Wasserbüffel beim Limmatspitz Raphael Weber
28.10.2026

Hochlandrinder und Wasserbüffel: eine Chance für die Natur

Sie grasen in Naturschutzgebieten oder knabbern im Wald an Zweigen und Rinde: Ziegen, Rinder, Büffel, Schweine oder Schafe. Es gibt gute Gründe, diese Praxis gezielt auszubauen – nicht nur im diesjährigen «UNO-Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums».

Es sieht aus wie ein Bild aus einer anderen, lange zurückliegenden Zeit: Ruhig stehen die beiden zottigen Rinder mit ihren weit ausladenden Hörnern im Wasser des Flusses. Weiden säumen das Ufer. Kiesbänke zeugen vom letzten Hochwasser, Schwalben ­zischen über die Wasseroberfläche. Doch die im Hintergrund sichtbare Brücke verrät: Wir sind im Hier und Jetzt, nämlich im Pro Natura Schutzgebiet Limmatspitz im Kanton Aargau. Am Zusammenfluss von Aare und Limmat konnte Pro Natura vor über 20 Jahren Land erwerben und die Flusslandschaft wiederbeleben. Schottische Hochlandrinder übernehmen wichtige Pflegeaufgaben. Sie sorgen für ein Mosaik aus beweideten und blühenden Flächen, schaffen offene Bodenstellen und tun sich an schnell wachsenden Büschen gütlich.

Artenvielfalt durch Frass, Tritt und Verbiss

Landschaft ist keine feste Grösse. Sie verändert sich laufend. Seit 8000 Jahren ist es der Mensch, der in unseren Breitengraden zum bestimmenden Faktor für die Entwicklung von Landschaft und Natur wurde. Stets an der Seite des rodenden, pflügenden ­Menschen: sein Weidevieh, das die Landschaft prägte. Die ungedüngten, von vielen Kleinstrukturen geprägten Weiden und die ebenfalls beweideten, lichten Wälder beherbergten eine grosse Artenvielfalt. 

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erreichte diese Entwicklung ­ihren Höhepunkt – und stiess aufgrund der ausgedehnten Waldrodungen und der flächendeckenden Beweidung des Waldes an ökologische Grenzen. Strenge Forstgesetze geboten Einhalt. Sie schützten den Wald in seiner Fläche und Verteilung und verboten die Waldweide. Ironie der Geschichte: Es war der Aufstieg der fossilen Energieträger, der den grössten Nutzungsdruck vom Wald wegnahm. Die Modernisierung der Landwirtschaft, der Übergang zur winterlichen, teilweise ganzjährigen Stallhaltung und die Aufhebung der ausgedehnten Gemeinschaftsweiden (Allmenden) ­beendeten das Zeitalter der grossflächigen, teilweise ganzjährigen Weidehaltung in der Schweiz.

Weidetiere Florin Rutschmann / CreaNatira
Schottische Hochlandrinder im Pro Natura Schutzgebiet Limmatspitz in Gebenstorf (AG): Im Sommer teilen sie die idyllische Flusslandschaft oft mit Erholungssuchenden.

Weide ist nicht gleich Weide

Mit den sich erholenden Wäldern kehrten zuerst tierische Pflanzenfresser wie Reh, Gämse, Rothirsch und Steinbock zurück. Sie alle waren ganz oder nahezu ausgerottet gewesen. Ihnen folgten später ihre natürlichen Begleiter Luchs und Wolf. Die Kehrseite der Entwicklung: Die Weidelandschaften mit ihrem fliessenden Übergang von Offenland zu Wald, ihren vielen Nischen und dem grossen Artenreichtum schrumpften bis auf kleine Reste. 

Zwar gehören Viehweiden auch heute noch zum vertrauten Landschaftsbild der Schweiz. Diese sind aber in der Regel so ­intensiv bewirtschaftet und so arm an Strukturen, dass keine hohe Biodiversität entstehen kann. Im Naturschutz hatte die Beweidung deshalb lange ein eher schlechtes Image. Als optimale Pflegeform zur Erhaltung artenreicher Pflanzenbestände oder zur Offenhaltung von Feuchtgebieten galten die gezielte Mahd und die mechanische Gehölzpflege. Ausgeklügelte Pflegepläne standen höher im Kurs als die weniger steuerbare Beweidung. Inzwischen zeigt sich: Differenzierte Beweidung ist eine sehr wirkungsvolle und nachhaltige Massnahme zur Naturförderung und zur Pflege von Schutzgebieten. Gezielte Beweidung schafft ein vielfältigeres ­Mosaik an Strukturen und Lebensräumen als jede technische Pflege. Dabei gilt: Je unterschiedlicher und robuster die Weidetiere und je grösser die Weideflächen, desto höher das Potenzial für die Natur. Als Königsklasse gelten grossflächige «Wilde Weiden», wo ganzjährig ein sehr niedriger Bestand an Pflanzenfressern mit unterschiedlichem Fressverhalten lebt. 

Blumenwiese in Ftan GR
Wiesen und Weiden

Was sind Wiesen und Weiden, wie sind diese entstanden? Lernen Sie jetzt den Lebensraum Wiese und Weiden besser kennen. 

Ist das noch «echte Natur»?

Weideflächen in Naturschutzgebieten und im Wald, domestizierte Pflanzenfresser, Hochlandrinder und Wasserbüffel: Was hat das noch mit ursprünglicher Natur zu tun? Die Antwort lautet: Vielleicht viel mehr, als wir meinen. Die sogenannte Megaherbivorentheorie geht davon aus, dass die europäischen Landschaften einst keineswegs überall ein geschlossener Urwald waren. Vielmehr haben grosse Pflanzenfresser (Megaherbivoren) wie Auerochsen, Wisente, Elche, Hirsche und Wildpferde in weiten Gebieten für eine halboffene, parkartige Landschaft gesorgt.

Als diese grossen wilden Pflanzenfresser durch den Menschen und sein Vieh verdrängt wurden, entstand also keine komplett «neue» Landschaft anstelle eines Urwaldes. Das Weidevieh übernahm und intensivierte lediglich die ökologische Rolle der wilden Pflanzenfresser. Das ist auch der Grund, weshalb so viele einheimische Tier- und Pflanzenarten sich in Weidelandschaften ­wohlfühlen. 

Soweit die Theorie, die kontrovers diskutiert wird. Wie die Landschaft vor Tausenden von Jahren wirklich aussah, werden wir nie genau wissen. Vielleicht ist das auch nicht so wichtig. Was zählt: Durch den gezielten Einsatz unterschiedlicher Arten von Weidevieh kann die Biodiversität entscheidend gefördert werden. Das zeigen die Erfolgskontrollen im Feld. Pro Natura setzt deshalb in einer ganzen Reihe von Schutzgebieten längst (auch) auf Beweidung und hat daneben Pionierarbeit im Bereich neuer Waldweiden geleistet. Beweidung ist dabei weder Selbstzweck noch ­ersetzt sie überall die mechanische Pflege durch Mahd oder Holzschlag. Vielfalt heisst das Zauberwort, auch bei den Methoden der Naturförderung und der Schutzgebietspflege. Gezielte Beweidung hat in der Schweiz ein grosses Naturschutz-Potenzial, das erst teilweise ausgeschöpft wird. Ein willkommener Nebeneffekt der Weideprojekte sind vertrauensvolle Partnerschaften zwischen Behörden, Naturschutzorganisationen und Landwirtschaftsbetrieben.

RICO KESSLER, Redaktor Pro Natura Magazin

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Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

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