Wasser in der Stadt: Ressource statt Abfall
Doch es zeichnen sich Änderungen ab, vor allem aufgrund der Klimaerwärmung. In Lausanne sind neben einem Klimaplan, der die Laubfläche durch Baumpflanzungen vergrössern will, auch Bestrebungen zur Entsiegelung der Böden im Gang. «Das ist notwendig, denn wir sind auf die Ökosystemleistungen angewiesen, die die Vegetation bietet. Bäume können uns aber nur helfen, wenn wir genügend Wasser für sie zurückhalten. Hier müssen alle Städte aktiv werden, wir haben gar keine andere Wahl.»
Um sich besser gegen den Klimawandel zu wappnen, hält sich Lausanne künftig an das Konzept der «Schwammstadt». Graz: «Dieses Prinzip besteht darin, den Wasserkreislauf zu regulieren und die Stadt so zu gestalten, dass sie in Regenperioden Wasser aufnimmt und speichert, um es in Trockenperioden wieder abzugeben oder verfügbar zu machen.» Dafür wurde die Lausanner Avenue d’Echallens komplett umgestaltet und mit einem multifunktionalen Bodensystem ausgestattet. Dieses ermöglicht sowohl ein gezieltes Wassermanagement wie auch die Anpflanzung von Bäumen. «Wir nutzen das Wasser nun als wertvolle Ressource. Indem wir die Böden wasserdurchlässig machen, können sie die Niederschläge aufnehmen und speichern. So werden die Pflanzen in Trockenphasen besser versorgt und können ihre Verdunstungsleistung auch bei Hitze aufrechterhalten.»
Dabei gibt es zwei Schwerpunkte. Zum einen wird ein Schwammstadtkörper nach dem bewährten Stockholmer System angelegt, bei dem Bäume in einen künstlichen Boden aus mineralischen Bestandteilen und wenig organischem Material gepflanzt werden. Die oberste Schicht enthält nur grobe Mineralien und kein Feinmaterial, sodass das Wasser gut versickern kann und der Schwammstadtkörper im Untergrund ausreichend belüftet wird. Mit diesem System lässt sich der Wurzelraum der Bäume erheblich vergrössern, ohne die Oberfläche von Trottoirs, Velowegen, Parkplätzen und Strassen in Anspruch zu nehmen. Da den Bäumen ein Volumen an Wasser zugeführt wird, das die Niederschlagsmenge übersteigt, haben sie auch in Trockenphasen genügend Feuchtigkeit. «Die Verdunstung der Pflanzen wiederum senkt die Umgebungstemperatur, was angesichts der Hitzewellen, die wir derzeit erleben, sicher kein Luxus ist», sagt Emmanuel Graz.
Andererseits sieht die Stadtplanung auch Massnahmen für den Umgang mit dem Oberflächenabfluss nach Starkregen vor, um das Überschwemmungsrisiko für Private zu verringern und das saubere Wasser in natürliche Gewässer statt in die Kläranlage abzuleiten. Dieses Ziel kann zum Beispiel durch die Schaffung oberflächlicher Abflusskorridore in städtischen Strassen («Wolkenbruch-Strassen») erreicht werden.
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Gemeinde Sorengo
- Der Parco Casarico wurde nach ökologischen Kriterien sowie mit Augenmerk auf Resilienz gegenüber dem Klimawandel entworfen.
Wasser im Siedlungsraum – oder wie man ein neues Quartier gestaltet
Parco Casarico, so heisst eine Neubausiedlung in der Nähe des Lago di Muzzano westlich von Lugano. Auf diesem Areal wurde gemäss den Bestimmungen des kommunalen Zonenplans und des Quartierplans ein spezielles Wassermanagement umgesetzt. Das Ziel: Die versiegelten Flächen begrenzen und stattdessen möglichst viel Regenwasser aufnehmen und speichern. «Die undurchlässigen Flächen durften nicht mehr als 15 Prozent des Grundstücks ausmachen und die Flachdächer mussten so konstruiert werden, dass sie das Regenwasser zurückhalten und mindestens zur Hälfte begrünt sind», sagt Gastone Boisco, Architekt und Planer in der Gemeinde Sorengo. Der Bach Riale Casarico, der an das Grundstück grenzt, musste ebenfalls in das Projekt einbezogen werden. Ein erster Umsetzungsschritt war, einen Weiher als zentrales Rückhaltebecken zu bauen. Danach wählte man unter Berücksichtigung der allgemeinen Topografie des Geländes mehrere günstige Stellen aus, um Regengärten anzulegen. «So kann das Regenwasser nicht nur im gesamten Areal versickern, sondern via das Hauptbecken in der Mitte des Areals auch lokal verdunsten.»
Neben dem durchdachten Umgang mit Wasser will das Projekt auch bestehende Vernetzungsachsen erhalten. «Das gewährleistet, dass sich verschiedene Arten frei zwischen den Lebensräumen bewegen können. Ausserdem trägt die ökologische Begrünung dazu bei, das natürliche Gleichgewicht zu erhalten und die Widerstandsfähigkeit gegenüber Umweltveränderungen zu erhöhen», sagt Boisco. Es gehe auch darum, ein gutes Nebeneinander von Siedlungs- und Naturräumen zu ermöglichen und den Bewohnerinnen und Bewohnern ein angenehmeres, gesünderes und resilienteres Lebensumfeld zu bieten. Neben privaten Bereichen, die nur den Anwohnern zugänglich sind, gibt es auf dem Areal auch einen öffentlichen Quartierpark.
Bei der Planung der Grünräume achteten die Verantwortlichen darauf, die Biodiversität langfristig zu fördern, unter anderem mit einer grossen Waldfläche und artenreichem Unterholz. Zwei alte Bäume blieben stehen und in die neue Gestaltung integriert. Unter den neu gepflanzten Bäumen finden sich vor allem Arten, die an das lokale Klima angepasst und hitzeresistent sind. Dazu gehören die Steineiche, die Korkeiche, der Westliche Erdbeerbaum und der Olivenbaum. Allen Bäumen wurde im Untergrund genügend Platz für ihr Wurzelwachstum zur Verfügung gestellt.
Dieses wegweisende Projekt wurde 2022 mit dem Binding-Innovationspreis für Biodiversität ausgezeichnet. «Das ist eine wichtige Anerkennung für die Arbeit, die die Gemeinde und ihre Partner geleistet haben. Der Innovationspreis hat die Sichtbarkeit erhöht und fördert den Austausch mit anderen Gemeinschaften und Akteuren, die erfahren wollen, wie sich Umweltanliegen und Raumplanung erfolgreich verbinden lassen», sagt Gastone Boisco.
FLORENCE KUPFERSCHMID, Redaktorin Pro Natura Magazin
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Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.
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