Ackerlandflora Matthias Sorg
15.08.2022 Aktiv werden

Eine kleine Revolution für mehr Biodiversität

Im aargauischen Möriken-Wildegg hat die Ortsbürgergemeinde die Pachtvergabe ihres Landes radikal geändert und fördert damit die Biodiversität. Pro Natura bietet Hand, damit ähnliche Aufwertungen auch andernorts realisiert werden können.

Manchmal bietet ein ganz gewöhnliches Ereignis Anlass für eine kleine Revolution. Vor vier Jahren liess sich in Möriken-Wildegg (AG) ein Landwirt pensionieren. Weil aus der Familie niemand den Betrieb weiterführen wollte, wurden drei Pachtparzellen frei, alle im Besitz der Ortsbürgergemeinde. Diese wollte ihr Land nun aber nicht mehr ohne Auflagen abgeben. Mit der Neuvergabe sollte eine zukunftsfähige, ökologisch und sozial nachhaltige Landwirtschaft gefördert werden. Bloss: Traditionellerweise wird die Vergabe von gemeindeeigenem Pachtland in Möriken-Wildegg – wie in sehr vielen Schweizer Gemeinden – mit einem Griff in den «Los-sack» entschieden. Die Chance, dass der geeignetste Kandidat das Los bekommt, war also ziemlich gering. 

So entstand die Idee, die drei Parzellen für die nächste Pachtperiode von sechs Jahren über einen Wettbewerb zu vergeben. «Alle Bewerber sollten mit einheitlichen Zuschlagskriterien verglichen und bewertet werden», erklärt Gemeinderat Beat Fehlmann (SVP), Initiant des Projekts. «Ich komme vom Bau, und bei der Bauvergabe müssen sich Baufirmen bewerben. Warum sollte das bei einer Pachtvergabe anders sein?» 

50 Hektaren Gestaltungsmasse 

Das neue Verfahren habe für Aufruhr unter den Landwirten gesorgt, sagt Beat Fehlmann, der selbst in einer Bauernfamilie in Möriken-Wildegg aufgewachsen ist und die bäuerlichen Befindlichkeiten sehr gut kennt. «Aber die Bevölkerung stand immer hinter uns.» 

Derart bestärkt, beschloss der Rat, das Verfahren auf alle Landwirtschaftsparzellen der Ortsbürger und der Einwohnergemeinde auszuweiten. Der Kanton Aargau unterstützte das Vorhaben und stellte seine Parzellen am Rand der Bünzaue ebenfalls unter das neue Pachtregime. Insgesamt kamen so 50 Hektaren Landwirtschaftsland zusammen. Damit eröffnete sich eine grosse Chance für die Natur: Mit dem Einbezug aller Pachtflächen kann die Gemeinde Möriken-Wildegg nicht nur die nachhaltige Landwirtschaft auf ihrem Gebiet stärken, auch grossräumige Vernetzungen wie sie im kommunalen Raumkonzept vorgesehen sind, lassen sich einfacher realisieren. 

Auf den Sommer 2020 wurden alle Pachtverträge gekündigt und ein Wettbewerb ausgeschrieben. Um einen fairen, transparenten Prozess sicherzustellen, engagierte die Gemeinde ein externes Beratungsbüro. «Ohne Beratung durch Profis wären wir viel angreifbarer gewesen », sagt Beat Fehlmann. «Agrofutura hat uns in pachtrechtlichen Belangen, aber auch bei der Erarbeitung des Kriterienkatalogs unterstützt.» Neu sollten die Bewerber auch ihre Strategie zur Förderung der Biodiversität und zur nachhaltigen Bewirtschaftung vorweisen.

Biodiversität verpachten Möriken-Wildegg Christian Flierl
Beat Fehlmann, Initiant des Projekts, mit seiner Nachfolgerin Brigitte Becker

Der Katalog enthält mehrere Zulassungs- und Eignungskriterien. Am Wettbewerb zugelassen war etwa nur, wer bereit war, am kantonalen Programm Labiola teilzunehmen. «Ein wichtiges Ziel dieses Programms ist es, ökologisch wertvolle Lebensräume aus Naturschutzsicht optimal zu bewirtschaften und grossräumig zu vernetzen», so Daniel Schaffner von Agrofutura. 

Vernetzen und verbinden 

Solche Vernetzungen sehe auch das Räumliche Gesamtkonzept der Gemeinde Möriken-Wildegg vor: Demnach soll für die Amphibien in der Ebene zwischen den Bünzauen und dem Chestenberg – einem Waldgebiet mit zahlreichen Bächen und Feuchtstellen – eine Querverbindung mit Tümpeln, Hecken, Ast- und Steinhaufen geschaffen werden. Vorgesehen ist zudem, dass im Ackerbaugebiet typische Offenlandarten wie Feldhase und Feldlerche gefördert werden, etwa mit kräuterreichen Säumen und der «weiten Saat»: Diese führt zu breiteren Getreidereihen, in deren Lücken Junghasen Schutz finden und Feldlerchen nisten können. Beide Arten kamen früher im Gemeindegebiet recht häufig vor, sind heute aber kaum mehr anzutreffen.

Sieben Filets und Kleinpäckli 

Damit diese Ziele erreicht werden können, hat Agrofutura ökologische Aufwertungen für einzelne Pachtflächen vorgeschlagen. Über entsprechende Bewirtschaftungsauflagen sollte sichergestellt werden, dass die Massnahmen – beispielsweise der Bau eines Flachtümpels oder die Pflanzung von Niederhecken – auch umgesetzt werden. «Wer sich für das Land bewarb, wusste, was auf ihn zukommt», sagt Gemeinderat Beat Fehlmann. «Wir wollten aber nicht alles bis ins letzte Detail vorgeben», ergänzt er. Die Landwirte sollten in ihren Bewerbungsdossiers selbst aufzeigen, welche Innovationen und Strategien sie verfolgen.» 

Schliesslich bewarben sich sieben der acht im Dorf ansässigen Landwirte für das Pachtland. Dieses wurde in sieben «Filetpäckli» mit begehrtem Ackerland und sieben kleinere Päckli mit Klein- und Kleinstflächen aufgeteilt. Die Landwirte durften dann in der Reihenfolge der Rangliste je ein Filet- und Kleinpäckli aussuchen. «Es gab natürlich auch Verlierer», sagt Beat Fehlmann, «aber niemand hat die Legitimität des Verfahrens grundsätzlich infrage gestellt.» 

Auf einer Tour über die Möriker Ebene zeigt sich, was in den letzten zwei Jahren bereits realisiert wurde: Auf mehreren Parzellen stehen die Getreidereihen ungewöhnlich weit auseinander; mitten im Landwirtschaftsgebiet finden sich Tümpel, Kopfweiden, Niederhecken, Ast- und Steinhaufen. «Wir sind auf einem guten Weg», erklärt Gemeinderätin Brigitte Becker (FDP), die das Dossier Landschaft vor einem Jahr von Beat Fehlmann übernommen hat. Das Projekt stosse auch bei anderen Gemeinden auf Interesse, erzählt sie. «Die Gesellschaft wünscht sich schöne und artenreiche Landschaften. Als Verpächter von Landwirtschaftsland verfügen die Gemeinden über grosse Hebel.» 

Nicolas Gattlen, Redaktor Pro Natura Magazin.