juni wurde zurückgezogen – ein Zeichen, dass die Stadtregierung den Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern sucht und deren Lösung ernst nimmt, ­damit wir uns an die Herausforderungen des Klimawandels anpassen können. mr

Romain Borcard

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Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

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