Bauernhof in Kefen Pawel Streit
15.08.2026 Landwirtschaft

Summender Bauernhof: Dann hörte man nur noch Bzzzzzzzz

Auf Brigitte Flühlers «summendem Bauernhof» wachsen Blühstreifen mitten in den Kefen, liegen Steinhaufen und Totholzinseln zwischen Gemüsefeldern und Hühnerstall, darf abgeernteter Federkohl auch mal stehen bleiben und der Rhabarber blühen.

An diesem letzten heissen Tag im Juni kurz nach einem Hagelsturm, der alle Blütenblätter mit sich gerissen hat, ähnelt Brigitte Flühlers Daheim zwar eher einem vor Hitze flirrenden denn ­einem von Wildbienen summenden Bauernhof. Trotzdem wird unser ­Besuch an diesem Nachmittag zu einer spannenden Wildbienenentdeckungstour zwischen Gemüse, Hühnern, Obstbäumen und süss-sauren Johannisbeernaschereien. Und Wildbienen summen an diesem Nachmittag natürlich trotzdem um Kornblume, Mohn, Karde und Ginster herum. Um der Wildbienen willen sind wir schliesslich nach Giswil (OW) gefahren.

Keine Angst, Wildbienen heissen nicht Wildbienen, weil sie besonders aggressiv wären. Sie heissen so, weil sie frei in der ­Natur leben – anders als Honigbienen, die Nutztiere sind. Wildbienen sind auch keine Vorfahren der Honigbienen und leben im Gegensatz zu diesen meist allein und nicht in Staaten. Weltweit existieren rund 30 000 verschiedene Wildbienenarten, mehr als 500 sind bei uns heimisch.

Bienchen summ herum …

Auf Wildbienensuche Pawel Streit
Brigitte Flühler (hinten) und Katherine Schmid auf Wildbienensuche in der Färber-Hundskamille.

Wildbienen sind nicht nur faszinierende Tiere, sie sind für uns Menschen als Bestäuberinnen unverzichtbar. Landwirtinnen und Landwirte wie Brigitte Flühler sind auf sie angewiesen, denn nur bestäubte Pflanzen werfen Ertrag ab. Die Krux: Eine zu intensive landwirtschaftliche Nutzung trägt, nebst dem zunehmenden Verschwinden von Grünräumen oder dem Bau von Infrastrukturen wie Strassen, mit dazu bei, dass die Lebensräume der Wildbienen immer weniger werden. So steht heute fast die Hälfte aller Arten in der Schweiz auf der Roten Liste der bedrohten Arten.

Der Biohof von Brigitte Flühler zeigt: Das müsste nicht so sein. Sie hat sich im Rahmen des Projektes «Summende Bauernhöfe» von Pro Natura Unterwalden und Uri beraten lassen. Katherine Schmid, Projektleiterin Biodiversitätsförderung im Kulturland bei Pro Natura Unterwalden: «Mit den ‹Summenden Bauernhöfen› möchten wir Landwirtinnen und Landwirte in Uri, Nid- und ­Obwalden dabei unterstützen, ihren Betrieb möglichst wildbienenfreundlich zu gestalten.» Landwirtschaftsbetriebe aus einem ­dieser drei ­Kantone können von einer kostenlosen Beratung vor Ort, ­einem Bericht mit Vorschlägen und anschliessender Begleitung bei der Umsetzung profitieren.

… flieg nur aus in Wald und Heide

Wildbiene unterwegs Pawel Streit

Für Wildbienen können wir mit wenig sehr viel erreichen», sagt Katherine Schmid. Blühstreifen, Nistplätze, Hecken, Totholz oder Sandhaufen sind nur ein paar Beispiele solch einfacher Mass­nahmen, die den Insekten Lebensraum und Nahrung verschaffen. Bei Brigitte Flühler können wir all das und noch viel mehr in natura sehen: «Ich mähe möglichst selten und lasse vieles einfach stehen», erklärt sie ihre Philosophie. «Zum Beispiel die Blüten des Federkohls, den wir im Winter fortlaufend ernten. Das sieht einfach wunderschön aus und die Bienen lieben es. Und wenn gleichzeitig die Apfelbäume blühen, dann hört man nur noch ‹Bzzzzzzzzz› …»

Blühender Streifen auf dem Bauernhof Pawel Streit
Offene Bodenstellen dienen als Nistplätze, ein vielseitiges Angebot an blühenden Pflanzen bietet Nahrung.

Klar, auch Honigbienen bestäuben Wild- und Nutzpflanzen. Nur sind sie dabei weniger effizient als ihre wilden Verwandten, zu denen übrigens auch Hummeln zählen. Wildbienen fliegen auch zu Tageszeiten, an denen Honigbienen nicht ausschwirren, und sie wählen andere Blüten. So bestäuben sie eine grosse Vielfalt an Pflanzen. Und: Sie fliegen schon bei tieferen Temperaturen und schlechterem Wetter – wie auch an diesem gewittrigen ­Junitag. Wenn sie denn genügend Lebensraum finden. Die Blühstreifen, Hecken, ungemähten Flächen, Sandhügel und Totholz­inseln mit Steinhaufen als Nistplätze auf dem Gemüsehof in ­Giswil bieten Wildbienen alles, was sie brauchen. Und Brigitte Flühler sorgt dafür, dass das auch so bleibt: «Der Sturm diese ­Woche hat nicht nur die Blüten weggefegt, sondern auch einige Äste von den Bäumen geschlagen», erzählt sie. «Die habe ich nun alle auf einen Haufen gelegt. Das ist nicht nur total gäbig, mir ­gefällt er auch sehr gut.» Und den Wildbienen erst!

BETTINA EPPER, Co-Chefredaktorin Pro Natura Magazin

Weiterführende Informationen

Info

Dieser Artikel wurde im Pro Natura Magazin publiziert.

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