Neue Nationalpärke

Hohe Anforderungen für die Königsklasse

Der Weg zu einem Nationalpark ist steinig. Vor allem die Schaffung der Kernzone, wo menschliche Nutzungen kaum toleriert werden, stellt für die Projekte eine Herausforderung dar. Die Kernzone bietet unberührte Lebensräume für die einheimische Tier- und Pflanzenwelt und Raum für die dynamische Entwicklung der Landschaft. Zu diesem Zweck besteht in der Kernzone ein Wegegebot, und die meisten Nutzungsformen durch den Menschen sind untersagt oder stark eingeschränkt.

 

Auf basisdemokratische Weise eine solche Kernzone zu schaffen, ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Vorurteile und Misstrauen von Seiten der Bevölkerung müssen ernst genommen und Kompromisse gesucht werden. Auch wenn eine Kernzone zur freien Naturentwicklung ohne menschliche Nutzungen nicht von jetzt auf sofort geschaffen werden kann, so darf dieses Ziel auf keinen Fall aus den Augen verloren werden. In kleinen aber zielgerichteten Schritten muss darauf hingearbeitet werden. Die Errichtung eines Nationalparks ist ein langer Prozess.

Zwei Kandidaten für die Königsklasse

Locarnese: Spannendes Projekt revidiert

Mit geändertem Perimeter nimmt der «Parco Nazionale del Locarnese» einen neuen Anlauf - mit einer kompakten Landschaftsvielfalt und der Herausforderung, eine neue Kernzone zu definieren.


Rund dreissig Kilometer Luftlinie trennen das Ufer des Lago Maggiore - mit 193 Metern über Meereshöhe der tiefste Ort der Schweiz - vom 2863 Meter hohen Pizzo Biela oberhalb von Bosco Gurin. Dazwischen liegt der künftige «Parco Nazionale del Locarnese» - und eine grosse Vielfalt an Höhenstufen und Lebensräumen. Der südliche Teil des Parkgebiets ist geprägt von einer Fülle an Waldtypen mit Lärchen, Weisstannen, Kastanien, Buchen und zahlreichen anderen Baumarten. Im nördlicheren Teil finden sich Lebensräume mit alpinem und subalpinem, teilweise kargem und felsigem Charakter.

 

Rückschlag durch Cevio-Ausstieg

Mit dem Ausstieg der Gemeinde Cevio im Jahre 2009 hat das Nationalparkprojekt Locarnese einen herben Rückschlag erlitten. Ein fertiges Projektdossier mit einem klar definierten Parkperimeter war bereits beim Bund eingereicht gewesen, ein grosser Teil der potentiellen Kernzone fiel mit dem Ausstieg der Grossgemeinde damals weg. Wie weiter? Aufgeben? Nein, die verbleibenden Parkgemeinden haben an einer denkwürdigen Sitzung beschlossen, dass sie das Recht haben am Nationalprojekt weiterzuarbeiten - genauso wie Cevio sich das Recht genommen hatte, auszusteigen.

In zahlreichen Besprechungen mit Bund, Kanton und interessierten neuen Parkgemeinden wurde der Perimeter überarbeitet, nach Süden erweitert und im Januar 2011 erneut beim Bund eingereicht. Seit Sommer 2011 darf der Parco Nazionale del Locarnese das Label «Nationalpark-Kandidat» tragen.

Seit seinen Anfängen im Jahre 2000 arbeitet Pro Natura mit dem Parco Nazionale del Locarnese zusammen, hat in den vergangenen Jahren Projekte unterstützt, in der fachlichen Begleitgruppe mitgearbeitet und finanzielle Beiträge geleistet. Pro Natura wird den Nationalpark-Kandidat auch künftig begleiten.

 

Weitere Informationen: Parco Nazionale del Locarnese

Adula – von der Stimmbevölkerung abgelehnt

Am 27. November 2016 wurde der Nationalpark Adula von acht der siebzehn betroffenen Gemeinden abgelehnt. Mit diesem Resultat ist die Realisierung eines Nationalparks Adula nicht mehr möglich.

 

Pro Natura bedauert das Nein-Votum und sieht darin eine vergebene Chance. Neun Gemeinden und fast 50% der Stimmbevölkerung haben dem Nationalpark-Projekt zugestimmt. Pro Natura wertet dies als eine breite Unterstützung für die Idee einer naturverträglichen und nachhaltigen Entwicklung.

 

Nach 16 Jahren umsichtiger und hartnäckiger Arbeit wird der «Parc Adula» nun nicht realisiert werden können. Geplant war ein 1250 km2 grosser Nationalpark in 17 Gemeinden mit einer Kernzone von total 142 km2. Das erhabene Rheinwaldhorn und die Greinahochebene wären das Herzstück des Parc Adula gewesen. 

 

Weitere Informationen: Parc Adula

Wo Natur drauf steht, muss auch Natur drin sein

Lokomotive, Anwältin, Beraterin - Pro Natura hat viele Rollen in den Pärken

Zu Beginn war Pro Natura die treibende Kraft hinter der Bewegung für neue Pärke. Sie hat in der Öffentlichkeit die Breitenwirkung erzielt, welche die neuen gesetzlichen Grundlagen möglich machte, und viele Regionen angestossen, Parkprojekte zu entwickeln. Je konsequenter Behörden und Projektorganisationen ihre Rolle spielten, umso mehr trat die Initiantin in den Hintergrund. Wie auch auf Gesetzesebene ist Pro Natura längst nicht mit allen Vorschlägen zur Gestaltung der einzelnen Parkprojekte durchgedrungen. Von der Lokomotive der Bewegung wurde sie wieder verstärkt die Anwältin für die Natur in den Pärken.

 

National blieb Pro Natura Ideengeberin. Sie hat z.B. wesentlich zur Schaffung des heute erfolgreichen Netzwerks der Pärke beigetragen. Ebenso ermunterte sie den Bund, eine Strategie für Grossschutzgebiete festzulegen - bisher allerdings vergeblich. Der Bund hat den Ansatz von unten nach oben (bottom-up) zum alleinigen Prinzip der Parkplanung erhoben. So wichtig dieser Ansatz ist, allein genügt er nicht. Pärke von nationaler Bedeutung sind auch eine nationale Angelegenheit. Die Gestaltung einer schweizerischen Parklandschaft, die das grosse Potenzial an Biodiversität und Landschaft des Landes ausschöpft, bedarf dringend der strategischen Förderung durch den Bund.

 

Zwölf Jahre nach der Lancierung der Kampagne «Gründen wir einen neuen Nationalpark!» sind Pärke ein sicherer Wert in der öffentlichen Meinung. Die gesetzlichen Grundlagen liegen vor. Viele Pärke sind geschaffen oder auf dem Weg dazu. Hat die Natur mit den neuen Pärken gewonnen? Ja und nein. Ja in der öffentlichen Meinung: Pärke sind ein wichtiges Argument für die Tourismuswerbung geworden. Der Naturschutz ist um eine visionäre Komponente reicher. Und nein im heute noch bestehenden Ungleichgewicht zwischen Naturschutz und wirtschaftlicher Entwicklung. Die Hoffnung ist berechtigt, dass sich das ändern wird. Die Gäste suchen in den Pärken die Natur, viele Bewohner der Parkgebiete wollen in erster Linie wirtschaftliche Entwicklung. Die Erkenntnis wird sich durchsetzen, dass das eine ohne das andere nicht zu haben ist.