Die Besorgnis über Ewigkeitschemikalien wächst
Noch in den 1990er-Jahren wurde er den Landwirtinnen und Landwirten als wahres Wundermittel angepriesen: Klärschlamm – genauso wirksam wie Gülle oder Mineraldünger, und erst noch gratis bei den Abwasserreinigungsanlagen zu beziehen. Doch dann stellte sich heraus, dass das Ausbringen dieses Düngers auf die Felder alles andere als harmlos war. Klärschlamm enthält nicht nur Pflanzennährstoffe wie Phosphor und Stickstoff, sondern oft auch giftige Schwermetalle und schwer abbaubare organische Verbindungen, darunter PFAS. Klärschlamm ist deshalb als Dünger seit 2006 in der Schweiz verboten, er gilt mittlerweile als Abfall und muss bei Temperaturen von gegen 1000 Grad Celsius verbrannt werden.
Bloss hat sich damit die Sache nicht einfach erledigt. Auch zwanzig Jahre nach dem Verbot belastet der Dünger aus Abwasser die Umwelt und gefährdet unsere Gesundheit: Wo Klärschlamm ausgebracht wurde, ist der Boden mit PFAS belastet. Die problematischen Chemikalien werden ausgewaschen und gelangen unter anderem ins Grund- und damit ins Trinkwasser.
Allgegenwärtig und giftig
PFAS – also Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen – sind künstlich hergestellte chemische Verbindungen, von denen es mehrere tausend unterschiedliche Varianten gibt. Da sie sowohl wasser- wie fettabweisend sowie temperaturbeständig sind, werden sie in der industriellen Produktion geschätzt. PFAS finden sich beispielsweise in Feuerlöschschäumen und werden unter anderem auch bei der Herstellung von Bratpfannen, Lebensmittelverpackungen, Kosmetika und Outdoor-Bekleidung eingesetzt. Und sie sind Bestandteil mancher Pestizide. Das Problem: PFAS bauen sich in der Umwelt nicht ab – aus diesem Grund werden sie Ewigkeitschemikalien genannt. Und sie sind in unterschiedlichem Ausmass toxisch.
Problem war schon früh bekannt
Noch wurden die gesundheitlichen Auswirkungen für die wenigsten PFAS wissenschaftlich genauer untersucht. Doch in den untersuchten Fällen hat sich gezeigt: Sie verfügten fast immer über eine chronische Giftigkeit. Das heisst: Sie wirken nicht akut giftig, reichern sich aber in unserem Körper an. Einige stehen im Verdacht, krebserregend zu sein, andere schädigen Organe wie die Leber oder die Nieren, oder sie schmälern die Wirkung von Impfungen. Zudem mehren sich die Hinweise, dass sie möglicherweise die Fruchtbarkeit verringern.
«PFAS zählen zu den gravierendsten chemiebezogenen Belastungen für die Umwelt und die Gesundheit», sagt Umweltchemiker Martin Scheringer von der der ETH Zürich. Eingesetzt werden sie bereits seit den 1950er-Jahren. Spätestens seit den 1970er-Jahren, sagt PFAS- Spezialist Scheringer, seien die gesundheitlichen Risiken dieser Chemikalien den Fachleuten in der Industrie bewusst gewesen. «Diese Befunde wurden dann aber gezielt zurückgehalten.»
PFAS werden weiterhin eingesetzt
Trotz der gewachsenen Sorgen wird die Umwelt weiterhin mit den Ewigkeitschemikalien belastet. Sie gelangen direkt bei ihrer Herstellung und Verarbeitung über Abgase in die Luft oder aber über Abwasser in Gewässer. Indirekt gelangen sie durch den Gebrauch von PFAS-haltigen Produkten in die Umwelt. Etwa durch das Waschen von behandelten Textilien. Die Ewigkeitschemikalien werden also weiterhin breit eingesetzt, auch wenn es für viele Verwendungszwecke durchaus Alternativen gäbe.
Es existieren Tausende von unterschiedlichen PFAS-Verbindungen. Für die wenigsten davon sind die Risiken bekannt, und auch verbindliche Grenzwerte gibt es nur vereinzelt – obwohl die Stoffe immer häufiger in der Umwelt nachgewiesen werden. So machte in den vergangenen Monaten eine TFA (Trifluoressigsäure) genannte Ewigkeitschemikalie Schlagzeilen. Routinemessungen zeigten, dass sie in der Schweiz flächendeckend im Grund- und Trinkwasser auftritt. Und kürzlich wurde sie auch in Lebensmitteln wie Brot und Wein nachgewiesen. Doch woher stammt die im Boden und im Grundwasser festgestellte TFA überhaupt? Dieser Frage ging in einer kürzlich erschienene Studie die landwirtschaftliche Forschungsanstalt des Bundes, Agroscope, nach.
Die Forschenden richteten ihr Augenmerk in ihrer Untersuchung vor allem auf Pestizide, denn auch diese enthalten teilweise Wirkstoffe, die zu den Ewigkeitschemikalien zählen. Als Hauptquelle für Trifluoressigsäure in der Umwelt haben die Wissenschaftler fluorhaltige Kältemittel aus Klimaanlagen und Kühlgeräten identifiziert, die in der Atmosphäre zu TFA abgebaut werden. Via Regen gelangen sie anschliessend in den Wasserkreislauf. Die zweitwichtigste TFA-Quelle sind Abbauprozesse von Pestiziden.
Die Politik verdrängt das Problem
Auch wenn über die Folgen von PFAS in der Umwelt heute noch sehr vieles unklar ist, wächst in der Öffentlichkeit die Besorgnis über die weite Verbreitung der Ewigkeitschemikalien zusehends. So befasste sich an einer Sondersession im vergangenen September auch der Nationalrat mit den PFAS – mit einem bemerkenswerten Ergebnis: Alle Vorlagen, die dafür gesorgt hätten, dass die Chemikalien nicht weiter in die Umwelt gelangen, wurden abgelehnt. Angenommen hingegen wurde die Unterstützung der Landwirtschaft im Umgang mit PFAS. Denn – Ironie des Schicksals – mittlerweile werden die Bauern und Bäuerinnen selbst Opfer des Klärschlamms, mit dem sie einst ihre Felder düngten.
Im August 2024 stellten die Behörden im Kanton St.Gallen fest, dass Boden und Quellwasser einiger Landwirtschaftsbetriebe mit den Ewigkeitschemikalien belastet waren, und auch im Fleisch von einigen Kühen, Rindern und Kälbern wurden besorgniserregende Werte festgestellt. Es folgte ein Verkaufsverbot. Nun hat der Nationalrat beschlossen, Bauernbetriebe, deren Produkte zu hohe Werte der Ewigkeitschemikalien aufweisen, finanziell zu unterstützen.
KASPAR MEULI, freischaffender Journalist
PFAS in Lebensmitteln: Teilentwarnung mit regionalen Hotspots
Der Verband der Kantonschemikerinnen und Kantonschemiker der Schweiz hat im letzten Jahr rund 900 Lebensmittel tierischen Ursprungs auf dem Schweizer Markt auf PFAS untersucht – davon 30 Prozent Importware. Dabei zeigte sich, dass PFAS weitverbreitet und in allen Kategorien (Fleisch, Eier, Fisch) in geringen Konzentrationen nachweisbar sind. Bei den allermeisten Proben wurden die gesetzlichen Höchstwerte eingehalten. Sieben Proben überschritten den Grenzwert teils massiv. Dies deutet auf regionale Hotspots hin.
Parallel zu diesen Untersuchungen hat das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) 276 Milchprodukte untersucht. In allen Produkten waren verschiedene PFASVerbindungen nachweisbar. Drei Produkte überschritten den Richtwert der EU (für Milchprodukte gibt es in der Schweiz noch keine gesetzlichen Grenzwerte). Als Hauptquelle gilt belasteter Klärschlamm, der jahrzehntelang auf Feldern ausgebracht wurde.
Eine separat vom Kanton Zug durchgeführte Untersuchung (2025) zeigte, dass Eglis und Hechte aus dem Zugersee stark mit PFAS belastet sind. Bei Raubfischen sammelt sich PFAS über die belasteten Beutefische an. Im Zugersee gefangene Hechte und Eglis dürfen seit November nicht mehr als Lebensmittel verkauft werden. Der Kanton sieht Löschübungsplätze der Feuerwehr und frühere Fabrikareale in Seenähe als mögliche Ursache für die hohen PFASBelastungen.
Nicolas Gattlen