Gletschervorfelder Raphael Weber
28.07.2021 Gewässer

Gletscher weg, Stausee her?

Weil unsere Gletscher wegschmelzen, entstehen in den Alpen umfangreiche Gletschervorfelder. Die Energiewirtschaft möchte diese vielerorts für den Bau neuer Stauseen nützen. Doch diese Lebensräume haben auch für die Biodiversität einen hohen Wert.

Es wird Zeit, sich von den Gletschern zu verabschieden. Der ewige weisse Firn auf unseren Postkartenalpen wird die vom Menschen befeuerte Klimaerwärmung nicht überleben. Zwischen 1850 und 2016 sind bereits 60 Prozent des Eisvolumens der Alpen weggeschmolzen. Und seither hat sich der Trend noch beschleunigt: Zählte man 1973 noch insgesamt über 2100 einzelne Gletscher in der Schweiz, sind es heute noch rund 1400.

Im besten Fall, so schätzen Glazio­loginnen und Glaziologen, finden sich Ende des Jahrhunderts vielleicht noch kleinste Gletscherrelikte im hochalpinen Raum. Diese berichten dann als stumme, gequälte Zeitzeugen davon, wie wir als Gesellschaft vielleicht doch noch die Notbremse ziehen konnten und die Klima­katastrophe nicht vollends aus dem Ruder gelaufen ist. Die Ablehnung des CO2-Gesetzes am 13. Juni hat diesbezüglich aber kein ermutigendes Zeichen gesetzt.

Neue Lebensräume entstehen

Mit den Gletschern und dem Permafrost verschwindet auch deren stabilisierende Wirkung auf die Berglandschaften. Die Gefahr von Bergstürzen nimmt im Alpenraum markant zu. Die freiwerdenden Flächen bieten, bei aller Tragik, aber auch Perspektiven. Aus Sicht des Naturschutzes entstehen in den sich ausdehnenden Gletschervorfeldern, je nach Lage, auch wertvolle Biodiversitätsflächen. Aus Sicht der Energiewirtschaft bilden die entstehenden Seen nutzbare Potenziale für die Wasserkraft.

Die Energiewirtschaft ist längst aus den Startlöchern und damit beschäftigt, ihre Forderungen abzustecken. Wo einst Gletscher das Landschaftsbild prägten, sollen zukünftig Stauseen eine Energielandschaft gestalten. Angetrieben wird diese Entwicklung durch die relativ einseitige Zuweisung von Fördermitteln zugunsten der Wasserkraft. Der effektive Nutzen dieses Zubaus ist umstritten, zumal die Potenziale im Effizienzbereich sowie von anderen, weniger invasiven Technologien, insbesondere der Solar­energie, massiv grösser sind und ebenso zur viel zitierten Versorgungssicherheit beitragen.

Grosses Biodiversitätspotenzial

Während die Nutzungsansprüche, bemessen am Energiepotenzial dieser Standorte, verhältnismässig gut dargestellt werden können, sind die notwendigen Unter­suchungen zur Bedeutung dieser Gebiete für die Biodiversität erst am Anfang. Pro Natura hat deshalb nun in einer Studie die Biodiversitätspotenziale dieser Lebens­räume einschätzen lassen. Die Resultate zeigen wenig überraschend, dass einige dieser Flächen von grossem Wert für die Biodiversität sein werden – insbesondere als neue Lebensräume, allenfalls auch als Rückzugsgebiete für Arten, die aufgrund des Klimawandels in höher gelegene Gebiete «abwandern» müssen. 

Gletschervorfelder Raphael Weber
Eines von 13 prioritären Objekten mit dem höchsten Biodiversitätspotenzial: das Vorfeld des Unteraargletschers, bei dem die Pläne zur Flutung schon weit fortgeschritten sind.

Noch sind aber viele Fragen offen. Erörtert werden sie unter anderem an einem «Runden Tisch zur Wasserkraft», den das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) im Vorjahr zum ersten Mal einberufen hat. Dort sollen die Ansprüche von Schutz und Nutzung auf Augenhöhe diskutiert werden. Unter Einbezug der verschiedenen Akteure soll die Entwicklung der Wasserkraft mitgestaltet werden. Pro Natura setzt sich in diesem Rahmen dafür ein, dass jene Gebiete, die von besonderem Wert für die Biodiversität sind, möglichst für diese erhalten bleiben. 

Gletschervorfelder
Studie «alpine Auen: Entwicklung 2000 - 2100»
Knapp 500 Gletschervorfelder sind im Auftrag von Pro Natura einer ersten Analyse unterzogen worden.

Viele wertvolle Objekte

Knapp 500 Gletschervorfelder sind im Auftrag von Pro Natura einer ersten Analyse unterzogen worden. Das geowissenschaftliche Büro geo7 hat dabei einerseits die Dynamikbereiche der Standorte und deren Entwicklung betrachtet, andererseits flossen auch die bestehenden Nutzungen in die Analyse mit ein.

Die Resultate zeigen, dass vielen Objekten aus Sicht des Biodiversitätsschutzes hohe Priorität zukommt. Sei es als neue alpine Schwemmebene, sei es als Gletschervorfeld. Viele dieser Objekte befinden sich ausserhalb bestehender Schutzgebiete. Darunter sind auch einzelne, deren Nutzung bereits diskutiert oder geplant ist. 

Aus Sicht von Pro Natura ist der Bund in der Pflicht, den ökologischen Wert dieser Gebiete für die Biodiversität genauer zu prüfen, bevor weiter über deren Nutzungsmöglichkeiten diskutiert wird. In jenen Fällen, in denen die Kriterien für die Aufnahme in ein nationales Schutzinventar gegeben sind, sollen die Inventare entsprechend erweitert und die Flächen dem Biodiversitätsschutz statt der Nutzung zugeschlagen werden.

Michael Casanova betreut bei Pro Natura die Dossiers Energiepolitik und Gewässerschutz.

Weiterführende Informationen

Info

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

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