Wasserkraft zum ökologischen Nulltarif?

Die Wasserkraft ist eine weitgehend emissionsfreie Energiequelle. Die Nutzung der Wasserkraft hat jedoch negative Folgen für die Natur. Sie ist einer der wesentlichen Gründe für die ökologischen Defizite unserer Fliessgewässer. In der Schweiz ist die Wasserkraft die wichtigste Stütze für eine erneuerbare Energiezukunft.

 

Heute stammen etwa 57% des erzeugten Stroms in der Schweiz aus der Wasserkraft. Das bedeutet aber auch, dass kaum ungenutzte Fliessgewässer übriggeblieben sind und sich die Wasserkraftnutzung an ihrem ökologischen Limit bewegt. Ein weiterer Ausbau durch Anlagen an bisher ungenutzten Standorten, wäre nur unter Inkaufnahme von sehr hohen ökologischen Kosten möglich.


Was ist Restwasser?

Wasserkraftwerke entnehmen den Flüssen und Bächen für die Strom-Produktion grosse Mengen an Wasser. Nach der Nutzung fliesst dieses Wasser an einem anderen Ort in dasselbe oder in ein anderes Gewässer zurück. Als Restwasser wird jener Bruchteil des Wassers bezeichnet, welcher zwischen Entnahme- und Rückgabestelle im Gewässerbett verbleibt.

 

Der Volkswille wird missachtet

1992 hat sich das Volk in der Abstimmung zum Gewässerschutzgesetz dafür entschieden, dass in den Flüssen und Bächen der Schweiz ein minimales Restwasser fliessen soll. Nur so können die Gewässer ihre vielfältigen Funktionen als Lebensraum, Landschaftselement und Grundwasserzufluss wahrnehmen. Trotzdem wird weiterhin ein Grossteil der über 1400 Wasserfassungen in der Schweiz mit zu wenig oder sogar ohne Restwasser betrieben. Viele Kraftwerksbesitzer wehren sich aus finanziellen Gründen gegen die vom Volk bestätigten minimalen Restwassermengen. Die Auswirkungen für die Gewässerfauna und -flora sind verheerend, denn der im Gesetz festgeschriebene Kompromiss zwischen Ökonomie und Ökologie bedeutet für die Tiere und Pflanzen ein absolutes Minimum.

 

Das Unterschreiten dieser Restwassermengen führt zu einer Zerstörung von Lebensräumen und verhindert die natürliche Fortpflanzung von Lebewesen:

 

  Auen gedeihen nur dort, wo genügend Wasser die Wurzeln der Pflanzen tränkt. Diese seltenen und wertvollen Lebensräume – auch Regenwälder Europas genannt – benötigen den Kontakt zu fliessendem Wasser.
  Zu geringe Restwassermengen führen zu einer Verschlammung der Sohle und zum Aufkommen von Algen. Dies beeinträchtigt den Lebensraum von zahllosen Kleinlebewesen, welche wiederum Nahrungsgrundlage für weitere Tiere im und am Wasser sind.
  Angemessene Restwassermengen stellen sicher, dass die Vernetzung der Fliessgewässer gewährleistet ist. Die Wassertiefe ist ausreichend und die Wassertemperaturen bleiben ausgeglichener. Genügend Restwasser ist essentiell für das Wandern und Überleben von Wassertieren - insbesondere von Fischen.
  Gedeiht das Leben im Wasser, blühen auch die Uferzonen auf. Pflanzen und Tiere finden vermehrt Lebensräume. Das Wasser ist auch die Kinderstube von zahlreichen landlebenden Insekten und Amphibien.

 

Pro Natura packt an

Pro Natura setzt sich mit allen Mitteln dafür ein, dass die minimal angesetzten gesetzlichen Restwassermengen nicht noch weiter verringert werden. Zusätzlich müssen die bestehenden Bestimmungen zu den Sanierungen der Restwasserstrecken endlich vollzogen werden. Nur so kann die Artenvielfalt im und am Wasser erhalten bleiben.

Schwall und Sunk: Worum geht es dabei?

Warum gibt es Schwall und Sunk? Mit Strom lässt sich ein lukrativer Handel betreiben. Da sich die Nachfrage danach stündlich verändert, führt dies auf Strombörsen zu schwankenden Preisen. Für Wasserkraftwerke ist es deshalb besonders attraktiv, bei Zeiten mit geringer Stromnachfrage Wasser in Stauseen zurückzuhalten oder hochzupumpen und nur bei Spitzennachfrage Strom zu produzieren. Dadurch kommt es unterhalb von Kraftwerken mehrmals täglich zu raschen Schwankungen der Abflussmengen und der Pegelstände. Der sogenannte Schwallabfluss übersteigt dabei die Niederwasserführung (Sunk) meist um ein vielfaches. In der Schweiz können Verhältnisse von bis zu 1:50 zwischen Schwall- und Sunkphase gemessen werden und der Sunkabfluss liegt oft weit unter dem natürlichen Niedrigwasserabfluss. Das neue Gewässerschutzgesetz, welches am 1. Januar 2011 in Kraft getreten ist, sieht nun endlich vor, dass die Problematik von Schwall und Sunk gelöst werden muss, um die Fliessgewässer zu entlasten.

 

Katastrophale Folgen für die Lebewesen

Der Schwallbetrieb hat verheerende Folgen für das Leben im und am Wasser. Im Gegensatz zu natürlichen, saisonalen Hochwassern treten Schwallabflüsse gehäuft, unregelmässig und in sehr kurzen Zeitintervallen auf. Besonders der Rückgang des Abflusses erfolgt in einem Tempo, bei dem die Lebewesen nicht mehr mithalten können. Viele Tiere, auch Fische, verenden auf den trocken fallenden Kiesflächen. Es sind weltweit keine Tiere bekannt, die sich an diese lebensfeindlichen Bedingungen angepasst hätten. Schwallbetrieb beeinflusst ein Fliessgewässer auf unterschiedliche Weise. So werden Abflussmengen, Strömungsgeschwindigkeiten, Wasserpegel, Temperatur, Trübung und Geschiebetransport empfindlich gestört. Bei Schwall werden Wasserlebewesen und Fischlaich verdriftet, bei Sunk können sie stranden. Dies führt zu einer biologischen Verarmung der Gewässer. Auch in Schwallstrecken inmitten natürlicher Flusslandschaften schwindet die Biodiversität im und am Wasser. Oftmals tritt zudem eine starke Verschlammung und somit Versiegelung der Flusssohle auf. Die Flusssohle wird für alle Organismen unwirtlicher und der lebensnotwendige Austausch von Flusswasser mit dem Grundwasser wird erschwert oder gar verunmöglicht.

 

Dringender Handlungsbedarf

Etwa jedes vierte mittlere bis grössere Fliessgewässer im Schweizer Alpen- und Voralpenraum ist von Schwall- und Sunk betroffen. Diese Problematik war bis anhin nicht gesetzlich geregelt. Im Zusammenhang mit der Volksinitiative «Lebendiges Wasser», an welcher Pro Natura massgeblich beteiligt war, hat das Parlament einen Gegenvorschlag ausgearbeitet. Die Initiative konnte zu Gunsten des Gegenvorschlages zurückgezogen werden. Seit 1. Januar 2011 regelt das Gewässerschutzgesetz neu auch die Schwall Sunk Problematik. Mögliche Massnahmen zur Linderung der schädlichen Einwirkungen sind bekannt.  Viele dieser Massnahmen schränken die Nutzung der Gewässer nur geringfügig oder gar nicht ein. Trotzdem wollen sich die Kraftwerksbesitzer beim lukrativen Geschäft mit dem Spitzenstrom ungern reinreden lassen und wehrten sich lange gegen jegliche Regelung. Dies auf Kosten der Tiere und Pflanzen der Fliessgewässer. Pro Natura setzt sich als Anwältin der Natur dafür ein, dass Umsetzung der neuen gesetzlichen Bestimmungen möglichst rasch und ohne Abstriche angegangen wird.


Erneuerbare Energie ist nicht automatisch naturverträglich. Die Wasserkraftnutzung kann zum Beispiel mit raschen Pegelveränderungen (Schwall und Sunk) den Lebensraum Fliessgewässer erheblich beeinträchtigten. Fische werden an Land gespült, Laich wird weggeschwemmt.

 

Patrice Malavaux hat diese Auswirkungen am Doubs in eindrücklichen und erschreckenden Bildern festgehalten.