Leuchtendes Glühwürmchen (© Hans Niederhauser)

Tier des Jahres 2019: Das Glühwürmchen

Das Glühwürmchen (Lampyris noctiluca) beleuchtet 2019 die Lage der Insekten in der Schweiz. Das geheimnisvolle Tier ist bei uns noch weit verbreitet. Doch schrumpfender Lebensraum und steigende Lichtverschmutzung setzen den tierischen Sternchen zu.

Sein Name ist irreführend: Das Glühwürmchen ist kein Wurm, sondern ein Käfer. Es glüht auch nicht, sondern verbreitet ein kaltes Leuchten. Deshalb heisst das Tier des Jahres 2019 korrekt «Grosser Leuchtkäfer». Er ist in der Schweiz die häufigste von vier vorkommenden Leuchtkäfer-Arten.

Warum wählt Pro Natura das Glühwürmchen zum Tier des Jahres?

Glühwürmchen  (Fot: Biosphoto / Stephen Dalton) © Biosphoto / Stephane Vitzthum
Liebeslicht im Dunkel: Ein Glühwürmchen-Weibchen auf Partnersuche.

Unsere Tierwelt ist eine Welt der Insekten. Von rund 36'000 in der Schweiz bekannten Tierarten gehören 30'000 zu den Insekten. Wo es den Insekten gut geht, ist die Natur in Ordnung. Doch die Wunderwelt der Insekten zerfällt in beängstigender Geschwindigkeit. Lebensraumzerstörung, Pestizide, Lichtverschmutzung und andere Faktoren setzen ihr zu. Die Folgen für Natur und Mensch sind schwerwiegend. Das erkennen immer mehr Menschen, aufgeschreckt durch alarmierende Erkenntnisse der Wissenschaft. Auf diese Fakten und Probleme, aber auch auf praktische Lösungen wirft das Glühwürmchen 2019 sein magisches Licht.

Der Schrecken der Schnecken

Glühwürmchen Larve und Schnecke © Fotolia / Schmutzler-Schaub
Auf der Jagd: Eine Glühwürmchen-Larve greift eine junge Häuschenschnecke an.

Erst ganz am Ende seines Lebens verzaubert das Glühwürmchen in lauen Sommernächten die Landschaft mit seinen Lichtpunkten. Zuvor hat es rund zwei Lebensjahre als Larve verbracht. Seine Nahrung in dieser Zeit sind Schnecken. Dabei sind die Larven nicht wählerisch: Ob gross, klein, mit oder ohne Häuschen – die Larve erbeutet, was sie kriegen kann. Ihre rüden Jagdmethoden passen nicht ins romantische Bild vom Glühwürmchen als feenhaftes Lichtwesen.

Wie schwarzbraune Mini-Krokodile pirschen sich die Larven an ihre oft viel grösseren Beutetiere heran. Sie töten die erbeutete Schnecke mit Giftbissen und fressen sie innert eines Tages ganz auf. Ein besonderes Schwanzorgan hilft der Larve dabei, sich nach der schleimigen Mahlzeit gründlich zu reinigen.

Die Larven verfügen über Abwehrgifte. Sie sind für mögliche Fressfeinde ungeniessbar und warnen diese durch aufleuchtende Lichtpunkte am Hinterleib. Das Licht ist nicht so stark wie das Paarungssignal ausgewachsener Tiere, aber auf eine Distanz von 1-2 Metern gut sichtbar. Im Winter, wenn die Schnecken nicht erreichbar sind, fallen die Larven in eine Winterruhe.

Glühwürmchen-Larve frisst Schnecke

Leuchtendes Finale

Leuchtsegemente © Hans Niederhauser
Gut sichtbar sind die Leuchtbänder auf dem sechsten und siebten Körpersegment. Das achte Segment trägt links und rechts einen Leuchtpunkt.

Nach zwei oder drei Überwinterungen verpuppen sich die Larven. Die erwachsenen Glühwürmchen schlüpfen nach rund einer Woche. So gefrässig die Larven waren, so enthaltsam sind die erwachsenen Tiere: Sie können keine Nahrung zu sich nehmen.

Sofort entzünden die Weibchen an einem günstigen Leuchtplatz das Landefeuer für liebeshungrige Männchen. Das Licht in ihren Leuchtorganen am Körperende entsteht durch eine chemische Reaktion. Diese Fähigkeit von Tieren und Pflanzen, Licht zu erzeugen, heisst Biolumineszenz.

Männchen auf Suchflug

Glühwürmchen Männchen © Christophe Salin
Mit grossen Augen auf Ausguck: Das Glühwürmchen-Männchen

Die Glühwürmchen-Männchen leuchten nicht. Sie überfliegen ihren Lebensraum und spähen mit grossen Augen nach dem ersehnten Liebessignal. Sobald ein Männchen bei einem Weibchen gelandet ist, erlischt das Leuchten und die Paarung findet statt. Das Weibchen legt seine Eier am Boden, unter Gräsern, Steinen oder Holzstücken. Es stirbt anschliessend.

Das Männchen lebt rund zwei Wochen. 60 bis 80 Eier hinterlässt das Paar. Schon diese Eier können schwach leuchten. Nach einem Monat schlüpfen die Larven. Die wenige Millimeter grossen Winzlinge machen sich auf die Jagd nach Schnecken. Der Zyklus beginnt erneut.

Glühwürmchen bei der Paarung

Schnecken, Vielfalt und...

Natur im Siedlungsraum © Pro Natura / Andrea Haslinger
Strukturvielfalt im Siedlungsraum ist für Glühwürmchen attraktiv.

Der Grosse Leuchtkäfer ist in der ganzen Schweiz verbreitet und kommt auf Höhen bis 2000 Meter über Meer vor. Glühwürmchen leuchten am einsamen Waldrand ebenso wie im städtischen Park. Drei Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit es dem Glühwürmchen wohl ist. Erstens müssen Schnecken verfügbar sein. Zweitens ist ein vielfältiges, giftfreies Mosaik aus Klein-Lebensräumen nötig. Offene Stellen, schattige Plätzchen, feuchte Verstecke: Solche Strukturen bietet zum Beispiel eine traditionelle Kulturlandschaft, ein naturnaher Garten oder ein giftfrei gepflegter Friedhof oder Park.

...Dunkelheit!

Lichtglocke über Thun © Naturpark Gantrisch / Mario Rüegger
Lässt die Sterne verblassen: Lichtglocke über der Region Thun BE

Schliesslich braucht das Glühwürmchen etwas, das auf den ersten Blick selbstverständlich erscheint: Dunkelheit. Doch in der 24-Stunden-Gesellschaft sind dunkle Nächte keineswegs garantiert. Rund um die Uhr erleuchtete Strassen, grelle Leuchtreklamen und putzige Lämpchen im Garten sind für Glühwürmchen ein Problem. Dieses Problem hat einen Namen: Lichtverschmutzung.

Wo die Nacht durch Kunstlicht zum Tag wird, leuchtet das Glühwurm-Weibchen nämlich vergeblich. Die Männchen finden ihre Partnerinnen nicht. Deshalb ist es wichtig, der Nacht ihre Dunkelheit zu lassen. Nicht nur für das Glühwürmchen: Auch Fledermäuse, Nachtfalter und nicht zuletzt der ruhende Mensch brauchen dunkle Nächte.

 

Drei weitere Arten von Glühwürmchen

Kurzflügel-Leuchtkäfer © Hans Niederhauser
Ein Männchen des Kurzflügel-Leuchtkäfers

Ausser dem Grossen Leuchtkäfer können in der Schweiz drei weitere Glühwürmchen-Arten beobachtet werden:

Der Kleine Leuchtkäfer (Lamprohiza splendidula) ist der heimliche Star unter seinesgleichen – zumindest auf dem Waldfriedhof in Schaffhausen. Dort lebt eine der wenigen Schweizer Populationen dieser Art nördlich der Alpen. Die Weibchen leuchten sitzend. Wenn die Männchen im Flug zwischen Bäumen und Grabfeldern ihr grünliches Licht für Sekunden aufflammen und wieder verglimmen lassen, entsteht eine ganz besondere Stimmung. Deshalb zieht das Naturschauspiel inzwischen jährlich zahlreiche Schaulustige an.

Der Kurzflügelleuchtkäfer (Phosphaenus hemipterus) macht seinem Namen nicht wirklich Ehre. Er leuchtet nur sehr schwach und fliegt auch nicht. Die Art ist in der ganzen Schweiz verbreitet. Sie kommt vielleicht sogar häufiger vor als der Grosse Leuchtkäfer, könnte aber oft übersehen werden. Anders als die übrigen Leuchtkäfer-Arten frisst die Larve des Kurzflügelleuchtkäfers nicht Schnecken, sondern Regenwürmer.

Der Italienische Leuchtkäfer (Luciola italica) hat seinen Verbreitungsschwerpunkt – der Name lässt es vermuten – im Tessin und in den Bündner Südtälern. Beide Geschlechter blinken weisslich. Lokale Populationen nördlich der Alpen gibt es in Lausanne und Zürich. Die Herkunft der Tiere in Zürich ist rätselhaft. Die Italienischen Leuchtkäfer, die den Parc Bourget in Lausanne bevölkern, wurden dort in den 1940er Jahren aus dem Tessin eingeführt – einfach zur Freude des Publikums.

Eine weitere nicht heimische Art, Luciola lusitanica, ist in der Schweiz ebenfalls schon vereinzelt festgestellt worden. Sie ist eng verwandt mit dem Italienischen Leuchtkäfer, weshalb die biologische Einordnung (Systematik) noch nicht geklärt ist.

 

Das tut Pro Natura für das Glühwürmchen

Viele Pro Natura Naturschutzgebiete beherbergen auch Glühwürmchen. Denn diese Naturjuwelen bieten alles, was Glühwürmchen brauchen: Vielfältige Lebensräume, eine intakte Schneckenfauna, dunkle Nächte. Wer weiss, vielleicht lohnt sich ein sommerlicher Nachtspaziergang im Pro Natura Naturschutzgebiet in Ihrer Nähe?

Mehr über die 700 Pro Natura Naturschutzgebiete erfahren

Naturschutz darf sich nicht auf Schutzgebiete beschränken, Pro Natura kämpft getreu ihrem Slogan «Für mehr Natur überall!» für die Natur am Fluss, im Wald, im Alpenraum.

Mehr über verschiedene Lebensräume erfahren

Vielfältige Kulturlandschaften bieten dem Glühwürmchen idealen Lebensraum. Deshalb ist es wichtig, dass die Schweizer Landwirtschaft naturverträglicher wird. Pro Natura setzt sich dafür ein. 2019 beginnt die heisse agrarpolitische Phase für die Weiterentwicklung der Agrarpolitik unter dem Stichwort «Agrarpolitik 22+».

Pro Natura in der Agrarpolitik

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