Goldschakal Uros Poteko | iStock
25.05.2026 Wolf, Luchs, Bär

Die Schakale kommen

Was assoziieren Sie mit dem Wort «Schakal»? Savanne, Aasfresser, den altägyptischen Totengott Anubis? Tatsache ist: Der Goldschakal gehört mittlerweile zur Schweizer Tierwelt. Im Schatten des Wolfes erweitert der wenig bekannte Wildhund sein Verbreitungsgebiet in Europa.

Die Systematik der Schakale ist komplex. «Schakal» ist ein Oberbegriff für eine Gruppe wolfsähnlicher, mittelgrosser Wildhunde. Der Goldschakal (Canis aureus) ist die am weitesten verbreitete Art, er kommt ursprünglich in Thailand, Südasien, im Nahen ­Osten bis zum Balkan vor. Neben ihm gibt es in Afrika den ­Schabracken- sowie den Streifenschakal. Auch der Afrikanische Goldwolf und der nordamerikanische Kojote werden gelegentlich als Schakale bezeichnet.

Die natürliche Ausbreitung des Goldschakals in Südosteuropa setzte vor Jahrzehnten ein. In den 1990er-Jahren etablierte er sich am Neusiedler See in Österreich sowie in Slowenien. Bisher galt der Goldschakal als subtropische Art, die Gebiete mit hohen Schneelagen meidet. Als Gründe für die Ausbreitung vermuten Fachleute die Klimaerwärmung und die grossräumige Ausrottung des Wolfes – wirklich geklärt ist die Ursache jedoch nicht. Denn unterdessen werden Goldschakale auch in kalten Regionen und in längst von Wölfen wiederbesiedelten Gebieten nachgewiesen.

Überraschung in der Fotofalle

Der erste Goldschakal der Schweiz wurde 2011 im Kanton Bern im Rahmen eines Luchsmonitorings mit Fotofallen nachgewiesen. Man stelle sich die Überraschung der Wildbiologen vor, als diese die Fotos sichteten! Mittlerweile gibt es rund 35 Beobachtungen aus der ganzen Schweiz. Seit 2021 vermehren sich Schakale im Schwarzwald und bei Konstanz. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es auch in der Schweiz so weit ist. Übrigens: Der Goldschakal ist kein Neozoon, da er sein Verbreitungsareal ohne direktes menschliches Zutun erweitert – wie etwa auch die Türkentaube, der ­Bienenfresser, die Gottesanbeterin oder die Wespenspinne.

Wolf Claude Balcaen | Biosphoto
Goldschakal Uros Poteko | iStock
Schakale unterscheiden sich vom Wolf durch eine geringere Grösse, eine flachere Stirn und einen kürzeren Kopf.

Schakale unterscheiden sich vom Wolf durch eine geringere Grösse, die flache Stirn und den kurzen Kopf, vom Rotfuchs durch höhere Läufe, den kürzeren Schwanz mit dunkler Spitze und die kleineren Ohren. Farblich changiert der Goldschakal zwischen russschwarz und silbergrau oberseits und rötlich-gelb an Flanken und Läufen, oft mit weissen Abzeichen im Bereich von Kehle und Brust.

Goldschakale sind Fleischfresser, sie nehmen aber auch Aas, ­Fallobst oder Mais zu sich. Und so gibt es in manchen Kreisen ­Bedenken: Ist der Schakal ein Konkurrent des Rotfuchses? Gefährdet er den Rehbestand? Wie wirkt sich seine Anwesenheit auf die Nutztierhaltung aus?

Wolf, Goldschakal, Fuchs: Wildhunde auf engem Raum

Aufnahmen von Wildtierkameras aus Süddeutschland zeigen ­jedenfalls Erstaunliches: einen Einzelwolf, der gemeinsam mit ­einem Schakal unterwegs ist, oder einen Schakal und einen Fuchs, die sich auf Hundeart freundlich begrüssen. Wölfe können Goldschakalen auch gefährlich werden, wie Fälle mutmasslich von Wölfen getöteter Schakale in Graubünden zeigen. Und doch: Die Zunahme des Schakals in osteuropäischen Ländern war trotz Wolfspräsenz möglich und führte dort auch nicht zum Rückgang des Fuchses – die drei Arten nutzen demnach unterschiedliche ökologische Nischen. Zum Verhältnis der drei wild lebenden ­Kaniden gibt es offenbar noch viel Forschungsbedarf.

Maus Matthias Sorg
In Mitteleuropa erbeuten Schakale Wühlmäuse, gelegentlich Hasen, Rehkitze und andere Kleintiere.

In Mitteleuropa erbeuten Schakale Wühlmäuse, gelegentlich ­Hasen, Rehkitze und andere Kleintiere. Durch ihr opportunistisches Fressverhalten ist der Druck auf einzelne Beutearten gering. Grössere Tiere nutzen sie fast ausschliesslich als Aas. In Süd­europa wurde dokumentiert, wie Goldschakal-Rudel auch erwachsene Rehe, in einem Fall gar einen kranken Esel erlegten – doch dies sind Ausnahmefälle. In Ländern mit langjährigen Vor­kommen, beispielsweise Griechenland oder Serbien, konnten keine nach­teiligen Einflüsse auf die Schalenwildbestände festgestellt werden. Das Konfliktpotenzial des Schakals ähnelt dort mehr jenem des Fuchses als des Wolfs.

Instrumente zum Umgang sind vorhanden

Wie der Wolf ist der Goldschakal in der Schweiz eine geschützte Art – schadenstiftende Individuen können von den Kantonen ­jedoch zum Abschuss freigegeben werden. Bei grösserem ­Schaden könnte der Schakalbestand mit Bewilligung des Bundes gar reguliert werden. Schutzmassnahmen gegen Wölfe wie Elektrozäune oder Herdenschutzhunde halten auch den Goldschakal zuver­lässig ab. Bei Zäunen muss allenfalls die unterste, Strom führende Litze tiefer gespannt werden (max. 15 cm ab Boden). Die wichtigsten präventiven und reaktiven Instrumente im Umgang mit dem Goldschakal sind also bekannt und etabliert.

Fuchs Elenarts108 | iStock
Goldschakal Uros Poteko | iStock
Schakale unterscheiden sich vom Rotfuchs durch höhere Läufe, einen kürzeren Schwanz mit dunkler Spitze und kleinere Ohren.

Im Umgang mit der neuen Tierart lassen sich Lehren aus der Wolfsrückkehr ziehen: Polarisierung sollte vermieden werden, ­Befürchtungen von Landwirtinnen und Landwirten müssen ernst genommen werden, das Monitoring muss gewährleistet sein und es gilt, pragmatische Lösungen zu finden. Und als Gesellschaft sollten wir von der überholten Vorstellung eines natürlichen Gleichgewichts wegkommen und der natürlichen Dynamik mehr Raum zugestehen. Dann kann die Anwesenheit des vermeintlich exotischen, aber auf natürliche Art hier etablierten «Neubürgers» auch zur neuen Selbstverständlichkeit werden. 

Sara Wehrli, Projektleiterin Jagdpolitik und Grosse Beutegreifer bei Pro Natura

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Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.
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