Fragen zu Fliessgewässer und Wasserkraft

Wieso brauchen wir natürliche Lebensräume?

Wir brauchen natürliche Lebensräume, damit die Pflanzen und Tiere, welche auf diese Lebensräume angewiesen sind, nicht aussterben. Pflanzen und Tiere sind auch für die Existenz des Menschen, beispielsweise als Nahrung, für die Herstellung von Medikamenten oder für die Züchtung unentbehrlich. Natürliche Lebensräume dürfen deshalb im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen keineswegs geschmälert werden. Abgesehen von dieser materiell ausgerichteten Begründung kommt der Erhaltung der Kreatur aufgrund ethischer Erwägungen grösste Wichtigkeit zu. Alle Organismen haben ein Existenzrecht, unabhängig von unserer Beurteilung ihres Nutzens.

Was bedeutet Renaturierung?

Als Renaturierung bezeichnet man Massnahmen, welche einen verbauten Bach oder Fluss wieder natürlicher fliessen lassen. Solche Massnahmen können zum Beispiel die Ausdohlung eines Flusses sein, die Aufweitung eines Flussbettes, der Abbau von Staustufen etc. In der Wissenschaft wird unterschieden zwischen den beiden Begriffen „Renaturierung“ und „Revitalisierung“. Eine Renaturierung ist eine Rückführung des Flusses in den ursprünglichen unverbauten Zustand. Von Revitalisierung spricht man, wenn einzelne Aspekte des Fliessgewässers natürlicher werden. Streng genommen sind die allermeisten Projekte in der Schweiz Revitalisierungen. Pro Natura wendet aber im Sprachgebrauch bevorzugt das Wort „Renaturierung“ an, da es in der Bevölkerung besser verstanden wird.

Was ist Restwasser?

Das unterhalb einer Wasserfassung im natürlichen Bach oder Flussbett belassene Wasser, wird als Restwasser bezeichnet. Es bezweckt, dass ein Minimum der ökologischen Funktionen des Gewässers gewährleistet ist. Restwasserpflicht bedeutet, dass eine Fassung nicht alles Wasser nutzen darf, sondern einen (meist kleinen) Teil an Ort und Stelle der Natur überlassen muss. Wasserfassungen mit „Restwasser Null“ und folglich trocken gelegten Wasserläufen gehen darauf zurück, dass die meisten Wasserrechtskonzessionen kein Restwasser verlangten und so den Kraftwerkbetreibern erlaubten, sämtliches Wasser abzuschöpfen.

Was sind Schwall und Sunk?

Als Schwall wird das künstliche Hochwasser bezeichnet, welches unterhalb der Rückgabestelle eines Speicherkraftwerks entsteht (also unterhalb der Restwasserstrecke), wenn das Wasser zur Stromproduktion über die Turbinen geleitet wird. Solche Turbinen werden wiederholt für wenige Stunden hochgefahren und dann wieder abgeschaltet. Wenn die Turbinen still stehen, wird kein Wasser zurückgegeben und es entsteht eine künstliche Niederwassersituation, die Sunk heisst. Sunk-Abflüsse sind häufig sehr klein, weil die Gewässer infolge der im Oberlauf liegenden Wasserentnahmen zu wenig Wasser führen. Schwallabflüsse hingegen sind sehr hoch, weil das laufend entnommene und gespeicherte Wasser in kurzer Zeit stossartig zurückgegeben wird. Der künstliche Wechsel zwischen Schwall und Sunk kann für Gewässer verheerend sein: Bei Schwall werden die Organismen (auch Fische!) abgeschwemmt, währenddem sie beim Übergang zum Sunk Gefahr laufen zu stranden.

Was ist der Unterschied zu natürlichen Abflussschwankungen?

Ein natürliches Hochwasser kündigt sich den Wasserorganismen zum Beispiel durch Wassertrübung an. Die Organismen haben somit Zeit, sich zu schützen. Zudem schwellen natürlichen Hochwasser viel langsamer ab als der künstliche Schwall, was beim natürlich abklingenden Hochwasser das Stranden der Organismen verhindert. Und beim Schwall-Sunk das Stranden von Tieren verursacht. Und vor allem: Natürliche Hochwasser entstehen fast immer zwischen Frühling und Herbst, derweil die schärfsten Schwall-Sunk-Situationen heute im Winter auftreten. In dieser Jahreszeit führen die Flüsse unter natürlichen Bedingungen einen relativ konstanten und niedrigen Abfluss. So laicht die Bachforelle zum Beispiel im Winter und schützt so ihre Eier vor den natürlichen Hochwasser im Frühling. Der Schwallbetrieb verursacht zudem eine für Wasserorganismen problematische Änderung der Wassertemperatur, der Wassertrübung und der chemischen Zusammensetzung der Schwebestoffe. Tritt Schwall-Sunk über eine längere Zeit auf, wird die Qualität der Flusssohle stark beeinträchtigt. Die Flusssohle wird für alle Organismen unwirtlicher und der lebensnotwendige Austausch von Flusswasser mit dem Grundwasser wird erschwert. Im Gegensatz dazu sind natürliche Hochwasser dem Austausch mit dem Grundwasser förderlich.


Worin unterscheiden sich Fluss- und Speicherkraftwerke?

Flusskraftwerke arbeiten das zufliessende Wasser laufend ab, ohne es nennenswert zurückzuhalten. Sie liegen meist an grossen Flüssen und nutzen das Energiepotenzial grosser Wassermengen über eher kleinem Gefälle. Speicherkraftwerke nutzen das in Speicherseen zurückgehaltene Wasser und produzieren zum Zeitpunkt der grössten Nachfrage. Bei niedriger Nachfrage stehen sie still. Sie nutzen meist kleinere Wassermengen über ein grosses Gefälle.

Was sind Pumpspeicherkraftwerke?

Das sind Speicherkraftwerke, die mit billigem Strom Wasser in höher gelegene Speicherseen pumpen, um anschliessend zum gewünschten Zeitpunkt teuren Spitzenstrom zu produzieren. Da der Strompreis im Tagesverlauf gegenwärtig stark schwankt, sind sie zur Zeit rentabel. Verbrauchen aber viel Strom für diesen Pumpbetrieb.

Was ist Bandstrom, was Spitzenstrom?

Mit Bandstrom wird jener Strom bezeichnet, der aus Kraftwerken stammt, die Tag und Nacht mit etwa gleicher Leistung betrieben werden. Es handelt sich dabei insbesondere um Strom aus Atom- und Kohlekraftwerken und in geringerem Ausmass auch um Strom aus Flusskraftwerken.

Spitzenstrom deckt die Verbrauchsspitzen und muss nur zu bestimmten Zeiten von Kraftwerken mit variabler Leistung bereitgestellt werden. Es handelt sich im Wesentlichen um Speicher- und Pumpspeicherkraftwerke. Gasturbinenkraftwerke sind eine weitere Kraftwerksart, die Spitzenstrom produzieren können.

Was steckt hinter dem Kürzel Q347?

Q347 ist ein Kürzel, das im Gewässerschutzgesetz verwendet wird, um zu definieren ob ein Fliessgewässer ständig wasserführend ist (Q347 >0). Q347 ist die Abflussmenge, welche an 347 Tagen pro Jahr im entsprechenden Fluss erreicht oder überschritten wird. Q347 wird in l/s oder m3/s angegeben. Fliessgewässer mit Q347 >0 gelten im Sinne des Gewässerschutzgesetzes als ständig wasserführend und verdienen einen höheren Schutz.

Reichen die gesetzlichen Restwassermengen aus?

In der Regel werden die Restwassermengen bei Erteilung der Wasserrechtkonzessionen festgelegt. Den Behörden steht dabei ein relativ grosser Ermessenspielraum offen. Bei einem Vollzug, welcher das Gewässerschutzgesetz ausreichend berücksichtigt, reichen die in der Schweiz gesetzlich festgelegten Restwassermengen aus. Bei anderen wichtigen Faktoren wie saisonaler Abflussänderung, Geschiebetransport sowie Schwall und Sunk gewähren die bestehenden Rechtsgrundlagen hingegen keinen ausreichenden Schutz.

Soll man Fische züchten und aussetzen?

Künstliche Eingriffe zur Erhaltung von Pflanzen und Tieren in freier Wildbahn sollten eine Ausnahme in Notsituationen darstellen; keinesfalls aber zur Regel im Umgang mit der Natur werden. Künstliche Massnahmen gründen zudem meistens auf einseitigen Überlegungen bezüglich Nutzung und zielen nicht auf die Erhaltung des ökologischen Gleichgewichtes ab.

Ist Pro Natura gegen Wasserkraft?

Nein. Pro Natura ist für die Nutzung der Wasserkraft. Diese soll allerdings nur so weit gehen, dass Gewässerlebensräume und Wasserlebewesen erhalten bleiben. Die Nutzung muss also nachhaltig sein und darf insbesondere nicht dazu führen, dass Arten aussterben, weil sie ihrer Lebensgrundlage beraubt werden. Dies bedeutet, dass in Ländern wie der Schweiz, wo Wasserkraft bereits sehr intensiv genutzt und zum Teil deutlich übernutzt wird, sehr wenig Ausbaupotenzial besteht.

Ist Atomstrom denn besser als Strom aus Wasserkraft?

Nein. Atomkraft kann nicht nachhaltig sein, denn das Abfallproblem ist weiterhin ungelöst. Atomkraftwerke sind aber selbst bei einer Lösung des Abfallproblems aus gesellschaftlicher Sicht nicht nachhaltig, da die von ihnen ausgehenden Gefahren eine Kontrolle erfordern (z.B. gegen Missbrauch und Terrorismus), die keine Gesellschaft dauerhaft erbringen kann.

Welche Alternativen neben Sparen und Energieeffizienz gibt es?

Wir müssen endlich ins solare Zeitalter eintreten und die Stromproduktion aus der Sonne wie auch aus anderen alternativen Energiequellen (beispielsweise Geothermie) fördern. Dies auch wenn die Stromgestehungskosten vorerst höher ausfallen werden. Heute basieren die sehr tiefen Energiepreise auf hohen externen Umweltkosten, die auf Dritte (die Allgemeinheit, die zukünftigen Generationen) abgewälzt werden und somit die Verbraucher ungerechtfertigt entlasten. Der Verbraucher wird so davon abgehalten, Strom sparsam einzusetzen. Höhere Preise würden den sparsamen Energieeinsatz fördern und die externen Folgekosten senken.

Was ist Ökostrom und «naturmade star»?

Als Ökostrom wird nachhaltig produzierter Strom bezeichnet, welcher die Umwelt nicht über ihre eigene Regenerationsfähigkeit hinaus belastet. Bei der Wasserkraft bedeutet dies, dass die Gewässerökosysteme und ihre Artenvielfalt erhalten bleiben. «Naturemade star» ist das führende Qualitätslabel für Ökostrom.

Und «naturemade basic»?

Ein Qualitätslabel für erneuerbare Energieproduktion. Dieses Label beinhaltet einen Fördermechanismus, der zum Ausbau von Ökostrom-Produktionsanlagen führt. «Naturemade basic» selbst ist aber kein Ökostrom, da beispielsweise Wasserkraftwerke zwar Konzessionsverträge einhalten, nicht aber ökologische Minimalstandards erfüllen müssen. Mit «naturemade basic» zertifizierte Pumpspeicherwerken müssen die eingesetzte Pumpenergie der erneuerbar produzierten Strommenge abziehen, ausser sie erbringen den Nachweis, dass auch der Pumpstrom selbst erneuerbar war.

Was kann ich als Einzelner tun?

Der einzelne Konsument kann vor allem Strom sparsam einsetzen und bei seinem Stromversorger naturemade star-zertifizierten Strom verlangen. Sollte dieser keinen solchen Strom anbieten, so kann jedermann naturemade star-Zertifikate von schweizweit anbietenden Unternehmen kaufen. Damit verpflichtet sich das Unternehmen, die vereinbarte Strommenge ins Netz einzuspeisen. Dafür bekommt er als Entschädigung für die Mehrkosten seiner ökologischen Stromproduktion den Zertifikatspreis.

Wer soll den teuren Ökostrom bezahlen?

Ökostrom ist in der Erzeugung und somit auch beim Verbrauch teurer. Dafür entstehen weniger Umweltschäden und weniger zusätzliche externe Kosten, die auf die Allgemeinheit abgewälzt werden. Die Mehrkosten können häufig durch Sparmassnahmen ohne Komforteinbussen wettgemacht werden.