Geritzte Stämme © Hansruedi Wildermuth

Wie das «Käferholz» allen Käfern zugute kommt

28.07.2021

Pro Natura Zürich zeigt in einem Pionierprojekt auf, wie biodiversitätsfördernde Totholzstapel geschaffen werden, ohne dabei die Borkenkäfer zu begünstigen.

Die Borkenkäfer hatten in den letzten Jahren leichtes Spiel: Langanhaltende Hitze und Trockenheit führten vor allem in den Tieflagen des Mittellands zu einem starken Befall der Fichtenbestände. Die Bäume kämpfen mit den Folgen des Klimawandels, auch weil die schnell wachsenden Fichten grossflächig in standortfremdem Gelände angepflanzt wurden. Die Fichte, oder auch Rottanne, ist ursprünglich in Höhenlagen über 1000 Metern heimisch. In tieferen Lagen tut sie sich deshalb schwer mit den Folgen der veränderten Klimabedingungen und ist deshalb besonders verletzlich. Deshalb wird sie sich mittelfristig aus dieser Zone verabschieden. 

Entrindung schadet Biodiversität

Im Jahr 2019 kam es deshalb zur Nutzung von 1,4 Millionen Kubikmetern Fichtenholz, die höchste Menge seit 2004. Davon wurden 250 000 Kubikmeter im Wald als sogenanntes Käferholz zurückgelassen, aus ökonomischen, logistischen oder ökologischen Gründen. Doch damit sich die Borkenkäfer in diesem Totholz nicht vermehren können, wird es meistens entrindet. So wird dem Buchdrucker – dem prominentesten Borkenkäfer – seine Lebens­grundlage ent­zogen. Mit dieser Massnahme büsst das vermeintliche Käferholz jedoch gerade für die Käfer deutlich an Wert ein – aber auch insgesamt für die Biodiversität, sind doch viele Moos-, Flechten-, Pilz- und Insektenarten auf die Baumrinden ange­wiesen. 

Eingeritzte Stämme © Hansruedi Wildermuth © Hansruedi Wildermuth
Werden tote Fichten nur eingeritzt, hält dies den Buchdrucker ebenso fern, während viele andere Moos-, Pilz-, Flechten- und Insektenarten dennoch ihre Lebensgrundlage behalten.

Mit einer relativ einfachen Technik lässt sich dieser Verlust jedoch minimieren und zugleich den Buchdrucker in Schach halten: Statt ganz entfernt, wird die Rinde nur eingeritzt – in senkrechten Streifen von etwa einem Zentimeter Breite alle zwei bis fünf Zentimeter. Wie eine Studie der Uni Würzburg belegen konnte, werden die geritzten Stämme vom Buchdrucker kaum je angeflogen, weil sie offenbar nicht in dessen Suchschema passen.

Ritzen statt schälen

Eine weitere Untersuchung im Bayrischen Nationalpark zeigt, dass diese Methode sogar in bereits befallenen stehenden Fichten äusserst effektiv ist. Nach dem Ritzen der Rinde ging die Zahl der Buchdrucker um fast 90 Prozent zurück. Damit erweist sich das Rindenstreifen als ähnlich effektiv wie das Komplettschälen – mit dem grossen Vorteil, dass die restliche Artenvielfalt in den Fichten fast vollständig erhalten werden kann. Darüber hi­naus ist ein maschinelles Schlitzen mit dem Streifmesser schneller und günstiger als die Verwendung eines Schälgeräts. 

Diese Erkenntnisse hat Pro Natura Zürich nun für den Bau einer Grossstruktur genutzt. Von Buchdruckern befallene Fichten wurden auf etwa zwei Metern Höhe gefällt und Rundholzstücke von einem Meter Länge gefertigt. Sowohl das stehende Totholz wie die Rundhölzer versah man vollständig mit Längsstreifen. Mit den Rundhölzern und dem übrigen Astmaterial wurde zwischen den Baumstümpfen eine Holzbeige erstellt – mit integrierter Aufzucht- und Schlafkammer für Kleinraubtiere. Pro Natura hofft, dass das Beispiel Nachahmer findet und künftig mehr solcher wertvollen Strukturen aus Käferholz entstehen.

Auch im Wald wird gespritzt
Starken Schaden für die Biodiversität richten auch Pestizide an. Deren Einsatz ist im Wald grundsätzlich verboten. Allerdings erteilen die Kantone zahlreiche Ausnahmebewilligungen, etwa für den Schutz von gelagertem Holz vor Borkenkäfern oder Pilzen. Gemäss Hochrechnungen der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz wurden 2018 in Schweizer Wäldern rund 700 Kilogramm Pestizide eingesetzt. Fast in allen Kantonen bewilligten die Forstämter den Einsatz von Pestiziden. Nur im Kanton Glarus und neu auch im Kanton Zug sind Insektizide im Wald strikt verboten. Dort wird das Holz simpel und einfach ausserhalb des Waldes gelagert oder versuchsweise mit fein­maschigen Netzen vor den Käfern geschützt.

Nicolas Gattlen, Redaktor Pro Natura Magazin

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

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