Glühwürmchen im Wald Diana Radicchi | iStock
15.08.2026

Zarte Lichter in der dunklen Nacht

Die Fähigkeit lebender Organismen, Licht zu erzeugen, entstand wohl aus einer Entgiftungsstrategie. Einige Arten locken damit Partner oder Beute an oder schrecken Feinde ab. Das Spektakel lässt sich auch in der Schweiz beobachten.

Schon der griechische Gelehrte Aristoteles hat vor über 2300 Jahren beobachtet, dass lebende Organismen Licht erzeugen können. In seiner Abhandlung «De Anima» beschrieb er ein «kaltes Licht», das aus dem Meer kommt. Heute wissen wir, dass dieses Leuchten von Bakterien stammt. Nicht eindeutig geklärt ist, wann die «Biolumineszenz» entstanden ist. Wahrscheinlich ist es ein uralter Prozess, der mit der Entstehung von Fotosynthese und Sauerstoff begann. Denn alle Biolumineszenz-Reaktionen, die wir kennen, funktionieren nur mit Sauerstoff. Frühe Organismen, die den Sauerstoff noch nicht vertragen haben, fackelten ihn sozusagen ab. Später haben sich einige Gattungen diesen Nebeneffekt, das Leuchten, zunutze gemacht: als Lockmittel, zur Abschreckung oder als Suchscheinwerfer im Dunkeln. Die meisten leuchtfähigen Organismen leben in der Tiefsee. Man kann aber auch in der Schweiz sein «blau-grünes Wunder» erleben.

Seltenes Ereignis

Leuchtende Pilze Baggenstos/Rudolf

In der Schweiz gibt es etwa 20 Pilzarten, die leuchten. Bei den meisten dieser Arten emittiert nur das Myzel (Wurzelgeflecht) Licht. Anders beim Leuchtenden Ölbaumtrichterling (Omphalotus illudens) und beim Dunklen Ölbaumpilz (Omphalotus olearius): Hier leuchten sowohl das Myzel als auch der Fruchtkörper. Beide Arten kommen auf Olivenbäumen vor, teils auch auf Eichen und Edelkastanien. In der Schweiz sind sie selten. Häufiger anzutreffen ist der Gelbmilchende Helmling (Mycena crocata). Dem Zürcher Künstlerduo Baggenstos/Rudolf und der WSL-Forscherin Renate Heinzelmann gelang 2024 der Nachweis, dass auch diese Art biolumineszent ist, gelegentlich bringt sie den Ansatz ihres Stiels zum Leuchten. Beim Grossen Bluthelmling (Mycena haematopus, Foto links) kann in seltenen Fällen ein Leuchten in den Lamellen des Fruchtkörpers beobachtet werden.

Ein Duo lässt seine Opfer erstrahlen

Larvekäfer Fadenwurm Ricardo Machado

Fadenwürmer gibt es fast überall: im Meer, am Strand, im Garten. Manche Arten leben mit dem Bakterium Photorhabdus luminescens in einer Symbiose. Die 1–3 Millimeter kleinen  Fadenwürmer dringen in ihre Opfer ein, etwa Käfer- oder  Mottenlarven, setzen das Bakterium frei und warten, bis dessen tödliche Gifte ihre Wirkung entfalten. Anschliessend zersetzen die Bakterien den Kadaver, wodurch Nahrung für die Fadenwürmer entsteht. Während der Infektion produzieren die Bakterien das Enzym Luciferase, das den infizierten Insektenkadaver leuchten lässt. Ein Forscherteam der Universität Neuenburg fand heraus, dass das Licht zentraler Teil der Partnerschaft ist und aasfressende Käfer abschreckt. Es trägt also zum Überleben der Fadenwürmer bei.

Illuminierte Pilzmücken-Larven

Illuminierte Pilzmückenlarve Baggenstos/Rudolf

Fragile blaue Lichtlein schimmern auf der Unterseite eines Pilzes: Sie stammen von einer Larve der Pilzmücke Keroplatus testaceus. Die Art besiedelt gern Buckeltrameten und ernährt sich von den Sporen der Pilze. Auch im späteren Puppenstadium leuchtet sie. In der Literatur werden noch zwei weitere, in Europa heimische Pilzmückenarten als biolumineszent beschrieben: Keroplatus tipuloides und Keroplatus reaumurii. Die berühmteste Pilzmückenart (Arachnocampa luminosa) kommt in Neuseeland vor. In Höhlen schafft sie unter der Decke ein Spektakel aus blauen Lichtpunkten. Die Larven locken mithilfe der Leuchtkraft ihres Körpers Insekten an und fangen sie mit einem Schleimnetz ein.

Grünlich schimmerndes Holz

Grünlich schimmerndes Holz Baggenstos/Rudolf

Wer in einer mondlosen Nacht durch einen Laubwald spaziert, bekommt mit etwas Glück ein bezauberndes Schauspiel zu sehen: grünlich leuchtendes Holz. Hervorgerufen wird das Leuchten mit grosser Wahrscheinlichkeit durch einen der fünf in der Schweiz vorkommenden Hallimascharten. Der Hallimasch ernährt sich vorwiegend von am Boden liegendem Totholz. Manchmal dringt er über Wurzeln in die Bäume ein und bildet unter der Borke ein Fächermyzel. Unter bestimmten Bedingungen leuchtet das vom Myzel durchwachsene Holz. Im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (18. Jahrhundert) nutzte die Marine Korkstücke, die mit Hallimasch bewachsen waren, um die Zeiger von Messgeräten in den U-Booten besser sichtbar zu machen.

Gibt es leuchtende Blätter?

Gibt es leuchtende Blätter? Baggenstos/Rudolf

In einem Buch aus dem Jahr 1904 beschreibt der Botaniker Hans Molisch, wie er auf der Insel Java zum ersten Mal Blätter sah, von denen ein Leuchten ausging. Auch in der Schweiz lässt sich dieses Phänomen beobachten. Das Künstlerduo Baggenstos/Rudolf hat auf dem Uetliberg bei Zürich solches Laub entdeckt und wollte wissen, was dahintersteckt. Ein Bakterium? Ein Pilz? Mittels DNA-Analysen gelang es, den Verursacher zu identifizieren: Weissmilchender Helmling (Mycena galopus). Es ist anzunehmen, dass dieser Helmling nicht der einzige Pilz in der Schweiz ist, der leuchtende Blätter verursacht, da weitere auf Laubstreu vorkommende Mycenaarten für ihr biolumineszentes Myzel bekannt sind.

Glühwürmchen müssen einander schnell finden

Leuchtkäfer Hans Niederhauser

Glühwürmchen nutzen das Licht zur Partnersuche, denn der Zeitraum für die Paarung ist eng. So haben die Grossen Leuchtkäfer (Lampyris noctiluca) maximal vier Wochen Zeit, um sich zu paaren, bevor sie sterben. Damit sie von den Männchen rechtzeitig gefunden werden, funkelt in der Nacht das Hinterteil der Weibchen. Bei den Kleinen Leuchtkäfern, Lamprohiza splendidula (7–0 Tage Paarungszeit) leuchten nicht nur die flugunfähigen Weibchen, sondern auch die Männchen. Sobald diese ihr Licht anknipsen, lassen die Weibchen ihr Hinterteil aufleuchten, recken es in die Höhe und schwenken es wie eine Laterne. Beide Partner sterben kurz nach der Paarung und Eiablage. In der Schweiz können noch zwei weitere Glühwürmchenarten beobachtet werden: der nur sehr schwach leuchtende Kurzflügelleuchtkäfer (Phosphaenus hemipterus) und der im Tessin sowie in den Bündner Südtälern verbreitete Italienische Leuchtkäfer (Luciola italica).

Nicolas Gattlen, Redaktor Pro Natura Magazin

Glühwürmchen im Wald
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Info

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

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