Baum Raphael Weber
05.01.2026 Nachhaltigkeit

Welcher Weg führt in eine lebenswerte Zukunft?

«Eine Welt, in der die Menschen im Einklang mit der Natur leben.» Aus dieser Vision heraus hat Pro Natura Suffizienz zu einem der vier Schwerpunkte ihrer neuen Strategie bis 2028 gemacht.

Erfunden hat den Begriff «Utopie» – die Vorstellung einer idealen Gesellschaft – Thomas Morus, Autor des 1516 erschienenen Buchs «Utopia». Seither kommt diesem Wort eine doppelte Bedeutung zu: Es bezeichnet sowohl eine unerreichbare Fiktion als auch ein ­anzustrebendes Ideal. Die erste Bedeutung passt grundsätzlich nicht zu einer Organisation wie Pro Natura, die einen pragma­tischen Ansatz verfolgt und im Schweizer Kontext gut verankert ist. Die «Vision» hingegen gehört ins Strategiepapier jeder modernen Nichtregierungsorganisation. Die Vision von Pro Natura ist die ­«einer Welt, in der die Menschen im Einklang mit der Natur leben». Das internationale Netzwerk Friends of the Earth, dessen Schweizer Mitglied wir sind, präzisiert: «eine friedliche und nachhaltige Welt, in der Gerechtigkeit und Menschenrechte verwirklicht sind» oder auch «eine Gesellschaft, die auf sozialer, wirtschaftlicher, ökologischer und Geschlechtergerechtigkeit basiert und frei von jeglicher Form der Unterdrückung und Ausbeutung ist».

Seit mindestens 50 Jahren entwickeln viele Forscher, Öko­nominnen, Umweltschützer oder Philosophinnen Modelle für eine gerechte und nachhaltige Gesellschaft, in der Wohlstand und Fortschritt nicht auf der Zerstörung der Natur beruhen. Sie stützen sich dabei auf eine simple Tatsache: In einer Welt mit begrenzten, endlichen Ressourcen ist kein unendliches Wachstum möglich. Sie sprechen von Degrowth, Postwachstum oder Suffizienz.

Genügsamkeit als Ziel

Pro Natura hat entschieden, mit dem letztgenannten Begriff zu ­arbeiten. Suffizienz (Genügsamkeit) meint ein Konsumniveau, das zwischen den Extremen Überkonsum und materieller Armut liegt. Ziel ist, mit den Ressourcen so umzugehen, dass sich die Menschen entfalten können, ohne die Biosphäre aus dem Gleich­gewicht zu bringen. Heute trägt das Wirtschaftssystem aber in ­unvertretbarem Ausmass zur Zerstörung der Ökosysteme und zur Verschlechterung des Klimas bei – auf Kosten der Ärmsten und der Zukunft unserer Kinder. Wenn wir eine Entwicklung innerhalb der ökologischen Grenzen des Planeten sicherstellen wollen, braucht es tiefgreifende Veränderungen. Angesichts der sich verschärfenden Klimakrise und des schnellen Rückgangs der Biodiversität brauchen wir dringend einen Wandel in der Gesellschaft und ein neues Paradigma. Deshalb hat Pro Natura die Suffizienz zu einem der vier Schwerpunkte ihrer neuen Strategie (2025–28) gemacht. In vielen Ländern fordern Organisationen, Forschungsgruppen oder Aktivistinnen und Aktivisten ein solches Umdenken und schlagen konkrete Massnahmen zur Transformation des Systems vor. An der Universität Lausanne beispielsweise arbeitet ein anerkannter Thinktank rund um Persönlichkeiten wie Julia ­Steinberger oder Timothée Parrique. Gemeinsam gilt es, die öffentliche ­Meinung zu ändern und Einfluss auf die Entscheidungsträger und -trägerinnen zu nehmen. Die 180 000 Mitglieder von Pro Natura kommen aus ganz unterschiedlichen Bereichen und haben vermutlich auch ganz unterschiedliche Vorstellungen von der idealen ­Gesellschaft. Was sie aber alle verbindet, ist die Liebe zur Natur und der Wille, die Natur zu erhalten: So können wir die kritische Masse erreichen, um etwas zu verändern.

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Das Leben wählen

Doch der Weg ist anspruchsvoll und manchmal auch mit Hindernissen gepflastert: Von kurzfristig denkenden Wirtschaftskreisen kommt grosser Widerstand, und die Vorstellung, dass Wohlstand gleichbedeutend mit «immer mehr» ist, hält sich hartnäckig. ­Tatsächlich sind schon mehrere visionäre Projekte an der Urne ­gescheitert, wie letztes Jahr die «Umweltverantwortungsinitiative». Die rasche Zunahme der ökologischen Probleme lässt uns aber ­keine Wahl: Wir müssen uns jetzt für das Leben und gegen die Zerstörung entscheiden, für die Vernunft und gegen die Technikgläubigkeit mit ihren verlockenden Verheissungen wie der Idee, eine umfassende Elektrifizierung sei die Lösung aller Probleme.

Pro Natura hat sich entschlossen, Initiativen zu begleiten und zu fördern, die zum Aufbau der nachhaltigen und solidarischen Schweiz von morgen beitragen. Im Rahmen dieser politischen ­Arbeit sind wir auf starke und innovative Gesetze angewiesen, zum Beispiel wenn es darum geht, die Nutzung des Bodens oder die Produktion gesunder Lebensmittel und sauberer Energien zu regeln oder die Wälder in der Schweiz und in den Ländern des ­Südens zu schützen. Auf lokaler Ebene stehen unsere Sektionen als Ansprechpartner bereit und unterstützen die Bemühungen von Gruppen, die sich gegen die Verschwendung, für die lokale ­Lebensmittelproduktion, für die Entwicklung umweltfreundlicher Wohnformen oder einfach für Austausch und Begegnung enga­gieren. Auf diese Weise wird die Vision von Pro Natura in der ­konkreten Arbeit vor Ort Wirklichkeit.

BERTRAND SANSONNENS, Koordinator Internationale Kooperation bei Pro Natura und Mitglied des Exekutivkomitees von Friends of the Earth International

Weiterführende Informationen

Info

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

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